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Detailliert, vielfältig und unmittelbar: Vergessene, frühe Zeugnisse weiblicher Überlebender

Dr. Andrea Rudorff ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fritz Bauer Instituts im Projekt »Polnische Strafverfahren gegen Angehörige der Lagerbesatzung von Auschwitz-Birkenau«. Zuvor arbeitete sie im Projekt »Die Geschichte des Konzentrationslagers Katzbach, Frankfurt am Main« und war Bearbeiterin des Bands 16 der Edition »Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945« des Instituts für Zeitgeschichte München/Berlin.

Von Andrea Rudorff

Am 27. März 1945, sechs Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, gab die 19-jährige Jüdin Anna Haas im „Haus der Flüchtlinge“ in Bukarest zu Protokoll, was ihr in den letzten zwölf Monaten passiert war. Etwa ein Jahr zuvor hatte sie in ihrer Heimatstadt Cluj in Siebenbürgen das Abitur abgelegt. Kurz darauf begann die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung aus den ungarisch besetzten Gebieten Rumäniens. Anna Haas wurde mit ihrer Familie und 18 000 jüdischen Einwohner*innen von Cluj in die städtische Ziegelei gepfercht, wo sie unter freiem Himmel, auf der bloßen Erde, nächtigen mussten. Drei Wochen später wurden sie von dort nach Auschwitz-Birkenau abtransportiert. Bei der Ankunft an der Rampe von Birkenau stuften SS und Lagerärzte Anna als „arbeitsfähig“ ein. Sie wurde Häftling im Lager und entging auf diese Weise dem grausamen Tod in der Gaskammer. Schon bald arbeitete sie als Läuferin für das Krankenrevier, später wurde sie Schreiberin im Block für Infektionskrankheiten. Dort sah sie täglich, wie kranke Häftlinge für den Tod in der Gaskammer ausgewählt wurden: „Die einzige Aufgabe des Spitals war es, die Kranken hereinzulocken und je mehr Menschen zu verbrennen. Es kam vor, dass man auf einmal hundertzwanzig bis hundertfünfzig Frauen wegführte. Natürlich wären sie zu heilen gewesen.“ 

Als das Frauenlager in Birkenau im Herbst 1944 sukzessive verkleinert wurde, teilte die SS Anna Haas einem Transport von 1.000 Frauen zu, der in das Außenlager Kurzbach im östlichen Niederschlesien gebracht wurde, das unter der Verwaltung des Konzentrationslagers Groß-Rosen stand. In einer Scheune untergebracht, mussten die Frauen dort bei Regen, Wind und Frost Panzergräben ausheben, die die östliche Reichsgrenze vor dem Einmarsch der Roten Armee schützen sollte. Als die Front bereits sehr nahe war, trieb die SS die Frauen im Januar 1945 zu Fuß zunächst ins Stammlager Groß-Rosen. Wegen Trunkenheit der Begleitmannschaften gelang ihr dort die Flucht. Fernab der Heimat und ohne Ortskenntnis kehrte sie zunächst an den Ort ihrer Gefangenschaft, in die Nähe des Außenlagers Kurzbach zurück. Einen Tag lang versteckte sie sich in einem „polnischen Wirtshaus“, dann marschierte die Rote Armee ein. Nach einer Odyssee über Częstochowa, Kraków, Tarnów, Przemyśl, Lemberg und Kolomyja gelang es ihr sich bis Bukarest durchzuschlagen.

Dort hatte die Hilfsorganisation Joint Distribution Committee im „Haus der Flüchtlinge“ in der Calea Moșilor-Straße 128 einen Anlaufpunkt für Holocaust-Überlebende eingerichtet, die in der Stadt eintrafen. In der Regel hofften sie, eine Weiterreise nach Palästina organisieren zu können. Sie erhielten Unterstützung und wurden gleichzeitig gebeten, ihre Verfolgungsgeschichte zu erzählen, die schriftlich festgehalten wurde. Am Ende der Schilderung notierten die Protokollant*innen die Namen von Angehörigen und Bekannten, mit denen die Berichtenden gemeinsam deportiert worden waren und von deren Schicksal sie zu diesem Zeitpunkt meist nichts wussten, aber Schlimmes ahnten. Beim Durchstöbern der Aussagen fällt auf, wie viele Überlebende schon zu diesem frühen Zeitpunkt, im Frühjahr und Sommer 1945, Befürchtungen äußerten, mit ihren Berichten über die Verbrechen zu langweilen und Altbekanntes zu wiederholen. 

