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Guidelines for international discourse on history and memory

Ein Positionspapier des Europäischen Netzwerkes Erinnerung und Solidarität zum internationalen Diskurs über Geschichte und Erinnerung.

Professor Attila Pók ist stellvertretender Direktor des Instituts für Geschichte des geisteswissenschaftlichen Forschungszentrums an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften; stellvertretender Vorsitzender des Ungarischen Historiker-Verbands und Wissenschaftler am Institute of Advanced Study in Kőszeg. Pók arbeitet zur Europäischen Politik- und Geistesgeschichte, zur Geschichte europäischer Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert und zur Theorie und Methodik der Geschichtswissenschaft. Prof. Pók ist seit vielen Jahren in den Gremien des Europäischen Netzwerkes Erinnerung und Solidarität vertreten und aktuell Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates.

Von Attila Pók

Geschichte als Beschäftigung mit der Vergangenheit bedeutet viel mehr als die Summe der Leistungen der Geschichtswissenschaft. "Undertaking History", das "Unternehmen Geschichte" vollzieht sich auf wenigstens vier Ebenen: zuerst auf der Ebene der "Zunft" (Forschung und Veröffentlichung der Resultate dieses epistemologischen Prozesses), wobei die Gesetze dieser fachwissenschaftlichen Arbeit nach internationalen Maßstäben definiert sind. Historiker*innen, die diesen Gesetzen nicht folgen, werden von der Zunft ausgeschlossen (oder gar nicht aufgenommen). Die Situation ist völlig anders auf der zweiten Ebene, wo es um die repräsentative Funktion der Geschichte geht. Geschichte als kollektives historisches Gedächtnis kann die Kohäsion einer Gesellschaft verstärken. Diese Funktion des "Unternehmens Geschichte" ist Politiker*innen gut bekannt, denn sie brauchen und missbrauchen sie allzu oft. Die Rituale im Zusammenhang mit nationalen Gedenktagen, die Einweihung und Entfernung öffentlicher Denkmäler, die Umbenennung von Straßen und Plätzen usw. sind die bekanntesten Formen dieses Umgangs mit der repräsentativen Funktion der Geschichte. Die dritte Ebene ist die pädagogische, erzieherische Funktion: Geschichte als Gegenstand des Schulunterrichts und in der non-formalen Bildung. Selbstverständlich ist die Art und Weise des Geschichtsunterrichts von der Politik oft stark beeinflusst und so besteht in vielen Fällen eine tiefe Kluft zwischen der ersten, der wissenschaftlichen Ebene, und der zweiten und der dritten (repräsentativen und pädagogischen) Funktion. Die vierte Ebene ist das kollektive Gedächtnis in seinen zwei Formen, in der Terminologie von Jan Assman unterscheiden wir das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis. Diese Ebene wird in der kommunikativen Form von Kontakten in den Familien, unter Freunden und Bekannten gestaltet, die Bausteine des kulturellen Gedächtnisses hingegen setzen sich zusammen aus dem in der Schule Erlernten und den in Museen und Denkmälern überlieferten Schätzen der lokalen, nationalen und allgemein menschlichen Kultur.

