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Museum Synagoge Affaltrach – Bildungsarbeit am historischen Ort

Petra Schön arbeitet als Leiterin des Kreisarchivs Heilbronn seit 2004 und vertritt in dieser Funktion den Landkreis Heilbronn. Heinz Deininger ist seit 2012 1. Vorsitzender des „Freundeskreis ehemalige Synagoge Affaltrach e.V.“ und zuständig für das Jahresprogramm, Führungen durch die Synagoge und über den jüdischen Friedhof Affaltrach. Samuel Stern arbeitet als Bildungsreferent des Museums Synagoge Affaltrach. Er ist freier Mitarbeiter der LpB Baden-Württemberg (Demokratie fördern & Politische Tage) und Masterstudent der Politikwissenschaft & Judaistik.

Von Heinz Deininger, Petra Schön und Samuel Stern

Geschichte des Museums 

Vor drei Jahrzehnten wurde in der ehemaligen Synagoge Affaltrach das Museum zur Geschichte der Juden in Stadt und Landkreis Heilbronn eingerichtet. Seitdem hat sich hier eine intensive Museums- und Gedenkstättenarbeit etabliert. Der Landkreis Heilbronn hatte 1985 das zweckentfremdete und heruntergekommene Gebäude erworben und es nach den alten Plänen wiederhergestellt. Die Synagoge war 1851 von der etwa 200 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde Affaltrach erbaut und am 28. November 1851 feierlich eingeweiht worden. Sie war eine der wenigen Synagogen in der Gegend, die alle Räume, die für das religiöse und tägliche Leben einer jüdischen Gemeinde wichtig sind, in einem Gebäude vereinte: Gottesdienstraum, Schulzimmer, Sitzungszimmer, Mikwe und Lehrerwohnung. Sie wurde bis 1905 als Schule für jüdische Kinder und bis in die dreißiger Jahre als Gebetshaus benutzt. In der Pogromnacht, vom 9. auf den 10. November 1938, kam es zu schweren Ausschreitungen. Der Betsaal und weitere Räume wurden durch SA-Angehörige verwüstet, schwer beschädigt und geschändet, die in den Räumlichkeiten im Erdgeschoss der Synagoge lebende jüdische Familie körperlich angegriffen. Das Gebäude wurde aber nicht angezündet, da im ersten Stock eine „Arier-Familie“ wohnte. Auch die enge Bebauung um die Synagoge mag dazu beigetragen haben. In der Folge wurde das Gebäude für unterschiedliche Zwecke genutzt. So diente es der Unterbringung von polnischen Kriegsgefangenen und als Lager für verschiedene Firmen aus Heilbronn und Affaltrach. Zeitweise wurde es auch von Vereinen genutzt. Zuletzt diente es hauptsächlich Wohnzwecken.

Am 9. November 1988 konnte der Landkreis Heilbronn das renovierte Gebäude wieder der Öffentlichkeit übergeben. Im Mai 1989 wurde das Museum mit einer Dauerausstellung eröffnet. Diese zeigt die reiche jüdische Kultur und Geschichte der Region Heilbronn, deren Anfänge mindestens 1000 Jahre zurückreichen. In der Reichsstadt Heilbronn lebten bereits im 11. Jahrhundert Jüdinnen und Juden. Im 13. Jahrhundert ist dies ebenfalls für die Reichsstadt Wimpfen nachgewiesen. In zahlreichen Orten des heutigen Landkreises Heilbronn etablierten sich jüdische Gemeinden von zum Teil beträchtlicher Größe - meist in der Neuzeit. Während das Herzogtum Württemberg Jüdinnen und Juden seit dem Spätmittelalter ausgeschlossen hatte, ermöglichten es der reichsritterschaftliche Adel, der Deutsche Orden und der Johanniterorden Jüdinnen und Juden, sich in ihren Territorien als sogenannte „Schutzjuden“ niederzulassen. 

Die vom Kreisarchiv Heilbronn konzipierte Ausstellung spannt den Bogen von den frühesten Spuren jüdischen Lebens in der Region Heilbronn, belegt durch steinerne Zeugnisse, über die jüdische Emanzipation bis zur Verfolgung, Deportation und systematischen Vernichtung der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus. Auch aus dem Landkreis und der Stadt Heilbronn stammende jüdische Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur und Politik werden in der Ausstellung gewürdigt. Ausgestellt sind religiöse Schriften, Textilien und Kultgegenstände, z. B. Gebetsriemen. Einzelne Objekte aus ehemals jüdischem Besitz sowie zahlreiche Fotos, schriftliche Dokumente, Bücher usw. beleuchten jüdische Kultur und jüdisches Alltagsleben in einem jahrhundertelangen Gegeneinander, Nebeneinander oder Miteinander von Christ*innen und Jüdinnen und Juden, wie es in der Region gelebt wurde. Seit 2012 erinnert zudem eine Sonderausstellung an das im benachbarten Eschenau 1941 eingerichtete jüdische Zwangsaltenheim. Dessen Bewohner*innen wurden im August 1942 nach Theresienstadt/Terezín deportiert. Fast alle wurden dort bzw. in den Vernichtungslagern umgebracht. Die Ausstellung zeichnet die Geschichte dieser Einrichtung nach und gibt den Opfern durch deren Biografien ein Gesicht. 

