Online-Modul: Jüdisches Leben in Deutschland nach 1945

Jüdische Displaced Persons nach 1945

Worum geht es

In diesem Kapitel kannst du dich mit der Situation jüdischer Überlebender und Flüchtlinge nach der Befreiung im April / Mai 1945 beschäftigen. Wie haben die jüdischen Überlebenden gelebt, wie sind sie mit den Erfahrungen und Traumata des Holocaust / der Shoah umgegangen und wie sah ihr Alltag in den DP-Camps aus?

Bibliografie

  • Solly Ganor: "Aufleben. 1945", 294 Seiten mit 8 Seiten Abbildungen. Solly Ganor wurde 1928 in Kaunas in Litauen geboren. Er ist 17 Jahre alt, als er von us-amerikanischen Soldaten während des Todesmarsches des KZ Dachau befreit wird. In diesem Buch erzählt Solly Ganor von seinem Leben in den ersten Jahren nach der Befreiung. http://www.kirchheimverlag.de/belletristik/ganor-aufleben-1945.htm - Link öffnet in neuem Fenster
  • Cilly Kugelmann, Hanno Loewy (Hg.): "So einfach war das". Jüdische Kindheit und Jugend in Deutschland nach 1945, DuMont Verlag, Berlin 2002. Wie war das eigentlich, nach 1945 in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufzuwachsen? Diese Frage beantworten 18 Jüdinnen und Juden in diesem Buch für sich persönlich, dabei schildern sie jeweils ein besonders prägendes Erlebnis: Leseproben
  • Roman Haller: Davidstern und Lederhose. Eine Kindheit in der Nachkriegszeit, Zürich 2001, 118 Seiten. Roman Haller wurde 1944 versteckt in einem Wald in Polen geboren. Nach dem Krieg verschlägt es die Eltern und den 1-jährigen Sohn Roman nach München, von wo aus sie in die USA auswandern wollen. Die Familie bleibt schließlich dennoch in Bayern.

Mit der Befreiung der Konzentrationslager und dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 begann für die wenigen jüdischen Überlebenden des Holocaust / der Shoah der Weg in ein neues Leben. In den jüdischen DP-Camps fing für viele eine erste Auseinandersetzung mit ihren Erfahrungen, Traumata und Verlusten an.

Im Holocaust / in der Shoah wurden 6 Millionen jüdische Frauen, Männer und Kinder ermordet. Nur wenige überlebten die Konzentrationslager oder in Verstecken in der Illegalität. So bildeten sie eine Minderheit der insgesamt 7 Millionen Menschen, die den Status der „Displaced Persons“ (DPs) erhielten. DPs waren Personen, die aus ihrer Heimat als direkte oder indirekte Folge des Krieges verschleppt oder vertrieben worden waren.

Die Alliierten standen vor der schwierigen Aufgabe, für die Unterernährten und oftmals schwer kranken Menschen zu sorgen. Denn an eine Rückkehr in ihre Heimatländer war in den ersten Nachkriegsmonaten nicht zu denken. Die Displaced Persons wurden von den Alliierten zuerst in nationale Gruppen zusammengefasst, so zum Beipiel als Pol/innen, Ungar/innen, Tschech/innen. Später sollten sie dann repatriiert, also in ihre Herkunftländer zurück gebracht werden. Jüdische Überlebende bildeten aber keine nationale Gruppe, sie entwickelten eine eigene Identität als Jüdinnen und Juden, die auch die geteilte Erfahrung der Verfolgung geprägt war.

Da sich die Situation der jüdischen DPs sich durch die Folgen der Shoah von allen anderen Gruppen unterschied, wurden ab Herbst 1945 spezielle DP-Lager für jüdische DPs in den drei westlichen Besatzungszonen eingerichtet. Damit wurde die Situation der jüdischen DPs deutlich verbessert. In der sowjetischen Besatzungszone wurden keine DP-Lager errichtet.

Viele der jüdischen DPs hatten nicht nur ihre Heimat verloren, sondern auch ihre Angehörigen, ihre Freund/inn/en, Nachbar/inn/en usw. Eine Rückkehr in ihr altes Leben war unmöglich.

Für viele jüdische Überlebende der Shoah / des Holocaust wurden die DP-Lager zu ersten Anlaufstätten auf dem Weg zurück ins Leben. Das soziale, kulturelle, politische und religiöse Leben begann sich langsam wieder zu entfalten. Es wurde getrauert und neue Beziehungen wurden geknüpft. Jüdische Feste und Feiertage wurden gefeiert, Hochzeiten begangen und Kinder geboren.

Das Leben in der Gemeinschaft der DP-Lager war nur eine Zwischenstation auf dem Weg in ein neues Leben. Die Menschen mussten wesentliche Entscheidungen treffen, z.B. wo sie zukünftig leben wollten. Viele DPs warteten auf die Möglichkeit zur Auswanderung, z.B. in die USA oder nach Palästina / Israel.

Die Beschäftigung mit dem Zionismus und die bevorstehende Gründung des Staates Israel war in vielen DP-Camps ein zentrales Thema.

In den DP-Lagern und an anderen Orten erwachte jüdisches Leben in Deutschland wieder. Manches entwickelte sich nur auf Zeit, anderes sollte sich etablieren. Am 19. Juni 1950 wurde in Frankfurt am Main der „Zentralrat der Juden in Deutschland“ gegründet.

 

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