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Das Museum POLIN – Jüdische Geschichte als (geschichts-)politischer Streitpunkt

Von Ingolf Seidel 

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin kein Experte für das POLIN, das Museum für die Geschichte der polnischen Juden (Muzeum Historii Żydów Polskich) in Warschau, wenn ich auch das Haus mehrfach besucht und in Gesprächen mit Mitarbeiter*innen kennengelernt habe. Dieser Text maßt sich daher nicht an, die kuratorische und museumsdidaktische Seite auszuleuchten. Der Beitrag wurde notwendig, weil es nicht gelungen ist, eine*n Autor*in zu finden, die*der sich bereitgefunden hätte, einen Beitrag über das POLIN zu schreiben, der neben anderen Aspekten notwendigerweise auch die Auswirkungen der polnischen Regierungs- und Geschichtspolitikpolitik auf das Museum thematisiert hätte. Es ist zugegeben ein wenig spekulativ anzunehmen, die Absagen auf Textanfragen würden auf dem Klima von Einschüchterung beruhen, von dem Kolleg*innen aus Polen berichten, das neben anderen gesellschaftlichen Bereichen auch den Wissenschafts- und Museumsbetrieb nicht auslässt. Anzeichen für ein Klima, in dem die Freiheit der Wissenschaft nicht gewährleistet ist, gibt es einige, ebenso wie für eine Polonisierung von historischen Narrativen. 

Das POLIN ist nicht die einzige Einrichtung, auf die sich die Politik der regierenden PiS (Prawo i Sprawiedliwość, Recht und Gerechtigkeit) auswirkt. National-konservativ, klerikal, trans- und homo- sowie frauenfeindlich sind Attribute, die der Partei nicht ohne Gründe zugeschrieben werden. Die seit 2015 allein regierende PiS verändert das Land und das nicht zum Guten.

Der politische Zugriff auf das POLIN ist schwieriger als in anderen Fällen, da sich das Museum in gemischter, öffentlicher und privater Trägerschaft befindet. Die Zuständigkeit der öffentlichen Seite ist geteilt. Zum einen liegt sie beim Ministerium für Kultur und nationales Erbe (Ministerstwo Kultury i Dziedzictwa Narodowego), seit 2015 geführt durch den PiS-Politiker Piotr Gliński, und bei der Stadtregierung von Warschau. Die private Seite ist durch das renommierte Jüdische Historische Institut (Stowarzyszenie Żydowski Instytut Historyczny) im Dreigespann vertreten. Eröffnet wurde das noch nicht vollständig fertiggestellte Museum am 19. April 2013 zum 70. Jahrestag des jüdischen Aufstands im Warschauer Ghetto. Die Lage des Museums im Stadtzentrum hat einen hohen Symbolwert. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde das Stadtviertel, in dem das Museum situiert ist, vorwiegend von Jüdinnen*Juden bewohnt. Die deutschen Besatzer errichteten hier das von ihnen als Jüdischer Wohnbezirk in Warschau bezeichnete Ghetto, das Teil der antisemitischen Vernichtungspolitik war. Vor dem Museum befindet sich das bekannte Denkmal der Helden des Ghettos (Pomnik Bohaterów Getta) von Nathan Rapaport aus dem Jahr 1948. 

Die Kernausstellung wurde im Jahr 2014 eröffnet. Sie hatte zum Ziel, 1000 Jahre jüdisch-polnische Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart in acht Abteilungen zu zeigen. Über die von Rainer Mahlamäki stammende Bauform schrieb Richard Herzinger aus Anlass der Eröffnung unter der nahezu euphorisch wirkenden Überschrift „Polen trägt sein neues Selbstbild nach Europa“: „Nach außen ist die Architektur aus Glas, Kupfer und Beton quadratisch-minimalistisch, innen ist sie dramatisch bewegt. Die gewölbten Wende (sic) am Eingang assoziieren das sich teilende Rote Meer, und deuten so einen Weg aus dem Schrecken in eine bessere Zukunft an.“ (Herzinger: 2014) Nun lässt sich die polnisch-jüdische Geschichte nicht ohne Bezugnahme auf Antijudaismus und Antisemitismus erzählen, die jenseits der deutschen Besatzung prägend für das wechselseitige Verhältnis waren. Dazu gehören der auch heute noch präsente katholisch-christlich grundierte Judenhass und Serien von Pogromen im 19. und 20. Jahrhundert, zu denen auch das in der Kleinstadt Jedwabne von polnischen Einwohner*innen im Juli 1941 verübte Pogrom gehört oder das Pogrom von Kielce, verübt am 4. Juli 1946. Bei letzterem bildeten christliche Ritualmordlegenden das ideologische Fundament zur Ermordung von 80 Jüdinnen*Juden, welche die deutsche Vernichtungspolitik überlebt hatten. In der Folge wanderten zehntausende polnische Juden*Jüdinnen aus. Auch die am autoritären sogenannten real existierenden Sozialismus orientierte Volksrepublik Polen war nicht frei von Antisemitismus. Unter dem Ersten Sekretär der Staatspartei Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza) Władysław Gomułka wurde 1968 eine Kampagne inszeniert, deren antisemitischer Charakter dürftig als antizionistisch kaschiert wurde. Auch diese Kampagne hatte eine große Auswanderungswelle unter den ca. 40.000 noch in Polen lebenden Jüdinnen*Juden zur Folge.

