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Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft

Dr. Olaf Kistenmacher hat Philosophie, Geschichtswissenschaft und Psychologie studiert. Er hat zum Thema Arbeit und "jüdisches Kapital". Antisemitische Aussagen in der Tageszeitung der KPD, "Die Rote Fahne", während der Weimarer Republik, 1918 bis 1933 promoviert. Olaf Kistenmacher arbeitet freiberuflich als Journalist und Bildungsreferent.

Von Olaf Kistenmacher 

Sebastian Winter und mir wurde die ehrgeizige Aufgabe gestellt, in jeweils 20 Minuten einen Beitrag zu liefern zu den beiden Themen „Antisemitismus und Rechtspopulismus« und »Antisemitismus und die Mitte der Gesellschaft“. Er und ich könnten wahrscheinlich diese kurze Zeit darauf verwenden, die jeweiligen Begriffe zu problematisieren. Ich will die begrifflichen Probleme nur kurz mit einer Frage verdeutlichen: Zählen Sie die AfD in Hessen zu den rechtspopulistischen Gruppierungen oder zur Mitte der Gesellschaft? Und wie würden Sie das in Sachsen sehen?

Im Folgenden versuche ich, das Konzept »Mitte der Gesellschaft« präziser zu fassen, indem ich mich auf die mediale Öffentlichkeit konzentriere und auf qualitative Studien zur Verbreitung antisemitischer oder Antisemitismus befördernder Vorstellungen in der Mehrheitsgesellschaft beziehe. Worüber ich beispielsweise nicht sprechen werde, sind die Bilder, die in Schulbüchern über »Juden« weitergegeben werden,[1]oder über die Verbreitung von Verschwörungstheorien (vgl. Jaecker 2004). Dies ist der Versuch, in fünf Thesen zu skizzieren, was sich als Mehrheitsmeinung oder als mehrheitsfähig in Deutschland ausmachen lässt: 

1. Die Mehrheitsgesellschaft leidet selbst in Bezug auf extremen Judenhass an einem schlechten Gedächtnis.

2003 flog eine Neonazi-Terrorzelle in München auf, die ähnlich organisiert war wie der „Nationalsozialistische Untergrund“ und die sich Sprengstoff besorgt hatte, um Anschläge auf jüdische und muslimische Einrichtungen durchzuführen. Die deutsche Gesellschaft hätte also bereits acht Jahre bevor sich Beate Zschäpe der Polizei stellte, nachdem ihre beiden Kumpane tot aufgefunden worden waren, von der Gefahr eines organisierten Rechtsterrorismus wissen können. Man hätte außerdem wissen können, dass Neonazis nicht nur rassistisch sind, sondern nach wie vor antisemitisch. Die Feindschaft gegen Muslime hat nicht den Judenhass abgelöst, wie man in Bezug auf die Neue Rechte immer wieder lesen kann (vgl. Brumlik, taz, 25. September 2017),sondern beides geht bei extremen Rechten Hand in Hand.[2]

Bei unserer pädagogischen Arbeit gegen Antisemitismus in Hamburg verwenden wir regelmäßig einenSpiegel-Artikel aus dem Jahr 2003. Er trägt den Titel „Völlig neue Dimension“, berichtet von der Festnahme der Münchner Terrorzelle und warnt in diesem Zusammenhang vor einer neuen Form der Gewalt und Untergrundaktivität von Neonazis. Zudem enthält der Spiegel-Artikel noch diese Information: „Bereits seit fünf Jahren fahndet das Landeskriminalamt Thüringen etwa nach den abgetauchten Rechtsextremisten Uwe Böhnhardt, 25, Beate Zschäpe, 28, und Uwe Mundlos, 30; Beamte waren in Jena auf ein Depot mit einsatzbereiten Rohrbomben und 1,4 Kilogramm TNT gestoßen.“ (Neumann et al.: Der Spiegel38, 15. September 2003)

Dass Judenfeindschaft erst 2014 als ein gesellschaftliches Problem wahrgenommen wurde, als in Berlin Arabisch sprechende Männer zu Chören wie »Jude, Jude, feiges Schwein« ansetzten, hängt mit einem anderen Faktor zusammen, der die Mehrheitsgesellschaft prägt, nämlich rassistischen Projektionen. Denn wenn man Judenhass auf Muslime projizieren kann, scheint dieser noch mehr als bei Neonazis, ein Phänomen zu sein, das der Mehrheitsgesellschaft vermeintlich äußerlich ist. 

2. Die Mehrheitsgesellschaft setzt Antisemitismus mit seiner schlimmsten Ausprägung, der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie und -politik, gleich.

