Empfehlung Fachdidaktik

Arbeit an Bildern der Erinnerung

Ästhetische Praxis in der Gedenkstättenpädagogik

Birgit Dorner, Kerstin Engelhardt (Hg.): Arbeit an Bildern der Erinnerung. Ästhetische Praxis außerschulische Jugendbildung und Gedenkstättenpädagogik (Dimensionen Sozialer Arbeit und Pflege Band 9, hg. von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München) Verlag Lucius und Lucius, Stuttgart 2006

Mit dem wachsenden zeitlichen Abstand zum Nationalsozialismus, durch den die Erlebnisgeneration für ein direktes Gespräch kaum mehr zur Verfügung steht, werden auch an die Bildungsarbeit neue Ansprüche gestellt. Welche Herangehensweisen, welche Methoden der Annäherung an den und der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sind für die Zeit des „Übergangs vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis“ angemessen und wirksam?

Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist zum einen durch Film- und Fernsehdokumentationen meist auf Erwachsene ausgerichtet, zum anderen von wissenschaftlichen, auf Textdokumente bezogenen Diskursen geprägt, die als alleinige Medien in der Bildungsarbeit nicht ausreichen. Erst allmählich setzt sich die pädagogische Erkenntnis durch, dass Sprache und Arbeit an Texten in der immer visuelleren Kultur unserer Zeit als Medium in der Bildungsarbeit viele Zielgruppen ausgrenzt. Will Bildungsarbeit heutigen Jugendlichen Zugänge zur Geschichte, zur Kultur der Erinnerung schaffen, muss sie die ästhetischen Bedürfnisse und die Bild-Lebenswelt der Jugendlichen berücksichtigen.

Ästhetische Herangehensweisen bieten Zugänge über verschiedene Empfindungen und sie bedeuten Selbsttätigkeit. Anstatt des Konsumierens der durch die Pädagog/innen dargebotenen Inhalte sind die (jugendlichen) Seminarteilnehmer/innen zu schöpferischem Gestalten aufgefordert. Kulturpädagogische Ansätze fordern und fördern Eigentätigkeit und ermöglichen eigene Zugänge zur Geschichte. Dabei stehen, dass zeigen die Praxisbeispiele im vorliegenden Sammelband deutlich, kunstpädagogische und ästhetische Annäherungen ausdrücklich nicht für eine allein emotionale Herangehensweise. Vielmehr bedeutet auch die Arbeit mit bzw. an künstlerischen Produkten eine Reflexion der in den Produkten enthaltenen Narration von Geschichte.

Kreative Präsentations- und Produktionsformen sind ästhetische Reflexionen zur Geschichte. Vielleicht ermöglicht das Zugeständnis von Freiheit und Uneindeutigkeit an ästhetische Annäherungen im Vergleich zu einem auf möglichst korrekte Erfassung des Geschehens festgelegten historischen Lernen jedoch einen Freiraum für die Diskussion der Geschichte des Nationalsozialismus und der mit ihr verbundenen Erinnerungskultur, in dem mehr als sozial erwünschtes Sprechen möglich ist.

Die Publikation geht zurück auf eine 2003 von verschiedenen Trägern der Jugendbildung veranstalteten Tagung für Multiplikatoren im Jugendgästehaus Dachau über „Kunst und Kreativpädagogik in Gedenkstätten“, an der die beiden Herausgeberinnen konzeptionell und leitend mitwirkten. Beide verfügen selbst über langjährige Praxiserfahrung und beschränken sich daher auch nicht nur auf einleitende Worte, sondern sind mit eigenen substantiellen Beiträgen vertreten. Der Sammelband stellt Praxisbeispiele für verschiedene kunstpädagogische Annäherungen vor, so z.B. die Arbeit mit Graffiti, Theater oder Multimedia. Die Beiträge des Bandes beziehen sich auf unterschiedliche Zielgruppen und ein breites Spektrum der Orte historisch-politischer Bildung, d.h. nicht nur auf Gedenkstätten, sondern auch auf Projekte im öffentlichen Raum. Sie reflektieren bi- und internationale Aspekte sowie eine Vielzahl von methodischen Herangehensweisen, die dank der vielen Fotographien auch visuell vermittelt werden.

Reflexionen über kreative Vermittlungsformen in Gedenkstätten finden Sie auch unter http://www.archivpaedagogen.de/content/view/82/9/ im Manuskript eines Vortrags von Katharina Hoffmann (Universität Oldenburg) mit dem Titel “Spielen-Inszenieren-Improvisieren. Andere Vermittlungsformen in der Gedenkstättenarbeit“, den sie im Rahmen der 21. Archivpädagogenkonferenz am 2. Juni 2007 in Wolfsburg hielt.

 

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