Online-Modul: Spanischer Bürgerkrieg

4.2.1 Antonio Machado – „Otro Clima“ („Anderes Klima“)

Anleitung

Lesen Sie im Folgenden die Auswahl der Gedichte spanischer und deutscher Lyriker (Antonio Machado, Erich Arendt, Miguel Hernández, Erich Weinert und Federico Gacía Lorca).

Diskutieren Sie die Unterschiede der vorgestellten Texte: Mit welchen stilistischen Mitteln arbeiten die Dichter? In welcher literarischen Tradition stehen sie?

Informieren Sie sich im Internet über das Leben der Dichter, insbesondere im Hinblick auf ihre Aktivitäten und Erlebnisse während des Spanischen Bürgerkriegs. 

¡ Oh cámaras del tiempo y galerías
del alma, tan desnudas!,
dijo el poeta. De los claros días
pasan las sombras mudas.
Se apaga el canto de las viejas horas
cual rezo de alegrías enclaustradas;
el tiempo lleva un desfilar de auroras
con séquito de estrellas empañadas.
¿Un mundo muere? ¿Nace
un mundo? ¿En la marina
panza del globo hace
nueva nave su estrella diamantina?
¿Quillas al sol la vieja flota yace?
¿Es el mundo nacido en el pecado,
el mundo del trabajo y la fatiga?
¿Un mundo bueno para ser salvado
otra vez? ¡Otra vez! Qué Dios lo diga.
Calló el poeta, el hombre solitario,
porque un aire de cielo aterecido
le amortecía el fino estradivario.
Sangrábale el oído.
Desde la cumbre vio el desierto llano
con sombras de gigantes con escudos,
y en el verde fragor del océano
torsos de esclavos jadear desnudos,
y un nihil de fuego escrito
tras de la selva huraña,
en áspero granito,
y el rayo de un camino en la montaña ...
Oh ihr Kammern der Zeit und Galerien
der Seele! So nackt, so kahl!,
sprach der Dichter. Von hellen Tagen ziehen
Schatten vorbei: lautlos, fahl.
Es erlischt der vergangenen Stunden Lied
wie Gebet ins Kloster gesperrter Freuden.
Mit Morgenröten die Zeit vorüberzieht,
die einen Tross von trüben Sternen leiten.
Stirbt eine Welt? Wird eine
neue geboren? Bricht auf dem Erdbauch sich
durch die hohe See seine
Bahn ein neues Schiff, mit diamant'nem Strich?
Treibt kieloben unter dem Sonnenscheine
die alte Flotte? Eine Welt, in Sünde
geboren, Welt voller Arbeit, Mühsal, Mord?
Welt, die es verdient, dass sie Rettung finde?
Noch einmal? Noch einmal! Gott spreche das Wort.
Es schwieg der Dichter, der Mann, der einsam harrt.
Zerstört ward seine Stradivari zuvor
von der Luft eines Himmels, zu Eis erstarrt.
Es blutete ihm das Ohr.
Vom Gipfel sah er die Wüste sich dehnen,
darüber die Schatten von Riesen streichen,
Riesen mit Schilden, und im grünen Dröhnen
der See nackte Leiber von Sklaven keuchen.
Und ein Nichts aus Feuerschein
stand hinterm Wald geschrieben,
in rauhem Granitgestein,
und der Blitz eines Wegs im Gebirge drüben …

„Wer Antonio Machado nicht kennt, kennt Spanien nicht. Nicht das Spanien der ewigen Einsamkeit und Stille und nicht das Spanien des ewigen Zorns, das Kainsland ('wo man den Schatten Kains noch irren sieht', wie Machado schrieb). […] diese karge kastilische Landschaft, in der das Licht alle Dinge nackt erscheinen lässt und nirgends ein Versteck bietet, wurde für ihn zum Sinnbild Spaniens und der spanischen Tragödie.“
(Peter Hamm, Neue Zürcher Zeitung, 16.10.2010) (29.04.2016)

Zentrales Thema seiner Lyrik ist die Einsamkeit (Soledades). Seine Formulierung von den „Zwei Spanien“ in seinem Gedicht „Proverbios y Cantares“ wurde zum geflügelten Wort für die harten Gegensätze zwischen Rechten und Linken in Spanien.

