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Bildungsarbeit gegen Antisemitismus

Manfred Levy hat Anglistik und Politikwissenschaft studiert und war Lehrer und Rektor an unterschiedlichen Schulen. Seit 2010 ist er Mitarbeiter am Pädagogischen Zentrum FfM. Aktuell arbeitet Manfred Levy als Leitung der Bildungsabteilung am Jüdischen Museum Frankfurt.

Von Manfred Levy

Um es gleich vorwegzunehmen: Patentrezepte in der pädagogischen Arbeit gegen Antisemitismus gibt es nicht. Antisemitische Einstellungen entstehen weder an Schulen noch anderen Bildungs-oder Freizeiteinrichtungen. Sie können dort allerdings verstärkt, enttabuisiert und/oder als Mittel der Provokation eingesetzt werden. Vielen Jugendlichen gemein sind stereotype Bilder über Jüdinnen*Juden – entstanden aus einer Mischung tief verankerter oder tradierter Vorurteile, medial geprägter Einstellungen und/oder mangelndem Wissen über Geschichte, politische Bildung und Religion. Wichtig ist die Antwort auf die Frage: „Woher stammen diese Bilder?" Denn erst nach der Analyse können wir uns auf den Weg der Dekonstruktion begeben. Bei einer Lerngruppe mit unterschiedlichen Migrationsbiografien ist kaum zu erfahren, aus welchen Quellen die Vorurteile, Bilder oder Zerrbilder über Jüdinnen*Juden stammen. Die Suche birgt immer auch die Gefahr der Verallgemeinerung und der Vorurteilsbildung: So könnte die Vermutung entstehen, Muslim*innen, Geflüchtete und Asylsuchende aus arabischen Ländern seien prinzipiell antisemitisch. 

Entweder Holocaust-Opfer oder illegitime Besatzer 

Die Frage nach Quellen und Ursachen der Vorurteile kann die Pädagogik immer noch nicht ausreichend beantworten. Aus meiner Sicht sind der Handlungsdruck sowie die Erwartungen von Öffentlichkeit und Politik, brauchbare Strategien in der pädagogischen Arbeit zu entwickeln, zurzeit zu groß. Anstatt die Lehrenden zu ermutigen, sich mit den Themen auseinanderzusetzen und gemeinsame Handlungskonzepte gegen Antisemitismus zu entwickeln, verdächtigen Politik und Wissenschaft die Lehrkräfte, „unfähig" zu sein, pädagogisch effektiv zu handeln.

So beschäftigte sich der Deutschlandfunk mit dem Thema Judentum im Unterricht: „Eine neue Studie kommt zum Ergebnis, dass deutsche Schülerinnen und Schüler kein realistisches Bild des Judentums vermittelt bekommen. Juden werden entweder als Holocaust-Opfer oder als illegitime Besatzer im Nahen Osten dargestellt.“ (Wildermann, Marie 2019)

Aus der Studie von Samuel Salzborn (Salzborn, Samuel/ Kurth, Alexandra 2019) geht hervor, dass eine erfolgreiche Intervention gegen Antisemitismus nur durch eine Mischung aus Aufklärung, Prävention, Intervention und Repression gewährleistet werden kann. Eine direkte, faktenbasierte Auseinandersetzung mit Themenfeldern wie Antisemitismus, Nationalsozialismus und dem Staat Israel sowie jüdischer Religion, Kultur und Geschichte ist unabdingbar und in den meisten Lehrplänen der einzelnen Bundesländer auch zu finden. 

Aber reicht dieser kognitive Zugang zur Antisemitismusprävention? Meiner Meinung nach ist das kompetenzorientierte Faktenlernen nur ein Baustein zur pädagogischen Arbeit gegen Antisemitismus. Er vermittelt weder Empathie noch Multiperspektivität, zeigt keine Handlungsperspektiven in konkreten Fällen auf. 

Bildungsarbeit im Jüdischen Museum

Seit 2017 mehren sich im Jüdischen Museum Frankfurt Anfragen von Schulen und Gruppen aus der informellen Bildung nach Workshops zum Thema Antisemitismus. Meist haben die Gruppen kein Vorwissen über jüdische Geschichte, Religion oder über den Nahost-Konflikt. Das bedeutet, dass die erste intensivere Beschäftigung mit dem Judentum das Thema Antisemitismus ist. Der Politik-, Geschichts- und Gesellschaftslehreunterricht arbeitet vor allem mit den historischen Wurzeln und Erscheinungen von Antisemitismus und dem Nationalsozialismus unter dem Aspekt der Judenvernichtung in Europa.

Inzwischen setzen sich auch Schulbuchverlage damit auseinander, dass Materialien des Religions- und Ethikunterrichts ein Judenbild projizieren, dem zufolge die Religion den Alltag der meisten jüdischen Menschen in Deutschland bestimmt (Hollenbach, Michael 2020). 

