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Ins Bild gesetzt - Jüdische Selbstpositionierungen in der Kunst

Fenja Fröhberg hat Geschichte, Kunst und Vermittlungswissenschaften studiert. Von 2018 bis 2020 absolvierte sie im Rahmen der Initiative lab.Bode ein Volontariat am Jüdischen Museum Frankfurt. Vorher war sie bereits am Jüdischen Museum Rendsburg tätig. Sie arbeitet als freie Kunst- und Kulturvermittlerin.

Von Fenja Fröhberg

Ein freundlich lächelndes, aber selbstbewusstes Ehepaar in dezent edler Kleidung, impressionistische Landschaften, in Schieflage gebrachte Möbel, zwei Bäume, von denen der eine kopfüber an den Ästen des unteren zu halten scheint und seine Wurzeln gen Himmel streckt und zeichnerische Reaktionen auf Nachrichten von Massenmorden der Deutschen an Jüdinnen*Juden in Osteuropa. In der Dauerausstellung „Wir sind jetzt“ erweitern immer wieder künstlerische Positionen das Narrativ der Ausstellung, kommentieren und reflektieren sie. 

Die Positionen der jüdischen Künstler*innen kommentieren ihre jeweilige Gegenwart nicht nur, sondern sie zeigen, wie sie an ihrem jeweiligen Umfeld gelebt haben und verleiht ihren Erfahrungen in ihrer Vielstimmigkeit Ausdruck. Ihre Werke zeigen, wie sie oder ihre Auftraggeber*innen die Gesellschaft und ihre Rolle in ihr wahrgenommen haben, aber auch wie sie sich zum Judentum positioniert haben. Die Werke zeitgenössischer Künstler*innen werfen neue Fragen auf und eröffnen weitere Perspektiven auf die Gegenwart, können in den wenigsten Fällen jedoch ohne den Bruch der Schoa gedeutet werden. 

Im Hier und Jetzt: Gegenwärtige Positionen

Bereits vor dem Betreten des Museums sticht sie dem Betrachtenden ins Auge: Die Skulptur ‚untitled‘ von Ariel Schlesinger aus dem Jahr 2017.  In Aluminium streckt sich der Abguss zweier Bäume in elf Meter Höhe: Der eine im Boden verwurzelt, der andere in den Baumkronen verhakt, die Wurzeln gegen den Himmel. Sie steht zentral im Lichthof des Gebäudes und ist auch von innerhalb des Museums immer wieder sichtbarer Bezugspunkt. Die Skelette der Bäume werden zu Symbolen des Lebensbaumes für die göttliche Schöpfung, der Beziehung G’ttes zu dem Volk Israel und spiegeln die Geschichte der Frankfurter Jüdinnen*Juden: Der Spannung zwischen Verwurzelung und gleichzeitiger Entwurzelung. Diese Ambivalenz findet sich in der Dauerausstellung in vielen Biografien und persönlichen Geschichten wieder.

Auf der Etage der Familien hat Nir Alon eine konzeptionelle Installation aus gebrauchten Alltagsgegenständen wie Stühlen, Schränken und Lampen geschaffen. Diese sind deutlich von Gebrauchsspuren gezeichnet - die Assoziationen von auf der Flucht zurückgelassenen Möbeln wird hier bewusst eingesetzt - und in eine fragile, fast schwebende, scheinbar zufällige Konstruktion in eine Beziehung gesetzt. Sie trägt den Titel „The Glory and the Misery of Our Existence” (Sorrow of Others). Die Installation ist ein Sinnbild für die Erinnerungen innerhalb von Familien. Zusätzlich reflektiert sie die Fragilität des Lebens. Möbel werden hier zu Gegenständen, die aufgrund ihrer Langlebigkeit Menschen und Familien über eine lange Zeit begleiten und mit Bedeutung und Erinnerungen aufgeladen werden.

Beide Künstler kommentieren Formen der Erinnerung auf persönliche Weise: Schlesinger positioniert sich in Bezug auf die jüdische kollektive Erinnerung in einer christlich-geprägten Mehrheitsgesellschaft, während Alon konkret auf das Familiengedächtnis Bezug nimmt. Diese Positionen bieten einen Gesprächsanlass für die in der Geschichtsdidaktik häufig schwierig zugängliche Auseinandersetzung mit den Gedächtnisformen. Sie gehen über die kollektiven Bildgedächtnisse, welche über die Einbindung von Bildern in den Geschichtsunterricht hervorgerufen wird, hinaus. Knüpfen die Schüler*innen ähnliche bildliche Assoziationen? Worin unterscheiden sich die Erzählungen der Gedächtnisse von verschiedenen Gemeinschaften? Welche Bilder werden zur Weitergabe von Familienerinnerungen genutzt, verändern sie sich? Schaffen die künstlerischen Positionierungen Gegenbilder zum Narrativ der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft? Welche gegenwärtigen jüdischen Selbstverständnisse werden hier sichtbar? 