Eine der üblichen Reaktionen, wenn eine Aussage oder Handlung als judenfeindlich kritisiert wird, lautet: Ich bin doch kein Nazi! oder: Das sei der schlimmste Vorwurf, den man machen könne! Dass Judenfeindschaft mit dem nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus in eins gesetzt wird, zieht es nach sich, dass die mediale Öffentlichkeit mit allen anderen Formen der Judenfeindschaft überfordert ist. So gehörte zu jeder öffentlichen Debatte über Judenfeindschaft in den vergangenen 20 Jahren die Grundfrage, was Antisemitismus denn eigentlich sei. (Vgl. Aly, Die Zeit 24, 2002; Augstein & Graumann, Der Spiegel 3, 14.1.2013) 

3. Die Mehrheitsgesellschaft hält die Auseinandersetzung mit dem historischen Nationalsozialismus für das probate Mittel gegen Judenfeindschaft.

Von diesem Irrtum handelt mein Beitrag über den sogenannten sekundären oder Schuldabwehr-Antisemitismus. (Vgl. Kistenmacher 2017) Menschen, bei denen eine Voreingenommenheit gegen Jüdinnen und Juden vor allem durch Schuldabwehr motiviert ist, leugnen die Verbrechen der NSDAP gar nicht. Im Gegenteil, sie meinen, aus der deutschen Geschichte gelernt zu haben, wollen aber unbewusst ihre Schuldgefühle relativieren und finden, scheinbar zufällig, heute im jüdischen Staat einen neuen Nationalsozialismus. (Vgl. Schwarz-Friesel & Reinharz 2012) Da sie außerdem finden, dass sie bereits aus der Geschichte gelernt hätten, müsse langsam mal Schluss sein.

Neben der von Theodor W. Adorno analysierten unbewussten Schuldabwehr gibt es im 21. Jahrhundert eine offen formulierte Abwehr der Erinnerung. In diesem Jahr sorgte Björn Höcke mit einer Rede in Dresden für Aufsehen, in der er das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hat. Jan Lohl analysiert diese Rede in seinem Beitrag für Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft. (Lohl 2017) Höckes Formulierung war allerdings nicht originell. 1998 kommentierte Rudolf Augstein im Spiegel:

„Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist.“ (Augstein, Der Spiegel 49/1998)

Augstein hatte sich seinerzeit für den Schriftsteller Martin Walser eingesetzt, der bei seiner Dankesrede für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche das Holocaust-Mahnmal als „Monumentalisierung der Schande“ bezeichnet hatte. (Vgl. Lohl 2017: 289f.) Außerdem warnte Augstein im gleichen Kommentar: „Man würde untauglichen Boden mit Antisemitismus düngen, wenn den Deutschen ein steinernes Brandmal aufgezwungen wird. [...] Man kann uns nicht von außen diktieren, wie wir unsere neue Hauptstadt in Erinnerung an die Vergangenheit gestalten.“ (Augstein, Der Spiegel 49/1998) Das ist ein typisches Argument des Schuldabwehr-Antisemitismus. Weil die Deutschen an ihre Geschichte erinnert werden, würden sie mit Judenfeindschaft reagieren. 

4. Die Mehrheitsgesellschaft hält Jüdinnen und Juden für eine Gruppe für sich.

In ihrer Studie über die pädagogische Arbeit gegen Antisemitismus stellen Barbara Schäuble und Albert Scherr fest, dass eine „generelle“ Feindseligkeit gegen Jüdinnen und Juden bei den von ihnen befragten Jugendlichen „nur in Ausnahmefällen vorzufinden“ seien. „Was dagegen durchaus verbreitet ist, ist eine Differenzannahme ohne offenkundige Feindseligkeit im Sinne der Vorstellung, Juden seien eine irgendwie besondere Gruppe, die sich von ‚uns‘ unterscheidet.“ (Schäuble & Scherr 2007: 10)

Es ist schwer, diese Vorstellungen bei Erwachsenen abzufragen, denn sie sind in Deutschland tabuisiert. Doch manchmal bricht es aus einem heraus. Der Verfasser des größten Sachbuchbestsellers der vergangenen Jahre, Thilo Sarrazin, sagte 2010 gegenüber der Tageszeitung Die Welt: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.“ (Die Welt,29. August 2010) In seinem Buch zitierte er Wissenschaftler, die angeblich bewiesen hätten, dass Intelligenz zum Teil erblich sei; zudem habe die frühe Intelligenzforschung herausgefunden, dass Jüdinnen und Juden europäischer Herkunft einen um 15 Punkte höheren Intelligenzquotienten hätten als Mitglieder anderer europäischer Völker. Sarrazin begründete dies mit dem „außerordentlichen Selektionsdruck“, dem sich die Juden im christlichen Abendland ausgesetzt sahen. (Hamburger Abendblatt, 31.08.10) 

5. Die Mehrheitsgesellschaft hält Judenfeindschaft im Zusammenhang mit »Israel-Kritik« für kein gravierendes Problem.

2003 ergab eine Umfrage, dass in Europa rund 60 Prozent der Befragten – also die überwiegende Mehrheit – Israel für den Staat halten, von dem die „größte[n] Gefahren für den Weltfrieden“ ausgehen. (Die Welt, 4.11.2013) Neun Jahre später tat Günter Grass in einem Gedicht, das in mehreren europäischen Tageszeitungen erschien, so, als müsste er seinen ganzen Mut zusammennehmen, um das Gleiche niederzuschreiben. Außerdem suggerierte er in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“, es gäbe mächtige Kreise in der deutschen Gesellschaft, die jeden mundtot machten, der eine negative Aussage über Israel mache. Das waren mehr oder minder bewusste Anspielungen an bekannte antisemitische Bilder.