Welche Bilder und Vorstellungen über jüdische Menschen setzen sich auf diese Weise fest? Juden erscheinen in Lehrbüchern immer noch als wehrlose Opfer, als Geldverleiher, als Menschen, die sich nicht integrieren und anpassen wollen – eine Minderheit, die anders ist und anders sein will. Sowohl in den Lehrmitteln als auch in der Vermittlung fehlt die jüdische Perspektive, positive Aspekte deutsch-jüdischer Geschichte sucht man vergebens. Dermaßen mangelhaft informiert verstehen die Jugendlichen die Bedeutung jüdischer Identität oder Identitäten nicht. Sie erfahren nicht, inwiefern sich Juden*Jüdinnen von anderen Gruppen in der Gesellschaft unterscheiden, inwieweit sie ihnen gleichen. Die Selbstreflexion des eigenen Standpunkts wird so auch bei Lehrkräften erschwert.

Die Bildungsangebote des Jüdischen Museums und des Museums Judengasse in Frankfurt bieten viele Ansatzpunkte, Aspekte jüdischer Geschichte, Religion, Kultur und jüdischer Gegenwart kennenzulernen. Workshops mit neuen Medien, kreative Werkstattangebote, dialogische Führungen und längerfristig begleitende Bildungsprogramme vermitteln ein breites Spektrum jüdischer Vergangenheit und Gegenwart in Frankfurt, aber auch exemplarisch in Deutschland und Europa. Diese Begegnungen und Auseinandersetzungen mit Objekten, Geschichten, Personen, historischen sowie aktuellen Ereignissen und Konflikten bilden stabile Bausteine, fundiertes Wissen über Judentum zu erwerben und Antisemitismus vorzubeugen. 

Jüdische Religion und Ethik

Die meisten Schüler*innen in den Workshops haben wenig Wissen über das Judentum. Umfragen unter Jugendlichen bestätigen, dass sie zwar zentrale religionsbezogene Begriffe wie Schabbat oder Synagoge kennen, aber kaum etwas über jüdische Alltagskultur oder die Vielfalt des Judentums wissen. (Fischer, Ruth u.a. 2020) Daher steige ich in das Thema mit einer kurzen oder je nach Bedarf auch längeren Einführung in jüdische Tradition und Rituale ein. Die Exponate in der zweiten Etage der neuen Dauerausstellung sind geeignete Anschauungsobjekte.

Die sinnliche Pracht der Gebote

Ausgehend von den fünf Sinnen vermittelt die Ausstellung einen Zugang zu Traditionen und ritueller Praxis im Judentum. Sinnlichkeit spielt eine große Rolle in der jüdischen Tradition und spiegelt sich in rituellen Handlungen wider. Das Zusammenspiel von Licht (verschiedene Leuchter), Klang, Geschmack und Duft spricht alle Sinne an und vermittelt Vorstellung sowie Erfahrung mit jüdischer Zeremonialkultur. Hier bietet sich auch ein Vergleich mit den beiden anderen monotheistischen Religionen an, Christentum und Islam.

Ask the Rabbi

In dieser Station der Dauerausstellung transportiert die Video-Installation Ask the Rabbi in Frage-Antwort-Methode in den musealen Bereich der Gegenwart und gibt somit einen Einblick in die religiöse Diversität der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Hier können die Teilnehmenden per Touchpad aktuelle Fragen auswählen und die Antworten von drei Frankfurter Rabbinern und einer Rabbinerin, die verschiedenen religiösen Richtungen angehören, auf einer großen Videoinstallation verfolgen. Die Aussagen zum Beruf, zum jüdischen Alltagsleben, zum Verhältnis von Jüdinnen*Juden und Nichtjüdinnen*Nichtjuden oder zu Geschlechterrollen vermitteln sehr anschaulich die Vielfalt jüdischer Identität. 

Was ist Dir heilig?

Im interaktiven Ausstellungsraum werden die Teilnehmenden des Workshops mit dem Thema Was ist Dir heilig?konfrontiert. Sie wählen dabei eines der vorgegebenen Symbole wie Thora, Gerechtigkeit, Fußball oder Liebe. Sie können auch selbst ein Symbol gestalten und sich in einer Fotobox fotografieren, um ihre Vorstellung von Heiligkeit zu dokumentieren. Meist sind die Bilder eine gute Grundlage für eine spätere Diskussion im Workshop-Raum.

Die Dauerausstellung bietet viele Gelegenheiten, sich mit dem Thema Antisemitismus auseinanderzusetzen. Aus Platzgründen verweise ich auf die Darstellung von Gottfried Kößler in diesem Magazin.

