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„Der kleine Bruder geht in den Knast, damit der große Bruder weiter Geschäfte machen kann.“ Im Gespräch mit Dirk Oschmann

Dirk Oschmann, geboren 1967 in Gotha, seit 2011 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Leipzig. Studium in Jena und Buffalo/USA; Forschungs- und Lehrtätigkeiten in England und in den USA; Bücher zu Siegfried Kracauer, Friedrich Schiller, Franz Kafka und zur Dichtungstheorie des 18. Jahrhunderts.

LaG: Lieber Dirk Oschmann, Ihr jüngstes Buch heißt: „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“. Wie kam es zu diesem Titel?

Dirk Oschmann: Ich bin vor zwei Jahren eingeladen worden, einen Vortrag zu halten mit der Vorgabe, als ostdeutscher Professor zu erläutern, warum der Osten die Gesellschaft spaltet. Und ich habe dann beschlossen, auf jeden Fall das Gegenteil zu zeigen. Das war die Keimzelle. Die grundsätzliche Idee des Buches ist es, eine Diskurssituation, ein diskursives Feld zu beschreiben, in dem westdeutsche Perspektiven dominant sind in der Art und Weise, wie sie den Osten in den Blick nehmen. Hin zum Titel gab es einen gestuften Prozess, unter anderem publizierte ich im April 2022 einen mit „Wie sich der Westen den Osten erfindet“ überschriebenen Essay in der Frankfurter Allgemein Zeitung. Für das Buch bedurfte es dann einer nochmaligen Zuspitzung. Es ist interessant festzustellen, dass sich Journalisten immer mal wieder im Titel irren und sagen: „Der Westen: eine ostdeutsche Erfindung.“ Die versprechen sich geradezu spektakulär auf Freud’sche Weise. Aber es ist natürlich Teil dieses Effektes, den der Titel zu produzieren vermag. Und ich nehme im Buch ja selbst auch mehrere Anläufe zu beschreiben, was eigentlich der Osten sein soll: ein soziales Feld, ein diskursives Feld, eine Himmelsrichtung oder eine althergebrachte Konstruktion aus ganz verschiedenen Zusammenhängen? Die eigentliche Intention ist, zu erläutern, wie sich der Westen den Osten denkt. Und welche sozialen, gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und ökonomischen Effekte das erzeugt.

LaG: Es gibt schon länger eine Debatte, inwiefern man Ansätze aus der Postkolonialen Theorie auf das Verhältnis von West und Ost übertragen kann. Vor einigen Jahren kam der Begriff der „Critical Westness“ auf; Kathleen Heft spricht von „Ossifizierung“ in Anlehnung an „Rassifizierung“. Obwohl Sie auf ähnliche Themen Bezug nehmen, knüpfen Sie an diese Debatten wenig an. Wie kommt das?

Oschmann: Einerseits habe ich kein Sachbuch geschrieben, sondern eine Polemik – ein ganz klar strategisches Buch. Es soll die Summe daraus ziehen, dass sich trotz vieler Publikationen gesellschaftspolitisch, ökonomisch und auch wissenschaftspolitisch überhaupt nichts getan hat. Und daraus habe ich den Schluss gezogen: Es muss anders darüber gesprochen werden. Es muss erstmal über den Wald gesprochen werden, bevor wir über die Bäume reden können. Andererseits hat es damit zu tun, dass ich mich mit diesen Debatten, die Sie ansprechen, zu wenig auskenne. Meine Forschungsschwerpunkte als Literaturwissenschaftler sind ganz anders gelagert. Es ging mir nicht darum, einen Theorieanschluss an diese Perspektiven herzustellen. Zudem scheint es gerade mit Blick auf den Osten auch sehr strittig zu sein, welche Art von Theorie man zugrunde legen kann: postkolonial, intersektional, Moderne-theoretisch oder alles zusammen oder noch anders? Was mir aber interessanterweise begegnet, sind mögliche Analogien. Ich bin von Iren darauf angesprochen worden, dass sie das Problem, das wir seit dreißig Jahren haben in Deutschland, seit dreihundert Jahren haben. Die Iren wüssten alles über die Engländer, aber die Engländer nichts über die Iren. Es sind auch Vergleiche gezogen worden, die sagen, hier passiere eine Form des strukturellen Rassismus. Ich mache mir diesen Begriff nicht zu eigen, weil ich das für sehr, sehr dünnes Eis halte.

