Von Gerit-Jan Stecker

Du hast es über die Grenze geschafft und bist der folternden Polizei deiner Heimat entkommen. Nun suchst du im Nachbarland eine sichere, trockene und warme Unterkunft für die Nacht. Aber du findest sie nicht ... – eine Szene aus dem Spiel „Last Exit Flucht“ das durch eine Kombination aus spielerischer Erfahrung und detaillierter Information ein Bewusstsein für die Schutzbedürftigkeit von Geflüchteten und die Notwendigkeit von Lösungen für deren Probleme schaffen soll. 

Last Exit Flucht richtet sich an Dreizehn- bis Vierzehnjährige und könnte z. B. als Hausaufgabe für Schulklassen eingesetzt werden. Herausgegeben hat es die Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen (UNHCR), die auch "My Life as a Refugee" für Smartphones verantwortet und deren aktuellste Bildungsmaterialien ebenfalls in diesem Magazin vorgestellt werden. Zusätzlich bietet Last Exit Flucht Hintergrundinformationen zum Thema Geflüchtete und Menschenrechte sowie einen Leitfaden für Lehrkräfte mit zahlreichen Vorschlägen für den Einsatz im Unterricht, wie z. B. für Rollenspiele und Gruppendiskussionen zu den jeweiligen Spielabschnitten. Zusätzlich liefert er weitere Informationen und Anregungen für die Jugendlichen zum selbstständigen weiterarbeiten, beispielsweise ist die allgemeine Erklärung der Menschenrechte angehängt. Die Abschnitte können einzeln oder als Ganzes heruntergeladen werden. 

„Krieg und Konflikt“ 

Das Spiel besteht aus drei Teilen mit je vier Level, die unabhängig voneinander gespielt werden können: Im ersten mit dem Titel "Krieg und Konflikt" geraten die Spieler_innen in ein Polizeiverhör. Sie werden mit einigen Aussagen konfrontiert, auf regimekritische Antworten reagieren die Ordnungskräfte mit Gewalt. Dieser Einstieg ist sinnvoll, weil er zeigt, dass Fluchtgründe schon bestehen können, wenn im Heimatland kein offiziell erklärter Krieg herrscht. Schnell wird klar: Nun heißt es Haft – oder Flucht. Die Spieler_innen haben eine Minute Zeit zu entscheiden, was sie für die ungewisse Zukunft benötigen. Auf dem Weg zur Staatsgrenze müssen unter Druck weitere existentielle Entscheidungen gefällt werden: Wie kann ich mich sicher fortbewegen? Was passiert, wenn ich die Dienste von einem Schlepper kaufe? 

Der Leitfaden für Lehrkräfte geht an dieser Stelle auf Unterdrückungssituationen ein, die Jugendliche kennen. Er empfiehlt Recherchen und Übungen zu Menschenrechten und zur Perspektivübernahme von Menschen, die so schnell wie möglich ein Land verlassen müssen und die Bedingungen, die sie dafür vorfinden. Die Unterschiede zwischen Fluchthilfe, Menschenschmuggel und -handel können anhand des „Emergency Rescue Committes von Varian Fry aus der NS-Zeit und mit aktuellen Quellen herausgearbeitet werden. 

Das „Fakten-Web“ bietet nach jedem Level ergänzende Informationen über Flüchtlingsfragen und Menschenrechte. In Texten und Videosequenzen kommen Flüchtlinge selbst zu Wort und es wird ein Einblick in die Situation in verschiedenen Ländern gegeben. Allerdings fehlen einige Aktualisierungen, etwa zum Arbeitsrecht für Geflüchtete in der Bundesrepublik. Diese können aber leicht von den Lehrenden ergänzt werden. 

„Grenzland“ 

Im zweiten Teil ist die Grenze überwunden. Jetzt erfahren die Spieler_innen, dass dieses Land selbst politisch instabil ist und sie kein Asyl beantragen können. Die Ergänzung empfiehlt unter anderem Gruppenspiele, die auf die Gefühle beim Warten auf einen Asylbescheid eingehen (Wut, Angst, Apathie und eine offene Alternative), auf Faktoren, die unsere Ansichten zu Flucht usw. beeinflussen und auf das Problem, dass Fluchtprävention durch Verbesserung der Verhältnisse in den Herkunftsländern bisher nicht international gewährleistet wird. Die Flucht geht also weiter. 

