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Gemeinsam erinnern als Aufgabe – 15 Jahre Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität

Rafał Rogulski leitet seit seiner Gründung 2010 das Sekretariat des Europäischen Netzwerkes Erinnerung und Solidarität (ENRS) in Warschau, seit 2015 ist er Direktor des Instytut Europejskiej Sieci Pamięć i Solidarność. Prof. Dr. Matthias Weber ist seit 2004 Direktor des Bundesinstitutes für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) in Oldenburg und deutscher Vertreter im Lenkungsausschuss des ENRS.

Von Rafał Rogulski und Matthias Weber

1.    Ein Europäisches Netzwerk – Gründung und Auftrag

Über die Vergangenheit berichten die Menschen in Europa mit unterschiedlichen, manchmal sogar einander widersprechenden Stimmen. Vielfältig sind ihre Erfahrungen, verschieden ihre Erinnerungen, individuell die Perspektiven und manchmal kontrovers die Lehren, die sie aus der Vergangenheit ziehen. Das trifft besonders dann zu, wenn es um das 20. Jahrhundert geht, das zu Recht als ‚kurz‘ und als ‚extrem‘ bezeichnet wurde. ‚Kurz‘, weil die Phase bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 noch ganz die Prägung des alten Europa trägt und weil mit dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 nach Jahrzehnten der Ost-West-Konflikt zu Ende ging und eine neue Epoche begann. ‚Extrem‘ weil sich in den 75 Jahren zwischen 1914 und 1989 zwei Weltkriege und in ihrer Dimension bislang nicht gekannte Verbrechen gegen die Menschheit ereigneten.

Mit der kleiner gewordenen Zahl der Zeitzeug*innen und dem größer werdenden zeitlichen Abstand werden die Präsenz und Wirkungsmacht dieses kurzen extremen Jahrhunderts keineswegs geringer. Ganz im Gegenteil: Im neuen Jahrtausend setzte geradezu eine ,Konjunktur des Gedächtnisses‘ und eine Aufwertung der Erinnerung ein. Zugleich nahm fast sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und etwas über zehn Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die europäische Integration weiter Fahrt auf und so wurde gerade über die Fragen der gemeinsamen Vergangenheit international diskutiert und auch gestritten: In der Wissenschaft, in den Medien und in der Politik. 

Seinerzeit entstand auch eine öffentliche Debatte über die angemessene, europäische Form der Erinnerung an das Kriegsende und an seine Folgen. Eine sensible Frage, die bald international ausstrahlte, betraf das Gedenken an die Opfer von Flucht und Vertreibungen am Ende des Krieges in Deutschland. Dabei ging es vor allem um die Darstellung der historischen Kontexte der Ereignisse, um die Differenzierung zwischen Ursachen und Folgen sowie um die Gestaltung und Lokalisierung eines musealen Gedenkorts.

Ein Resultat der Diskussionen auf internationaler Ebene war im Jahr 2005 die Gründung des Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität (ENRS), dessen Arbeitsbereich nun die gesamte Geschichte Europas im 20. Jahrhundert umfasste, also weit über die Thematik der Zwangsmigrationen hinausging. Ziel war es, den Diskurs über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts insgesamt zu fördern. In ihrer damaligen, im Warschauer Königsschloss verabschiedeten „Absichtserklärung“ formulierten die Kulturminister*innen Deutschlands, Polens, der Slowakei und Ungarns, die die Initiative ergriffen hatten, einen umfassenden Arbeitsauftrag: das Netzwerk solle „eine gemeinsame, ausschließlich vom europäischen Geist der Versöhnung getragene Analyse, Dokumentation und Verbreitung der Vergangenheit“ unterstützen, um „die Geschichte der Völker Europas miteinander zu verbinden, zur Entwicklung einer europäischen Erinnerungskultur beizutragen und damit die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beteiligten Staaten zu festigen...”. Insbesondere sollte die Zusammenarbeit staatlicher und zivilgesellschaftlicher Institutionen der historischen Forschung und Bildung aus den verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten durch die Entwicklung gemeinsamer Projekte grenzüberschreitend gefördert werden.

Dabei gilt es, die Singularität der Vernichtungspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands gegenüber den europäischen Juden und den präzedenzlosen Holocaust im Blick zu behalten. Zugleich sollen die anderen zivilen und militärischen Opfer der nationalsozialistischen Besatzungspolitik und des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen werden. Der aus einer unterschiedlichen historischen Wurzel hervorgegangene kommunistische und stalinistische Terror, dessen Gewaltexzesse ebenfalls Millionen von Menschenleben forderte, ist genauso Gegenstand der Arbeit des ENRS.