LaG: Sie greifen den Begriff „Kolonisierung“ auf, verwenden ihn aber nicht unbedingt systematisch. Wie wichtig ist Ihnen dieser Begriff?

Oschmann: Das hat etwas mit der Diskursgeschichte und mit Begriffen wie „Buschzulage“ zu tun. Oder mit Äußerungen wie denen von Mathias Döpfner, der letztens gesagt hat, dass im Grunde das Gebiet der DDR in eine Art Agrarstaat mit einem Einheitslohn verwandelt werden solle. Auch das ist eine Kolonisierungsfantasie. Und dann gibt es das Buch von Ilko-Sascha Kowalczuk, „Die Übernahme“, wo es auch um eine klare Kolonisierungsrhetorik und -geschichte geht. Ich habe das nicht so stark gemacht, weil man nicht vergessen darf – das ist immer das Problem bei Vergleichen –, was wirkliche Kolonisierung bedeutet hat, wie viel Leid da erzeugt wurde, wie viele Verbrechen begangen worden sind. Das ist ja überhaupt nicht vergleichbar in den Dimensionen. Man könnte dann vielleicht von einer Art – ich weiß nicht, ob das ein Widerspruch in sich selbst ist – „sanften Kolonisierung“ sprechen, wobei „sanft“ viele als inadäquat begreifen könnten. Aber natürlich hat man das Gefühl, wenn einem vor Ort nichts mehr gehört, dass man in einer gewissen Weise tatsächlich kolonisiert worden ist. In Leipzig gehören 90% des Wohneigentums Menschen aus dem Westen. Da finde ich es nicht abwegig, den Vergleich zur Kolonisierung zu ziehen. Aber ich mache ihn selber nicht stark und möchte mich legitimer Weise darauf zurückziehen: Ich habe die Dinge aus meiner Sicht als Literaturwissenschaftler beschrieben. Das heißt, ich habe mit Diskursen, Semantiken und mit historischen (Begriffs-)Entwicklungen zu tun und mich hier bemüht, die daraus resultierenden gesellschaftlichen Effekte zu beschreiben. Ich habe mich aus meiner Verantwortung als Hochschullehrer heraus in den öffentlichen Diskurs begeben und versucht, diesen mit meinen Mitteln und aus meiner (auch subjektiv gefärbten) Perspektive darzustellen. Aber ohne, dass ich im strikten Sinne mit scharfen Begrifflichkeiten arbeiten würde, wie sie vielleicht in anderen Disziplinen eingeführt sind. Vielleicht ist es auch Teil der Irritation, dass ich mich bestimmter Begriffe bediene, die anders besetzt sind. Das finde ich aber bei einem polemischen Langessay nicht problematisch.

LaG: Die Kolonisierungsanalogie kann sehr produktiv sein. Eine nachvollziehbare Kritik an ihr besteht jedoch darin, dass sie Gefahr laufe, Rassismus als konstitutiven Bestandteil von Kolonisierung auszublenden.

Oschmann: Dazu passt vielleicht: Der Westen hält dem Osten seine Fremdenfeindlichkeit vor. Zu Recht. Aber mein Argument lautet, dass wiederum der Westen seine Fremdenfeindlichkeit gegenüber dem Osten auslebt. Und nicht nur das: Der Westen hat eine eigene Tradition der Fremdenfeindlichkeit, die ist ja kein Import aus dem Osten. Aber im Umgang des Westens mit dem Osten spielen rassistische Grundierungen eine ganz starke Rolle. Aber vielleicht ist es treffender, hier von „Othering“ zu sprechen, obwohl auch die Analogie des strukturellen Rassismus immer wieder an mich herangetragen wird.

Cartoon, abgedruckt 2019 in der Zeit ©BECK/schneeschnee.cc (https://schneeschnee.cc)

LaG: Sie machen bezüglich der Themen Kolonisierung und Rassismus auch Kontinuitäten auf. Der Westen hat kolonisiert – Afrika, Asien, aber auch den Osten, – und dann landen Sie beim antislawischen Rassismus. Zugespitzt könnte man aber sagen, dass die Menschen der ehemaligen DDR mitkolonisiert haben und Teil des antislawischen Rassismus waren. Auch sie haben den Vernichtungskrieg im Osten geführt.