Der von 2014 bis 2019 amtierende Direktor des Museums POLIN, Dariusz Stola, geriet ins Visier der rechten Regierung. Eine Rolle spielte dabei der konstruiert wirkende Vorwurf, Stola solle eine Konferenz zum Andenken an den 2010 verstorbenen Staatspräsidenten und PiS-Politiker Lech Kaczyński sabotiert haben. Kaczyński hatte sich seinerzeit für die Gründung des Museums eingesetzt. Vonseiten des Museums wurde der Vorwurf zurückgewiesen. Folgenreicher war der Streit um die Sonderausstellung Obcy w domu. Wokół Marca ’68 (Fremd daheim. Über den März ’68). Die Schau wurde von März bis September 2018 im POLIN gezeigt und widmete sich der antisemitischen Kampagne des Jahres 1968. Sie wurde mit 116.000 Besucher*innen die erfolgreichste Sonderausstellung des Museums (Heinemann 2020b: 257). Die Ausstellung polarisierte die polnische Öffentlichkeit. Dementsprechend breit berichtete die Presse, was zu der hohen Zahl der Besucher*innen beitrug. Die Kontroverse um die Ausstellung wurde entfacht durch eine Sektion, „in der jüngste öffentliche antisemitische Äußerungen parallelen Aussagen aus dem Jahr 1968 gegenübergestellt wurden.“ (Heinemann 2020b: 257).

Während die Ausstellung in liberalen Medien positiv rezipiert wurde, tobte die rechte Presse. Es lohnt sich, dazu ein ausführliches Zitat von Jan Fiedorczuk in Do Rzeczy zur Kenntnis zu nehmen: „Die polternde Ausstellung ‚Obcy w domu. Wokół Marca ’68‘ ist in gewisser Weise das ideologische Manifest der neuen Linken. Den Ausstellungsmachern zufolge waren die Verursacher der Ereignisse vor einem halben Jahrhundert gar nicht die Kommunisten, sondern Feinde der Toleranz, Feinde des ‚Fremden‘. Früher verfolgten sie Juden und heute diffamieren sie Schwule, Flüchtlinge oder Deutsche. Die heutigen Rechten sind die Erben des Hasses und die ideologischen Verwandten der damaligen Antisemiten – das suggeriert die Ausstellung.“ (zit. nach Koszarska-Szulc / Romik 2018: 102)

Die Angelegenheit überschnitt sich mit der Kritik von Dariusz Stola an einer gesetzlichen Regelung, die unter dem irritierenden Namen „Holocaust-Gesetz“ bekannt wurde. Korrekterweise handelt es sich um die Novellierung des Gesetzes über das Institut für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej – IPN). Der Vorwurf an Stola war in diesem Fall der einer angeblich zu großen politischen Aktivität aufgrund seiner kritischen Haltung (vgl. Heinemann 2020a). Vordergründig geht es in der Novelle darum, falsche Bezeichnungen wie „polnische Todeslager“ oder „polnische Konzentrationslager“ mit hohen Geld- und Gefängnisstrafen unter Strafe zu stellen. Es richtete sich jedoch in der Praxis gegen Historiker*innen, wie etwa Jan Thomasz Gross, Jan Grabowski, Anna Bikont oder Anna Engelking, die auf den polnischen Antisemitismus und daraus folgende Pogrome hinweisen (Stein / Zimmermann 2018). Der Novellierung im Januar 2018 folgten internationale Proteste und eine diplomatische Krise in den Beziehungen Polens zu Israel und darauf eine leichte Abschwächung, indem u.a. die vorgesehenen bis zu dreijährigen Haftstrafen gestrichen wurden. 

Für den Direktor des POLIN hatten die Angriffe seitens der PiS Folgen. Zwar konnte er aufgrund der geteilten Trägerschaft weniger leicht entlassen werden, wie es zuvor dem Gründungsdirektor des Museums des Zweiten Weltkriegs (Muzeum II Wojny Światowej) in Gdańsk Paweł Machcewicz  ergangen war, aber Kulturminister Gliński lehnte die Verlängerung des 2019 endenden Vertrages von Stola ab. Der Leitungsposten für das Museum wurde neu ausgeschrieben. Stola gewann die Ausschreibung aufgrund des Votums der Auswahlkommission. Erneut verweigerte Minister Gliński die Berufung von Stola, nachdem er zuvor erklärt hatte, eine*n Gewinner*in der Ausschreibung zu akzeptieren. Dies war für das POLIN jenseits der Personalie eine der Arbeit abträgliche und unhaltbare Situation. Letztlich war es Dariusz Stola, der die Museumsarbeit vor seine Interessen setzte und auf den Posten des Direktors verzichtete, obwohl er ihm juristisch zugestanden hätte. Statt Stola wurde dessen vormaliger Stellvertreter Zygmunt Stępiński neuer Museumsdirektor.