Das Gedicht „Otro Clima“ („Anders Klima“),
übertragen von Fritz Vogelsang, erschien erstmals im deutschen Inselverlag 1964. Es sollte bis 1996 dauern, bis sich ein deutschsprachiger Verlag, der Schweizer Ammann Verlag, um eine Werkausgabe des in unserem Sprachraum weitgehend unbekannt gebliebenen Dichters kümmerte: Antonio Machado, geboren 1875 in Sevilla, gestorben 1939 im südfranzösischen Collioure, wenige Tage nach seiner Flucht über die Pyrenäen vor den anrückenden Truppen Francos. In der Ankündigung wird auf die große Bedeutung seiner Poesie hingewiesen:

„Vielen Spaniern [gilt er] als der bedeutendste Lyriker ihres Landes in diesem Jahrhundert: ein Dichter der geballten Stille, ein unadretter Mensch von überwältigender Lauterkeit, eine dauerhaft provozierende moralische Autorität, gegründet auf keinem sicheren Glaubensbestand, sondern auf der suchenden Ehrlichkeit des nie beruhigten Zweifels.
Antonio Machado gehörte zur 'Generation von 98'. Seine Dichtung ist vor allem Gedankenlyrik von formaler und sprachlicher Schlichtheit. Sein Hauptwerk Campos de Castilla (1912) wendet sich der Außenwelt zu: der Landschaft Kastiliens und seiner problematischen Geschichte. In seiner späten, aphoristischen Prosa verbirgt er sich ironisch hinter den apokryphen Gestalten des Philosophieprofessors Abel Martin und dessen Schüler Juan de Mairena. […] Als erster Band unserer Ausgabe erscheinen die 96 Gedichte aus dem Frühwerk, die 1907 unter dem Titel Soledades, galerias y otras poemas in Spanien herausgebracht wurden. Sie gehören zu den Schlüsselwerken der modernen Literatur und waren damals sehr erfolgreich, in dem Sinne, als sie für eine ganze Generation spanischer Lyriker eine Brücke zur Moderne schlugen.“

Literatur

  • Antonio Machado, Gedichte, ausgewählt und übertragen von Fitz Vogelsang, Frankfurt a. M. 1963, S. 82f.

  • Folgende Gedichte wurden von Joan Manuel Serrat vertont und gesungen: A un olmo seco, Cantares, Del pasado efímero, Guitarra del Mesón, He andado muchos caminos, La saeta, Las moscas, Llanto y coplas, Parábola.

  • Antonio Machado – Fotografien aus dem Leben von Antonio Machado, mit der Musik von Paco Ibañez (2:31 Min.).(29.04.2016).

  • „Antonio Machado, últimos años de vida“ , Dokumentation (über die letzten Jahre seines Lebens, mit historischen Aufnahmen, in Spanisch, 3:25 Min.), (29.04.2016).

  • ¿Te acuerdas? – ‚El poeta en el exilio’, Dokumentation über den Dichter, der auf dem Weg ins französische Exil an den Strapazen starb (mit historischen Aufnahmen, in Spanisch, 3:06 Min.)(29.04.2016).

  • Ingeborg Nickel: Zur Rolle der spanischen Schriftsteller im Spanischen Bürgerkrieg (1936–39), online hier: (30.05.2016).

Weiter zu

Erich Arendt „Es hat die Besten der Welt bewegt“

Miguel Hernández – „El Herido“ („Der Verwundete“)

Erich Weinert – „Kinderspiel in Madrid“

Federico García Lorca – „La Guitarra“ („Die Gitarre“)

 

 

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