Oschmann: Stimmt, völlig klar. Natürlich gab es auch in der DDR z.B. jede Menge „Polen-Witze“, um das mal auf den Punkt zu bringen. Auch das ist eine Form des Rassismus. Dass man das sehr viel komplexer darstellen könnte – und auch muss –, wenn es eine historisch korrekte Darstellung sein soll, ist völlig klar. Aber das war eins der Risiken, die ich in Kauf genommen habe. Denn ich habe gespürt: Sobald sich nur die leiseste Chance ergibt, den Osten mit in die Verantwortung zu nehmen, wird ihm gleich immer die gesamte Verantwortung zugeschoben. Das ist Teil des Problems.

LaG: Sie schreiben, dass kaum eine gesellschaftliche Gruppe nach der Wende so benachteiligt wurde wie ostdeutsche Männer. Und dass westdeutsche Medien gezielt Einzelfallbeispiele herausgreifen würden, um diese Gruppe in eine rechte Ecke zu stellen. Allerdings ist es ein gesicherter Befund der Rechtsextremismusforschung, dass die AfD im Osten massiv von dieser Gruppe unterstützt wird. Wie passt das zusammen?

Oschmann: Das ist ja nicht meine Erkenntnis. Ich beziehe mich hier auf den Soziologen Steffen Mau. Und keiner von uns sagt – und auf diesen Unterschied lege ich auch großen Wert –, das sei die am meisten benachteiligte Gruppe, sondern es ist eine der mit am meisten benachteiligten Gruppen. Das ist ein kategorialer semantischer Unterschied. Und ich bin unglaublich angefeindet worden für diese Aussage. Ein Spiegel-Interview hat im Einführungstext, auf den ich keinen Einfluss hatte, zugespitzt, mir ginge es um die Ehrenrettung der ostdeutschen Männer. Was für ein Unfug! Und ganz diffamierend fand ich das Aufmacherbild: Eine Gruppe von ostdeutschen Männern aus dem Jahr 1993 im Blaumann mit Schnauzbart und Vokuhila. Hier wird ein altes Bild genommen, um die Zurückgebliebenheit des Ostens bis heute zu demonstrieren, um zu zeigen, wie hässlich, wie schmutzig, wie defizitär er ist. Man gibt mir die Gelegenheit, meine Position zu vertreten und gleichzeitig setzt man die Diffamierungsmaschine in Gang. Hier werden Bildwelten weitergetragen, wie sie vor 1989 schon entwickelt worden sind, und die kontinuierlich zur Diffamierung des Ostens beitragen, der immer als das Hässliche, als das Zurückgebliebene und das nicht Satisfaktionsfähige dargestellt wird. Es ist aber nicht nur eine Frage der Bildpolitik, sondern des grundsätzlichen Framings.

Und natürlich ist es so, dass eine Fülle an westdeutschen Männern in den Osten gekommen ist, unter anderem, um bestimmte Positionen zu besetzen, meist sogar Führungspositionen. Und natürlich sind viele ostdeutsche Männer arbeitslos geworden, sind in den vorzeitigen Ruhestand geschickt oder insgesamt depotenziert worden. Und wenn Sie nun sagen, dass große Gruppen der Männer AfD wählen, dann ist das sicher so. Aber es gibt fast kein Interview, in dem das nicht zum Thema gemacht wird. Und es sieht für mich so aus, als dürfe darüber überhaupt nicht gesprochen werden, sondern im öffentlichen Diskurs sind ostdeutsche Männer ein für allemal verurteilt als Nazis. Über sie kann und darf kein neutrales oder gar positives Wort verloren werden, weil ja offenbar klar zu sein scheint, was die sind und wer die sind. Das sind in dieser Verallgemeinerung ebenso unhaltbare wie ungeheuerliche Unterstellungen.

LaG: Eine Unterstellung, alle ostdeutschen Männer wären Nazis, wäre auch eine Beleidigung aller ostdeutschen männlichen Antifaschisten, die sich seit den 1990er Jahren mit der Naziszene auseinandersetzen mussten.

