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Zwischen Selbstverständnis und Erwartungshaltung: Jüdische Museen in Deutschland

Dr. Barbara Staudinger ist Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben. Sie hat Geschichte, Theaterwissenschaft und Judaistik an der Universität Wien studiert. 2001 promovierte sie mit einer Studie zu „Rechtsstellung und Judenfeindschaft am Reichshofrat 1559-1670“.

Von Barbara Staudinger

In den letzten Jahren sind Jüdische Museen immer wieder ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt. Sei es aufgrund des Rücktritts Peter Schäfers als Direktor des Jüdischen Museums Berlin und der nachfolgenden Diskussion um Aufgaben und Zielsetzungen dieser Institution, sei es angesichts des ansteigenden Antisemitismus in Deutschland und in Folge des Anschlags in Halle: Jüdische Museen wurden plötzlich nach ihrer (gesellschafts-)politischen Haltung befragt und politische Ansprüche wurden auf sie projiziert. Jüdische Museen sollten gemeinsam mit den Gedenkstätten in die Pflicht genommen werden, präventiv gegen Antisemitismus zu wirken, gesellschaftliche Grundwerte zu vermitteln und (insbesondere muslimische Kinder und Jugendliche) zu deradikalisieren. Sie sollten politisch werden, aber nicht zu politisch. Damit brachte man Jüdische Museen in eine Zwickmühle zwischen Selbstverständnis und politischer Erwartungshaltung, aus der herauszukommen kaum möglich schien. Nun hat sich, nicht zuletzt durch die Corona-Krise und deren gesellschaftlicher Auswirkung, das Selbstverständnis Jüdischer Museen gewandelt. Sie stehen heute für Vielstimmigkeit und Öffnung gegenüber der Stadtgesellschaft und streben nach Relevanz. 

Antisemitismus und Israel – eine Zustandsbeschreibung in Jüdischen Museen

Gab es noch vor 20 Jahren das stillschweigende Einverständnis, Jüdische Museen hätten sich nicht mit Antisemitismus zu beschäftigen, da dies mehr über die Antisemit*innen erzählen würde als über Jüdinnen*Juden, ist dies schon lange nicht mehr der Fall. Nicht nur aufgrund eines gestiegenen politischen und gesellschaftlichen Interesses an der Bekämpfung von Antisemitismus, sondern auch aufgrund der Auswirkungen desselben auf den Alltag von Jüdinnen*Juden in Deutschland, haben Jüdische Museen längst erkannt, dass Antisemitismus auch für sie ein Thema sein muss. Trotz einiger Ausstellungen (z.B. „Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge“, Jüdisches Museum Augsburg Schwaben 2019/20) bleibt bis heute das Thema Antisemitismus jedoch im Wesentlichen auf die Bildungsprogramme der Museen beschränkt. 

Im Gegenzug wurde und wird das Thema Israel wegen politischer Interventionen und Angst um das Ansehen der eigenen Institution zunehmend ausgespart. Als 2008 die Ausstellung „Imaginary Coordinates“ des Spertus Museum in Chicago, die die Grenzziehungen im Nahen Osten mittels historischer Karten und künstlerischer Arbeiten hinterfragte, aufgrund massiver Proteste jüdischer Organisationen schließen musste, wurde dies in Deutschland kaum diskutiert. Anders sah dies dann 2019 aus, als rund um die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ des Jüdischen Museums Berlin eine heftige medial geführte Debatte darüber entbrannte, wie politisch ein Jüdisches Museum sein dürfe – und vor allem wie „jüdisch“ es sein müsse. Grund des Anstoßes war nicht nur die Gegenüberstellung von christlichen, muslimischen und jüdischen Perspektiven auf die Stadt und damit die Entscheidung, nicht ausschließlich jüdische Perspektiven zu thematisieren, sondern auch, darunter liegend, ein Argwohn gegenüber einer Darstellung pluralistischer jüdischer Sichtweisen. Folge des Disputs um das Jüdische Museum Berlin ist heute, dass mit Ausnahme des Jüdischen Museum Hohenems Ausstellungen, die sich kritisch oder mehrstimmig mit der israelischen Gesellschaft oder der Siedlungspolitik auseinandersetzen, in Jüdischen Museen fehlen. 

Die Darstellung jüdischer Geschichte 

Mittlerweile bemühen sich die meisten Jüdischen Museen, Judentum, jüdisches Leben oder jüdische Geschichte zumindest ansatzweise aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, gewünscht scheint dies nicht immer zu sein. Jüdische Museen in Deutschland wenden sich vor allem an ein nichtjüdisches Publikum, das, als Teil der Mehrheitsgesellschaft, es gewohnt ist, die Geschichte der jüdischen Minderheit als homogene Einheit zu betrachten. 

