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Berlin dekolonisieren

Das Afrika-Haus präsentiert die Dauerausstellung „Berlin - ein postkolonialer Gedächtnisraum“

Joachim Zeller, Dr., Historiker in Berlin. Zuletzt erschien von ihm: „Deutschland postkolonial? Die Gegenwart der imperialen Vergangenheit“ (Mitherausgeber, 2018, 2. Aufl. 2020)

Von Joachim Zeller

Wer war Georg Adolf Christiani? Wohl wenige könnten diese Frage beantworten, selbst Fachleute würden vermutlich nur mit der Achsel zucken. Doch jetzt gibt es die Möglichkeit, sich über diesen Menschen und die mit ihm verbundene Geschichte zu informieren. Möglich ist dies im Afrika-Haus in der Bochumer Straße im Stadtteil Moabit der Bundeshauptstadt. Dort ist seit kurzem die Ausstellung „Berlin - ein postkolonialer Gedächtnisraum“ zu sehen. Gewidmet ist sie Georg Adolf Christiani. Nach allem was bekannt ist, war er der erste Afrikaner, der nachweislich in Berlin gelebt hat. Mit dem Namen Ebnu kam er im Jahr 1678 nach Berlin und wurde 1681 in Spandau auf den Namen Georg Adolf Christiani getauft. Nicht auszuschließen ist, dass Ebnu aus dem heutigen Ghana stammte, wo im Jahr 1683 die kurbrandenburgisch-preußische Stützpunktkolonie Großfriedrichsburg gegründet wurde. Damit sind die beiden zentralen Themen der neu eingerichteten Ausstellung benannt, nämlich die afrikanische Diaspora in Berlin und der deutsche Kolonialismus, der weiter zurückreicht, als dies gemeinhin bekannt ist.

Das Afrika-Haus ist ein interkulturelles Begegnungszentrum, in dem Konzerte, Lesungen, Vorträge, Konzerte, Ausstellungen und Theateraufführungen veranstaltet werden, rund um die Geschichte, Politik, Literatur und Philosophie Afrikas sowie die afrikanisch-europäischen Beziehungen. Gegründet wurde es von Oumar Diallo, der aus dem westafrikanischen Guinea stammt. Träger des mittlerweile seit über 25 Jahren bestehenden Afrika-Hauses ist der ebenfalls von Oumar Diallo ins Leben gerufene gemeinnützige Verein Farafina e.V. Der Name Farafina bedeutet in der Sprache der grenzüberschreitenden westafrikanischen Sprache Malinke ‚Afrika’. Das Wort steht für die Gemeinschaft im Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen. So versteht sich der Verein als Mittler zwischen Menschen verschiedener Herkunft, Sprache und Kultur. Der Fokus des Afrika-Hauses richtet sich auf Integration, entwicklungspolitische und transkulturelle Bildungsarbeit. Farafina setzt sich besonders auch für Empowerment der Menschen mit afrikanischen Wurzeln, Toleranz und gesellschaftliche Teilhabe ein und engagiert sich gegen jegliche Form von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Das neueste Projekt des Afrika-Hauses ist die im Jahr 2019 eröffnete Dauerausstellung zur deutschen Kolonialgeschichte, mit dem besonderen Fokus auf die (post-)koloniale Metropole Berlin. Die auf großen Stelltafeln präsentierte, sich an ein breites Publikum richtende Ausstellung spannt einen Bogen von mehreren hundert Jahren. Den Beginn markieren die frühen, von deutscher Seite unternommenen Expansionsversuche nach Übersee. Dazu gehört die Statthalterschaft der Welser im heutigen Venezuela im Jahr 1528. Diese frühneuzeitliche Expansionsgeschichte Europas in der Folge der portugiesischen Erkundungsfahrten entlang der afrikanischen Westküste unter Heinrich dem Seefahrer und der „Entdeckung“ Amerikas durch Christopher Kolumbus im Epochenjahr 1492 führte zu dem, was heute die (koloniale) Globalisierung vor der Globalisierung genannt wird. Im Verlauf dieses Prozesses kam es zur Durchsetzung des europazentrischen kapitalistischen Weltmarktes und der transatlantischen Erweiterung des Handels mit versklavten Afrikaner*innen.

Dazu gehört der erste kurbrandenburgisch-preußische Kolonisationsversuch, der Ende des siebzehnten Jahrhunderts unter Kurfürst Friedrich Wilhelm an der westafrikanischen Küste unternommen wurde. 1682 waren die ersten, unter dem roten Adler der Hohenzollern segelnden Schiffe an der so genannten Goldküste gelandet. Über seine Kolonie Großfriedrichsburg beteiligte sich Brandenburg-Preußen nicht nur am Handel mit Gold und Elfenbein, sondern auch mit Sklav*innen. Um die 20.000 versklavte Menschen soll die Brandenburgisch-Africanische Compagnie nach Amerika verschifft haben, eine Tatsache, die Preußen-Fans mitunter nur ungern zur Kenntnis nehmen. Der bei Princes Town im heutigen Ghana liegende vollständig erhaltene Festungsbau Großfriedrichsburg gehört als Mahnmal zum Weltkulturerbe der Unesco. 