Im nächsten Staat landen die Geflüchteten in einem Flüchtlingsaufnahmezentrum und erleben, wie es ist, sich nicht verständigen zu können und allein, ausgegrenzt und ohne soziales Netz zu sein, während sie nicht wissen, ob ihre Angehörigen im Herkunftsland sicher sind. Also müssen sie zunächst eine_n Dolmetscher_in finden. Zur Vertiefung können die Jugendlichen bspw. in Kleingruppen jeweils Organisationen suchen, die sich für die Rechte von Geflüchteten einsetzen, die psychosoziale Betreuung von Folteropfern leisten und unbegleitete Minderjährige Geflüchtete unterstützen. 

„Das neue Leben“ 

Im nächsten Level fragt ein Quiz für sieben Personen "Flüchtling oder Einwanderer?". Die Spielenden nähern sich der wesentlichen Unterscheidung zwischen Flüchtlingen, die keine Wahl haben und nur unter großer Gefahr in ihre Heimat zurückkehren könnten, und Einwanderern, die ohne Risiko ihre Verwandten daheim besuchen können. In Anschlussübungen können sie darauf eingehen, was Asyl bedeutet.

Dann kommt der erste Schultag im Asylantragsland. Die Schüler_innen sollen zum Nachdenken angeregt werden, wie es den Neuen an der Schule geht, die ungeschriebene Regeln und Sprache noch nicht beherrschen und was sie für tun können, damit diese sich willkommen fühlen.

Am Beginn des dritten Teils haben die Spielenden einen wichtigen Schritt geschafft: Der Asylantrag wurde genehmigt, sie sind ein anerkannter „Flüchtling“. Doch jetzt müssen sie ihr Leben neu organisieren. Zunächst simuliert das Spiel die Arbeitssuche und den Handykauf. In erster Linie sollen die Spieler_innen hier verstehen, wie wichtig es ist, ökonomisch nicht permanent von anderen abhängig zu sein. Dabei sind sie ständig mit Vorurteilen konfrontiert. Der Lehrer_innenleitfaden bietet an, auf aktuelle Hindernisse im Arbeitsrechts für Asylsuchende und auf Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt einzugehen. In der Klasse kann der letzte Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte diskutiert werden, die unter anderem die Verbreitung von rassistisch herabsetzendem Gedankengut einschränkt, ohne dabei Gewissens- und Gedankenfreiheit zu beschränken.

Um zu zeigen, dass Kulturen sich grundsätzlich immer gegenseitig beeinflusst haben und durch Mischung überhaupt erst entstanden sind, bietet der Leitfaden ebenfalls einige Gruppenspiele an. Unterschiedliche Vorstellungen von Umgangsformen und sozialen Rollen behandelt das Level „Dein erstes Zuhause“ und der Kontakt mit den neuen Nachbar_innen. Wie schwer es ist, von Neuem zu beginnen und als Geflüchtete_r eine Wohnung zu erhalten, greift der Leitfaden auf. Die Klasse kann zudem überlegen, wie eine gute Integration ihrer Meinung nach funktionieren sollte. 

Fazit

Allein wegen seines Alters entspricht „Last Exit Flucht“ nicht den technischen und ästhetischen Ansprüchen, den manche Jugendliche an Spiele stellen. Spielende klicken vielmehr sich durch eine Bildergeschichte (das ist etwa im 3D-Spiel "Frontiers" anders). Doch noch immer bietet es einen vergleichsweise anschaulichen Zugang zum Thema, der, etwa als Hausaufgabe, ohne Anleitung durch Lehrkräfte funktioniert. Es kann insbesondere Lehrkräfte der Fächer z. B. Ethik, Religion, Geographie, Geschichte, Deutsch, Sozialkunde, Politik oder Kunst unterstützen.

Besonders hervorzuheben ist, dass die Kombination mit den Ergänzungsmethoden ermöglicht eine sowohl niedrigschwellige und von den Erfahrungen der Schüler_innen selbst ausgehende, als auch detaillierte und tiefgehende Auseinandersetzung mit den zahlreichen, individuellen Facetten von Flucht und Zwangsmigration ermöglicht. Das Online-Spiel selbst birgt Frustrationspotential: Einige Aufgaben scheinen unlösbar – was zwar der Fluchtrealität entspricht, aber den Spielcharakter mindert; das Game-Design ist zum Teil unkomfortabel. Die Unterrichtstipps für Lehrerinnen und Lehrer sind durchdacht, vielschichtig und praktikabel und dagegen sehr empfehlenswert. 

 

Web: http://www.lastexitflucht.org/againstallodds/

 

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