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Erinnerungskultur im Wandel: Ein Lernlabor zu Anne Frank im digitalen Zeitalter

Dr. phil. Meron Mendel ist Erziehungswissenschaftler, Historiker und seit 2010 Direktor der Bildungsstätte Anne Frank – Zentrum für politische Bildung und Beratung Hessen. Darüber hinaus ist er als Dozent am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig. Unter anderem veröffentlichte er die Studie Jüdische Jugendliche in Deutschland. Eine biographisch-narrative Analyse zur Identitätsfindung (2010), mit Katharina Kunter und Oliver Fassing den Sammelband 100 Jahre Leugnung. Der Völkermord an den Armeniern (2017), mit Astrid Messerschmidt den Sammelband Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft (2017) und mit Eva Berendsen und Saba-Nur Cheema den Sammelband Trigger-Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen (2019).

Von Meron Mendel

Wie kann die Erinnerung lebendig gehalten werden – zumal nach dem Weggang der letzten Zeitzeug*innen? In Medien, Politik und Wissenschaft wird der Wunsch nach neuen Formen des Gedenkens laut und viele Expert*innen setzen große Hoffnungen in digitale Technologien: Unter Schlagworten wie „Erinnerungskultur 2.0“ werden Hologramme von Zeitzeug*innen, Social-Media-Aktivitäten von Gedenkstätten und Museen, E-Learning-Module, Computerspiele aus dem Genre „Serious Games“ sowie die Verwendung von Augmented und Virtual Reality versammelt.

Aber inwiefern können digitale Angebote tatsächlich die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und der Shoah lebendig halten? Welche inhaltlichen Aspekte sollten bei der Konzeption von solchen Angeboten berücksichtigt werden und wie kann dabei eine Ritualisierung von Gedenkkultur vermieden werden? 

Bei der Entwicklung des Lernlabors „Anne Frank. Morgen mehr“ hat sich die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt mit diesen Fragen auseinandergesetzt und dabei die Fallstricke der aktuellen Erinnerungskultur beachtet. Entstanden ist ein interaktiver Lernraum, der mit digitalen und analogen Elementen die Geschichte des Nationalsozialismus und der Shoah vermittelt und für aktuelle Erscheinungsformen von Antisemitismus und Rassismus sensibilisiert. 

Zwischen Authentizität und Ritual: Herausforderungen der Erinnerungskultur

In Deutschland hat sich seit der Nachkriegszeit eine beispiellose Erinnerungskultur entwickelt, die sich in zahlreichen „authentischen“ Erinnerungsorten, Mahnmalen, Stolpersteinen, Tafeln und weiteren Formen des Gedenkens im öffentlichen Raum sowie in Gedenkritualen, in Literatur, Theater und Filmen manifestiert. Es kann getrost als gesellschaftlicher Konsens bezeichnet werden, dass vor allem junge Menschen aus der Geschichte lernen sollen.

Doch diese „Erfolgsgeschichte“ der Gedenkkultur brachte auch eine Ritualisierung mit sich, bei der die Bezüge zu gegenwärtigen Formen von Antisemitismus verschwinden. Neben der Tendenz, dass andere Verfolgungsgeschichten, wie beispielweise die des deutschen Kolonialismus, hinter dem Nationalsozialismus als gewissermaßen „geringeres Übel“ zurücktreten, ist dabei auch eine Identifizierung der Erinnernden mit den Opfern des Nationalsozialismus zu beobachten – und diese wiederum produziert ein problematisches Selbstverständnis, wie etwa die MEMO Studie (Multidimensionaler Erinnerungsmonitor) belegt: Nur 18 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass sich Täter*innen des Zweiten Weltkriegs unter ihren Vorfahren befinden und 54 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass sich Opfer von Verfolgung unter ihren Vorfahren befinden (Rees et al. 2018).

Das Selbstverständnis eines Großteils der Bevölkerung, Nachfolger*innen der Opfer – und nicht der Täter*innen – zu sein beziehungsweise die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands erfolgreich aufgearbeitet zu haben, ist Grundlage eines neuen deutschen Selbstbewusstseins nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz – eines Selbstbewusstseins als moralisch überlegener „Erinnerungsweltmeister“. Gesellschaftliche Konflikte wie etwa antisemitische Übergriffe werden externalisiert und einer bestimmten Problemgruppe zugeschrieben (vgl. Meseth 2005).