Der Umgang mit dem POLIN ist kein Einzelfall, wie der kurze Hinweis auf Paweł Machcewicz zeigt. Auch das Europäische Solidarność-Zentrum (Europejskie Centrum Solidarności, ECS) geriet durch die PiS-Regierung unter Druck. Auch hier weigerte sich der Kulturminister, die Ernennungsurkunde des Direktors zu unterzeichnen. Zudem wurde dem ECS für das Jahr 2019 die finanzielle Zuwendung seitens des Ministeriums von sieben auf vier Millionen Złoty, also von rund 1.547. 000 € auf ca. 884.000 €, gekürzt. Die erneute Aufstockung der Mittel machte Gliński „davon abhängig, die Besetzung wesentlicher Stellen im ECS direkt vorzunehmen, wodurch er Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung der Arbeit dieser Institution erhielte.“ (Heinemann 2020b: 258f) 

Auch die Gedenkstätte Auschwitz bleibt von der neuen Gesetzgebung nicht unberührt. Mit der Berufung von Beata Szydło, ebenfalls Mitglied der PiS und von 2015 ­bis 2017 polnische Regierungspräsidentin, löste Gliński in diesem Jahr einen Eklat aus. Mehrere Beiratsmitglieder der Gedenkstätte traten aus Protest aus dem Gremium aus. Es ist offensichtlich, dass die rechtsgerichtete polnische Regierung bestrebt ist, geschichtspolitisch auf die Museen im Land Einfluss zu nehmen, um ein nationalistisches polnisches Narrativ durchzusetzen. Dazu gehört die Auseinandersetzung um den originär in Polen vorhandenen Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart zu unterbinden oder mindestens in politisch genehme Bahnen zu lenken. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und zu welchen Bedingungen Bildungs- und Begegnungsprojekte noch sinnvoll möglich sind. Hier sind Stiftungen, Jugendwerke und Bildungsträger, die regelmäßig deutsch-polnische Projekte durchführen oder finanzieren, gefordert, sich immer wieder aufs Neue öffentlich zu positionieren und sich zudem mit polnischen Kolleg*innen und Einrichtungen zu solidarisieren, die durch die autoritäre polnische Regierungspolitik eingeschüchtert oder gemaßregelt werden sollen. 

Literatur 

Monika Heinemann: Politik im Museum– der Kampf um Deutungshoheiten im polnischen Museumsboom, Dossier Polen der Bundeszentrale für politische Bildung, 10.07.2020 (2020a), https://www.bpb.de/internationales/europa/polen/312642/analyse-politik-im-museum-der-kampf-um-deutungshoheiten-im-polnischen-museumsboom.

Monika Heinemann: Der Kampf um das „moderne“ Museum – Zeitgeschichte im polnischen Museumsboom, in: Ljiljana Radonic, Heidemarie Uhl: Das umkämpfte Museum. Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung, 2020 (2020b) Bielefeld. S. 241 – 261. 

Richard Herzinger: Polen trägt sein neues Selbstbild nach Europa, Die Welt, 23.10.2014, https://www.welt.de/politik/ausland/article133559405/Polen-traegt-sein-neues-Selbstbild-nach-Europa.html

Florian Kellermann: Jüdisches Museum ohne Direktor, 03.10.2019, https://www.deutschlandfunkkultur.de/polnische-kulturpolitik-juedisches-museum-ohne-direktor.1013.de.html?dram:article_id=460268.

Justyna Koszarska-Szulc/ Natalia Romik: Die Sonderausstellung Obcy w Domu. Wokó Marca ’68 (Fremd daheim. Über den März ’68) im Museum POLIN in Warschau, in: Daniel Mahla/Evita Wiecki (Hrsg.): März ´68 in Polen – Eine antisemitische Kampagne und ihre Folgen. Münchner Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur. Jg. 12 Heft 2, 2018, S. 86 ­ 104, https://www.jgk.geschichte.uni-muenchen.de/muenchner-beitraege/2018_2/2018_2.pdf.

Marin Sander/ Sigrid Brinkmann: Streit um Polin-Museum in Warschau, 19.07.2019, https://www.deutschlandfunkkultur.de/kulturkampf-in-polen-streit-um-polin-museum-in-warschau.1013.de.html?dram:article_id=454351

Shimon Stein/ Moshe Zimmermann: Mehr Politik als Wahrheit, ZEIT ONLINE, 22.02.2018, https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-02/holocaust-gesetz-polen-justizreform-israel.

 

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