Zur Vertiefung

Leben nach dem Überleben. Die Geschichte der Displaced Persons als Thema für Unterricht und außerschulische Bildung

Dr. Akim Jah, Politikwissenschaftler, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Forschung und Bildung des International Tracing Service (ITS).   Elisabeth Schwabauer hat Pädagogik und Deutsche Philologie studiert und ist pädagogische Mitarbeiterin in der Abteilung Forschung und Bildung des International Tracing Service (ITS)

Von Akim Jah und Elisabeth Schwabauer

In der historischen Bildung spielen die Befreiung vom Nationalsozialismus und die unmittelbare Zeit danach in der Regel kaum eine Rolle. Dabei bietet die Situation der Überlebenden des Holocausts, der befreiten KZ-Insassen sowie der ehemaligen Zwangsarbeiter_innen viele Anknüpfungspunkte und Fragestellungen für den Geschichtsunterricht und die außerschulische Bildung. Dies schließt nicht nur die (gesundheitliche) Verfasstheit der Displaced Persons (DPs), wie die vor allem nach Deutschland Verschleppten und dort Befreiten bezeichnet wurden, sondern auch ihren weiteren Verbleib und die Tätigkeit der Alliierten und internationalen Hilfsorganisationen mit ein. 

Der International Tracing Service (ITS) ist in vielfältiger Art und Weise mit der Geschichte der DPs verbunden. Nicht zuletzt verfügt der ITS in seinem Archiv über Millionen von Dokumenten hierzu, die für die historische Bildung in vielfältiger Weise nutzbar sind. In diesem Beitrag soll, als eine Einführung in das Thema, ein kurzer Überblick über die Geschichte der DPs gegeben werden.

Die Situation nach der Befreiung. Wer waren die Displaced Persons?

Etwa 10 Millionen verschleppte und entwurzelte Menschen aus nahezu allen Ländern Europas fanden die Alliierten bei der Befreiung und ihrem Vormarsch in Deutschland und den deutsch besetzten Gebieten vor. Davon hielten sich allein etwa 7,7 Millionen in Deutschland auf, darunter auch zahlreiche Kinder und Jugendliche. Die DPs bestanden aus sehr unterschiedlichen Gruppen. Ein großer Teil von ihnen war zuvor aus den verschiedenen europäischen Ländern zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden, wo sie, oft unter menschenunwürdigen Bedingungen, in Fabriken, in kleinen und kommunalen Betrieben sowie auf Bauernhöfen, in Privathaushalten und beispielsweise in Kirchengemeinden arbeiten mussten.  

Eine zweite Gruppe bildeten die befreiten ausländischen KZ-Häftlinge. Viele von ihnen hatten sich – unter lebensbedrohlichen Umständen – oft seit Jahren in KZ-Haft befunden. Zu denjenigen, die in den KZs befreit wurden, kamen die Befreiten der zahlreichen Nebenlager und Außenkommandos sowie diejenigen, die die sogenannten Todesmärsche überlebt hatten.

Unter den befreiten KZ-Häftlingen befand sich auch eine größere Anzahl von Juden und Jüdinnen, die als Überlebende des Holocaust eine spezifische Gruppe bildeten. Sie waren aus dem Reich bzw. den besetzten und verbündeten Ländern in Ghettos und in das KZ- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und von dort zur Zwangsarbeit oder im Rahmen der sogenannten Evakuierungstransporte in weiter westlich gelegene Lager weiterverschleppt worden. Zumeist waren sie die einzigen Überlebenden ihrer Familien. 

Neben diesen Gruppen, die allesamt Opfer der nationalsozialistischen Politik waren, gehörten zu den DPs auch Menschen, die aus den verschiedenen sowjetischen Republiken sowie aus anderen Ländern aus politischen Gründen geflohen waren und sich nach Kriegsende auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches aufhielten. Auch die jüdischen „Infiltrees“, die ab 1946 nach Deutschland kamen und auf die weiter unten eingegangen wird, wurden von den Alliierten als DPs registriert, ebenso wie deutsche Juden und Jüdinnen, die den Holocaust überlebt hatten und für sich keine Zukunft in Deutschland sahen.

