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Die Kulturalismusfalle am Beispiel des Nahostkonflikts

Professor Moshe Zuckermann lehrt seit 1990 am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas (Universität Tel Aviv) und war von 2000 bis 2005 Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte in Tel-Aviv. Seit 2010 ist er wissenschaftlicher Leiter der Sigmund Freud Privatstiftung in Wien.

Von Moshe Zuckermann

Was immer man als den Nahostkonflikt ansehen und wen man alles zu seinen Protagonisten zählen möchte, eines steht fest: Es geht nicht um das, was man mit zunehmender Vorliebe als "Kampf der Kulturen" zu apostrophieren pflegt. Der von Samuel Huntington stammende, inzwischen zum modischen Schlagwort avancierte Begriff geht am Wesen des Konflikts vollkommen vorbei, insofern er die nunmehr ein Jahrhundert währende Kollision im Nahen Osten als einen Kulturkampf gedeutet wissen will. Diese Deutung erweist sich nämlich dahingehend als ideologisch, als sie bewusst (oder nicht) kaschiert, was in diesem Konflikt den Kampf antreibt, den Hass schürt und die Gewalt befördert.

Wenn man den Nahostkonflikt als Kampf zwischen Juden und Arabern bzw. zwischen (jüdischen) Israelis und Palästinensern ansieht, so handelt es sich zunächst und vor allem um einen Territorialkonflikt mit all den möglichen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Auswirkungen, die derlei Konflikte immer schon gezeitigt haben. Dass es zu diesem Konflikt kam, ist schlicht darauf zurückzuführen, dass zwei Kollektive - ein geschichtlich bereits ansässiges und ein aus geschichtlichen Gründen zugewandertes - um ein und dasselbe Territorium streiten. Die Ansprüche der Palästinenser können sich dabei auf das ursprünglich nationalitätslose Autochthone berufen. Das Anrecht der Juden auf das Land beruft sich entweder auf biblische Gottverheißung und die damit einhergehende "Rückkehr in das Land der Urväter" oder aber auf den abstrakt generierten territoriumslosen Nationalstaatsgedanken in der zionistischen Moderne.

Den in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Palästina lebenden Arabern galten die zugezogenen Juden als Usurpatoren ihres Landes, mithin als Träger einer Kolonialbewegung. Die das Land besiedelnden Zionisten verstanden ihr Werk als Verwirklichung des Postulats, dass ein Volk ohne Land in ein Land ohne Volk einziehe. Dass sich der palästinensische Nationalismus am (entweder aus Not geborenen oder gesinnungsbeseelten) Eindringen der jüdischen Immigranten ins palästinensische Territorium schärfte, korrespondiert mit der reaktiven Herausbildung des jüdischen Nationalstaatsgedanken, namentlich als "Lösung" des "jüdischen Problems" angesichts des Aufziehens des modernen Antisemitismus in Europa. Klar sollte aber bei alledem bleiben, dass es sich bei diesem Konflikt weder um einen religiösen Krieg noch um einen (wie immer zu verstehenden) ethnischen Zwist handelte. Denn nicht nur existierten das Judentum und der Islam historisch nie in solcher Feindschaft nebeneinander, wie etwa Christentum und Judentum. Auch der gern herangezogene ethnische Faktor gerät spätestens dann ins Wanken, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der jüdischen Bevölkerung Israels sich aus Menschen orientalischer Provenienz zusammensetzt. Deren kulturelle Affinität ist, zumindest ursprünglich, viel mehr der arabischen als einer europäischen bzw. westlichen Zivilisationssphäre zuzuordnen.

Genau deshalb argumentiert man auch letztlich ideologisch, wenn man den in der innerisraelischen Realität vorherrschenden Konflikt zwischen aschkenasischen und orientalischen Juden als einen ethnisch-kulturellen deutet. Denn so sehr sich das Ressentiment mittlerweile selbst als Resultat ethnischer Kollision apostrophiert, darf man nicht vergessen, dass es sich dabei um eine sozioökonomische Klassendiskrepanz handelt: Die oberen Schichten der israelischen Gesellschaft sind weitgehend von aschkenasischen, während die niedrigeren von orientalischen Juden bevölkert werden. Die untersten Schichten bilden die Araber, die zu einer kritischen Masse angewachsenen Gastarbeiter und – insofern der wirtschaftliche Aspekt belangt ist – orthodoxe Juden. Was immer wieder ausgeblendet wird, ist, dass sich diese Klassenschichtung aus der spezifischen Einwanderungs-Chronik der zionistischen Geschichte Ende des 19. und im Verlauf des 20. Jahrhunderts erklärt.

Der politische Zionismus gestaltete sich nun einmal historisch als ein westliches Projekt der europäischen Moderne; seine Träger waren es, die die Infrastruktur des Landes in der vorstaatlichen Ära anlegten. Sie waren es, die sich institutionell konsolidierten – und sie waren es eben auch, die die politisch-ökonomische Hegemonie innehatten, als nach der Staatsgründung die großen Einwanderungswellen von Juden arabischer Provenienz ins Land kamen. Dass dabei zionistische Gleichheitsparolen mit objektiven (mithin bewusst fortgesetzten) Sozialdiskrepanzen kollidierten, mochte späterhin in kulturalistisch eingefärbte ethnische Parolen des Ressentiments münden. Aber man machte sich dabei blind für die Realität des geschichtlichen Wirkzusammenhangs – genauso wie man heute mit Lust zu vergessen geneigt ist, wo die historischen Bedingungen für die Verfestigung des überall auf der Welt wütenden Hasses zwischen Juden und Arabern lagen.