Betritt man heute ein Jüdisches Museum, erwartet einen in der Dauerausstellung mehr oder weniger dieselbe Erzählung, die, kurz zusammengefasst, von den Vertreibungen und Pogromen des Mittelalters über ein Zusammenleben mit der christlichen Mehrheitsbevölkerung in ländlichen Gemeinden in der Frühen Neuzeit ab der Aufklärung zur Erfolgsgeschichte wird. Ab 1900 werden zur „erfolgreichen Integration“ kritische Stimmen gegen Assimilation und Bedeutungsverlust religiöser Traditionen gemischt, bevor im Nationalsozialismus Jüdinnen*Juden quasi „schicksalhaft“ zu Opfern werden. Der Neubeginn nach 1945 geschieht „auf gepackten Koffern“ und ein mehr oder weniger ausführlicher Ausblick auf die jüdische Gegenwart rundet schließlich den historischen Rundgang, der sich mit der jüdischen Geschichte der Stadt oder der Region befasst, ab.

Dieses Narrativ, das jüdische Geschichte immer in Beziehung zur nichtjüdischen Mehrheitsbevölkerung setzt und jüdische Identitäten nicht hinterfragt, hat kaum Platz für Differenzierungen, für Gegengeschichten und widerständige Perspektiven. 

Der Kampf um Relevanz

Diese Darstellung jüdischer Geschichte steht in direktem Widerspruch zur Selbstdarstellung Jüdischer Museen, die heute mehr oder weniger unisono jüdische Geschichte aus unterschiedlichen jüdischen Perspektiven erzählen, vielfältige jüdische Stimmen vorstellen und sich in gesellschaftspolitische Debatten einbringen wollen. Die Erwartungshaltung gegenüber Jüdischen Museen, so scheint es, ist stärker als jede Absichtserklärung. Der Anspruch Jüdischer Museen auf gesellschaftliche Relevanz spiegelt sich zwar in den Wechselausstellungen sowie im Veranstaltungs- und Bildungsprogramm wider, nicht jedoch im „Herzstück“ des Museums, der Dauerausstellung. Da gerade diese Dauerausstellungen jedoch meist von Schulklassen besucht werden, die dort etwas zum Judentum und zu jüdischer Geschichte lernen sollen, gegen Antisemitismus „geimpft“ (so eine noch immer gängige politische Vorstellung) oder überhaupt zu besseren Menschen erzogen werden sollen, ist dies doppelt schade.

Letztes Jahr ist hier etwas in Bewegung beraten: Die Jüdischen Museen Frankfurt und Berlin haben ihre Dauerausstellung neugestaltet. Neben einem Fokus auf eine vielstimmige jüdische Gegenwart ist dabei angekommen, dass die Relevanz eines Museums, also das Aufgreifen gegenwärtig wichtiger gesellschaftlicher Fragen, sich auch in der Dauerausstellung widerspiegeln muss. So fragt das Jüdische Museum Frankfurt danach, was uns heute noch heilig ist und das Jüdische Museum Berlin setzt auf Themen wie Migration und Antisemitismus. Wenn sich dies fortsetzt, könnten sich die Dauerausstellungen Jüdischer Museen zu relevanten Ausstellungen entwickeln, die politische Vereinnahmung des Religiösen, Leitkulturdebatten oder Integrationsparadigma hinterfragen. 

Neben der Dauerausstellung bieten alle Jüdischen Museen einen Überblick über jüdische Feste und Traditionen. Und wahrscheinlich ist nirgends die Erwartungshaltung größer als in dieser Abteilung eines Jüdischen Museums. Lehrer*innen wollen für den Religions- oder Ethikunterricht eine komprimierte und auf den Lehrinhalt angepasste Zusammenfassung bekommen, Besucher*innen wollen sich über „das Judentum“ informieren, die jüdische Gemeinde will sich repräsentiert sehen. Welches Judentum wird nun vorgestellt, welche Traditionen besprochen? Was ist mit all jenen Jüdinnen*Juden, die keine Traditionen leben? Bleiben sie hier ausgeschlossen? Und: Können Jüdische Museen es angesichts dieser ganz unterschiedlichen Wünsche überhaupt richtig machen?

