Peggy Piesche (Hg.): Labor 89. Intersektionale Bewegungsgeschichte*n aus West und Ost. Berlin, 2020. 15€.

Von Ingolf Seidel

Die zahlreichen Erinnerungsanlässe – fünfzig Jahre 1968, dreißig Jahre Mauerfall im Jahr 2019 und 2020 dreißig Jahre deutsch-deutsche Vereinigung –, die hierzulande begangen werden, sind in der Regel auf eine weiße Mehrheitsgesellschaft ausgerichtet. Die Erfahrungen, Kämpfe und Erinnerungen von People of Colour (PoC) finden darin kaum einen erinnerungspolitischen Platz. In der Einleitung zu „Labor 89. Intersektionale Bewegungsgeschichte*n aus West und Ost“ führt Herausgeberin Peggy Piesche aus, welche Marginalisierungen eine „Erinnerungskultur“ mit sich bringt, die in erster Linie auf weiße (und häufig männliche) Deutsche ausgerichtet ist und folgert: „Erinnerungskultur muss mehr als nur die Mehrheitsgesellschaft im Gedächtnis be(in)halten“ (S.6). Diesen Ansatz vertritt Piesche mit dem intersektional ausgerichteten Band indem dort „Porträts von acht Aktivistinnen* aus Schwarzen, PoC- und/oder queer*feministischen Kontexten und Communitys gesellschaftspolitische Akteur*innen, aber auch Orte, Ereignisse und Diskurse in den Vordergrund [gestellt werden, IS], die in herrschenden Erinnerungskontexten nicht repräsentiert sind“ (Ebda.). Das Konzept strukturiert zugleich den Band, der ein Begleitprodukt zur gleichnamigen Ausstellung ist, die im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum gezeigt wird.

Die Geschichten von Anita Awosusi, Angelika Nguyen, Katharina Oguntoye, Samrirah Kenawi, Sun-Ju Choi, Jeanette Sumalgy, Nuran Ayten und Ina Röder Sissoko bilden nicht nur Einzelkapitel des Buches, sondern, so Piesche, einen „Reflexionsraum, der es ermöglicht, die vielschichtigen Transformationsprozesse vor, während und nach dem Mauerfall zu beleuchten“ (Ebda.). Einen Teil dieses Reflexionsraumes bildet das Kapitel „Bewegungsmomente“. Dort sind Fotografien, Plakate, Demonstrationsaufrufe und Dokumente versammelt, die aus feministischen und antirassistischen Bewegungen in Ost und West stammen. Ebenso verhält es sich mit den biografischen Erzählungen der Frauen. Gestalterisch sind jeweils eine West- und eine Osterzählung gegenübergestellt, sodass ein kommunikativer Raum zwischen beiden entsteht. Anhand von vier Lebensgeschichten des Bandes soll dies verdeutlicht werden.

Anita Awosusi erzählt die Geschichte ihrer Politisierung im Jahr 1987 über ein Theaterstück indem sie auf Anfrage anderer Sint*ezze mitspielte. An diese Erfahrung mit ersten öffentlichen Auftritten konnte sie durch die Arbeit erst für den Regionalverband, später für den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, anknüpfen. Das Zusammentreffen mit anderen Sint*ezze, die Kämpfe um Anerkennung des Völkermordes an der Minderheit als Teil der Bürgerrechtsbewegung und die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte bis hin zur Mitarbeit an der 1997 eröffneten Dauerausstellung über den Genozid im Heidelberger Dokumentationszentrum schildert Awosusi als empowernd. Der Wert des Austausches, von Bildung und das Engagement für die eigene Sache gemeinsam mit anderen von Antiziganismus betroffenen sind Teil der Botschaft, die Awosusi an junge Sint*ezze und Rom*nja weitergeben will. Das Durchbrechen von Vereinzelung in einer von Weißen dominierten Gesellschaft zieht sich als Thematik auch durch Angelika Nguyens Lebensgeschichte. Die Filmwissenschaftlerin arbeitete im Anschluss an ihr Studium in den Jahren 1982 bis 1986 als Dramaturgieassistentin bei der DEFA. Ihr Verhältnis zur DDR ist eher von Verärgerung über mangelnde Qualität und vor allem Kontroversität der Filmproduktionen geprägt, als durch organisierte Opposition.