Oschmann: Was mir in den letzten Wochen in Auseinandersetzungen über das Buch deutlicher geworden ist, ist, dass die Revolution (ich würde nicht von „Wende“ sprechen, weil der Begriff den tatsächlichen Sachverhalt verdeckt) alles geändert hat: wirtschaftlich, ideologisch, politisch. Revolution besagt auch, der Osten hat sich demokratisch selber ermächtigt und eine Diktatur abgeschafft, aber friedlich. Die 1990er Jahre – die so genannten „Baseballschlägerjahre“ – waren nicht friedlich. Gerade die jüngere Generation hat da eine starke Brutalisierung erlebt. Entweder weil sie Teil davon war, man denke an den NSU, oder weil sie Opfer war. Das allgemeine westliche Narrativ ist, die 1990er Jahre seien das hedonistische Jahrzehnt, im Sinne der Fukuyama-These, die Geschichte sei zu Ende, und wir wollen jetzt alle Demokraten werden, wir wollen alle frei werden und entspannt sein. Aber ich selbst wurde von Nazis in Jena verfolgt, weil ich lange Haare hatte, deswegen habe ich eine Weile die Innenstadt gemieden. Diese Zweigleisigkeit nehme ich jetzt stärker wahr: Einerseits das Gefühl der Freiheit und Befreiung, der Potenzierung von Möglichkeiten, und andererseits gerade unter den Jüngeren eine starke Erfahrung der Brutalisierung der Gesellschaft. Nicht zuletzt offenbar auch, weil die Eltern sich in diesen schwierigen Transformationsjahren vielfach nicht hinreichend um die Kinder kümmern konnten, weil sie neue Arbeit finden und sich insgesamt neu aufstellen mussten. Also im Grunde eine elternlose Generation.

LaG: Betroffene äußern oft die Klage, die Politik, die mit der Währungsunion, der Vereinigung und der Deindustrialisierung stattgefunden habe, wäre vom Westen aufgepfropft gewesen. Was vor dem von Ihnen angesprochenen Hintergrund der demokratischen Selbstermächtigung oft in diesen Erzählungen fehlt, ist die selbstkritische Einsicht, dass die Allianz für Deutschland 1990 von der Mehrheit der Ostdeutschen selbst gewählt war. Gleichzeitig lässt sich eine grundsätzliche Ablehnung westdeutscher sozialer Praxen und Kulturen konstatieren, die sich darauf beruft, sich einer Art kulturellen Fremdherrschaft unterworfen zu fühlen. Und das führt dazu, dass man ein Ressentiment ausbildet, das teilweise mit Rassismus verbunden ist. Allerdings: Nur weil man sich einer kulturellen Fremdherrschaft unterworfen fühlt, muss es ja nicht gleich dazu führen, selber auch ausgrenzende Methoden des Otherings oder des Rassismus zu nutzen. Wie bringen Sie das zusammen?

