Projekt

Wer, wenn nicht wir?

Seit 1992 initiiert die Graphikerin Silvia Izi mit Schülern verschiedener Altersgruppen Malaktionen gegen Gewalt und Rassismus. Inzwischen haben sich mehr als 100 Schulen aus den verschiedensten Bundesländern beteiligt. Die Schüler stellen ihre Arbeiten an öffentlichen Plätzen ihrer Heimatstadt aus. Eine Auswahl davon wird in einer Wanderausstellung bundesweit der Öffentlichkeit vorgestellt.

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Eckdaten

Ort/Bundesland: Rheinland-Pfalz
Schulen: Über 100 Schulen bundesweit
Autorin: Silvia Izi
Altersgruppe: 18 Jahre und älter
Fach: Kunst

Bibliografie

  • Izi, Silvia: Wer, wenn nicht wir? Schülerbilder gegen Gewalt und Rassismus, Mainz 1996
  • Lipowsky, Helene: Für Toleranz und Fremdenfreundlichkeit. Beiträge von Schulen, Ministerium für Bildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz (Hg.), Grünstadt 1994

Weiterführende Links

Projekt Kontakt

Silvia Izi
Phil.-Scheidemann-Str. 109
D-67971 Ludwigshafen/Rhein
Tel.: +49 (0) 6 21 67 69 51
Fax: +49 (0) 6 21 67 28 95

Hintergrund

Im Spätsommer 1992 hatten fremdenfeindliche Ausschreitungen in Deutschland bedrohliche Ausmaße angenommen, wobei sich die Anfänge allerdings schon in die frühen 80er Jahre zurückverfolgen lassen. Immer häufiger berichtete die Presse von Brandanschlägen auf Asylbewerberheime. Bilder von randalierenden, knüppelschlagenden, steinewerfenden, Naziparolen brüllenden Jugendlichen im Fernsehen lösten Wut und Schrecken aus. Erschreckend die Hilflosigkeit der Politiker, erschreckend auch, dass Jugendliche bei ihren Angriffen auf wehrlose Nicht-Deutsche oftmals von zuschauenden Erwachsenen aus der Nachbarschaft regelrecht ermuntert wurden, wie etwa in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen. War mit dem Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen eigentlich schon ein Höhepunkt rassistischer Ausschreitungen erreicht, so steigerten sich die Gräueltaten Jugendlicher noch einmal mit den mörderischen Brandanschlägen im November 1992 in Mölln und im Juni 1993 in Solingen. Acht Türkinnen kamen in den Flammen um: überwiegend Kinder und Jugendliche.

Konzept

Ziemlich spontan kam mir die Idee, an Schulen heranzutreten, um etwas im künstlerischen Bereich gegen die fortschreitende Brutalität gegen vermeintlich Fremde zu unternehmen und mit einer Bilderaktion gegen Gewalt und Intoleranz Stellung zu beziehen. Es war mir klar, dass die Schule Probleme dieser Art nicht einfach abschaffen kann, aber sie kann auf Probleme reagieren und dies mit kindgerechten Mitteln zum Ausdruck bringen. Was geschehen war, kann nicht rückgängig gemacht werden. Doch es sollte nicht einfach hingenommen und rasch wieder zur Tagesordnung übergegangen werden. Worte der Betroffenheit waren von Politikerseite bereits genug gefallen, ohne dass sich wesentliches geändert hätte.

Projektbeginn

Mitte September 1992 schrieb ich an 20 Schulleiter und lud dazu ein, sich mit Schülerinnen und Schülern an dem Projekt "Schülerbilder gegen Gewalt und Rassismus" zu beteiligen. Nach ca. acht Wochen erhielt ich von zwölf der angeschriebenen Schulen etwa 400 Bilder, die ich dann Anfang Dezember auf einem Kunstmarkt im Ludwigshafener Stadtzentrum präsentierte. Erfreut über die hohe Teilnehmerzahl und die positive Resonanz in der Öffentlichkeit, dehnte ich die Aktion auf alle weiterführenden Schulen in Rheinland-Pfalz aus und verschickte entsprechende Handzettel an ca. 350 Schulen. Über 50 Schulen schickten mir innerhalb der nächsten vier Monate weitere 3.000 Bilder, von denen ich im Juni 1993 eine Auswahl von rund 1.150 Bildern im Rathaus Ludwigshafen und in der Stadtbibliothek ausstellte. In den folgenden Jahren schlossen sich dem Projekt weitere Schulen an, u.a. aus Mainz, Dessau, Weimar, Erfurt, Mannheim und Kaiserslautern sowie zahlreichen anderen Orten. Die wachsende, immer wieder aktualisierte Ausstellung wurde stets gut besucht und sowohl von Besuchern als auch in den Medien rege diskutiert. (siehe Bilder und pdf-Dokumente)