Jüdinnen*Juden als Fremd- und Feindbilder

Ein weiterer Baustein in der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus ist die Diskussion um die Darstellung von Jüdinnen*Juden als Fremd- und Feindbilder. Der Anti-Judaismus im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit prägt Vorstellungen und Einstellungen zum Judentum bis in die Gegenwart. Einen guten Einstieg in die Thematik bietet das Video Typisch Jude (Medienprojekt Wuppertal)Menschen auf der Straße werden befragt, was ihnen zum Thema Juden oder Judentum einfällt. Die Antworten zeigen deutlich, welche Stereotypen noch immer mit jüdischen Menschen verbunden sind – von „sehr nette Menschen" bis „die leben nur von unserem Geld und Zinsen". Die sehr unterschiedlichen Äußerungen werden visualisiert dargestellt und bilden eine Gesprächsgrundlage zu Vorurteilen, Verschwörungsmythen, Religion und Geschichtsrevisionismus. Je nach Lerngruppe werden dann verschiedene Formen von Antisemitismus thematisiert.

Filmworkshops

Sehr gut hat sich der Einsatz von Filmen in der Bildungsarbeit bewährt. Hier gibt es ein breites Spektrum an Filmworkshops. Besonders anschaulich ist ein aktueller Kurzfilm:

Masel Tov Cocktail

Der Kurzfilm Masel Tov Cocktail bietet viele Ansatzpunkte, alltäglichen Antisemitismus zu thematisieren. Sein Alleinstellungsmerkmal ist die bedingungslose Erzählung der jüdischen Perspektive, wodurch er sehr authentisch wirkt. Der Film schlägt einen Bogen von verstecktem, unreflektiertem, offenem bis hin zu unbewusstem Antisemitismus. Er hinterfragt auch das vermeintliche Interesse vieler nicht-jüdischer Deutscher an jüdischen Menschen. Seine Stärke ist, dass er sehr direkt an die Lebenswelt vieler Jugendlicher anknüpft. Er sorgt für Gesprächsstoff und höheres Interesse an Judentum, am Gedenken an den Holocaust, an Antisemitismus, aber auch an Migrationserfahrungen. Zu dem Film gibt es umfangreiches didaktisches Begleitmaterial.

Stop Antisemitismus

Die Webseite Stop Antisemitismus zeigt 35 Zitate aus dem deutschen Alltag. Es handelt sich um reale Aussagen, die ein Expertenteam dokumentiert und gesammelt hat. Die Aussagen spiegeln das Spektrum antisemitischer Vorurteile, Verschwörungsfantasien und Bedrohungen wider, die im Alltag – teils offen, teils versteckt – geäußert werden. Die Aussagen stammen aus der Lebenswelt von Jugendlichen: Gefallen sind sie auf dem Fußballplatz, dem Schulhof oder im Bus. Um auf solche antisemitische Aussagen reagieren zu lernen, werden zu jedem Zitat Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Im Downloadbereich gibt es einen ausführlichen pädagogischen Leitfaden, der auch nach dem Museumsbesuch als Grundlage zur Weiterarbeit dient.

Vielseitige Bildungsarbeit

All diese Beispiele zeigen, wie vielschichtig Bildungsarbeit gegen Antisemitismus sein kann. Die Angebote des Jüdischen Museums Frankfurt  laden zu einer breiten und tiefen Auseinandersetzung mit der Thematik ein. Dabei leisten die verschiedenen Formate einen wichtigen Beitrag zur Präventionsarbeit gegen judenfeindliche Einstellungen.

Literatur und Verweise

Fischer, Ruth u.a. (2020): Mehrfachnennungen möglich. Umfragen zu jugendlichen, pädagogischen und jüdischen Perspektiven auf Antisemitismus und Bildungsarbeit. Bildung im Widerspruch e.V., https://bildung-in-widerspruch.org/publikation/.

Hollenbach, Michael: Klischee mit Kippa: (30.01. 2020), https://www.deutschlandfunk.de/das-judentum-in-schulbuechern-klischee-mit-kippa.886.de.html?dram:article_id=469061 (letzter Aufruf: 04.05.2021).

Medienprojekt Wuppertal: Typisch Jude. Dokumentation über aktuellen Antisemitismus, 43 Min. DVD und als Stream oder Download.

Salzborn, Samuel/ Kurth, Alexandra (2019): Antisemitismus in der Schule. Erkenntnisstand und Handlungsperspektiven. Wissenschaftliches Gutachten, https://www.tu-berlin.de/fileadmin/i65/Dokumente/Antisemitismus-Schule.pdf

Wildermann, Marie: Judentum im Unterricht. Entweder Opfer oder Täter (13.02.2019), https://www.deutschlandfunk.de/judentum-im-unterricht-entweder-opfer-oder-taeter.886.de.html?dram:article_id=440818 (letzter Aufruf: 04.05.2021).

 

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