Anna Haas` vierseitiger Bericht wurde unter der Protokollnummer 35 abgelegt. Nüchtern schildert sie darin von dem Erlebten, nennt Namen von Tätern und Mitgefangenen. Eine Leerstelle bleibt das Schicksal ihrer Eltern und ihrer siebenjähriger Schwester Maria, die vermutlich bereits während der Eingangsselektion an der Rampe als „arbeitsunfähig“ eingestuft und in der Gaskammer ermordet wurden. 

Anna Haas muss vom fabrikmäßigen Mord berichten, zu einem Zeitpunkt, als es noch keinen Namen dafür gibt. Sie muss, wie viele andere, neue, eigene Begriffe für das Unsagbare finden. So beginnt sie die Beschreibung vom Lager Auschwitz-Birkenau mit den Worten: „Auschwitz macht im ersten Augenblick den Eindruck eines Narrenhauses. Es ist die Erfindung eines kranken phantasievollen Gehirns, gründlich und präzis ausgearbeitet und durchgeführt.“ 

Tausende von jungen Jüdinnen legten bereits vor Kriegsende oder unmittelbar danach Zeugnis von ihrer Verfolgung ab. Viele von ihnen hatten, wie Anna Haas, die letzte Kriegsphase in KZ-Außenlagern überlebt. Der Anteil von jungen Frauen in dieser Gruppe war hoch: ein Grund lag darin, dass mit den Deportationen jüdischer Bevölkerung aus Ungarn und den ungarisch besetzten Gebieten Rumäniens und der Tschechoslowakei seit Mai 1944 besonders viele Frauen nach Auschwitz-Birkenau kamen, da ein Großteil der ungarischen jüdischen Männer – nämlich diejenigen, die die ungarische Armee zur Zwangsarbeit einsetzte – von den Deportationen ausgenommen war. Diese Frauen wurden nun verstärkt zu Arbeitseinsatzzwecken an die deutsche Rüstungsindustrie verteilt. Dies führte zwischenzeitlich zu Irritationen bei der SS, im Rüstungsministerium und in den Unternehmen, die sich mehr junge Männer als Zwangsarbeitskräfte erhofft hatten. Schon bald jedoch gehörte der Einsatz von weiblichen KZ-Häftlingen in der deutschen Industrie oder bei Schanzarbeiten zur Normalität in Deutschen Reich. Im Januar 1945 waren 200.000 Frauen im KZ-System gefangen: Ein Großteil von ihnen lebte in Außenlagern. 

Forschungen haben ergeben, dass die Sterblichkeit von weiblichen Häftlingen in den Außenlagern der Rüstungsindustrie weitaus niedriger lag als die von Männern. Die größte Gefahr für die jungen Frauen und Mädchen entstand im Moment der Lagerräumungen. Im Januar 1945 begannen die Todesmärsche aus den Lagern in den östlichen Teilen des Deutschen Reichs, in denen sich Außenlager von Stutthof und Groß-Rosen befanden. Diesen Gewaltmärschen bei starkem Frost fielen viele Frauen zum Opfer. Sie verhungerten, erfroren oder wurden von den Begleitmannschaften erschossen, weil sie nicht schnell genug liefen. Gleichzeitig erleichterte der Umstand, dass auch die deutsche Bevölkerung aus diesen Regionen floh, den Frauen und Mädchen die Möglichkeiten zu einer Flucht. Leerstehende Häuser und Scheunen boten Unterschlupf und in manchen Küchen, Kammern und Kellern fanden sich gefüllte Lebensmittelmagazine. Niemand war da, um sie zu bewachen und geflohene KZ-Häftlinge den Behörden zu melden. Angesichts der großen Gefahr, auf dem Todesmarsch umzukommen, entschlossen sich etliche Frauen und Mädchen, das Risiko einer Flucht einzugehen. Sie schlugen sich auf oftmals abenteuerliche Weise in die befreiten Gebiete durch. Dort fanden sie Unterstützung bei jüdischen Hilfsorganisationen. In der Regel wurden dort die Erfahrungen der Überlebenden schriftlich festgehalten. So bildeten sich in vielen Städten Polens jüdische Kommissionen, die rund 7.200 Berichte protokollierten. Die ungarische Deportiertenfürsorge in Budapest sammelte seit Frühsommer 1945 bis zum April 1946 rund 4000 Berichte. Auch in vielen anderen europäischen Staaten bildeten sich ähnliche Initiativen. Um beispielsweise die Erfahrungen der 20 000 Konzentrationslager-Überlebenden zu dokumentieren, die nach dem Krieg zur Erholung nach Schweden gebracht worden waren, gründete Zygmunt Łakociński in Lund das Polish Research Institute, das mehrere hundert Berichte sammelte. Auch in DP-Lagern entstanden umfangreiche Projekte zur Dokumentation der Erfahrungen von Überlebenden, darunter die einzigartigen Tonbandprotokolle, die der Psychologieprofessor David P. Boder im August 1946 aufnahm. 