Die Unterstützung der Alliierten, Repatriierung und Emigration der Displaced Persons 

Die ehemaligen Zwangsarbeiter_innen, die befreiten KZ-Häftlinge aus den verschiedenen europäischen Ländern und die Überlebenden des Holocaust benötigten zum Zeitpunkt der Befreiung dringend Unterstützung, vor allem was die medizinische Versorgung, Bereitstellung von Nahrungsmitteln und Kleidung anbelangte. Diese Hilfe wurde von den Alliierten sowie den alliierten Hilfsorganisationen – zunächst der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) und später der International Refugee Organization (IRO) – geleistet. Zur Unterstützung gehörte auch die Registrierung der DPs durch die Alliierten und die Suche nach Angehörigen, die ab 1948 beim ITS in Arolsen konzentriert wurde. Für die Behandlung von Kranken wurden Krankenhäuser eingerichtet, für die Versorgung und Betreuung unbegleiteter Kinder und Jugendlicher Kinderzentren aufgebaut. Zudem organisierten die Alliierten die Rückführung in die Herkunftsländer. Diese Repatriierung ließ sich im Detail jedoch nicht immer problemlos umsetzen. Viele der DPs konnten oder wollten nicht in ihr Ursprungsland zurückkehren. Neben dem Antisemitismus in den Herkunftsländern, der es für Juden und Jüdinnen unmöglich machte, sicher und als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft zu leben, gab es politische Gründe. So sahen viele DPs in der Rückkehr in das durch den Stalinismus beherrschte Osteuropa und Ostmitteleuropa keine Perspektive für sich oder fürchteten politische Nachteile. Hinzu kam, dass für ehemalige Zwangsarbeiter_innen und Kriegsgefangene sowie be­freite KZ-Häftlinge aus der damaligen Sowjetunion die Repatriierung mit schweren Folgen verbunden war, weil sie unter dem Generalverdacht der Kollaboration standen. Nach einer Rückkehr wurden sie in so genannten Filtrationslagern oft monatelang festgehalten und befragt, ein Teil von ihnen kam in sowjetische Zwangsarbeitslager. Gleichwohl hatte die Sowjetunion den Status der DPs nicht anerkannt und drang auf schnellstmögliche Rückführung in die Herkunftsstaaten. Bei den Westalliierten setzte sich hingegen in den Monaten nach der Befreiung die Position durch, dass niemand, der gültige Einwände gegen die Rückkehr in sein Herkunftsland geltend macht, gezwungen werden kann, dorthin zurückzukehren. 

In der Folge unterstützten die Westalliierten DPs, die nicht in ihre Ursprungsländer zurückkehren wollten oder konnten, bei der Auswanderung in Drittländer. Die IRO, die Mitte 1947 die Betreuung der DPs übernahm, wurde damit beauftragt, emigrationswilligen DPs bei der Suche nach einem Aufnahmeland zu helfen. Im Rahmen eines Resettlement-Programms konnten sie einen Antrag auf Unterstützung bei der Auswanderung stellen. Zu den Ländern, die nach und nach bereit waren, DPs aufzunehmen, zählten vor allem Einwanderungsländer wie die USA, Kanada, Australien und andere Länder, die Bedarf an Arbeitskräften hatten. Die Einwanderungsbestimmungen der Zielländer waren dabei zwar ein wenig liberaler als noch vor dem Krieg, gleichwohl gab es nach wie vor Beschränkungen. Insbesondere war es für kranke Menschen schwierig, ein Aufnahmeland zu finden. Viele der jüdischen DPs strebten eine Emigration nach Palästina an, die allerdings erst nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 problemlos möglich wurde. 

Bis zur tatsächlichen Auswanderung vergingen zum Teil mehrere Jahre. Für die provisorische Unterkunft errichteten die alliierten Hilfsorganisationen in Westdeutschland, Österreich und Italien sogenannte DP-Camps. Diese Camps waren ein Transitraum für Menschen, die ihre Zukunft in anderen Ländern, weit weg von Europa, sahen. 

