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Vom Philosemitismus zum Antizionismus. Das Israelbild der "Achtundsechziger"

Jan Alberding ist derzeit Doktorand am Seminar für Neueste Geschichte der Philipps-Universität Marburg. Sein Forschungsprojekt trägt den Arbeitstitel "Von den „Freiburger Thesen“ zum „Lambsdorff-Papier“. Die Transformation der FDP in der sozial-liberalen Koalition."

Von Jan Alberding

Am 9. November 1969 sollte im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin während einer Gedenkfeier eine Bombe explodieren. Ein technischer Defekt verhinderte die Katastrophe, doch der Schock über einen antisemitischen Terrorakt auf deutschem Boden am Jahrestag der Reichspogromnacht saß tief. Verantwortlich waren die „Tupamaros West-Berlin“, eine aus dem Umfeld der „Achtundsechziger“-Bewegung hervorgegangene linksradikale Terrorgruppe. Das Material für den Sprengsatz war höchstwahrscheinlich von einem V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes namens Peter Urbach geliefert worden.Obwohl sich große Teile der „Neuen Linken“ vom Anschlagsversuch distanzierten, war die Herausbildung des antisemitischen Terrorismus von links nur der letzte Schritt einer Entwicklung, die mit dem „Sechstagekrieg“ zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn Ägypten, Jordanien und Syrien ihren Anfang genommen hatte. Noch bei Ausbruch des Krieges im Juni 1967 hatten linke Studierende in Berlin und Frankfurt zu Solidaritätskundgebungen für den jüdischen Staat aufgerufen. Wieso wandelte sich die Solidarität mit Israel binnen weniger Jahre zu einer feindseligen Haltung, die in ihrer radikalsten Ausprägung in antisemitischem Terrorismus gipfelte?

In der historischen Forschung wurde bislang vor allem auf die innenpolitischen Rahmenbedingungen verwiesen: Die ab 1967 besonders stark artikulierte bürgerlich-konservative Israelbegeisterung, insbesondere des Springer-Konzerns, habe die Achtundsechziger zu einem radikalen Kurswechsel verleitet. Sicherlich spielte diese Entwicklung keine unwesentliche Rolle, doch darf dabei nicht übersehen werden, dass die Obsession der Neuen Linken für den israelisch-arabischen Konflikt erst ab 1969 voll zur Entfaltung kam. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Thema in der innenpolitischen Debatte der Bundesrepublik kaum noch Relevanz. Zu einer aufschlussreichen Erklärung für den Antizionismus der Achtundsechziger kann man deshalb nur durch eine Analyse der ideologischen Entwicklung gelangen, welche die Bewegung in ihrer Hoch- und Spätphase durchlief.

Vom Philosemitismus zu kritischer Solidarität

Während die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten im Nahostkonflikt eine antizionistische Linie vertraten, die eine Leugnung der jüdischen Nationalidentität und in letzter Konsequenz auch des Existenzrechts Israels implizierte, war die Haltung der bundesdeutschen Sozialdemokratie von starkem Philosemitismus geprägt. Dieser bezeichnet eine Kommunikations- und Verhaltensweise, welche durch eine besondere Wertschätzung gegenüber jüdischen Menschen gekennzeichnet ist. Zunächst übernahmen auch der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) und die personell eng mit ihm verflochtenen Deutsch-Israelischen Studiengruppen (DIS) die Haltung einer bedigungslosen Solidarität mit dem Staat der Holocaust-Überlebenden.

Im Laufe der Zeit distanzierten sich die linken Studierenden jedoch immer stärker von jener uneingeschränkt positiven Sicht auf Israel, wie sie beispielsweise von Willy Brandt und dem linken Theologen Helmut Gollwitzer vertreten wurde. In der von den Deutsch-Israelischen Studiengruppen publizierten Zeitschrift DISkussion verkündete man Anfang 1964, das Ziel sei „Solidarität nicht im Sinne einer unkritischen Identifikation, sondern im Sinne der Mitverantwortung für die Existenz des jüdischen Staates“. Die offizielle Anerkennung Israels durch die Bundesrepublik Deutschland und die Aufnahme diplomatischer Kontakte im Mai 1965 stürzte die DIS in eine Identitätskrise, denn das Engagement für Israel war plötztlich kein Alleinstellungsmerkmal der linken Opposition mehr.

Der Sechstagekrieg: Zwischen Solidarität und Neutralität

Einen Tag nach Beginn des Sechstagekrieges am 5. Juni 1967 demonstrierten am Berliner Kurfürstendamm rund 1000 Studierende und Schulpflichtige unter dem Motto „Unser Herz schlägt für Israel“ ihre Solidarität mit dem zionistischen Staat. Gleich mehrere Hundert von ihnen meldeten sich bei der Jüdischen Gemeinde für den zivilen Arbeitsdienst in Israel. Auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit überwog vorerst noch die proisraelische Parteinahme auf Seite der Neuen Linken, wenngleich man vor entschiedener Kritik an der Politik der israelischen Regierung nicht zurückschreckte.