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Zeit der Überseeherrschaft des wilhelminischen Kaiserreichs (1884/85 - 1918/19). Die Besucher*innen können sich darüber informieren, dass das Deutsche Reich von 1871 durch seine expansive Politik nicht mehr nur eine kontinentale Großmacht, sondern gar eine „Weltmacht“ zu sein beanspruchte. Das deutsche Kolonialprojekt war wie der europäische bzw. angloamerikanische Kolonialimperialismus jener Tage durch Weltmachtansprüche, wirtschaftspolitisches Dominanzstreben, nationales Prestige und einen rassistisch-sozialdarwinistisch unterfütterten Überlegenheitsdünkel gegenüber dem „Rest der Welt“ geprägt. 

In dem zum Zentrum des deutschen Kolonialimperialismus avancierten Berlin entstand seinerzeit eine Infrastruktur von kolonialen Verwaltungseinrichtungen, wissenschaftlichen Institutionen, Missionsgesellschaften bis hin zu den Verbänden der Koloniallobby. Kolonialwarenhäuser boten Erzeugnisse aus den Kolonien zum Verkauf an. Das Völkerkunde-Museum (heute Ethnologisches Museum) der Reichshauptstadt füllte sich – wie viele weitere Museen im Deutschen Reich – mit den in den Kolonien „erworbenen“ Objekten und Kunstwerken. Natürlich fehlt auch nicht eines der zentralen Ereignisse der deutschen – und darüber hinaus der europäischen – Kolonialgeschichte, das in Berlin stattgefunden hat, nämlich die berüchtigte Kongo-Konferenz von 1884/85. Auf ihr wurden die völkerrechtlichen Modalitäten zur Aufteilung Afrikas unter den europäischen Kolonialmächten festgelegt. Viele Afrikaner sprechen aus diesem Grund von einer Berlinisation des afrikanischen Kontinents und die Kongo-Konferenz gilt ihnen als ein Menetekel für die Fremdbestimmung und Ausbeutung ihres Kontinents.

Ein besonderes Anliegen die Ausstellung ist es, die kolonisierten Völker nicht einseitig als Opfer der kolonialen Fremdherrschaft der Weißen zu betrachten, sondern auch ihre Handlungsspielräume und ihren Widerstand hervorzuheben. So wird beispielhaft auf wichtige Aufstände und Befreiungskriege verwiesen, wie den Boxerkrieg in China (1900/01), den Deutsch-Herero-Krieg und Deutsch-Nama-Krieg in Deutsch-Südwestafrika (1904-08), den Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika (1905-07), die Mpawmanku-Kriege in Kamerun (1904) oder die Sokeh-Rebellion auf Ponape (1910/11). Sie alle zeugen von dem Ringen um Identitätsbehauptung und dem Willen der kolonisierten Völker, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln.

Nicht zuletzt wird die Geschichte der afrikanischen Diaspora beleuchtet, die auch auf Grund des kolonialen Engagements des Deutschen Reiches entstand. Einer der berühmtesten Persönlichkeiten unter den Schwarzen Berlinern war der aus Douala/Kamerun stammende Martin Quane a Dibobe. Er arbeitete einige Jahre als Zugführer bei den Berliner Verkehrsbetrieben. 1919 wandte er sich in einer an die Weimarer Nationalversammlung gerichteten Eingabe gegen den Bruch der Völker- und Menschenrechte in den deutschen Überseegebieten. Er und seine Mitstreiter forderten „Gleichberechtigung und Selbstständigkeit“ für die Menschen in und aus den deutschen Kolonien. Die Dibobe-Petition gilt heute als eines der ersten Dokumente des kollektiven Widerstands der afrikanischen Diaspora in Deutschland gegen Kolonialismus und Rassismus. 

Mit dem Ersten Weltkrieg und dem Vertrag von Versailles, als das Deutsche Reich zwangsweise dekolonisiert und gewissermaßen zu einer postkolonialen Nation in einer immer noch kolonialen Weltordnung wurde, ist die Ausstellung keinesfalls beendet. Sie wird fortgesetzt mit der Geschichte des Kolonialrevisionismus in den 1920er und 1930er Jahren. Die verlorengegangenen Kolonien blieben noch lange Gegenstand schweifender Phantasien und nostalgischer Verklärung. Der sich in den 1920er Jahren formierende „Kolonialismus ohne Kolonien“ sollte den Status- und Machtverlust kompensieren, den die Deutschen hatten hinnehmen müssen.