Den Initiator*innen ging es um die Zusammenführung bislang getrennter und konkurrierender Perspektiven. Deshalb stellten sie die Grenzen-, Nationen- und generationenüberschreitende Begegnung der Menschen in den Vordergrund. Aus diesem Grund wurde ausdrücklich die Bildung eines Netzwerks vereinbart, keines zusätzlichen Museums oder weiteren Forschungs- oder Bildungsinstituts. Um den internationalen Diskurs zu unterstützen und aus dem Zusammenhang gerissene Interpretationen zu vermeiden, sollte die Verbindung der in den einzelnen Ländern bereits bestehenden Initiativen vorangebracht werden. Dieser europäische Vernetzungsauftrag zeichnet die Arbeit des ENRS aus. 

2014 ist Rumänien dem ENRS beigetreten, weitere Länder (Albanien, Estland, Georgien, Kroatien, Lettland, Österreich, Tschechien) haben ihr Interesse an einer Mitarbeit signalisiert und beteiligen sich zum Teil bereits als „Beobachter”. Das ENRS verfügt über ein Sekretariat in Warschau sowie über international besetzte Aufsichtsgremien. Es wird von den Kulturminister*innen der fünf Mitgliedsländer und ergänzend durch Drittmittel u. a. der Europäischen Union und des Visegrád Funds finanziert. 

2.    Erinnerung und Solidarität – Mehr als Schlagworte

Das 20. Jahrhundert, auf das sich der Begriff Erinnerung hier bezieht, ist in besonderer Weise durch Gewaltausübung und -erfahrung geprägt, verursacht von totalitären Diktaturen und von zwei Weltkriegen. Den zahllosen Leidtragenden der Kriege, Völkermorde, Eroberungen und Zwangsaussiedlungen, den Opfern nationalistischer, rassistischer, kommunistischer, ideologischer Repressionen und deren oft langfristigen Folgen sollte das ENRS besonderes Augenmerk schenken.

Erinnerung bezieht sich dabei nicht auf das technische Memorieren. Erinnerung meint vielmehr die gemeinsame Entwicklung vielgestaltiger aktiver internationaler Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit durch Diskussionen und nicht selten auch durch selbstkritische Reflexionen, um vielleicht künftig ein gemeinsames Geschichtsbewusstsein unter den Europäer*innen entstehen zu lassen, in das die unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven einfließen und das die Generationen und Nationen verbinden kann.

Im internationalen Austausch ist dies nur möglich, wenn die Solidarität von allen Akteuren als Grundprinzip akzeptiert ist. Die solidarische Verbundenheit verweist auf eine ethische Grundhaltung, auf Mitverantwortung und Mitverpflichtung für die gemeinsame Gegenwart und Zukunft, ohne die eine dialogische Geschichtsbetrachtung nicht gelingen kann. Unterschiedliche historische Erfahrungen sollen gerade mit Blick auf das Schicksal und die Erfahrungen der Anderen wechselseitig einbezogen werden, um den jeweils eigenen Horizont zu erweitern – dabei geht es nicht um die Herstellung eines gemeinsamen normierten Narrativs sondern um multiperspektivisches Geschichtswissen und Berücksichtigung der jeweiligen historischen Kontexte.

Das ENRS möchte dabei selbst als Forum des internationalen Diskurses fungieren, um dadurch zur Überwindung der während des zwanzigsten Jahrhunderts jahrzehntelang anhaltenden Spaltung des europäischen Kontinents beizutragen. 

3.    Ein neues Europa – Beispiele aus der Praxis

Es dauerte bis 2010, also annähernd fünf Jahre, bis das ENRS seine Arbeit vollständig aufnehmen, das Sekretariat eröffnen und ein professionelles Projektmanagement aufbauen konnte. In dem seither vergangenen Jahrzehnt wurden über 160 Projekte in 26 Ländern realisiert, die sich auf die Bereiche Wissenschaft, historische und kulturelle Bildung und vor allem Begegnung und Vernetzung erstreckten. In dieser Ausgabe des LaG-Newsletters stellen wir einige unserer Projekte ausführlich vor, andere sollen hier beispielhaft erwähnt werden.

Um auf dem nicht selten verminten Feld der Erinnerungskultur auf gesicherter Grundlage wissenschaftsbasiertarbeiten zu können, hatte die Kooperation mit Wissenschaftler*innen an Universitäten und Forschungsinstituten von Anfang an zentrale Bedeutung. Diese Kooperation findet seit 2012 u.a. im Rahmen des TagungszyklussesGenealogien der Erinnerung statt, der Historiker*innen sowie Expert*innen der „Memory Studies“ weltweit zusammenführt; im Jahr 2020 lautet das Thema der (Online-)Tagung: TheHolocaust between local and global perspectives.

