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Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Dritte Reich 1938 wurde die Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ in Wien - das heutige Otto Wagner-Spital – zum Wiener Zentrum der nationalsozialistischen Tötungsmedizin. Von 1940 bis 1945 gab es auf dem Gelände des Krankenhauses eine sogenannte Kinderfachabteilung, in der rund 800 kranke oder behinderte Kinder und Jugendliche umkamen. Unter dem Titel „Der Krieg gegen die „Minderwertigen“. Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien“ erinnert eine virtuelle und reale Ausstellung in 19 Kapiteln an die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen in Österreich.

Die virtuelle Ausstellung

Dabei setzt die Erzählung der Ausstellung nicht erst in der Nazizeit ein, sondern beginnt mit der Separierung von als geistig behindert klassifizierten Menschen vom Rest der Gesellschaft im 18. Jahrhundert und zeichnet die Entwicklung der so genannten „Irrenpflege“ in Wien bis zur Zwischenkriegszeit nach. Des weiteren wird die Ideologie der Eugenik und Rassenhygiene sowie die Rolle der Anthropologie in der Rassenpolitik erläutert. Einige Kapitel sind der Entwicklung der Medizin in Deutschland zwischen 1933 und 1938, dem Exodus der jüdischen Ärzteschaft und der Arbeit des Wiener Hauptgesundheitsamtes in dieser Zeit gewidmet. Die Tötung im Namen der Medizin wird nicht nur anhand der T4-Mordaktionen, sondern auch anhand von Zwangssterilisierungen, der Verfolgung abweichenden Verhaltens, Zwangserziehung und dem Zusammenhang von „Euthanasie“ und Holocaust verdeutlicht. Ein Kapitel befasst sich mit dem Widerstand gegen die NS-“Euthanasie“, der anhand von Einzelbeispielen aus Wien verdeutlicht wird. Die Ausstellung schließt mit zwei Kapiteln über den Umgang mit den NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit im sogenannten Nürnberger Ärzteprozess und anhand des Falls des NS-Tötungsarztes und späteren Psychiaters und Gerichtsgutachters Dr. Heinrich Gross. Abschließend versucht die Ausstellung anhand der heutigen Bio-Psychiatrie, Genetik und „Euthanasie“-Debatte einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen.

Die Ausstellung bietet damit ein umfassendes Bild der Medizin im Nationalsozialismus, die sich nicht nur auf die viel thematisierte „Euthanasie“ konzentriert, sondern einen umfassenden Einblick in nationalsozialistische Verbrechen unter dem Denkmal der Heilung und Gesundheit darstellt.

Dokumente, Totenbuch und Bibliothek

Die einzelnen Kapitel der Ausstellung werden begleitet von zahlreichen Fotografien und historischen Dokumenten wie Auszüge aus Krankenakten, sogenannte Abstammungsnachweise, amtliche Dokumente, NS-Propagandamaterial zur Rassenhygiene und Ähnliches. Diese Dokumente liegen allesamt in einer sehr guten Qualität vor, so dass sie auch in der Bildungsarbeit verwendet werden können. Neben einer Chronologie zu jedem einzelnen Kapitel befindet sich auf der Webseite eine digitalisierte Version des Totenbuches der Wiener „Euthanasie“-Klinik. Alle Todesfälle von der Gründung der Anstalt im Juli 1940 bis zum Kriegsende sind hier aufgelistet, und können über eine zeitliche oder namentliche Suche erschlossen werden. Zudem finden sich einige Porträtfotografien von Spiegelgrundopfern, die aus den Krankenakten der Klinik stammen.

In dem Bereich Bibliothek finden sich weiterführende Literaturhinweise, thematisch sortiert, wobei der Schwerpunkt auf überregionalen Studien von allgemeinem Interesse sowie auf österreichischen Regional- und Lokalstudien liegt. Einige Artikel stehen auch als Volltext im pdf-Format zur Verfügung und sind über eine Volltextsuche zugänglich.

Die Ausstellung ist das virtuelle Pendant zu einer Ausstellung im Otto-Wagner-Spital, die von Mittwoch bis Samstag für Interessierte geöffnet ist. Der Eintritt ist kostenlos. Zudem werden nach Anmeldung Führungen, Zeitzeugengespräche und Workshops angeboten.

 

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