Brandaktuelle Themen, wie die Initiativen zur Umbenennung kolonialer Straßennamen, die Repatriierungen von menschlichen Gebeinen an die vormaligen Koloniendie Rückgabe von Objekten aus naturkundlichen Sammlungen bis hin zu der gegenwärtig kontrovers geführten Debatte um die koloniale Raubkunst im zukünftigen Humboldt Forum in Berlin-Mitte runden die Präsentation ab. Dem Humboldt Forum kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, ist es doch der postkoloniale Ort in Deutschland, der im Entstehen begriffen ist. Folgt man den Verlautbarungen der Verantwortlichen, so handelt es sich bei dem Vorhaben um das „wichtigste kulturpolitische Projekt in Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts“. Nicht weniger als ein „Weltkulturmuseum“ neuen Formats, ein „Ort des Dialogs der Kulturen der Welt“ soll entstehen. Die Ausstellung im Afrika-Haus schließt sich dagegen der in den letzten Jahren geäußerten Kritik an und nimmt eine klare Position zum Humboldt Forum ein: In dieser feudalistischen Herrschaftsarchitektur des rekonstruierten Stadtschlosses könne man keine „ethnologischen Objekte“ ausstellen, die koloniale Gier in die vormalige „Kolonialmetropole“ Berlin gebracht hat. Gefordert werden Restitutionen von Kulturgütern aus Afrika und anderen Kontinenten.

Oumar Diallo gehört mit seinem mittlerweile zur Institution gewordenen Afrika-Haus zu jenen zivilgesellschaftlichen Akteuren, die ihren Beitrag dazu leisten wollen, die Dekolonialisierung Berlins voran zu bringen. Er verweist darauf, dass eine wirkliche Dekolonialisierung, die den Namen verdient, neben den politischen und sozialökonomischen Prozessen auch Wissensarchive und Mentalitäten umfasst, um nicht zuletzt den „kolonialen Blick“ auf Afrika zu überwinden. Erreicht werden kann dies nur durch ein dialogisches Erzählen, eine inklusive Geschichtsschreibung und integrativ geprägte Erinnerungskultur, die die Stimmen der Opfer und Täter und ihrer Nachfahren, von Weißen und Schwarzen, einschließt. Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit bietet nicht zuletzt den Anlass dafür, über das Selbstverständnis der bundesdeutschen Gesellschaft als Migrationsgesellschaft nachzudenken. Die Widerstände dagegen sind allenthalben wahrzunehmen, und zwar nicht nur vonseiten der rechtspopulistischen und -extremistischen AfD, die einen regelrechten Kulturkampf gegen ein weltoffenes, liberales Kulturleben führt. 

Davon abgesehen ist in der Bundeshauptstadt – wie in anderen Städten Land auf Land ab – einiges in Bewegung gekommen. Im August 2019 beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus, die „Entwicklung eines gesamtstädtischen Aufarbeitungs- und Erinnerungskonzepts zur Geschichte und zu den Folgen des Kolonialismus des Landes Berlins“ auf den Weg zu bringen. Zum anderen ist Anfang des Jahres 2020 eine auf die Dauer von fünf Jahren angelegte „Initiative für postkoloniales Erinnern in der Stadt“ gestartet worden. Geplant sind Ausstellungen, Veranstaltungen, Festivals und künstlerische Interventionen im Stadtraum sowie eine Web-Kartierung kolonialer Orte in Berlin, in Deutschland und in den vormaligen deutschen Kolonien. Koordiniert werden sollen die Vorhaben durch das zivilgesellschaftliche Bündnis „Decolonize Berlin“. Senat und Bund werden für das Projekt zusammen 3 Millionen Euro zur Verfügung stellen. In Zusammenarbeit mit dem Bund strebt die Landesregierung auch die Errichtung einer zentralen Gedenkstätte als Lern- und Erinnerungsort an und die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Windhoek soll weiter ausgebaut werden.

Der Aktivist Oumar Diallo wird sich weiter in dieser Sache engagieren. Er will die Herausforderungen in unserer globalisierten Welt annehmen und hält es mit dem Motto, das Johann Wolfgang von Goethe in einem Briefwechsel mit Friedrich Schiller treffend ausdrückte: „Jeden Tag erwarte ich einen neuen Weltbürger in meinem Hause, den ich doch gerne freundlich empfangen möchte.“ Goethe erwartete die Weltbürger in seinem Hause in Weimar, Oumar Diallo empfängt sie in seinem Berliner Afrika-Haus.

 

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