In den letzten Jahrzehnten stieg sowohl in Deutschland als auch an den heute polnischen Standorten ehemaliger KZ-Außenlager das Interesse an der Geschichte dieser Lager, die in fast jeder Stadt und in vielen Gemeinden errichtet worden waren. Initiativen setzten sich zum Ziel, Spuren zu suchen und etwas über die Häftlinge und ihre Leidenszeit in Erfahrung zu bringen. Sie suchen nach Berichten von Überlebenden, da erst die Verbindung mit konkreten Biographien die Geschichte anschaulich und vermittelbar macht. Die Bekanntheit und Zugänglichkeit gerade der frühen Quellen ist jedoch bisher so eingeschränkt, dass Geschichtsaktivist*innen oftmals nicht einmal ahnen, wie viele frühe Berichte über das entsprechende Lager in Archiven schlummern. Zwar schreitet die Digitalisierung vieler Bestände voran und immer mehr werden im Internet zugänglich. Der Bericht von Anna Haas jedoch liegt zusammen mit 800 weiteren Berichten aus dem Bukarester „Haus der Flüchtlinge“, die alle aus dem Zeitraum Frühjahr bis Herbst 1945 stammen, in einem kleinen Archiv des Pinkas Lavon Instituts im Norden von Tel Aviv. Aufgrund ihrer schweren Zugänglichkeit sind sie wissenschaftlich kaum ausgewertet.

Viele Überlebenden äußerten in ihren letzten Lebensjahren die Befürchtung, dass ihre Erfahrungen und ihre Perspektive auf das Geschehene in Vergessenheit geraten könnte. Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen arbeiten daran, dass dies nicht geschieht. Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen von Archiven, Historiker*innen und Geschichtsaktivist*innen über Ländergrenzen hinweg, um vergessene Bestände mit frühen Erlebnisprotokollen durch die Erstellung von Findbüchern, Orts- und Lagerregistern sowie Digitalisaten und Übersetzungen zugänglicher zu machen. Die Stimmen der Überlebenden sollten an den Orten ihrer Leidenserfahrungen gehört werden.  

Frühe Berichtesammlungen (Auswahl)

Protokolle aus dem Haus der Flüchtlinge in Bukarest, Archiv des Lavon-Instituts for Labour Research, Tel Aviv, Bestand L VII-123 (digitalisiert im Archiv des United States Holocaust Memorial Museum, RG-68151M).

Protokolle der Jüdischen Kommissionen in Polen, Żydowski Instytut Historyczny, Warszawa, Bestand 301 (digitalisiert, nicht online abrufbar, publiziertes Findbuch: Marek Jóźwik (Hrsg.), Holocaust Survivors Testimonies Catalogue, 7 Bände, Warszawa 1998-2011 sowie PDF-Findbuch auf der Seite des Żydowski Instytut Historyczny und im Katalog des United States Holocaust Memorial Museum).

Protokolle der Deportiertenfürsorge in Budapest (DEGOB), Magyar Zsidó Múzeum és Levéltár (www.degob.org bzw. www.degob.hu und teilweise im Online-Archiv von Yad Vashem, Bestand O.15).

Protokolle des Polish Research Institute in der Lund University Library, teilweise online unter www.alvin-portal.org.

Tonbandaufnahmen von David P. Boder, „Voices of the Holocaust“, temporär über folgende Plattform abrufbar: https://iit.aviaryplatform.com/collections/231.

Volltexte von derzeit 135 deutschsprachigen frühen Berichten der Lagerliteratur, Universitätsbibliothek Gießen: https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-fhl.

Literatur (Auswahl)

Frank Beer/Markus Roth (Hrsg.), Von der letzten Zerstörung. Die Zeitschrift „Fun letstn churn“ der Jüdischen Historischen Kommission München 1946-1948, Berlin 2020.

Regina Fritz/Éva Kovács/Béla Rásky (Hrsg.), Als der Holocaust noch keinen Namen hatte: zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmords an den Juden, Wien 2016.

Laura Jockusch, Collect and record! Jewish Holocaust documentation in early postwar Europe, Oxford 2012.

Andrea Rudorff/Claus Füllberg-Stolberg, Geschlechtsspezifische Mortalitätsraten in Konzentrationslagern. Ursachen, Interpretationen, Wahrnehmung, in: Janine Doerry/Thomas Kubetzky/Katja Seybold (Hrsg.), Das soziale Gedächtnis und die Gemeinschaften der Überlebenden. Bergen-Belsen in vergleichender Perspektive, Göttingen 2014, S. 35-48.

Andrea Rudorff, Frauen in den Außenlagern des Konzentrationslagers Groß-Rosen, Berlin 2014.

 

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