Ein Lernlabor zu Anne Frank

Das Lernlabor „Anne Frank. Morgen mehr.“ wurde mit einem kritischen Bewusstsein um diese Herausforderungen der Erinnerungskultur konzipiert. Auch die Perspektive, in naher Zukunft historische Bildungsarbeit ohne Zeitzeug*innen zu leisten, spielte bei der Entwicklung eine zentrale Rolle. Ausgangspunkt war die Auseinandersetzung mit dem Schicksal von Anne Frank, deren bewegende Tagebuchaufzeichnungen vielen Jugendlichen heute vor Augen führen, wohin eine Ideologie der Ungleichwertigkeit führen konnte. Die Bildungsstätte Anne Frank (ehemals Jugendbegegnungsstätte) arbeitet seit 1997 mit der Biographie und mit dem Tagebuch von Anne Frank. Dabei setzt sie sich mit der Geschichte der Shoah und ihren vielfältigen Bezügen zur Gegenwart auseinander. Die erste interaktive Ausstellung zu Anne Frank in der Bildungsstätte war von 2003 bis 2017 zu sehen.

Die neue digitale Ausstellung, das interaktive Lernlabor „Anne Frank. Morgen mehr.“, ist seit 2018 geöffnet. Entwickelt wurden das Lernlabor sowie die dazugehörigen pädagogischen Programme in einem partizipativen Prozess mit Jugendlichen und in Zusammenarbeit mit Expert*innen aus der Wissenschaft. Das Lernlabor schult Jugendliche, Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung in ihrem alltäglichen Lebensumfeld zu erkennen und es vermittelt praktische Kompetenzen, um die gewonnenen Erkenntnisse im Alltag umzusetzen. Dazu gehört, mit Diversität in ihrer Umgebung umzugehen, eigene Anliegen ohne Rückgriffe auf rassistische oder antisemitische Argumentationen vorzutragen, eigene Ideen für ein demokratisches Zusammenleben und Handlungsstrategien gegen Antisemitismus und Rassismus entwickeln zu können.

In Hinblick auf den Status quo der deutschen Erinnerungskultur setzte das Konzept des Lernlabors besonders dort an, wo es Lücken und Brüche gibt: Angesichts des Weggangs von Zeitzeug*innen und Überlebenden wurde das Lernlabor zum Ort der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Schicksal von Jüdinnen*Juden während der Shoah. Die Identifikation mit der Biographie von Anne Frank und anderen Jugendlichen aus der NS-Zeit, aber auch aus anderen Epochen, spielt dabei eine zentrale Rolle.

Der zunehmenden Ritualisierung und Erstarrung der Gedenkkultur wird im Lernlabor eine offene und bewertungsfreie Auseinandersetzung mit der Geschichte und ihren Bezügen zur Gegenwart entgegengesetzt. Um ritualisierte Erinnerungskultur ohne Bezug zur gegenwärtigen Lebensrealität zu vermeiden, wurden Jugendliche aktiv am kreativen Prozess der Entwicklung beteiligt.

Ein digitaler Erinnerungsort in Frankfurt

Das Lernlabor ist in einen historischen und einen Gegenwartsteil sowie insgesamt in sechs Kapitel unterteilt, von denen jedes mit „Morgen mehr…“ sowie mit einem der Schlagwörter Geschichte(n)!, Mut!, Respekt!, Welt!, Vielfalt! und Gerechtigkeit! betitelt ist. Ein digitales „Tool“, eine Art Tablet, ermöglicht es, die jeweiligen Stationen des Lernlabors je nach individuellem Interesse zu aktivieren. Mit der Möglichkeit, über das Tool eigene Meinungen zu artikulieren, kommt das Motto des Lernlabors „Deine Meinung zählt!“ zur Geltung: Die verschiedenen Meinungen werden am Ende des Besuchs in der Abschlusspräsentation ausgewertet und in der Gruppe diskutiert.

Im historischen Teil des Lernlabors findet man die Interaktionen zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Tagebuchs von Anne Frank. Es wird Hintergrundwissen zu Anne Franks Biographie, dem Leben im Versteck und ihrem berühmten Tagebuch geliefert. Bei einem virtuellen Besuch des Amsterdamer Verstecks funktioniert das Tool als Augmented-Reality-Bildschirm – so können die Besucher*innen sich in den verschiedenen Räumen des Verstecks „bewegen“, als seien sie dort wirklich zu Besuch.