Das Thema Empowerment durch gemeinsame politische Diskussion und Praxis zieht sich im Kern durch alle Biografien. 

Katharina Oguntoye hatte ihr lesbisches Comingout im Rahmen der Berlin-Kreuzberger Schule für Erwachsenenbildung , auf der sie ihr Abitur nachholte. Dort war sie in ihrer Klasse in den 1980er Jahren die einzige Schwarze . Gleichzeitig bot ihr der Rahmen einer selbstorganisierten Schule die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Frauen, sich in gemischtgeschlechtlich geführten Diskussionen selbst zu ermächtigen und wahrnehmbar zu werden. Erfahrungen mit anderen People of Colour zu diskutieren machte sie erst später im Rahmen der beginnenden Bewegung von Schwarzen in der Bundesrepublik, in der weite Teile ihres sozialen und politischen Lebens zunehmend, wenn auch nicht ausschließlich, situiert waren. 1997 gründete sie den freien Träger Joliba, der sich auch als interkulturelles Netzwerk versteht, in Berlin mit. Samirah Kenawi, die unter anderem in dem später in GrauZone umbenannten Frauenarchiv aktiv war, kam als lesbische, atheistische Frau zur Gruppe „Lesben in der Kirche“ in Dresden. Trotz der rechtlichen, aber eher theoretischen, Gleichstellung von Frauen standen sie und andere vor der Situation, dass insbesondere lesbische Frauen gesellschaftlich unsichtbar blieben. Gleichzeitig waren die oppositionellen Gruppen, so auch die kleine Lesbenbewegung, im Visier der Staatssicherheit. Das erschwerte unter anderem die Kommunikation untereinander. Der angeheizte Prozess der Vereinigung schuf zudem neue Herausforderungen und Weichenstellungen, die quer zu Gestaltungsmöglichkeiten derjenigen waren, die sich jahrelang oppositionell betätigt hatten. Von ihrer politischen Arbeit im Büro des Unabhängigen Frauenverbandes zog sich Kenawi 1990 zurück, da sie keine Möglichkeiten des politischen Einflusses sah. Sie widmete sich fortan verstärkt der Archivarbeit. Das Motiv der Unsichtbarkeit von Frauen und Lesben in beiden Staaten bildet hier eine Brücke beider Erzählungen. Deutlich werden aber auch Unterschiede. Rassismus und eigene Erfahrungen damit sind bei Kenawi ein Randthema, obwohl sie ihn wahrnimmt.

Die Gegenüberstellung von Ost- und Westbiografien ermöglicht Vergleiche der Auswirkungen von und des Umgangs mit gesellschaftlichen Marginalisierungen, die einer rein auf die DDR bezogenen, nicht selten eher ideologisch unterlegten, Auseinandersetzung fehlen. Der Buchtitel „Labor 89“ verweist auf das unabgeschlossene Moment des Geschichtsprozesses. Die Erzählungen der Frauen greifen nicht nur historische Ereignisse und Debatten auf. Sie zeigen die Möglichkeiten und Grenzen politischer Beteiligung in gesellschaftlichen Kämpfen für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung mit Fokus auf das Jahr 1989 auf, die im Mehrheitsdiskurs weiterhin nur eine marginale Rolle spielen. Insofern ist „Labor 89“ eine in sich durchaus heterogene Stimme innerhalb eines erinnerungspolitischen Aushandlungsprozesses, der die weiße, heterosexuelle Dominanzgesellschaft hinterfragt. 

 

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