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Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

Julia Franke ist im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst für Museumspädagogik , Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Von Julia Franke

Am 22. Juni 1941 begann unter dem Decknamen Unternehmen Barbarossa der Angriff der deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten auf die Sowjetunion. Unter Missachtung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes („Hitler-Stalin-Pakt“ oder auch „Molotow-Ribbentrop-Vertrag“) hatten die militärischen Planungen bereits im Sommer 1940 begonnen. Dieser Krieg unterschied sich in seinem Charakter grundsätzlich von den vorangegangenen Kriegen. Die Wehrmacht plante und führte ihn von Anfang an als Vernichtungskrieg und missachtete dabei völkerrechtliche Normen. Wehrmacht, SS und Polizeitruppen gingen mit aller Rücksichtslosigkeit und Härte gegen Kriegsgefangene und Zivilisten vor. Deutsche Kriegführung und Besatzungspolitik kosteten 27 Millionen Sowjetbürgern das Leben, davon 14 Millionen Zivilisten. In keinem anderen Land Europas sind während des Zweiten Weltkrieges mehr Soldaten und Zivilisten gestorben.

Aus diesen Gründen hat sich der 22. Juni 1941 in das Gedächtnis von Russen, Weißrussen und Ukrainern tief eingebrannt. In Deutschland hingegen ist dieses Datum kaum bekannt – trotz der in den vergangenen Jahren verstärkt geführten Diskussion um die Verbrechen der Wehrmacht.

Das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst, das seit 1994 von den ehemaligen Kriegsgegnern getragen wird, erinnert als einziges Museum in der Bundesrepublik Deutschland mit einer Dauerausstellung an den Deutsch-Sowjetischen Krieg von 1941 bis 1945. Dieser Krieg wird in der Russischen Föderation sowie den sowjetischen Nachfolgestaaten „Großer Vaterländischer Krieg“ genannt. Dem Deutsch-Russischen Museums ist es ein zentrales Anliegen, die unterschiedlichen Perspektiven und Erinnerungskulturen des Zweiten Weltkriegs und insbesondere des deutschen Vernichtungskrieges in der Sowjetunion zu präsentieren.

Die Dauerausstellung des Deutsch-Russischen Museums fokussiert auf den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Gleichzeitig handelt es sich bei dem Museum um den historischen Ort der Kapitulation vom 8. Mai 1945. Im heutigen Museumsgebäude wurde von allen vier Alliierten sowie den Oberkommandierenden der Wehrmacht die Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Mit der bedingungslosen Kapitulation ging in Berlin-Karlshorst der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. So ist insbesondere für Schulklassen ein Museumsbesuch auch deshalb attraktiv, weil sie einen wichtigen historischen Ort des 20. Jahrhunderts besuchen.

Derzeit wird die bestehende Dauerausstellung überarbeitet. Parallel dazu baut das Museum ein Bildungsprogramm auf, dessen zentraler Bestandteil der (Vernichtungs-) Krieg ist. Im Sinne der bilateralen Trägerschaft versucht das Museum, unterschiedliche Perspektiven anzubieten. Ziel ist es, insbesondere über die deutschen Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten aufzuklären. Beleuchtet werden unter anderem die deutsche Besatzungs- und Hungerpolitik und die Blockade Leningrads.

Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion wird in den Rahmenlehrplänen im Fach Geschichte nicht explizit benannt. In den Lehrbüchern wird er im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Außenpolitik behandelt. Der Vernichtungskrieg ist also Teil des Curriculums, aber nicht notwendigerweise auch Bestandteil des Unterrichts an Berliner wie Brandenburger Schulen der gymnasialen Oberstufe. Beim Thema „Herrschaft und Ideologie im NS-Staat“ werden folgende Unterpunkte benannt: Widerstand und ziviler Ungehorsam, Holocaust und Zweiter Weltkrieg. Als wichtiger Schauplatz des Holocaust sind die deutsch besetzten Gebiete der Sowjetunion also durchaus berücksichtigt. Allerdings sind darüber hinaus andere Opfergruppen wie zum Beispiel die sowjetischen Kriegsgefangenen kein Thema des Schulunterrichts, vermutlich auch, da sie noch nicht in der deutschen Erinnerungskultur etabliert sind. Auch bei anderen Opfern deutscher Mordpolitik wie beispielsweise Psychiatriepatienten oder Sinti und Roma hat es lange gedauert, bis sie als Opfergruppen des NS-Regimes anerkannt wurden.

Anlässlich des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion präsentiert das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst die Ausstellung „Juni 1941 – Der tiefe Schnitt. 24 Biografien aus dem Krieg gegen die Sowjetunion“. Sie wurde vor 10 Jahren konzipiert und erstmals gezeigt. Dennoch hat sie nichts von ihrer Aktualität und Brisanz verloren. Die Ausstellung stellt 24 Menschen vor, für die der 22. Juni 1941 auf sehr unterschiedliche Weise zur biografischen Zäsur wurde. Menschen wurden zu Tätern, Opfern und Zuschauern. Exemplarisch zeigt sich so die Bandbreite von Handlungsspielräumen und Lebensläufen auf sowjetischer wie auch auf deutscher Seite. Auch 70 Jahre nach dem 22. Juni 1941 ist es wichtig, die Erinnerungen lebendig zu halten. Aus diesem Grunde zeigt das Museum die Ausstellung „Der tiefe Schnitt“ ab Juni 2011 als Wanderausstellung in Deutschland, Russland, Belarus, der Ukraine und anderen europäischen Ländern. Dabei werden auch Möglichkeiten für pädagogische Projektarbeit eröffnet, unter anderem in internationalen Kooperationen zwischen russischen und deutschen Jugendlichen.

Mehr Informationen über das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst finden Sie auf der Webseite des Museums.

 

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