Nähert man sich Le Mémorial im normannischen Caen im Norden Frankreichs wird man beinahe erschlagen von dem massiven Granitblock, in dessen Inneren sich das Museum befindet und das man durch eine Bruchstelle in der Mitte des Blockes betritt. Vor dem Museum wehen die Fahnen verschiedener Länder, das Gebäude und die Institution dahinter will offenbar beeindrucken.

Dieser erste Eindruck nimmt den selbst erteilten Auftrag des Mémorial vorweg. Caen, als Stadt, die unter den Kämpfen im Rahmen der Befreiung Europas durch die Alliierten im Sommer 1944 massiv gelitten hat, sei die richtige Stelle um einen Ort der Versöhnung zu schaffen. Zu diesem Zweck widmet sich das Museum der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zwischen den Kerndaten 28. Juni 1914 (Attentat auf den österreichischen Kronprinzen) und 9. November 1989 (Fall der Berliner Mauer). Das Mémorial zieht also aus der Betonung des „Opfers der Normandie für ganz Europa“ den Auftrag, ein europa- oder weltweit gültigen Gedenkort der Leiden des 20. Jahrhunderts zu schaffen.

Das Museum bietet eine Vielzahl von verschiedenen Ausstellungen an, deren vollständiger Besuch mehrere Tage in Anspruch nehmen würde. Die umfangreichste Ausstellung behandelt den Zweiten Weltkrieg. Sie ist dabei sehr stark auf sinnliche Eindrücke konzentriert, beispielsweise wird der Besucher zu Anfang vom Erdgeschoss in einer Spirale nach unten geführt, bevor er dann durch einen Schlund – auditiv untermalt mit Reden Hitlers – in den Zweiten Weltkrieg „hinein gezogen“ wird. Das Museum setzt dabei stark auf eine „Erlebnispädagogik“: ein „Museum zum Anfassen“, viel Bild- und Videomaterial und vermeintlich „beeindruckende“ Exponate, wie ein Stück der Berliner Mauer und Kampfflugzeuge. Trotz dieser Darstellungsweise ist das Museum jedoch auch inhaltlich sehr gelungen und historisch fundiert. Besucht man allerdings diese Hauptausstellung mit einer Schulkasse muss man sich der Problematik der Art der Museumspädagogik bewusst sein und den Besuch entsprechend vor- sowie nachbereiten.

Die weiteren Ausstellungen beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Eine lokalgeschichtliche Ausstellung behandelt die Landung der Alliierten und die Kämpfe in der Normandie im Sommer 1944. Diese Ausstellung ist aufgrund des lokalen Bezuges besonders lohnenswert, befindet man sich doch am direkten Ort der Geschehnisse. Das Thema wird darum in einer Ausführlichkeit behandelt, die auch geschichtsbewanderten Besuchern neue Einblicke bieten kann. Spannend in diesem Zusammenhang ist auch die Darstellung der Normandie als „Ort der Aufopferung“ und der daraus abgeleitete Auftrag, einen Gedenkort zu schaffen. Allein wegen dieser spannenden Stilisierung lohnt sich der Weg nach Caen.

Weitere Ausstellungen zeigen ein buntes Sammelsurium von der Geschichte Berlins als geteilte Stadt bis zu historischen und aktuellen Ereignissen aus der Sicht von Karikaturen aus der internationalen Presse. Neben den Ausstellungen verfügt das Mémorial auch über eine Bibliothek vor Ort, aus der Bücher, DVDs, CDs und andere Materialien ausgeliehen werden können. Speziell für Schulklassen stehen außerdem – je nach Alter der Schüler und Schülerinnen – Materialien zur Beschäftigung mit unterschiedlichen Themen zur Verfügung. Außerdem bietet das Mémorial natürlich Führungen in verschiedenen Sprachen sowie so genannte „D-Day Touren“ zu den Landungsstränden in der Normandie an. Weitläufige Gärten rund um das Mémorial, die mit unterschiedlichen Denkmälern für die Opfer der Kriege und vor allem für die alliierten Soldaten ausgestattet sind, betonen den Gedenkstättenanspruch, den das Mémorial repräsentiert.

Das Mémorial ist jeden Tag außer Montags geöffnet und von Paris aus mit dem Zug in zwei Stunden zu erreichen. Umfangreiche Informationen für einen Besuch des Museums finden Sie auf der Homepage des Mémorial.

 

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