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Wahrnehmungen befragen und Stereotypen erkennen

Lic. phil. Alexander Hasgall ist Historiker und Publizist und promoviert im Moment zum Thema „Anerkennung und die Politik der Erinnerung.“ Er lebt in Berlin und Zürich.

Von Alexander Hasgall

Die Erstürmung des türkischen Passagierschiffs „Marvi Marwara“ durch die israelische Armee bot dem Beobachter die Möglichkeit, die hiesigen Wahrnehmungen des Nahostkonflikts in gleichsam idealtypischer Weise nachzuvollziehen. Noch bevor konkrete Informationen erhältlich waren, war von einer aggressiven israelischen Streitmacht die Rede, die mit maßloser Gewalt eine Flotte von Friedensaktivisten angreift und fast ein Dutzend davon tötete. Die Abgeordnete der Linkspartei Annette Groth wurde  gar mit der Behauptung zitiert,  die israelische Armee habe auf dem Schiff ein „killing“ geplant.  Erst als Videoaufnahmen belegten, wie angebliche „Friedensaktivsten“ die israelischen Soldaten mit Eisenstangen und Messern angriffen, kam es zumindest in Deutschland zu differenzierteren Wahrnehmungen. Trotzdem blieb Israel auf der Anklagebank.

Wahrnehmungsmuster

Dieses Wahrnehmungsmuster – hier friedliche Aktivisten, dort eine brutale Armee – ist in Deutschland weit verbreitet. So resümiert das Duisburger Instituts für Sprach und Sozialforschung in einer 2002 veröffentlichten Studie, dass Israelis und Israel mit „Negativcharakterisierungen bedacht werden, insbesondere wenn es um das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen der als martialisch charakterisierten israelischen Armee auf der einen, und den als hoffnungslos unterlegen dargestellten Palästinensern auf der anderen Seite geht (Panzer gegen Steinewerfer).“ Zwar würden, so die Autoren der vom American Jewish Committee in Auftrag gegebenen Studie, auch die Palästinenser “durchweg kritisch gesehen“, jedoch erscheinen diese „doch eindeutig in der Rolle der Opfer.“ Die Berichterstattung verkennt also oftmals  nicht nur die Komplexität des Themas, sondern fördert auch  eine  einseitige Wahrnehmung des Konfliktes, indem sie dichotome Wahrnehmungsmuster bedient und stereotypisierte Erklärungsmodelle propagiert.

Die israelische Lobby

Dämonisierungen der israelischen Politik treten oft im Zusammenhang antisemitischer Verschwörungstheorien auf. Dies zeigt sich im gerne benutzten Schlagwort der Israel-Lobby. Jedes Land und jede politische Gruppe versuchen Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen. Trotzdem ist alleine von einer „israelischen Lobby“ die Rede, nicht von einer saudischen, palästinensischen oder beispielsweise italienischen Lobby. Damit verbindet sich auch gerne die Behauptung, der Staat der Juden missbrauche den Holocaust, um Deutschland damit zu erpressen. Dieser Vorwurf wird gemeinhin als sekundärer Antisemitismus bezeichnet, und ist insbesondere in Deutschland eine Möglichkeit, sich selbst zu Opfern zu stilisieren. Dazu gehört weiterhin die immer wieder vorgetragene Behauptung, man könne als Deutscher Israel nicht kritisieren. Alleine ein Blick in die Kommentarspalten der Tagespresse reicht, um diese Behauptung zu widerlegen.

Doch ist nicht - so könnte man einwenden – ein offenes und kritisches Wort gerade unter Freunden angebracht? Und bieten die Handlungen der israelischen Regierung nicht genug Anlass zur Kritik? Dazu ist zu sagen: Selbstverständlich ist  Kritik unter Freunden legitim, und die misslungene Aktion auf dem Schiff lässt sich tatsächlich kritisieren. Doch diese  Kritik – falls wirklich in Freundschaft – muss von Sympathie und dem Sinn für Solidarität getragen sein. Übersteigerte Schuldzuweisungen und Dämonisierung gehören sicher nicht dazu.

Konsequenz für die Bildung

Die Komplexität des Nahostkonflikts, verbunden mit den oftmals auch nur unbewusst verbreiteten antisemitischen Diskurselementen, bildet eine besondere Herausforderung für die Bildungsarbeit.

So ist die Vermittlung eines soliden Wissens über die Hintergründe des Konfliktes unabdingbar.  Die Ereignisse im Nahen Osten haben eine Vorgeschichte und diese gilt es zu lehren. Dabei soll vermieden werden, dass die Region nur auf die Konflikte reduziert wird. Vielmehr sollte anerkannt werden, dass die Lebensrealität der verschiedenen Beteiligten um einiges vielfältiger ist und sich nicht alleine auf den Konflikt begrenzen lässt.

Doch mit Wissensvermittlung  alleine ist es nicht getan. Denn gerade die stärke Präsenz des Nahostkonflikt in den Medien geht auch mit einer wahren Flut an Informationen einher.  Die oftmals erhobene Forderung nach Förderung der Informationskompetenz ist an dieser Stelle in besonderem Masse berechtigt. Nur wer um stereotypisierende Darstellungen des Konflikts weiß und diese erkennt, ist in der Lage, angemessen damit umzugehen.