Der Weg durch das Lernlabor führt auch zu anderen jugendlichen Autor*innen, die unter ganz verschiedenen Bedingungen kraftvoll ihre Meinung formuliert haben: Charlotte L. Fortens Berichte vom Rassismus in den USA des 19. Jahrhunderts; die Tagebücher von Ana Novac und Arieh Koretz aus Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen; Blogs wie von der Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai oder Jamie Raines, der von seinem Weg vom "Mädchen" zum "Mann" berichtet. Auf dem Tablet werden die Besuchenden dann dazu eingeladen, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Im Gegenwartsteil des Lernlabors kann erforscht werden, wann Diskriminierung im Alltag beginnt – nämlich dann, wenn Menschen als "normal" und "abweichend" eingeordnet werden. Dass dies oft unbewusst und subtil passiert, wird an alltagsweltlichen Bemerkungen verdeutlicht: Etwa dem vermeintlichen Kompliment „Sie sprechen aber gut Deutsch“, das meistens nur Personen of Color gemacht wird oder der Aufforderung an deutsche Jüdinnen und Juden, militärische Aktionen von Israel zu erklären. Eine beliebte Station zu diesem Thema ist die „Vorurteils-Brille“. Man wird eingeladen, eine Brille aufzusetzen und mit dieser sechs Porträts zu betrachten. Nach dem Aufsetzen der Brille verwandelt sich der schwarze Student plötzlich in einen bewaffneten Gangster. Ein bärtiger Mann wird zu einem Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürtel; ein Kippaträger zu einer geldgierigen Figur. Hier wird bewusst zugespitzt mit vorhandenen Stereotypen über marginalisierte Gruppen – Muslim*innen, Rom*nja, Jüdinnen*Juden, Schwarze, Frauen und Homosexuelle – gearbeitet, um eine Selbstreflexion anzuregen und mit den eigenen Vorurteilen zu konfrontieren. 

Weitere digitale Stationen bieten die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart. Beispielsweise die Station „Welt in Bewegung“, die eine Zeitreise über 1.000 Jahre Migrationsgeschichte absolviert und vor Augen führt, dass Menschen zu allen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen haben oder dazu gezwungen waren, um in unterschiedlichen Ländern ein neues Leben zu beginnen.

Ein Konzept in Wandel

Indem im Lernlabor immer wieder Bezüge zu Diskriminierung und Unrecht in der Gegenwart hergestellt werden, wenn es um die Geschichte des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung geht, wird die Gefahr des rein ritualisierten Erinnerns vermieden: Statt eindeutige Antworten zu geben, werden die jugendlichen Besucher*innen herausgefordert, selbst eine Haltung zu entwickeln und ihre eigenen Einstellungen zu reflektieren.

Dabei bleibt das Lernlabor konzeptuell selbst dynamisch: Auf Basis der bisherigen Erfahrungen und Rückmeldungen der Besuchenden wird es derzeit evaluiert und entsprechend der Rückmeldungen modifiziert. Dabei erweist sich die digitale Umsetzung als großer Vorteil: So können Inhalte mit wenig Aufwand redigiert, ergänzt oder ausgetauscht werden, sodass sie den raschen Entwicklungen in den Lebensrealitäten junger Menschen im digitalen Zeitalter gerecht werden. Im Gegensatz zu einer erstarrten, schablonenhaften Erinnerungskultur finden Besucher*innen hier einen work in progress, ein Konzept im Wandel.

Literaturverzeichnis 

Meseth, Wolfgang (2005). Aus der Geschichte lernen. Über die Rolle der Erziehung in der bundesdeutschen Erinnerungskultur. Frankfurt am Main: Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft Goethe Universität. 

Rees, Jonas/ Papendick, Michael/ Zick, Andreas/ Wäschle, Franziska (2018). Ergebnisbericht MEMO Multidimensionaler Erinnerungsmonitor. Bielefeld: IKG Forschungsbericht. 

Kontakt

Bildungsstätte Anne Frank
Hansaallee 150 
60320 Frankfurt am Main
T + 49. 69. 560 00 234
M +49.175 572 5561
mmendel [at] bs-anne-frank [dot] de
www.bs-anne-frank.de

 

 

 

 

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