Bildnerische Zeugen des Massenmords: Die Exilkunst von Ludwig Meidner

In einer Serie von Kohlezeichnungen und Aquarellen unter dem Titel „Massacres in Poland“ veranschaulicht Ludwig Meidner in den Jahren 1943-1945 die Ahnungen und den Wissenstand der englischen Öffentlichkeit beruhend auf Dokumenten und Augenzeugenberichten über die Geschehnisse über die Massenmorde an Jüdinnen*Juden. Die Werke sind in diesem Sinne also keine Augenzeug*innenberichte, sondern ein Versuch, die Ahnung der Schicksale der Menschen aus den Todeslagern zu verdeutlichen und das Unvorstellbare visuell zu fassen. Als zu den schriftlichen Berichten dokumentarische Fotografien kommen, kann er angesichts der Grausamkeit und seiner eigenen prekären Lage die Arbeit an dem Zyklus nicht mehr fortführen. Ludwig Meidner (1884-1966) war zunächst als expressionistischer Maler des hektischen Großstadtlebens und von Katastrophenszenen des Ersten Weltkriegs bekannt geworden. Unter dem Eindruck des Krieges wendet er sich seiner Religion zu und positioniert sich bewusst als jüdischer Künstler in Schriften zu dem Thema Kunst und Religion. Er wurde von den Nationalsozialisten als ‚entartet‘ verfemt und lebte ab 1939 im Exil in London. Seine Situation vor Ort war prekär ohne Galeristen, sein künstlerisches Netzwerk und Materialien sowie der Fremdheit der englischen Sprache und Kultur.

Seine Werke können als ein zeitlicher Kommentar sowie Positionierung eines im Exil lebenden Juden etrachtete werden. Sie werfen Fragen nach der Darstellung der Shoah und den Brüchen in den Biografien der Künstler*innen auf. In der der Ausstellung des Museums werden weitere Biografien von Künstler*innen sichtbar, die zueinander in Beziehung gesetzt werden können: Welche künstlerischen Umgangsformen fanden die Künstler*innen, wenn sie ihre Arbeit weitergeführt haben? Welche Perspektiven werden in den Darstellungen eingenommen? Wie sind diese Bilder entstanden? An welche Bildikonen im Sinne der Visual History wird heute angeknüpft? Wie werden hier Sichtweisen der Täter und der Opfer erkennbar? 

Bürgerliches Selbstbewusstsein: Das Beispiel Moritz Daniel Oppenheim

Eine weitere Ebene der Selbstpositionierung wird in den Porträts und Szenen von Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882) ersichtlich: Der erste akademisch ausgebildete jüdische Künstler stellt im 19. Jahrhundert das jüdisch-bürgerliche Leben dar. Vor dem Hintergrund der zunehmenden rechtlichen Gleichstellung jüdischer mit christlichen Menschen porträtiert er die wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit selbstbewusst. Die anspielungsreichen Bilder zeugen von einem bürgerlichen Selbstverständnis, das dem aufkommenden modernen Antisemitismus mit stiller Eleganz entgegentritt: In einem Selbstporträt zeigt sich der Künstler im bürgerlichen Ideal der Zeit mit seiner Frau Adelheit in zugewandter Haltung. Der scheinbar achtlos hingeworfene Samtstoff, die edle Kleidung und der Schmuck zeugen von seinem Status und der Zugehörigkeit zur bürgerlichen Gesellschaft. Die Stielbrille und der Brief verweisen auf den hohen Stellenwert der Bildung und diskrete Statussymbole. Oppenheim zeigt sich als selbstbewusster und erfolgreicher Künstler. Bereits während des Studiums setzt er in seinem Gemälde mit der Darstellung von Mose und den Tafeln der zehn Gebote im Stil der Nazarener eigene wichtige Akzente entgegen der vorherrschenden christlichen Ikonografie. Die Biografie Oppenheims steht in der Frage nach Assimilation oder der Beibehaltung der eigenen Kultur und Religion den (Biografien) anderer Künstle wie Eduard Bendemann gegenüber. Dessen Historienbilder ähneln Oppenheims in den Motiven jüdischer Tradition im Stil der Nazarener. Bendemann ließ sich aber bereits als Kind taufen.