Das 2005 gegründete und seit 2010 mit vollem Schwung funktionierende ENRS versucht mit seinen bescheidenen Mitteln alle diese Formen des europäischen Gedächtnisses, anders gesagt des ‚‚Unternehmens Geschichte“, auf einer europäischen Ebene zu analysieren und zu gestalten. Vor fünf Jahren, aufgrund der Erfahrungen vieler Auseinandersetzungen im Laufe der Vorbereitung einzelner Projekte, nach langen und spannenden Diskussionen, haben die Gremien des ENRS ein Dokument unter dem Titel „Guidelines for international discourse on history and memory” ausgearbeitet und über die sozialen Medien und eigene Drucksachen veröffentlicht. Wir wollten mit diesen „Guidelines” uns selbst Maßstäbe setzen, aber zugleich in der Öffentlichkeit dafür werben, sich diesen Leitlinien anzuschließen. Bis dato wurde das Dokument von etwa 140 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Öffentlichkeit und Museumsarbeit unterschrieben. Aufgrund der Erfahrungen der seitdem vergangenen fünf Jahre ist das Anliegen berechtigt, die Umsetzung dieser Leitlinien in der Realität unserer eigenen Arbeit im ENRS zu bewerten. Ich möchte versuchen alle acht Punkte dieses Papiers aufgrund unserer Erfahrungen zu beleuchten. Ich nehme jeweils den Titel der Leitlinien auf, wobei diese Thesen im Dokument ausführlicher begründet werden. Hier verweise ich auf die Internetseite des ENRS.

1. Present varied viewpoints

Eines der wichtigsten Themen unserer Tätigkeit im Laufe der letzten fünf Jahre war die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Es ist unwahrscheinlich und gar nicht realistisch daran zu glauben, dass die russische, deutsche, polnische, slowakische, ungarische usw. Erinnerung an die Ursachen und Folgen dieses Weltkrieges sich einmal überlappen werden. Die Meinung, dass Kriege keinesfalls die optimale Lösung internationaler Konflikte sind und für die Sieger und die Verlierer auch viel Leid mit sich bringen kann aber von allen Betroffenen geteilt werden. Unsere Erfahrung mit der Zusammenstellung einer grossen Wanderaustellung zu den Folgen des Ersten Weltkrieges (After the Great War. A New Europe 1918 – 1923. Informationen online: https://enrs.eu/afterthegreatwar) führt aber auch zu einer anderen Lehre: falls die Bereitschaft besteht mit den Gesichtspunkten der „Anderen” empathisch umzugehen, kann man sich, trotz grundsätzlich unterschiedlicher nationaler Standpunkte, auf eine Ausstellung einigen, die man in den meisten Ländern Europas zeigen kann.

2. Avoid deterministic expressions

Sich an den zweiten Punkt zu halten ist schwieriger. Unsere Erfahrung ist, dass Geschichte ohne Gegenwartsbezogenheit uninteressant bleibt, die Grenze zwischen Kontext und Determiniertheit ist schwer einzuschätzen. Wie könnte man das heutige Verhältnis zwischen Russland und Polen oder zwischen Serb*innen und Kroat*innen, sogar zwischen Ungar*innen und Österreicher*innen als von der Geschichte nicht determiniert betrachten? ABER warum diese Leitlinie dennoch ihre Berechtigung hat, das liegt an ihrer Zukunftsorientierung. Beziehungen können verändert werden, denken wir nur an das heutige Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen oder an das ungarisch-serbische Verhältnis, das sich im Laufe der letzten Jahre trotz der historischen Belastungen gesellschaftlich und politisch auch sehr positiv entwickelt hat.

3. Avoid generalisations

Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, denn wenn wir in guter Absicht (z. B. das Begehen von Jahrestagen tragischer oder erfreulicher Ereignisse) das jeweils nationale und europäische öffentliche Interesse wecken wollen, sind Verallgemeinerungen über das „Gute“ und das „Böse“ kaum zu vermeiden. Kollektive Schuld und Unschuld sind und werden ein endloser Diskussionsgegenstand bleiben. Durch einen fortgesetzten und tiefgehenden Gedankenaustausch unter Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Medienexpert*innen über die sozialen Folgen politischer Umwälzungen können wir dem Anspruch dieser Leitlinie näher kommen. 

4. Treat historical figures as individuals

Unsere Veranstaltungen und Veröffentlichungen versuchen dieser Erwartung entgegenzukommem, indem wir die individuelle Komplexität historischer Persönlichkeiten darstellen, seien es leitende Figuren wie Beneš, Horthy oder Piłsudski oder einfache Bürger*innen, die die Überlebensmöglichkeiten in totalitären Regimen durch Kollaboration oder Widerstand (oder beides) ausgeschöpft haben.

