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Erinnerungskriege: Der Zweite Weltkrieg in der aktuellen europäischen Politik

Prof. Richard Overy arbeitet als Historiker an der University of Exeter. Seine Forschungsinteressen umfassen viele Aspekte der Geschichte des „Dritten Reichs“ und des Zweiten Weltkriegs, der Sowjetunion unter Stalin und den sowjetischen Kriegseinsatz. Zu seinen zahlreichen Publikationen zählen „The Bombing War: Europe 1939–1945 (2013) (Deutsche Ausgabe: Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Berlin 2014), The Third Reich: A Chronicle (2010), The Morbid Age: Britain between the Wars (2009), 1939: Count Down to War (2009), Times History of the World (2004), Dictators: Hitler’s and Stalin’s Russia (2004) (Deutsche Ausgabe: Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Rußland.München 2005).

Von Richard Overy

Heute lebt die dritte oder vierte Generation nach Ende des Zweiten Weltkriegs und dennoch hört auch 75 Jahre später die Auseinandersetzung um viele der damaligen Schlüsselfragen nicht auf. Die jeweils nationale Meistererzählung über die Ursachen und den Verlauf des Krieges unterscheidet sich offenkundig selbst dort, wo man heute einen europäischen Konsens über die Frage von Verantwortung und Konsequenzen voraussetzen sollte.

Die Erinnerung an den Krieg ist immer noch keine gemeinsame Erinnerung, da nationale Narrative über den Krieg für Fragen der nationalen Identität im weiteren Sinne wichtig sind. In bestimmten Gesellschaften ist die Zeit des Zweiten Weltkrieges immer noch eine umkämpfte Vergangenheit. Italienische Neo-Faschist*innen und Nachkommen von Partisan*innen demonstrieren auf den Straßen als Wiederbelebung der früheren bitteren Spaltung; das Gegenüber von “Kollaboration” und “Widerstand” aus der Zeit des Krieges führt immer noch zu schrillen Auseinandersetzungen zwischen denen, die verstehen wollen, und denen, die verurteilen wollen. 

Die Versuche zur Manipulation der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg sind nicht unwidersprochen geblieben. Die historische Forschung der letzten zwei oder drei Jahrzehnte hat viel zur Konfrontation mit und Akzeptanz der historischen Wahrheit beigetragen. Erst seit den späten 1980er Jahren zum Beispiel wird die Verantwortung der sowjetischen Führung für die Ermordung der polnischen Offiziere im Wald von Katyń von allen, die sich für diese Geschichte interessieren, als Tatsache anerkannt. Die Aufdeckung von Mitverantwortung für die Beteiligung am Völkermord an den europäischen Juden*Jüdinnen hat gezeigt, in welchem Maß der Genozid genauso ein europäisches wie ein deutsches Phänomen war. Nationale und politisch-ideologische Motive haben lange dafür gesorgt, dass diese Realitäten vertuscht wurden, aber sie sind inzwischen offengelegt, auch wenn das Wissen darum nicht zu einer allgemeinen Versöhnung geführt hat.

Historiker*innen haben ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Untersuchung des Totalitarismus geleistet als gemeinsames Merkmal sowohl der nationalsozialistischen wie der faschistischen neuen Ordnung in Europa und der sowjetischen Dominanz in Osteuropa nach 1945. In den Gebieten unter sowjetischer Vorherrschaft erlebten die Menschen den Wechsel von einem strengen Autoritarismus zum nächsten, wenn auch die Form eine andere war. 

Zwei jüngere Beispiele zeigen das Ausmaß, in dem die Geschichte immer noch für politische Zwecke ausgespielt werden kann. Die vielen Auseinandersetzungen zwischen Unterstützer*innen und Gegnern*innen des Brexit im Vorfeld des Referendums 2016 sowie in der Debatte der drei darauf folgenden Jahre, stützten sich stark auf eine Rhetorik, die auf den Zweiten Weltkrieg verweist. 