Oschmann: Das ist eine sehr umfängliche Frage, auf die es keine leichte Antwort gibt. Zunächst will ich darauf hinweisen, dass keineswegs alle Ostdeutschen der Vereinigung zugestimmt und auf keinen Fall gewählt haben, dass man 33 Jahre später immer noch nicht angemessen an dieser Demokratie mitwirken kann. Das ist das eigentliche Skandalon: Dass der Osten nur in ganz minimalen Teilen wirklich gesellschaftlich beteiligt ist, nur minimal mitgestalten kann, mit den eigenen Energien, Kräften, Perspektiven und Ideen. Das Zweite ist: Natürlich hat der Osten mehrfach schon vorher Deindustrialisierung erlebt, unter anderem im Zuge der Reparationen an Russland nach 1945; laut Wikipedia hat der Osten dadurch pro Kopf das 130fache an Reparationen gezahlt. Aber Ihre eigentliche Frage ist ja, warum schlägt diese Erfahrung in Rassismus um? Wenn ich das historisch richtig sehe, ist das kein singuläres Reaktionsmuster, dass man eine starke Abgrenzung auslebt, wenn man sich in einer Situation der Fremdbestimmung und des Machtverlusts glaubt. Und es hat sicher auch was damit zu tun, dass der Osten diese rechten und nationalistischen Tendenzen zu DDR-Zeiten ganz klar unter der Decke gehalten hat, obwohl es stets einen bestimmten Anteil stramm Rechter im Osten wie Westen gab und gibt. Und dann kommen im Osten noch die dazu, die frustriert sind über die Entwicklungen der letzten Jahre, was dann zu so starken Wahlergebnissen für die AfD führt. Steffen Mau spricht auch von den „frustriert-zufriedenen“ Menschen, denen es materiell oftmals ganz gut geht, die aber trotzdem unzufrieden sind mit der gefühlten Gesamtsituation. Ich würde sagen, das hat was mit der Art des Redens als othering zu tun, damit, wie der Osten im öffentlichen Raum vorkommt und natürlich auch mit dem Bewusstsein dafür, weniger Lebenschancen zu haben, was ja de facto so ist. Ein weiterer Faktor könnte sein, dass die Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang die Erfahrung verhindert haben, Zuwanderung als Bereicherung zu begreifen; und womöglich handelt es sich auch um generationell weitergegebene Ängstlichkeiten und Vorurteile. Erklären heißt hier aber natürlich nicht rechtfertigen. Jedenfalls habe ich noch keine gute Antwort auf Ihre Frage, warum es zu diesem Rassismus kommt oder zu dem, was man als rassistische Gegenbewegung beschreiben muss. Es könnte ein Aspekt sein, dass vielleicht die Erfahrung der Fremdbestimmung durch den Westen dann in Rassismus gegen Menschen mit Migrationsgeschichte umschlägt. Aber eine Antwort auf diese Situation muss unbedingt eine gesamtgesellschaftliche sein, nicht allein eine Hausaufgabe für den Osten, denn auch im Westen gibt es Rassismus, teilweise bis in die Spitzen der Gesellschaft hinein, wie die Beispiele Clemens Tönnies oder Günther Oettinger belegen. Der Westen schaut aber generell lieber kritisch auf die Nachsitzer im Osten.

LaG: Die mediale Debatte, die Ihr Buch ausgelöst hat, ist erstaunlich. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr und bestätigt deren Verlauf Ihre These über eine Diskurshoheit des Westens?

Oschmann: Bezüglich der zweiten Frage bin ich nicht so sicher. Und das hängt damit zusammen, dass sich ja selbst in den großen Westmedien vor allem Leute, die aus dem Osten kommen, zu Wort melden. Das galt für die großen Rezensionen und für Radiosendungen. Das heißt, der Westen ist im Grunde noch gar nicht bereit, sich an der Debatte zu beteiligen, weil er den Eindruck hat, es ginge ihn gar nichts an. Der Westen ignoriert das oder hält das für einen innerostdeutschen Diskurs. Und natürlich muss sich der Westen nicht für den Osten interessieren. Die Schwierigkeit besteht nur darin, dass er immer schon zu wissen glaubt, was der Osten ist und dass er glaubt, entsprechend über den Osten reden zu können.

Plakat im Rahmen des „geschichts-codes“-Plakat-Wettbewerbs der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, Stiftung Haus der Geschichte; EB-Nr. 2006/02/0412 © Florian Wilshaus / Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Die überraschendste Erfahrung ist für mich, wie scharf die Kritik aus dem Osten an meinem Buch ist. Sie kommt fast ausschließlich von Jüngeren, die in den 1980ern und frühen 1990ern geboren sind. Warum das so ist, habe ich mir bisher nur in Ansätzen klarmachen können. Vielleicht fühlen sie sich an etwas erinnert, wovon sie glaubten, es hinter sich gelassen zu haben. Vielleicht hängt es aber auch damit zusammen, dass sie ganz anders mit ihrer Ostherkunft umgehen als die Älteren, dass sie überhaupt kein Problem damit haben, sie im Gegenteil offensiv wenden, dass sie vielleicht so eine Art stärkeres Ostbewusstsein haben, weil sie das für zielführend halten. Dieses neue Bewusstsein der Jüngeren ist m.E. freilich ein diskursiv produzierter gesellschaftlicher Effekt davon, dass lange so negativ über den Osten geredet worden ist, so dass dem eine positive Selbstzuschreibung entgegengesetzt wurde. Doch ich frage mich: Ist die Selbstzuschreibung mächtiger als die Fremdzuschreibung, die über Jahrzehnte den Diskurs bestimmt hat?