Bildungsarbeit vor Ort

Im Rahmen einer Vereinbarung mit dem Landkreis Heilbronn, dem als Eigentümer die Unterhaltung des Gebäudes obliegt - die laufenden Unterhaltsarbeiten übernimmt die Gemeinde Obersulm - organisiert und realisiert der „Freundeskreis ehemalige Synagoge Affaltrach e. V.'' ehrenamtlich die pädagogischen Angebote des Museums. Dieser hat seine Wurzeln in dem 1985 gegründeten „Verein zur Erhaltung der Synagoge Affaltrach", welcher den Anstoß zur Rettung des Synagogengebäudes gegeben hatte. Angeboten werden Führungen durch die Ausstellungen im Museum und auf Wunsch auch auf dem um 1650 angelegten jüdischen Friedhof, historische Bildungsarbeit und kulturelle Veranstaltungen, wie z. B. Vorträge und Lesungen zu vielfältigen Aspekten der jüdischen Geschichte und Gegenwart, Konzerte, Filmvorführungen, Theater- und Musikdarbietungen. Das Angebot in der ehemaligen Synagoge Affaltrach leistet seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zur historischen Bildung in der Region Heilbronn. 2019 waren 2.700 Besucher*innen zu verzeichnen, darunter ca. 900 Schüler*innen.

Dieses Angebot soll künftig durch einen jüdischen Kulturweg - (Rad)Wanderweg - ergänzt werden, dessen Eröffnung noch im Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ (2021) vorgesehen ist. Der Weg soll entlang von Synagogengebäuden, Metzgereien jüdischer Schlächter, Wohn- und Geschäftshäusern sowie Fabriken jüdischer Mitbürger*innen, aber auch jüdischen Friedhöfen im ganzen Landkreis und der Stadt Heilbronn führen. An bzw. vor den öfter abgeschlossenen und ohne Anmeldung nicht zugänglichen Gebäuden und Einrichtungen sollen Informationstafeln mit QR-Codes angebracht werden, über die zusätzliche Text-, Film- und Bildmaterialien abgerufen werden können. Diese erläutern nicht nur die vormalige Bedeutung und Funktionen dieser Orte, sondern auch die bis in die Gegenwart fortlebenden Einflüsse jüdischen Alltagslebens und jüdischer Kultur. Mit der Wahl des Mittels (Rad)Wanderweg sollen auch neue Zielgruppen erreicht werden, die gerne Natur, Kultur und sportliche Betätigung verbinden.

Zudem ist die Modernisierung der nun über 30 Jahre alten Dauerausstellung geplant. Dafür wurde 2019 durch eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die auf der Basis eines Werkvertrages die Ausstellungsobjekte analysierte und inventarisierte, der Grundstein gelegt. Das Ergebnis bietet eine gute Grundlage für die Erarbeitung einer Neukonzeption. Insbesondere sollen bislang in der Ausstellung fehlende Aspekte dargestellt werden, wie z.B. der Prozess der „Wiedergutmachung“ und das Zusammenleben nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch die 2004 neugegründete Israelitische Religionsgemeinschaft Heilbronn, die eine Zweigstelle der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg ist, soll Berücksichtigung finden. Genauso soll die neue Ausstellung modernen Sehgewohnheiten angepasst werden, und es sollen neue Medien zum Einsatz kommen. 