Wandern und wachsen

Was vor über vier Jahren mit zwölf Ludwigshafener Schulen begann, hat sich bis heute erheblich ausgeweitet und ist mittlerweile bundesweit zu einer umfangreichen Wanderausstellung geworden: Etwa 4.000 Mädchen und Jungen von 8 bis 18 Jahren aus über 100 Schulen in sechs Bundesländern haben sich inzwischen an der Aktion "Wer, wenn nicht wir?" beteiligt. An 26 Orten ist die Ausstellung bisher gezeigt worden. Als Ausstellungsorte wurden ganz bewusst öffentliche Orte mit hoher Fluktuation wie Rathäuser, Landratsämter oder Stadtbibliotheken gewählt. Dadurch wird am ehesten die angestrebte Wechselwirkung von Schule und Öffentlichkeit erreicht. Schule als "Lernort fürs Leben" erhält hier ihren konkreten Sinn. Auch das Prinzip, die Ausstellung nur dort zu zeigen, wo sich Jugendliche in den Schulen vor Ort beteiligen, konnte durchgehalten werden. Dadurch wurde das Projekt ständig mit neuen Arbeiten erweitert und bereichert. Diese Vorgehensweise bewirkt sowohl eine langfristige Auseinandersetzung mit dem Thema als auch eine ständige Aktualisierung. Die aktive Einbeziehung möglichst vieler Jugendlicher in dieses Projekt steht dabei immer im Vordergrund.

Wirkung und Resonanz

Von Veranstaltern wurde berichtet, dass ganze Schulklassen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern die Ausstellung besuchten, vor den Bildern lebhaft diskutierten, auf mitgebrachten Notizblöcken Gesehenes und Gehörtes notierten und skizzierten. Bereits Kindergartenkinder fühlen sich angesprochen. Eine Erzieherin aus dem Landkreis Ludwigshafen rief mich an, sie habe nach dem Besuch der Ausstellung mit den Kindern eine Malaktion zum selben Thema veranstaltet. Die Bilder seien im Kindergarten aufgehängt und Eltern, Verwandte sowie Freunde zur "Vernissage" eingeladen worden. Begeistert von den phantasievollen Werken ihrer Sprösslinge habe sich spontan eine Elterngruppe gebildet, die nicht-deutschen Kindern sprachlichen Nachhilfeunterricht geben wollte.

Die künstlerische Auseinandersetzung ist eine Begegnung mit dem Unbewussten. Optimale Aufklärungsarbeit findet dann statt, wenn die fertigen Bilder anschließend besprochen werden und sich eine lebhafte Diskussion um Inhalte und die angemessene Umsetzung entwickelt. Bilder können gewalttätige Randalierer vielleicht nicht von ihren Taten abhalten, aber sie tragen dazu bei, sich zu erinnern und Gleichgesinnte in ihrer friedlichen Absicht zu stärken und zu vereinen. "Wer, wenn nicht wir" ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein Work in Progress und wird von mir weitergeführt, solange Nicht-Deutsche in unserem Land angegriffen werden oder sich bedroht fühlen müssen.

Publikation

Unter dem Titel "Wer, wenn nicht wir? - Schülerbilder gegen Gewalt und Rassismus" wurde 1996 eine Dokumentation dieses Projektes publiziert, illustriert mit den von der Fachjury ausgewählten eindrucksvollsten Bildern aus den temporären Ausstellungen. Das Buch erschien im Hermann Schmidt Verlag Mainz. Es ermutigt Lehrerinnen, Lehrer und Eltern, das komplexe Thema zu Hause und in der Schule bildnerisch anzugehen. Es zeigt Fachleuten, dass die Kraft des Bildes auch in Zeiten elektronischer Bildverarbeitung nicht abnimmt. In den Amtsblättern einiger Kultusministerien wird das Buch ausdrücklich für alle Schul- und Jahrgangsstufen empfohlen.

 

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