LaG: Hat Sich Ihrer Meinung nach der Diskurs über Ostdeutschland in den letzten Jahren gewandelt, ist er vielstimmiger geworden?

Oschmann: Insgesamt zeigen die Reaktionen auf mein Buch, dass es ein Bewusstsein bei mehr Menschen für das Thema gibt. Und trotzdem hatte ich zunächst das Gefühl, dass es eine rein inner-ostdeutsche Debatte ist. Das ist Teil des Problems, dass wir keinen gesamtdeutschen Diskurs haben. Was das Gesamtdeutsche angeht, würde ich hier und da kleine Signale sehen, dass es im Moment so etwas wie eine neue Aufmerksamkeit gibt. Es gab letztens beispielsweise eine Sendung bei Markus Lanz zum Klimawandel. Ein Experte äußerte, Deutschland sei in Sachen Klima gut aufgestellt, auch deshalb, weil 1990 im Osten die Industrie zusammengebrochen wäre und dadurch Klimaemissionen wegfielen. Markus Lanz hat da interveniert, dass das zwar gut fürs Klima gewesen sei, aber nicht für die Menschen, die dadurch ihre Arbeit verloren haben, deren Familien und Zusammenhänge auseinandergebrochen sind. Ein weiteres Beispiel war eine Doppelsendung des Deutschlandfunks über Rechtsextremismus in Chemnitz und Dortmund und über die Verbindungen der rechtsextremen Akteure. Es ist ganz wichtig, dass wir Probleme gesamtdeutsch verhandeln und sukzessive ein gesamtdeutscher Diskurs in Gang kommt.

Für mich entscheidend ist die Vielstimmigkeit des Ostens, die in Reaktion auf mein Buch für mich sichtbar geworden ist. Sie hilft dem Osten vielleicht auch, im Dialog mit dem Westen darauf beharren zu können: Wir sind viele und wir haben viele verschiedene Stimmen und Perspektiven. Wir sind nicht einfach „der Osten“. Das ist Teil des Problems, dass der Osten als monolithischer Block dargestellt und nicht differenziert über ihn geredet wird. Aber der Osten begegnet sich jetzt in Reaktion auf das Buch, zu dem man sich offenbar nicht neutral verhalten kann, in seiner Heterogenität und muss das auch zulassen.

LaG: Sie sprechen an, dass man sich zu Ihrem Buch nicht neutral verhalten kann. Und tatsächlich ist die Debatte sehr emotional und aufgeheizt, obwohl das Thema, das Sie adressieren, nicht neu ist. Haben Sie dafür Erklärungen?

Oschmann: Sie haben recht, es ist ein alter Hut. Das sage ich auch zweimal im Buch. Aber gerade dann muss man mir mal erklären, warum es die Debatte und eine so ungeheure Resonanz gibt. Das Buch ist in der zehnten Auflage, es gibt internationale Presseanfragen, Artikel und Interviews. Offenbar ist die Kombination des bekannten Alten neu; dass ich bestimmte Dinge, die bisher nicht in Korrelation gesehen worden sind, verbinde. Zum Beispiel, dass ich beschreibe, dass es 20% Unterschied in der Demokratiezustimmung gibt, worüber sich der Westen aufregt. Aber er regt sich nicht darüber auf, dass der Osten 20% weniger verdient. Aber die Demokratiefrage und die soziale Frage sind aus meiner Sicht nicht voneinander zu entkoppeln. Und natürlich ist der Ton des Buchs entscheidend, die Schärfe und gezielte Undifferenziertheit, die – das würde ich in Anspruch nehmen – eine differenziertere Debatte in Gang gesetzt haben. Mir ist sehr wichtig, dass man die strategische Form des Buches anerkennt. Es ist keine historische Darstellung und kein Sachbuch. Man kann sogar sagen: Es ist ein völlig unsachliches Buch. Als Literaturwissenschaftler bestehe ich aber darauf, die Polemik als Form ernst zu nehmen.