Die Situation der jüdischen Displaced Persons

Die Camps waren ursprünglich nach den Herkunftsländern der jeweiligen DPs strukturiert. Jüdische Überlebende wurden dort allerdings erneut mit Antisemitismus konfrontiert. Nachdem eine Untersuchungskommission des US-amerikanischen Präsidenten Truman die teilweise katastrophalen Bedingungen in den Camps sowie die spezifische Situation jüdischer DPs offengelegt hatte, wurden spezielle Camps ausschließlich für Juden und Jüdinnen eingerichtet. Dort fanden, unterstützt etwa durch jüdische Wohlfahrtsorganisationen, Vorbereitungen für die Auswanderung in Form von Sprach- und Ausbildungskursen statt. Die DPs gestalteten dabei das Leben im Camp aktiv mit. Es gab eine Camp-Verwaltung und -Polizei, Kinder wurden in Kindergärten betreut und bekamen Unterricht in den Schulen. Die DPs gründeten eigene Zeitungen, Kinos und Theater sowie Synagogen. Zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verfolgung errichteten sie die ersten Denkmale und veranstalteten Gedenkzeremonien. 

Die Camps für jüdische DPs wurden ab Sommer 1946 auch zum Zielort für Tausende jüdische Flüchtlinge aus Mittelosteuropa, die wegen des Antisemitismus nicht an ihren ehemaligen Wohnorten, zum Beispiel in Polen, bleiben konnten. Sie hatten den Holocaust überlebt, waren zunächst an ihre Herkunftsorte zurückgekehrt, kamen nun aber ins besetzte Deutschland, vor allem in die US-Zone, um von dort auszuwandern. Darunter befanden sich auch polnische Juden und Jüdinnen, die 1939 nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen in die Sowjetunion geflohen waren oder sich dort nach der sowjetischen Besetzung Ostpolens aufhielten. Tausende dieser Menschen waren von der sowjetischen Administration nach Sibirien verschleppt worden und gelangten von dort später auf vielen Umwegen in die zentralasiatischen Sowjetrepubliken, von wo aus sie nach der Befreiung nach Europa zurückkehrten. Die Alliierten bezeichneten diese Flüchtlinge als „Infiltrees“. 

Mit dem Fortschreiten der Emigration und insbesondere nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 kam es zur Schließung vieler DP-Camps. Das letzte Camp in Föhrenwald südlich von München wurde 1957 geschlossen. Bereits 1951, nachdem die IRO ihre Tätigkeit beendet hatte, war die Zuständigkeit für die DPs auf die Bundesrepublik übergegangen. Diejenigen unter den Displaced Persons, die aufgrund verschiedener Umstände nicht emigrieren konnten oder wollten, blieben in Deutschland und erhielten den Status „Heimatlose Ausländer“. 

Dokumente zu Displaced Persons im Digitalen Archiv des ITS

Die im ITS überlieferten Dokumente zu den DPs umfassen Unterlagen zu einzelnen Personen aus nahezu allen europäischen Ländern, wie zum Beispiel Anträge auf Unterstützung bei der IRO, Fallakten von unbegleiteten Kindern, Registrierungskarten sowie Schriftstücke, die die Situation in den zahlreichen DP-Camps zeigen. Weitere Bestände enthalten Informationen zur Repatriierung in die Herkunftsländer und zur Emigration in ein Drittland sowie zur Tätigkeit des ITS, der Überlebende sowie Angehörige von Ermordeten bei der Suche nach Familienmitgliedern und der Dokumentation der Lagerhaft unterstützt(e). Die Unterlagen sind im Digitalen ITS-Archiv vor Ort in Bad Arolsen durchsuchbar. Über ein Online-Formular ist es zudem möglich, beispielsweise nach Unterlagen von DPs an einem bzw. aus einem bestimmten Ort zu fragen. Weitere Informationen und pädagogisch aufbereitetes Material finden Sie in den pädagogischen Handreichungen des ITS, die unter https://www.its-arolsen.org/bildung/paedagogische-materialien/ und https://www.its-arolsen.org/bildung/paedagogische-materialien/displaced-persons/ kostenlos zur Verfügung stehen.  

Für Fortbildungen zum Thema DPs siehe hier.

 

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