Dass das konservative Lager in der Bundesrepublik Deutschland mit Ausbruch des Krieges seine Begeisterung für Israel entdeckte, verkomplizierte die Lage für die linken Aktivist_innen. Ausgerechnet die bei den revoltierenden Studierenden so verhasste Springer-Presse ergriff am stärksten Partei für Israel, feierte dessen Siege im „Blitzkrieg“ und kürte den israelischen Verteidigungsminister Moshe Dayan kurzerhand zum „Rommel Israels“.

Die Medien der Neuen Linken bemühten sich fortan darum, die arabische Sicht der Dinge stärker zu beleuchten. In einer Sonderausgabe der DISkussion wurden bereits zwei proarabische Artikel abgedruckt, und die Redaktion rief weitere arabische Autor_innen dazu auf, ihre Vorstellungen darzulegen. Sie betonte allerdings, dass sie sich der Existenz Israels nach wie vor verpflichtet fühle und „das Eintreten für das  Existenzrecht Israels nicht zum Privileg reaktionärer oder apolitischer Kräfte“ werden dürfe.

Die antizionistische Wende des SDS

Die entscheidende Weichenstellung für einen strikt antizionistischen Kurs des SDS erfolgte auf der 22. ordentlichen Delegiertenkonferenz, welche im September 1967 im Frankfurter Studentenhaus stattfand. Insbesondere die SDS-Gruppen aus Frankfurt und Heidelberg engagierten sich für eine konsequent pro-arabische Parteinahme im Nahostkonflikt.  Während der Frankfurter SDS eine Hochburg des antiautoritären Flügels war, nahmen die Heidelberger eine Sonderrolle ein: Als erste SDS-Gruppe orientierten sie sich bereits 1967 an der Ideologie des Maoismus.

Die Delegiertenkonferenz verständigte sich auf einen Resolutionstext, welcher die israelisch-arabische Auseinandersetzung in ein antiimperialistisches Interpretationsmuster zwängte und den Begriff „Zionismus“ in diffamierender Weise gebrauchte. Israel wurde zum „Brückenkopf des Imperialismus“  und der Widerstand der Palästinenser zur „sozialrevolutionären Bewegung“ erklärt. Der besonnen auftretende Rudi Dutschke konnte zwar eine Überweisung des Antrags an eine Kommission durchsetzen, die den Resolutionsentwurf überarbeiten sollte. Der eingeschlagene Kurs des SDS erwies sich jedoch als nicht umkehrbar. Besonders die maoistischen Heidelberger profilierten sich weiterhin als antizionistische Vorreiter im bedeutendsten linken Studierendenbund.

Radikalisierung im Zerfallsprozess

Die „Entdeckung“ Maos durch die Studierendenbewegung begann bereits 1966 mit der chinesischen Kulturrevolution. Die Heidelberger SDS-Gruppe war kurz darauf zu einer orthodoxen Auslegung der maoistischen Lehren zu übergegangen. Je deutlicher das Scheitern der „Außerparlamentarische Opposition“ (APO) und der Niedergang der Studierendenbewegung wurde, desto stärker bemächtigten sich auch andere „Antiautoritäre“ der Ideen Mao Zedongs. Seine Schriften betonten vor dem Hintergrund der kommunistischen Machtergreifung in Folge des Chinesischen Bürgerkrieges den Vorrang der Praxis gegenüber der Theorie, des Nationalismus gegenüber dem Internationalismus und des Militärischen gegenüber dem Politischen. Die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule, an welcher sich der antiautoritäre SDS-Flügel orientierte, unterschied sich vom Maoismus in fast allen Punkten fundamental. Es gab jedoch eine wesentliche Übereinstimmung der Schriften Herbert Marcuses mit denen Mao Zedongs: die unbedingte Parteinahme für die antiimperialistischen Befreiungskämpfe der „Dritten Welt“ bei gleichzeitiger Zurückweisung der sowjetischen Führungsrolle für die sozialistische Weltrevolution. 

Die am 31. Dezember 1968 gegründete Kommunistische Partei Deutschlands / Marxisten-Leninisten (KPD/ML) war die erste von unzähligen maoistischen Kaderparteien, die aus der Zerfallsmasse der Studierendenbewegung hervorgingen und die proletarische Revolution in der Bundesrepublik Deutschland vorbereiten wollten.  Die KPD/ML übernahm bedenkenlos die außenpolitische Linie der Volksrepublik China, geprägt von einem kompromisslosem Antiimperialismus, der sich sowohl gegen den „kapitalistischen Imperialismus“ der USA als auch den „revisionistischen Sozialimperialismus“ der UdSSR richtete. Hinsichtlich des Nahostkonflikts griff man mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit zu Nazi-Allegorien, um die israelische Politik zu diskreditieren. Israel wurde mit dem Dritten Reich, der Sechstagekrieg mit dem deutschen Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion gleichgesetzt. Wortschöpfungen wie „Na-Zionismus“ und „Nationalzionismus“ waren im Presseorgan der KPD/ML eine Selbstverständlichkeit.