Der greifbare Beleg für Schuldabwehr-Antisemitismus in Grass’ Gedicht war die Horrorphantasie, Israel würde mit einem „Erstschlag“ das „iranische Volk auslöschen“. (Grass, Süddeutsche Zeitung 80, 4.4.2012) Wenn das wirklich passierte, hätte der jüdische Staat einen Genozid begangen, und damit bliebe die Shoah wohl nach wie vor singulär, aber Israel hätte ein Verbrechen verübt, das sich zumindest mit der Shoah vergleichen ließe – auch wenn sie nicht gleich wären. Dieser Wunsch nach Relativierung gehört zu den Kernmerkmalen des Schuldabwehr-Antisemitismus.

Quellen

Aly, Götz: Was ist Antisemitismus?, in: Die Zeit24, 2002. 

Augstein, Rudolf: „Wir sind alle verletzbar“, Der Spiegel49/1998.

Brumlik, Micha: Debatte: Bundestags-Einzug der AfD. Die Erben des Rassismus, taz, 25. September 2017, https://www.taz.de/!5447739/ (15. Oktober 2017).

Grass, Günter: Was gesagt werden muss, Süddeutsche Zeitung 80, 4. April 2012.

Neumann, Conny / Röbel, Sven / Stark, Holger: Völlig neue Dimension, in: Der Spiegel 38, 15. September 2003.

Was ist Antisemitismus? Streitgespräch zwischen Jakob Augstein und Dieter Graumann, in: DerSpiegel3, 14. Januar 2013.

„Ich bin kein Rassist“, Die Welt, 29. August 2010, https://www.welt.de/welt_print/politik/article9263576/Ich-bin-kein-Rassist.html (5. November 2017).

Was Thilo Sarrazin gesagt und geschrieben hat, Hamburger Abendblatt, 31.08.10 https://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article107845023/Was-Thilo... (5. November 2017).

Laut Umfrage sehen EU-Bürger in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden, Die Welt, 4. November 2013, https://www.welt.de/print-welt/article270732/Laut-Umfrage-sehen-EU-Buerger-in-Israel-die-groesste-Gefahr-fuer-den-Weltfrieden.html (9. November 2017). 

Literatur

Jaecker, Tobias (2004): Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September. Neue Varianten eines alten Deutungsmusters, Münster.

Kistenmacher, Olaf (2017): Schuldabwehr-Antisemitismus als Herausforderung für die Pädagogik gegen Judenfeindschaft, in: Astrid Messerschmidt & Meron Mendel (Hg.): Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft. Frankfurt am Main/New York, S. 189–209.

Lohl, Jan (2017): „Ein total besiegtes Volk“. Tiefenhermeneutische Überlegungen zum Komplex „Geschichte, völkischer Nationalismus und Antisemitismus“ im Rechtspopulismus, in: Mendel & Messerschmidt: Fragiler Konsens, S. 281–304.

Schäuble, Barbara & Scherr, Albert (2007): »Ich habe nichts gegen Juden, aber...« Ausgangsbedingungen und Perspektiven gesellschaftspolitischer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Berlin.

Schwarz-Friesel, Monika & Reinharz, Jehuda (2012): Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin/Boston. 

 


[1]Wolfgang Geiger: Bilder von Jüdinnen und Juden im Schulbuch, auf der »Blickwinkel«-Tagung »Kommunikation: Latenzen – Projektion – Handlungsfelder«, 9./10. Juni 2016, Kassel.

[2]Im Februar dieses Jahres wurde außerdem der Mann festgenommen, der mutmaßlich für einen Sprengstoffanschlag verantwortlich ist, bei dem russische Migrantinnen und Migranten, die meisten jüdisch, im Jahr 2000 in Düsseldorf verletzt wurden. 17 Jahre hat es gedauert, den Täter auszumachen, der direkt in der Nähe wohnt und als extremer Rechter und Waffennarr bekannt ist. Einige Tage später ging eine weitere Meldung ein, an die wir uns mittlerweile gewöhnt haben: „Ein V-Mann des NRW-Verfassungsschutzes hatte nach SPIEGEL-Informationen engen Kontakt zum mutmaßlichen Bombenattentäter von Düsseldorf.“ V-Mann bei mutmaßlichem Wehrhahn-Attentäter: „Junkie, Dealer, Weiberheld“, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/duesseldorf-v-mann-arbeitete-fuer-mutmasslichenwehrhahn-attentaeter-a-1133999.html (5. November 2017). 

 

 

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