Ein Format der strukturellen Verbindung praktischer und wissenschaftlicher Arbeit, das sich an Vertreter*innen von Gedenkstätten, Museen und Geschichtsinitiativen wendet, ist das European Remembrance Symposium, das jährlich in einer anderen europäischen Großstadt veranstaltet wird und an dem sich jeweils rund 200 Akteur*innen aus etwa 30 Ländern beteiligen, um über Herausforderungen für die europäischen Gesellschaften angesichts aktueller Geschichtsdiskurse und -politik zu diskutieren. Dieses Networking-Treffen hat sich EU-weit zum größten seiner Art entwickelt und bietet Gelegenheit, Institutionen und Projekte vorzustellen und Kooperationen zu schmieden. Infolge der Corona-Pandemie musste das 9. Symposium zum Thema Memory and Identity in Europe: Presence and Future, das im Mai 2020 in der estnischen Hauptstadt Tallinn stattfinden sollte, ausfallen – es soll 2021 nachgeholt werden. 

Multilinguale Wanderausstellungen bilden einen eigenen Schwerpunkt der Arbeit des ENRS. Die Ausstellung Zwischen Leben und Tod. Geschichten der Rettung während des Holocaust wurde bisher in zehn Orten europaweit gezeigt (und wird in diesem Newsletter von Piotr Trojański besprochen). Zweimal hat das ENRS große Open-Air-Ausstellungen produziert. Dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Europa war die ab 2014 präsentierte Ausstellung Freedom Express – Roads to 1989 gewidmet. Sie war u.a. mit einer Studienreise für junge Europäer*innen verbunden, die sie zu den Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs und des antikommunistischen Freiheitskampfes von Danzig über Warschau, Bratislava, Budapest, Temeschwar und Prag nach Berlin führte. Derzeit tourt die Ausstellung Nach dem Grossen Krieg. Ein Neues Europa 1918-1923 durch Europa. Diese multimediale Installation präsentiert eine Zeit des Aufbruchs und der Krisen mit ihren in die Gegenwart reichenden Auswirkungen. Sie wurde inzwischen in Prag, Sarajevo, Bratislava, Verdun, Berlin, Weimar, Breslau, Krakau, Warschau gezeigt und steht derzeit (im Oktober 2020) in der Europäischen Kulturhauptstadt Rijeka. Im nächsten Jahr sind weitere Stationen Triest, Wien, Wilna, Riga und Tallin. 

Das ‚Miteinander-vertraut-werden‘ durch die direkte Begegnung ist ein Schlüssel zum Verstehen. Das ENRS richtet kontinuierlich Studienreisen unter dem Label In Between? aus. Dabei ermöglichen wir den meist jüngeren Teilnehmenden Kontakte mit Menschen, die früher oder heute an nationalen, sprachlichen oder ethnischen Grenzen lebten bzw. heute leben und oft selbst kulturell mehrfach geprägt sind. Seit 2016 wurden 18 Regionen oder Städte in Mittel-, Ost- und Südeuropa besucht, darunter Schlesien und das Lebuser Land im deutsch-polnischen Grenzgebiet, Siebenbürgen und die Bukowina in Rumänien, die Stadt Pécs im ungarisch-kroatischen Grenzgebiet, die Südsteiermark, das polnisch-litauische Grenzland, Katalonien und Grenzregionen im westlichen Balkan. Studierende können hier die Vielfalt Europas im persönlichen Austausch nachvollziehen. 

Sound in the Silence ist ein interdisziplinäres Bildungsprojekt. In Gedenkstätten treffen sich Jugendliche, um sich in Theater-, Musik- und Tanzworkshops den oft bedrückenden Erfahrungen der Vergangenheit des jeweiligen Ortes künstlerisch zuzuwenden. So wird unmittelbar erfahrbar, dass unser gegenwärtiges Leben in Freiheit und Demokratie keineswegs selbstverständlich und das Engagement für diese Werte ebenso notwendig wie lohnend ist. Über die Genese, die Partner und die bisher fünf gemeinsamen Ausgaben dieses Projektes schreibt die Leiterin der Projektabteilung im Sekretariat des ENRS, Joanna Orłoś in diesem Newsletter.

                                                           *  *  *

Das ENRS engagiert sich in dem Wissen, dass Europa dann zusammenwachsen wird, wenn sich die Europäer*innen der schwierigen Vergangenheit ihres Kontinents souverän, aber auch solidarisch zuwenden. Nicht zuletzt gilt es, heute die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, um rechtzeitig aktuellen Tendenzen neuer Unfreiheit zu begegnen ̶ Tendenzen, die im 20. Jahrhundert zu Kriegen und zur Spaltung Europas geführt haben. Seien Sie herzlich zur Mitarbeit im Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität eingeladen! (www.enrs.eu).

 

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