Befürworter*innen der Mitgliedschaft in der Europäischen Union sahen darin eine lange Geschichte, die bis 1945 zurückreicht und in der die Zusammenarbeit jahrzehntelange Konflikte ersetzte, das Engagement für einen engstirnigen Nationalismus und die Souveränitätsbesessenheit beendete und zu wachsender Sicherheit und wachsendem Wohlstand führte, die sich so sehr von der Zwischenkriegszeit und der unmittelbaren Nachkriegszeit unterschieden. Diese Einschätzung stand stellvertretend für ein philosophisches Bekenntnis zu den Tugenden einer rational begründeten Zusammenarbeit und für einen europäischen Frieden. Die Rolle Großbritanniens für die Befreiung Europas kann als der Anfang vom Ende der jahrzehntelangen nationalen Rivalität, von Intoleranz und Rassismus und des Militarismus gesehen werden. Befürworter*innen des Brexit, auf der anderen Seite, sahen die Europäische Union als eine Bedrohung der britischen nationalen Souveränität, ihrer kulturellen Identität und vorgeblich einmaliger Werte, für die während des Krieges gekämpft wurde und die langsam durch die “Europäisierung” des Landes seit den 1970er Jahren ausgehöhlt wurden. Nicht ohne Grund waren die zwei beliebtesten Kinofilme in Großbritannien im Jahr 2017 zwei Titel über das Jahr 1940: Dunkirk, der symbolisch ein Kontinentaleuropa verlassendes Großbritannien zeigt und Darkest Hour, das einen der neuen europäischen Ordnung trotzenden Churchill mit einem britischen “Wir allein” losgelöst von Europa zeigt. Churchill und sein Vermächtnis halten das Ideal der britischen Isolation vom Rest des Kontinents aufrecht. Boris Johnson, der Politiker, der den Brexit durch das Parlament gelenkt (oder eher mit der Planierraupe durchgedrückt) hat, ist zugleich der Autor einer anbiedernden Biographie über Winston Churchill, wodurch er sein eigenes Image als Bulldogge unter seinen Anhängern gestärkt hat. Die Begeisterung für Churchill ist in gewisser Weise der Prüfstein der patriotischen Brexit-Anhänger*innen, die feindlich gegenüber Europa (und insbesondere gegenüber Deutschland) eingestellt sind, den bürokratischen Eingriffen Brüssels misstrauen (sich aber anscheinend nicht bewusst sind, wie bürokratisch der britische Staat geworden ist), und darauf hoffen, das Commonwealth als Großbritanniens natürlichen Partner (und früheres Britisches Weltreich) wieder zu beleben.

Die Brexit-Krise zeigt wie sehr der Zweite Weltkrieg ein relevanter Bezugspunkt bleibt und wie schwierig es deshalb ist, ein modernes rationales Verständnis der mit der Geschichte des Krieges verbundenen Fragen von den tief verwurzelten Vorurteilen zu trennen, die in den Stoff der nationalen Meistererzählung eingewoben sind. Die Gegner*innen des Brexit haben in der Regel ein kritisches historisches Bewusstsein, was allerdings am Ergebnis wenig geändert hat. Die Rede von der Befreiung aus dem Griff Europas spiegelt die Sprache der Befreiung 1945, aber ob ein ‘Greater Britain’, wie Johnson es versprochen hat, in irgendeiner sinnvollen Form entstehen wird, hängt von aktuellen Umständen ab und nicht vom Nachdenken über die Vergangenheit. Eine Abgrenzung Großbritanniens von der EU wird wahrscheinlich keinen internationalen Konflikt in Europa hervorrufen, aber es bedeutet in der Konsequenz, dass die Großbritannien eigene sehr ausgeprägte nationale Erzählung als Schutzschild dienen wird, um zu verhindern, dass die britische Erfahrung sich in einer umfassenden europäischen Auseinandersetzung mit der Geschichte auflöst. Unter den Anhänger*innen des Brexit ist die Einschätzung verbreitet, dass die Geschichte Großbritanniens sich in einzigartiger Weise von der Kontinentaleuropas unterscheidet und deshalb das Land von jeder gemeinsamen "europäischen" Vergangenheit trennt. 