LaG: Dass haben Sie ja auch andernorts dezidiert betont, dass die Polemik bewusst gewählt, der Stil Methode ist. Wenn Sie keinen polemischen Essay geschrieben hätten: Welche Differenzierungen wären Ihnen dann wichtig gewesen?

Oschmann: Das ist so eine grundsätzliche Frage, dass ich sie in der Kürze der Zeit nicht beantworten kann. Einerseits ist der Ton, der auch als Tonstörung zu begreifen ist, gewählt. Andererseits war er unvermeidlich, weil ich existenziell verwickelt bin. Es war mir in gewisser Weise nicht anders möglich, dieses Thema zu bearbeiten, weil ich es für falsch gehalten hätte. Und im Übrigen wäre ein differenzierteres Buch nach einem Tag vergessen gewesen.

Das Buch hat seine Schwächen. Eine besteht sicher darin, dass der Eindruck erweckt wird, der Osten würde komplett aus der Verantwortung genommen. Das kann man so lesen, aber hätte ich das nicht so gemacht, gäbe es die Debatte nicht, sondern dann wäre das übliche Muster gewesen: „Der Osten ist selber schuld.“ Und damit entledigt man sich des Problems und auch der Notwendigkeit, politisch, wirtschaftlich und diskursiv umzusteuern. Denn das Problem wird sich nicht einfach „verwachsen“.

LaG: Sie zielen auf eine Veränderung des Diskurses. Was möchten Sie mit Ihrer Intervention idealerweise erreichen?

Oschmann: Man sollte illusionslos bleiben, was die Wirkmächtigkeit des eigenen Schreibens angeht. Aber natürlich wäre es wichtig, dass sich der Diskurs dauerhaft ändert, dass differenzierter und genauer über den Osten gesprochen wird, dass er in dieser Heterogenität wahrgenommen wird, dass nicht einfach gesagt wird: Das ist „Osten“, sondern dass gesagt wird: Das ist Sachsen, Brandenburg, Thüringen oder Sachsen-Anhalt. Genau wie dem Westen zugestanden wird, dass Bayern nicht dasselbe ist wie das Saarland. Außerdem muss der Osten viel stärker in der geschichtlichen Prozessualität wahrgenommen werden. Wir müssen insgesamt verstehen, dass wir in den Nachwirkungen des ‚Dritten Reichs‘ leben. Die Spaltung ist ein Effekt des ‚Dritten Reichs‘ und deshalb gibt es eine gesamtdeutsche Verantwortung dafür. Stattdessen beharrt der Westen darauf, dass er so viele Transferleistungen im Osten erbracht hat. Das stimmt. Aber der Osten ist vorher unter anderem für den Westen vierzig Jahre in den Knast des Sowjetimperiums gegangen. Das funktioniert wie bei der Mafia: Der kleine Bruder geht in den Knast, damit der große Bruder weiter Geschäfte machen kann. Und in einem spezifischen Sinne ist Deutschland deshalb auch nicht vom Faschismus befreit, weder im Osten noch im Westen. Weil wir nach wie vor an den Folgen dieses ‚Dritten Reichs‘ zu tragen haben und der Osten das in jeder Hinsicht sehr viel mehr ausbadet als der Westen. Und zusätzlich muss politisch und wirtschaftlich umgesteuert werden, nicht nur diskursiv, weil sich sonst weder die Benachteiligungsstrukturen noch die Bewusstseinslagen ändern.

In der aktuellen Debatte werden oft typische identitätspolitische Fragen gestellt: Dürfen Westdeutsche überhaupt darüber sprechen? Da habe ich eine ganz klare Position: In der Demokratie müssen alle mit allen über alles sprechen. Das halte ich für zentral, dass wir gemeinsam versuchen, diese Asymmetrie zwischen Ost und West und auch innerhalb des Diskurses sukzessive abzubauen. Sonst wird die Demokratie an den Rand ihres Zusammenhalts geführt. Nächstes Jahr sind Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen. Man möchte sich nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn die AfD da über 30% abräumt. Das ist eine Bedrohungslage ersten Ranges für die Demokratie. Und deshalb muss man Wege suchen, wie man da gemeinsam rausfindet.

LaG: Dirk Oschmann, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch!

 

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