Bildungsarbeit in Zeiten von Corona

Vor der Pandemie konnten, neben den vielen kulturellen Veranstaltungen wie Vorträgen, Lesungen und Konzerten, auch Sommerfeste, Filmvorstellungen in der Synagoge im Rahmen des „Ferienspaß“ und Kooperationen mit örtlichen Schulen im Rahmen der jährlichen Projekttage durchgeführt werden. Inzwischen findet die Arbeit des Museums verstärkt auch auf den Sozialen Medien in fünf Bereichen statt: Veranstaltungsankündigungen, Posts über das Zwangsaltenheim Eschenau, jiddische Kultur, religiöse Feste und E-Learning Angebote. Unter Veranstaltungen fallen Vorträge, Onlineführungen durch das Museum und Lehrvideos in Kooperation mit dem YouTube Kanal „Die Reli-Lehrer“. Bei den Posts zum Zwangsaltenheim handelt es sich um Kurzbiografien der Bewohner*innen an deren jeweiligen Geburtstagen, mit denen den Opfern des Nationalsozialismus ein Gesicht und ein Stückchen Würde zurückgegeben wird. Die Posts zu jiddischer Kultur laufen unter dem Namen „Jiddish is Daytsch“ und erklären monatlich, wie Wörter hebräischen/ jiddischen Ursprungs es in den deutschen und teilweise auch schwäbischen Sprachgebrauch geschafft haben. Darunter fallen Begriffe wie Kaff, Mischpoke, Schlamassel, Ische, Stuss, Zocken, Schnorren oder meschugge. Die Posts zu den religiösen Festen beziehen sich nicht nur auf jüdische Feste, sondern thematisieren ebenso christliche und muslimische Feiertage und erklären dabei auch deren Bedeutung und Beziehungen untereinander. Dieser Ansatz wurde gewählt, um kulturelles und intra-religiöses Verständnis und Zusammenarbeit zu fördern. Daraus resultierte nicht nur eine größere Bekanntschaft, sondern auch eine tiefere Vernetzung mit anderen Gedenkstätten und Trägern der historisch-politischen Bildung. Ebenso wurden dadurch Grundsteine gelegt für neue Kooperationen und gemeinsame Projekte, wie die Mitarbeit an der genealogischen Onlinedatenbank „Jüdische Familien im Südwesten“. 

Zudem werden neue Wege der hybriden außerschulischen historisch-politischen Bildung angeboten. Für E-Learning-Angebote wurde das Programm Moodle gewählt. Der erste entwickelte Moodlekurs dreht sich um das Poesiealbum von Helga Selz, einem jungen jüdischen Mädchen aus Affaltrach, das 1939 über einen Kindertransport dem NS-Regime entkommen konnte. Die Teilnehmer*innen können den in vier Blöcke geteilten Kurs in eigener Regie zeitlich ungebunden selbst nutzen. Der historische Einstieg erfolgt über ein gekürztes Video einer Dokumentation über Kindertransporte. Danach erhalten die Teilnehmer*innen über ein kurzes Video den ersten Zugang zum Poesiealbum, bevor sie digital durch das Album „blättern“ können. Durch angeleitete Selbstrecherchen und kreative Aufgaben können die Schüler*innen die Lebenswelten und -geschichten Helgas und ihrer Freundinnen kennenlernen. Zum Schluss sollen die Teilnehmer*innen einen eigenen Text in Helgas Poesiealbum als „letzten Eintrag“ schreiben und so ihre Gedanken zum Gelernten niederschreiben. In einem weiteren Block geht es darum, die Geschichte und das Erinnern an die Familie Selz zu analysieren. Thematisiert wird dabei auch die Stolpersteinsetzung für Helgas Eltern in Affaltrach und der Besuch einer Nachfahrin. Zuletzt ist schließlich ein Besuch des Museums geplant, um das Thema vor Ort nachzubereiten. Sollte dies (coronabedingt) nicht möglich sein, kann die Nachbesprechung auch an der Schule oder via BigBlueButton durchgeführt werden. Zielsetzung des Kurses „Jüdische Lebenswelten während der NS-Zeit – Poesiealbum Helga Selz“ ist es, Zugang zu den Lebensrealitäten von jüdischen Jugendlichen aus deren Perspektive über angeleitete Eigenrecherche zu schaffen und dabei über heutige Flucht- und Vertreibungserfahrungen im Sinne von Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung zu reflektieren. Weitere Kurse zu Themen wie Antisemitismus, jüdische Emanzipation, Zionismus, jüdischer Widerstand und modernes jüdisches Leben sind in der Planung. 

Pädagogische Angebote:

Sonderführungen nach Vereinbarung, pädagogische Arbeitsblätter für Schülergruppen.

Moodlekurs: Jüdische Lebenswelten während der NS-Zeit – Poesiealbum Helga Selz.

Öffnungszeiten:

14. März bis 14. November 2021, sonntags von 15.00-17.00 Uhr geöffnet, soweit erlaubt.

Kontakt und Führungen:

Freundeskreis ehemalige Synagoge Affaltrach e.V.c/o Heinz Deininger, Asangstr. 10, 74245 Löwenstein-Hößlinsülz
Tel. +49 (0)7130 6823
Fax +49 (0)7130 450157
Email: HeinzDeininger [at] t-online [dot] de

Adresse der Gedenkstätte:

Untere Gasse 6
74182 Obersulm-Affaltrach

Internet & Soziale Medien

Webseite:  https://www.synagoge-affaltrach.de/
Facebook: https://www.facebook.com/museumsynagogeaffaltrach
Instagram: https://www.instagram.com/museum_synagoge_affaltrach/
Twitter:       https://twitter.com/affaltrach
YouTube:   https://www.youtube.com/channel/UCcvYRbUC_VWxPmFkdTmbnOQ

 

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