Ähnliches könnte man von Russland unter der Herrschaft von Wladimir Putin sagen. Hier gibt es eine ausgeprägte nationale Meistererzählung des Zweiten Weltkriegs, die sich seit der späten Sowjetzeit bemerkenswert wenig verändert hat. Die Sichtweise, dass die Sowjetunion die Hauptlast der Kämpfe gegen Deutschland trug, und dass diese Tatsache im Westen kaum zur Kenntnis genommen wurde, ist vielleicht durch den großen Reichtum an nicht-russischer Forschung über die Bedeutung der sowjetischen Kriegsanstrengungen in den letzten 25 Jahren untergraben worden, aber das Vorurteil auf post-sowjetischer Seite bleibt bestehen. 

Zuletzt wiederholte Putin diesen Vorwurf in seinem im Juni 2020 veröffentlichten Artikel in der US-amerikanischen konservativen Zeitschrift zu Gegenwartsfragen The National Interest (herausgegeben durch das Center for the National Interest, 1994 gegründet durch den früheren Präsidenten Richard Nixon). Er argumentierte, dass der moralische Anspruch, am meisten zur Niederlage des Faschismus beigetragen zu haben, eine wichtigere Referenz für das Verständnis der Vergangenheit sei als die Betroffenheit über die sowjetische Entscheidung, einen Pakt mit Hitler zu unterzeichnen, Polen zu teilen, die baltischen Staaten zu besetzen und in Finnland einzumarschieren. Genau so konnte der Westen die sowjetische Teilnahme an den Nürnberger Prozessen 1945-46 akzeptieren, nämlich die Politik der Sowjetunion in Osteuropa herunter zu spielen und stattdessen den sowjetischen Beitrag zur Niederschlagung Hitlers hervorzuheben. Anhänger*innen des Kommunismus jener Zeit, sowohl innerhalb und außerhalb der Sowjetunion, hatten einige Schwierigkeiten damit, die kommunistische Rhetorik mit der sowjetischen Realität zu versöhnen, aber die neue Linie wurde akzeptiert als notwendiges Element einer kommunistischen Realpolitik. Putin scheint dieselbe Argumentationslinie zu verfolgen, die Stalin damals etabliert hat. Der Deutsch-Sowjetische Pakt vom 23. August 1939 war der Sowjetunion durch den Westen aufgenötigt worden, der nicht bereit gewesen war, mit Moskau einen Militärpakt zu zementieren, der den deutschen Angriff auf Polen unmöglich gemacht hätte. Das Geheime Zusatzprotokoll über die Interessensphären der beiden Staaten, dem Hitler als Bedingung für den Nicht-Angriffs-Pakt zustimmen musste, lässt sich schon schwieriger auf die sowjetische Gutgläubigkeit zurückführen. Aber das Argument, dass dies wiederum der Sicherung der sowjetischen strategischen Sicherheit diente, kann nicht provozierte Aggression in eine unvermeidliche strategische Notwendigkeit verwandeln. Putins Behauptung, dass Polen in gewisser Weise durch seine Besetzung tschechischen Territoriums 1938 verdient habe, was später geschah, ist kaum mehr als die moralisch fragwürdige Position, dass zwei Mal Unrecht Recht ergibt.  

