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Das interaktive Webportal Hi-story lessons: Lehren und Lernen über die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert

Madeleine Hartmann (European Studies, M.A.) ist von Juni 2018 bis Ende 2019 in der Projektabteilung des Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität (ENRS) tätig gewesen und hat dort an der Realisierung diverser (Bildungs-)Initiativen des Netzwerks mitgewirkt.

Von Madeleine Hartmann

Über das Projekt

Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts durch audiovisuelle Materialien zugänglich machen – dieser Aufgabe widmet sich die multilinguale Online-Lern- und Lehrplattform Hi-story lessons (englischsprachige Startseite: www.hi-storylessons.eu) des Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität (ENRS). Hierzu werden auf der Webplattform, die sich schwerpunktmäßig an Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren sowie an Pädagog*innen und Multiplikator*innen der historischen Bildungsarbeit richtet, Infografiken, Animationen und interaktive Zeitachsen zu wichtigen Ereignissen des letzten Jahrhunderts bereitgestellt. 

2015 von ENRS zusammen mit dem Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung gelauncht, wird die Website seither im Rahmen von Teilprojekten inhaltlich und didaktisch stetig ausgebaut. Finanzielle Förderung erhält das Bildungsprojekt dabei von den Kulturministerien bzw. -beauftragten der ENRS-Mitgliedstaaten.

Hi-story lessons fokussiert sich insbesondere auf historische Schlüsselereignisse in den sechs beteiligten Ländern Deutschland, Polen, Rumänien, Slowakei, Tschechische Republik und Ungarn. Geschichte soll hierbei nicht – wie oftmals in den Schulbüchern vorherrschend – aus einem rein nationalen Blickwinkel, sondern multiperspektivisch aufgezeigt werden. Dadurch will das Projekt übereinstimmende wie auch unterschiedliche Sichtweisen und sich widersprechende Interpretationen zu geschichtlichen Ereignissen in den Ländern der Region offenlegen und die Vielfalt europäischer Erinnerungskulturen betonen.

Diese zu vermittelnde Diversität spiegelt sich auf der Website auch in der Sprachenauswahl wider: So sind die Hauptrubriken und die meisten Bildungsressourcen bereits in den sechs Projektsprachen sowie auf Englisch aufrufbar. Perspektivisch sollen sämtliche verfügbaren Materialien diesem multilingualen Ansatz folgen, um so einen möglichst breiten und internationalen Nutzer*innenkreis zu erreichen.

Inhalte und Nutzung des Webportals

Die Navigation ist durch viele interaktive Elemente und Symbole intuitiv gestaltet und das Layout folgt einem modernen sowie klaren Design. Hauptelement von Hi-story lessons ist ein interaktiver Zeitstrahl mit bedeutenden Ereignissen des letzten Jahrhunderts. Hierzu kann man über die Startseite mit der Auswahl eines dort aufgeführten Datums mit Kurzbeschreibung gelangen oder über den Reiter Ereignisse suchen. Eine interaktive Karte Europas ermöglicht jeweils die Auswahl der Länder, zu denen die Nutzer*innen Informationen suchen. Über den Zeitstrahl kann darüber hinaus eingegrenzt werden, für welches Datum, Jahrzehnt oder Epoche Materialien angezeigt werden. 

Es können hier auch Zeittafeln mit dazugehörigen Infografiken für alle Projektländer heruntergeladen werden oder man lässt sich die Geschehnisse in Mittel- und Osteuropa in einer dynamischen Zeittafelansicht auf einer Unterseite gesammelt und in den internationalen Kontext eingebettet anzeigen. Lehrer*innen können ferner aufbereitete Texte zu den ausgewählten Schlüsseldaten mit Hintergrundinformationen für die Schüler*innen ausdrucken und als Arbeitsblatt im Unterricht einsetzen. 

Im Bereich Ressourcen können Nutzer*innen multimediale Materialien aufrufen: Die vier ca. fünfminütigen Animationen stellen entscheidende Wendepunkte des vorherigen Jahrhunderts audiovisuell dar. Man findet jeweils ein Video zur Russischen Revolution 1917, zur Weltwirtschaftskrise, über den Marshall-Plan sowie zur 1968er-Bewegung. Dabei wird sowohl der internationale Zusammenhang erläutert als auch konkret auf die gesellschaftlichen Konsequenzen dieser historischen Umbrüche auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs eingegangen. Exemplarisch sei die Animation zum Epochenjahr 1968 angeführt: Diese bringt den Zuschauer*innen die Anfänge der Aufstände in den USA gegen Rassendiskriminierung näher, zeigt sowohl die Antikriegsdemonstrationen in Westeuropa als auch die Protestwellen im ehemaligen Ostblock und thematisiert schließlich die gewaltsame Unterdrückung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes. 

Hervorzuheben ist auch der inklusive Ansatz: So zeichnen sich die aus Illustrationen und Piktogrammen bestehenden Animationen durch Soundeffekte und erklärende Audio-Texte aus, wodurch diese auch von Personen mit Sehbeeinträchtigung genutzt werden können. 

Fazit

Hi-story lessons stellt eine große Auswahl an Anregungen sowie diverse multimediale Bildungsmaterialien bereit. Da die Themen und Inhalte unter Berücksichtigung der Schulcurricula von nationalen Expert*innengruppen aus der Geschichtswissenschaft und -didaktik ausgewählt wurden, eignen sie sich sowohl für die historische Bildungsarbeit im außerschulischen Bereich als auch für die Gestaltung des Geschichtsunterrichts.

Die Animationen zeigen sich als besonders wertvolles und innovatives Material, um das Interesse für das 20. Jahrhundert und Ostmitteleuropa bei Jugendlichen wie auch bei der breiten Öffentlichkeit zu wecken. Erfreulich ist daher, dass bereits weitere Videos mit lektorierten Texten in Planung sind – gerade in Zeiten von Homeschooling und fortschreitender Digitalisierung der Geschichtsvermittlung ein wichtiger Beitrag zum multiperspektivischen Lernen.

 

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