Besonders in diesem Bereich haben Jüdische Museen in den letzten Jahren viel dazugelernt. Genauso wenig wie das Judentum hier als Einheit dargestellt werden kann, so vielfältig ist auch das Museumspublikum geworden. Ein Vergleich zu christlichen Festen oder überhaupt anderen religiösen Traditionen, wie dies in älteren Ausstellungen vorausgesetzt wurde, kann von Vielen nicht oder nicht mehr gezogen werden. Eine junge Generation säkularer Jüdinnen* Juden drängt auf Repräsentanz auch in den Jüdischen Museen. Die zunehmend diverse Gesellschaft, in der wir leben, hat die Ansprüche an Jüdische Museen verändert. Jüdische Museen werden daher andere Fragestellungen benötigen als etwa „Wie feiern Juden Schabbat?“. Vielmehr muss vermittelt werden, dass vermeintlich althergebrachte Traditionen sich immer gewandelt haben, dass sie nicht nur von Außen, sondern auch innerhalb einer Gemeinschaft hinterfragt wurden, und dass jedes Verhältnis von Mensch zu Tradition ein individuelles ist. 

Was bleibt – was kommt? 

Gegründet als Gedenkorte an eine in der Schoa vernichtete jüdische Kultur, für Nichtjuden*Nichtjüdinnen an Orten, an denen kein jüdisches Leben mehr existierte, stehen Jüdische Museen heute einer neuen jüdischen Gegenwart in Europa gegenüber. Diese in ihrer Vielfältigkeit sowie als Teil einer diversen Gesellschaft anzusprechen, ist die Aufgabe Jüdischer Museen im 21. Jahrhundert. Wollen Jüdische Museen relevant sein, wollen sie die Gesellschaft mitgestalten, müssen sie auch aktuelle Themen und Ausstellungen entwickeln, die gesellschaftspolitische Fragen diskutieren. Erwartungshaltungen von politischen oder gesellschaftlichen Gruppen sollten Themen anregen, sollten sie aber weder bestimmen noch beschneiden. Das Museum als politischer Ort steht heute, in einer Zeit des zunehmenden politischen Populismus und der Bereitschaft auf Kulturinstitutionen einzuwirken (siehe auch die Entlassung von Dariusz Stola, des Direktors des Museums der Geschichte der polnischen Juden – Polín), auf dem Prüfstand. Jüdische Museen haben heute, insbesondere im deutschsprachigen Raum, Relevanz erlangt: Sie sind laute Stimmen geworden, wenn es um Minderheitenperspektiven geht, sie diskutieren Antisemitismus und Rassismus und reflektieren Entwicklungen unserer Gesellschaft. Und es ist zu hoffen, dass diese Relevanz nicht durch Furcht vor Kritik oder Angriffen geschmälert wird.

2021 feiert Deutschland das sogenannte Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ und der politische Druck auf Jüdische Museen, sich in dieses Festjahr einzureihen, ist groß. Dabei zeigen viele kritische jüdische Stimmen, dass die meisten Veranstaltungen dabei wiederum nur eine recht einseitige Geschichte von Jüdinnen*Juden erinnern und andere Perspektiven vergessen. Die Aufgabe Jüdischer Museen ist, diesen Klischees entgegenzuwirken und anderen Stimmen einen Raum zu geben. 

Literatur 

Max Czollek, Desintegriert Euch!, München 2018. 

Das Jüdische Quartett „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – wer feiert was?“. Online-Veranstaltungsreihe der Amadeo Antonio Stiftung: https://www.youtube.com/watch?v=ZVFHO9ZiI2I (08.06.2021). 

„Jüdische Museen sind keine Holocaust-Museen“. Interview der taz mit Mirjam Wenzel und Cilli Kugelmann, 21.03.2020, online: https://taz.de/!5669205/ (08.06.2021).

Hanno Loewy, Sind Jüdische Museen „jüdisch“? (11.05.2021), online unter: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/juedischesleben/328958/juedische-museen (08.06.2021). 

Museumsbund Österreich (Hg.): „Das Museum als Teil seines politischen Umfelds“, in: neues museum. Die österreichische Museumszeitschrift 1-2 (2018), S. 8–53. 

Barbara Staudinger, Jüdische Museen als gesellschaftspolitischer Diskursraum. Neue Herausforderungen durch Antisemitismus, Fremdenhass und die Renaissance des Religiösen, in: Liliana Radonic, Heidemarie Uhl (Hg.), Das umkämpfte Museum. Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung, Bielefeld 2020 (Erinnerungskulturen / Memory Cultures 8), S. 201-211.

 

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