Es gibt einen offensichtlichen Grund, der die gegenwärtige russische Position – und Putin ist sicherlich nicht der einzige, der sie aufrechterhält – zu rechtfertigen scheint. Großbritannien und Frankreich waren halbherzig, gelinde gesagt, angesichts eines Militärabkommens mit dem sowjetischen Revolutionsstaat, aber sie konnten sicherlich ebenso wenig Polen überzeugen, der Roten Armee zu gestatten, polnischen Boden zu betreten, weder im September 1938 zur Verteidigung der Tschechoslowakei noch im Sommer 1939 als Mittel zur Abschreckung Hitlers. Die polnische Regierung hatte keinerlei Vertrauen in sowjetische Deklarationen über Zusammenarbeit, und tatsächlich hatte auch Stalin keine Sympathien für das damalige polnische Regime. In der Argumentation Putins war der Pakt mit Hitler ein Mittel zur Verhinderung des böswilligen Bemühens – wovon Stalin ausging – Chamberlains und Daladiers, Hitler gegen die Sowjetunion zu hetzen. Zugleich war der Pakt mit Hitler ein Ausdruck der Enttäuschung über die gescheiterten militärischen Verhandlungen mit dem Westen. Allerdings spielt dieses Argument den realen Wunsch auf der Seite Stalins runter, in den Jahren 1938 und 1939 Krieg zu vermeiden, für den die Sowjetunion nach der Krise des Großen Terrors noch nicht bereit war. Schon zu Beginn des Jahres 1939 wurde die Idee eines Abkommens mit den Deutschen nicht ausgeschlossen. Die Bewahrung des revolutionären Staates war für Stalin weitaus wichtiger; ein Krieg gegen Deutschland, bei dem die Briten und die Franzosen voraussichtlich wenig Unterstützung anbieten würden, war eine sehr unattraktive Perspektive. Tatsächlich hoffte Stalin, dass die “imperialistischen” Mächte gegeneinander kämpfen würden und damit dem Kommunismus seine Chance bieten, sobald ihr erschöpfender Krieg beendet sein würde. Die Aufrechterhaltung der vorgetäuschten militärischen Diskussionen bedeutete, dass man dem Westen die Schuld geben konnte für ihr Scheitern, und der Pakt damit gegenüber der kommunistischen Welt gerechtfertigt war. Außerdem konnte die Sowjetunion ohne Kosten einige der verlorenen Gebiete des Zarenreichs zurückgewinnen, während sie die Annexion als “Befreiung” der Bauern und Arbeiter von den sie ausbeutenden Kapitalisten und Landbesitzern darstellte, selbst wenn dies zur Ermordung und Deportation von Millionen von Menschen aus Ostpolen und den baltischen Staaten führte; die Sowjetunion profitierte außerdem von einem umfangreichen Handelsvertrag, wodurch deutsche Industriegüter und moderne Waffen die sowjetische Industrie und Armee förderten, und sicherlich profitierte auch Deutschland umgekehrt davon. 

Die Feinheiten der historischen Erklärung spielen selbstverständlich keine Rolle für das aktuelle Anliegen Russlands, Schuldzuweisungen zu vermeiden. Das politische Ziel hinter dem Bemühen, das untaugliche und unehrenhafte Verhalten des Westens zu zeigen, besteht darin, dass russische nationale Selbstverständnis als wahren Sieger über Hitler zu stärken und den Krieg und die Erinnerung daran für eine Bereinigung der stalinistischen Vergangenheit von allen ihren offenkundigen Fehlern zu nutzen. In mancher Hinsicht haben die britische und die russische Instrumentalisierung des Krieges für aktuelle Ziele etwas gemeinsam. Beide Länder stehen jetzt außerhalb des geeinten Europas; beide haben ein heroisches Bild von ihrem Land als Befreier in Kriegszeiten; beide definieren das Narrativ über die Kriegsjahre auf eine Weise, die das nationale Interesse stärkt. 

Keine der politischen Klassen, die zur Zeit in Großbritannien und Russland an der Macht sind, würden verstehen, warum es lohnt und notwendig ist, nach ehrlicher Versöhnung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu streben. Geschichte kann in den Dienst der Gegenwart gestellt werden, wenn sie in einer Weise verpackt wird, die aktuelle Sorgen um die nationale Identität und den globalen Rang untermauert. Die beiden Versionen über die Kriegsjahre sind nicht identisch, da die Dimensionen der Kriegsopfer sehr unterschiedlich sind, aber sie dienen einem ähnlichen politischen Zweck. Die Schatten von Churchill und Stalin drohen nun größer zu werden, als sich einer der beiden jemals hätte vorstellen können. 

 

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