5. Ensure a genuine historical basis

Das ist besonders schwierig, wenn wir z B. an die Darstellung solcher wichtigen Ereignisse wie den Molotow-Ribbentrop Pakt oder die Zahl der Opfer des Stalinismus und des Kommunismus denken. Nie werden wir hundertprozentig eindeutige Quellen zu allen Details haben, aber gerade wegen dieser Ambivalenz sollten aktuelle politische Entscheidungen keinesfalls nur auf angenommene Opferzahlen oder willkürlich ausgewählte einzelne Quellen gebaut werden.

6. Clearly define the nature of each initiative

Das ist ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit: fiktive historische Narrative in Filmen, literarischen Werken oder politischen Reden dürfen mit Wissenschaft nicht verwechselt werden. Darstellungen von Künstler*innen (besonders Spielfilme, YouTube-Materialen) oder Reden charismatischer Politiker*innen erreichen meistens viel Publikum, sind leicht zu verstehen und können so die öffentliche Meinung in gewisse Richtungen orientieren und manipulieren. Die wissenschatliche Bearbeitung eines Problems zeigt selten ein Bild in schwarz-weiss und erreicht viel weniger Menschen. Beide Formen sind wichtig und nötig, aber, und das ist unsere Warnung, dürfen einander nicht ersetzen! 

7. Use academic knowledge as your source

Zur Beurteilung (besonders politisch motivierter) historischer Ereignisse sollte nur systematisch geprüftes akademisches Wissen dienen, aber es ist natürlich klar, dass in der Politik oder in der Bildungsarbeit die akademische Komplexität der vergangenen Geschehnisse nicht immer dargestellt werden kann. Unsere Erfahrung mit jungen Menschen unterschiedlicher Nationalität, die in unseren Projekten zusanmenarbeiten zeigt, dass der Abbau von Vorurteilen auch ohne vollständiges akademisches Wissen möglich ist, aber bei den Dozent*innen oder Trainer*innen akademisches Wissen voraussetzt.

8. Apply up-to-date didactical concepts and technical standards

Das ist eine zentrale Lehre aus unserer bisherigen Tätigkeit: unterschiedliche soziale Ziel- und Altersgruppen können nur durch den Gebrauch der ihnen verständlichen Begriffe und Methoden erreicht werden. Dazu brauchen wir Offenheit und die Bereitschaft zum Erlernen neuer Methoden der Kommunikation, sofern wir in der Gestaltung des „Unternehmens Geschichte” mitspielen wollen. Das ENRS versucht dies durch die Einbindung von Mitarbeitern unterschiedlicher Generationen zu fördern. 

Als eine allgemeine Erfahrung können wir darauf hinweisen, dass zu viel Geschichte im politischen Diskurs leicht zur Wiederkehr alter Zerwürfnisse und überwunden geglaubter feindlicher Stereotypen führen kann und damit die Aufmerksamkeit von zukunftsorientierten Themen ablenkt. Es ist bestimmt einfacher für Politiker*innen größerer und kleinerer Länder ihre Unterstützung in der Bevölkerung durch die Verbreitung erprobter historisch verwurzelter Stereotypen zu stärken. Es ist aber auch unsere Erfahrung, dass Umbruchzeiten (wie z. B. die Perioden nach den beiden Weltkriegen oder nach 1989-90) das Neudenken historischer Narrative verlangen. Neue historische Narrative sind ein unentbehrlicher Bestandteil im Prozess des Aufbaus neuer Legitimation von politischer Herrschaft. 

Ich bin der Meinung, dass die „Guidelines“ für die Planung und Verwirklichung unserer Aktivitäten gut gedient haben und die tiefere Klärung ihrer Inhalte zu weiteren spannenden Diskussionen führen kann.

 

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