Die unbedingte Parteinahme für die Palästinenser_innen, inklusive der Übernahme ihrer antizionistischen Ideologie, wurde somit zu einem Dogma des SDS. Führende Mitglieder des Verbandes, unter ihnen der einstmalige antiautoritäre Vorreiter Hans-Jürgen Krahl, brachen am 17. Juli 1969 nach Jordanien auf, um dort paramilitärische Ausbildungslager der Palästinenser zu besuchen. Auch das Israelbild der Deutsch-Israelischen Studiengruppen, wie es sich in der vom Bundesverband herausgegebenen DISkussion widerspiegelte, hatte sich seit dem Sechstagekrieg dramatisch verschlechtert und nahm immer mehr die Konturen eines antiimperialistisch begründeten Antizionismus nach Vorbild des SDS an. Ohne formellen Beschluss lösten sich Bundesverband und Ortsgruppen Anfang der 1970er Jahre in einem schleichenden Prozess auf.

Neben dem Parteimaoismus, welcher sich vor allem in den auf eine bevorstehende Revolution hinarbeitenden K-Gruppen konzentrierte, ging aus der Zerfallsmasse des SDS auch ein Bewegungsmaoismus hervor, der den bewaffneten Kampf einläuten wollte, ohne auf die proletarische Massenerhebung zu warten. Im Umfeld des traditionell antiautoritären Berliner SDS und der ihm nahestehenden Kommune I formierte sich 1969 die erste linksradikale Terrororganisation der BRD. Am 9. November traten die Tupamaros erstmals in Erscheinung. Ziel der ersten Stadtguerilla-Aktion in Deutschland war jedoch keine israelische Einrichtung, sondern das Jüdische Gemeindehaus in Berlin.

Die Achtundsechziger: Antisemiten und Nationalisten?

Der Kampf der Palästinenser gegen Israel war für den SDS ab 1969 nicht bloß irgendein antiimperialistischer Kampf, sondern der Mittelpunkt des politischen Weltgeschehens. Diese irrationale Überhöhung eines lokalen Konfliktes lässt sich nur in der Logik des Schuldabwehr-Antisemitismus begreifen. Nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz stellte sich die Neue Linke gegen Israel. Demonstrativ wollte man sich selbst das eigene reine Gewissen beweisen und der Welt zeigen, dass die Juden als Opfer von gestern nun die Täter von heute sind. Auch auf der politischen Rechten existierte dieser sekundäre Antisemitismus, der dazu drängte, aus der eigenen Geschichte auszusteigen, einen „Schlussstrich“ zu ziehen, und die durch Auschwitz verloren gegangene „deutsche Identität“ wiederzufinden. Dass nun aber ausgerechnet die Neue Linke diese Forderung erhob, wirft zwangsläufig die Frage nach dem Verhältnis der Achtundsechziger zur deutschen Nation auf. 

Mit dem Siegeszug des Maoismus erhielt eine nationalrevolutionäre Bewegung Einzug ins Lager der Studierendenbewegung. Sie setzte den „Volkskrieg“ an die Stelle des marxistischen Klassenkampfes, dem der westliche Sozialstaat jede Perspektive genommen hatte. Zwar unternahmen Gruppen wie die Tupamaros West-Berlin oder später die Rote Armee Fraktion den Versuch, den „antiimperialistischen Befreiungskrieg“ in die Bundesrepublik Deutschland zu importieren, stießen damit jedoch auf nahezu einhellige Ablehnung in der Bevölkerung. Die Neue Linke musste sich also einen Stellvertreterkrieg suchen, auf den sie ihre revolutionären Sehnsüchte projizieren konnte. Der Nahostkonflikt erfüllte das Bedürfnis nach einem binären Freund-Feind-Schema, glaubte man in ihm doch eine Auseinandersetzung zwischen „Imperialismus“ und „Revolution“ zu erkennen.  

Damit erklärten die deutschen Revolutionäre den Staat der Überlebenden des Holocaust zu ihrem Todfeind. Dies war nicht etwa ein Hindernis, sondern der Hauptgrund für die fanatische Identifikation mit den Palästinensern. Die bloße Existenz Israels führte auch jenen Deutschen, die sich auf ihre Zugehörigkeit zur politischen Linken und die „Gnade der späten Geburt“ berufen konnten, in jedem Augenblick die unmöglich zu vergessende Schwere der deutschen Schuld vor Augen. Nur über diese doppelte Funktion des Stellvertreterkrieges im Nahen Osten erschließt sich die mythische Überhöhung der Palästinenser in bundesdeutschen Studierendenkreisen. Diese antisemitische und nationalistische Seite der Bewegung wirkte sich besonders auf den Linksterrorismus der 1970er Jahre aus und ist eine äußerst bemerkenswerte Facette des ambivalenten Phänomens „1968“.

Redaktionelle Anmerkung

Sie finden eine ausführliche Fassung dieses Textes unter "Download".

 

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