Die Porträts verweisen auf den fortlaufenden Diskurs um Selbst- und Fremdzuschreibungen in einer gesellschaftlichen Umbruchphase. Ebenso taucht die Frage nach der bereits damals diskutierten Frage der jüdischen Kunst auf. Die Werke stellen Gegenbilder zu bis heute, teilweise unbewusst fortbestehenden, stereotypen Zuschreibungen dar.

Mögliche Fragen für die Bearbeitung sind: Woran ist die Bürgerlichkeit erkennbar? Was unterscheidet diese Bilder von der christlichen Bildsprache und welche Gemeinsamkeiten haben sie? Wo kann ich Ansätze zum Verlernen eigener Stereotypen finden? In welchem Verhältnis steht das Dargestellte zur Emanzipation? Welche gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen lassen sich ablesen? 

Die didaktische Einbindung

Das Jüdische Museum Frankfurt bietet unter dem Aspekt der Selbstpositionierungen Führungen an. Diese betrachten durch den Blick der Ver- und Entwurzelung die verschiedenen künstlerischen Positionen und Werke. Passende Workshops sind aktuell in Vorbereitung. Sie ermöglichen eine Annäherung an starke jüdische Persönlichkeiten und schaffen Bilder, die den Diskurs und die Darstellung der christlichen Mehrheitsgesellschaft erweitern, zeigen aber auch die innerjüdische Diversität auf. Durch die visuelle Annäherung werden bildliche Gedächtniskulturen angesprochen und explizit gemacht.

Über Assoziationen und Eindrücke können erste Annäherungen an einzelne Werken geschaffen werden, die dann in einem Gespräch weitergeführt und hinterfragt werden können. Die klassische Ikonografie und deren Bildhaftigkeit können insbesondere in Bezug auf die Gemälde Oppenheims eine Herausforderung sein, denn häufig werden die Attribute nicht entschlüsselt oder müssen explizit gemacht werden. Eine Möglichkeit dafür sind Kisten, die pro Bild mit Ausschnitten, Stoffproben (wie dem dargestellten Samt) und Gegenständen wie der Stielbrille eine sinnliche Annäherung und Auseinandersetzung ermöglichen und spielerisch an die Werke heranführen. Ziel ist, den Gegenwarts- und Lebensweltbezug zur eigenen Erfahrung herzustellen: Wo erfahre ich Fremdzuschreibungen? Wie und wo positioniere ich mich selbst? Und in welcher Form? Passiert das in den Sozialen Medien?

Auch sollte die Rahmung in einer Institution der Hochkultur nicht unterschätzt werden: Manche Schüler*innen fühlen sich am Ort nicht wohl und haben bedenken, sich frei zu äußern oder zu verhalten. Was darf ich hier sagen? Ist es angemessen, was ich denke? Dem kann mit Einfühlungsvermögen und viel Freiraum für eigene Äußerungen der Schüler*innen begegnet werden. Möglich ist beispielsweise zu Beginn des Workshops schriftlich Fragen auf Karteikarten an ausgewählte Werke zu stellen. Ein weiterer Zugang kann die Methode 100 Fragen, bei der in der Gruppe reihum offen Fragen an das Werk formuliert werden, zulassen. So kann die Angst vor vermeintlich banalen Fragen genommen werden und ein Miteinander geschaffen werden.

Das Museum hat für den Abbau der Barrieren ein eigenes Kartenset entwickelt. Es zielt darauf ab, das Museum als System in seinen einzelnen Bestandteilen zu verstehen, es in gesellschaftliche Diskurse einzuordnen und Perspektiven bewusst zu machen und diese zu erweitern. So können auch die künstlerischen Positionen unter dem Aspekt der Herkunft, Bewegung oder Kleidung betrachtet werden. Welche Rolle spielt Geld und was ist eigentlich Kunst? Die Karten mit einer glossarischen Erklärung und reflektierenden Fragen können in einer Auswahl mit in die Ausstellung genommen werden und direkt mit den Objekten und Werken in Verbindung gebracht werden. Näheres hierzu sowie der kostenlose Download kann auf der Seite des Museums gefunden werden.  

Hilfreiche Literatur zu dem Thema 

Micha Brumlik/Marina Chernivsky/Max Czollek/Hannah Peaceman/Anna Schapiro/Lea Wohl von Haselberg (Hrsg.): Exile. Ein Kunstheft. Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart, 05. Berlin 2019. 

Mirjam Wenzel/Sabine Kößling/Fritz Backhaus (Hrsg.): Jüdisches Frankfurt. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. München 2020. 

Catherine Soussloff (Hrsg.): Jewish Identity in Modern Art History. Berkeley 1999.

Georg Heuberger, Anton Merk (Hrsg.): Moritz Daniel Oppenheim. Die Entdeckung des jüdischen Selbstbewusstseins in der Kunst. Köln 1999.

 

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