Empfehlung Fachdidaktik

Modellprojekt „kunst – raum – erinnerung“

Bildungsverbund für die Internationale Jugendbegegnungsstätte Sachsenhausen e.V. (Hg.): Kunst – Raum – Erinnerung. Künstlerische und kulturpädagogische Strategien in KZ-Gedenkstätten, Potsdam 2010, 186 Seiten.

Die vorliegende Broschüre ist das Ergebnis des deutsch-polnischen Modellprojekts „kunst – raum – erinnerung“ an den KZ-Gedenkstätten Sachsenhausen und Auschwitz/Oświęcim. Ziel war es, eine produktive Verbindung herzustellen zwischen der historisch-politischen Bildung und der Kulturpädagogik. Die Erfahrungen aus drei Jahren praktischer Zusammenarbeit seien sehr positiv, so Frauke Havekost und Bernd Mones vom Bildungsverbund für die IJBS Sachsenhausen e.V. Die vielfältigen Möglichkeiten der Kulturpädagogik, Menschen jeden Alters anzusprechen, eröffne Raum für neue Ideen in der Gedenkstättenarbeit. Eine Gedenkstättenpädagogik, die zum Funktionieren der Zivilgesellschaft beitragen will, stehe, so Havekost und Mones, heute vor zwei großen Herausforderungen: Dem fehlenden Austausch mit Zeitzeug/innen und der heterogenen Zusammensetzung der Gesellschaft mit unterschiedlichen biografischen Zugängen zur NS-Geschichte.

Wie kann die Kulturpädagogik zum Erreichen dieser Ziele beitragen? Zwischen 2007 und 2010 entwickelten Pädago/innen gemeinsam mit Künstler/innen aus Deutschland und Polen 17 Kunstworkshops und -projekte. Jugendliche aus Brandenburg und Südpolen sollten sich mittels Fotografie, Comic, Bildhauerei, Literatur oder Video mit der Geschichte der Gedenkstätten Oswiecim und Sachsenhausen auseinandersetzen. Dass es sich hierbei um vielfältige und zum Teil auch gegensätzliche Zugänge zum historischen Thema handelt, spiegelt sich auch in den vorliegenden Texten wider. Mirko Wetzel, einer der Verfasser der Broschüre, sieht hierin jedoch einen großen Vorteil, schließlich sei die pädagogische Arbeit zum NS von Ambivalenzen und Heterogenität geprägt. Wenn es gelingt, diese Differenzen konstruktiv und produktiv umzusetzen, sei es durchaus möglich, Jugendliche zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anzuregen.

Im ersten Kapitel der durchgängig zweisprachigen Publikation werden mosaikartig Ideen, Thesen und Diskussionsprotokolle aus der Anfangsphase des Projekts vorgestellt. Hier wird deutlich, dass „kunst -raum -erinnerung“ wenig an praktische Vorläufer anknüpfen konnte und deshalb tatsächlich alle Beteiligten Pionierarbeit im Dreieck zwischen Kunst, Bildung und Gedenkstätten leisten mussten. Im Zentrum des zweiten Kapitels stehen die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams und Fragen nach dem Verhältnis von kreativer außerschulischer Bildungsarbeit und stärker institutionalisiertem Lernen in der Schule. Hier geben die Autor/innen Anregungen, wie die komplexe Zusammenarbeit mit heterogenen Teams funktionieren kann und was dabei beachtet werden sollte. Unter der Überschrift „Die NS-Geschichte und ich“ finden sich Ideen, wie Jugendliche zu einer „prozessorientierten, reflexionsbetonten, diskussionsfreudigen und persönlichen Auseinandersetzung“ mit der Geschichte des Nationalsozialismus angeregt werden können.

Weitere Kapitel widmen sich der Frage des spezifischen Ortes, d.h. der KZ-Gedenkstätten und zeigen kreative Eingreif- und Aneignungsmöglichkeiten dieser komplexen Räume auf. Nicht zu vergessen handelte es sich um ein deutsch-polnisches Projekt, weshalb auch der zweisprachige Kontext gesonderte Erwähnung findet. Den Abschluss dieser äußerst lesenswerten und anregenden Broschüre bilden neun Thesen zu „Chancen und Bedingungen künstlerisch-pädagogischer Zugänge in der Gedenkstättenarbeit“. Sie wollen Mut machen, den schwierigen Weg zu gehen, Jugendliche ernst zu nehmen und sie auf kreative Weise zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anzuregen. Ein inspirierendes Plädoyer für eine reflektierte Bildungsarbeit zum NS.

Die Broschüre kann in Form eines pdf-Dokuments kostenlos von der Webseite des Bildungsverbundes heruntergeladen werden.

 

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