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Lernen am Objekt. Die Ausstellung „Schule im Nationalsozialismus“

Udo Andraschke arbeitet als Sammlungsbeauftragter an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Er war unter anderem 2015 Konzeption und kuratorische Begleitung der Kunstausstellung Die Poesie der Dinge im Stadtmuseum Erlangen (gemeinsam mit Isi Kunath) und 2014/15 für Konzeption und kuratorische Begleitung der Ausstellung Schule im Nationalsozialismus mit einem Lernlabor für Jugendliche im Schulmuseum Nürnberg (gemeinsam mit dem Schulmuseum Nürnberg), ab 2016 im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg, zuständig.

Von Udo Andraschke

Eine Lehrtafel zur Rassenkunde, ein von zahlreichen Verehrern beschriebener Tanzteefächer und das Tagebuch eines jugendlichen Flakhelfers, der seine Vokabeln nicht am Schreibtisch, sondern neben dem Geschütz studiert. Drei Objekte einer Ausstellung, mit der das Schulmuseum Nürnberg, eine gemeinsame Einrichtung von Stadt und Universität, unlängst an die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur erinnert hat. Ein wesentlicher Antrieb des Vorhabens war dabei die Frage, wie man die Zeit des Nationalsozialismus insbesondere einem jungen Publikum näherbringen kann: Welche Fragen stellen Jugendliche heute, 70 Jahre danach, an den Holocaust? Auf welche Weise und mit welchen Mitteln können Museen heute von der Zeit des Nationalsozialismus erzählen, um deren Bedeutung verständlich zu machen?

Ausstellung und Lernlabor

Die Ausstellung „Schule im Nationalsozialismus“ verband hierzu eine eher „klassische“ Ausstellungseinheit mit einem Lernlabor. Während die eine Abteilung mit ihren zu Vitrinen umfunktionierten, historischen Schulschränken mehr überblickshaft in die Themen der Ausstellung einführte, diente der Lernlaborbereich mit seinem explorativen Ansatz der inhaltlichen Vertiefung. Jede seiner insgesamt 18, in moderner Gestaltung gehaltenen Lernstationen verfügte über eine Eckbank und einen Tisch, auf dem drei bis vier Exponate präsentiert wurden, die es mit Hilfe weiterer Materialien und Recherchehilfen selbsttätig und nach eigenen Interessen zu erkunden galt. Zwei Kabinetträume boten schließlich zum Ende des Ausstellungsbesuchs die Möglichkeit zum moderierten Austausch. 

Ausgangspunkt und Grundlage der Ausstellung waren die Objektbestände der Schulgeschichtlichen Sammlung der Universität Erlangen-Nürnberg, etwa historische Schulbücher und Lehrtafeln, Aufsätze, Briefe, Tagebücher, Fotografien oder damalige Lehrmittel wie Gasmasken oder Übungshandgranaten. In einer ersten Ausstellungsabteilung wurden wesentliche Elemente des Nationalsozialismus – etwa Nationalismus, Führerprinzip und Volksgemeinschaft – vorgestellt, in einer zweiten die Reaktionen von Schüler_innen und Lehrkräften darauf: Begeisterung, Mitläufertum, aber auch Ablehnung und Widerstand. Die dritte Abteilung zeigte schließlich den Schulalltag in Zeiten des Krieges, den Kriegseinsatz von Schülern, die Kinderlandverschickung und die Folgen des Bombenkrieges.

Die Ausstellung lief zuerst im Nürnberger Museum Industriekultur, hatte dann ein Gastspiel an der Pädagogischen Hochschule in Luzern und war zuletzt im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zu sehen. Die Konzeption und Umsetzung lagen beim Schulmuseum und der Zentralkustodie der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Stuttgarter Gestalteragentur space4 begleitete das Vorhaben eng. An der fast drei Jahre währenden Planung und Umsetzung von Ausstellung und Lernlabor waren aber auch maßgeblich und von Beginn an Schüler_innen beteiligt. Koordiniert durch das Schulmuseum trafen ausgewählte Gruppen von drei Mittelschulen und einem Gymnasium aus der Region eine erste Auswahl der historischen Objekte aus dem umfangreichen Fundus der Schulgeschichtlichen Sammlung. Die für die Ausstellung in Frage kommenden Gegenstände wurden hierzu von den jugendlichen Mitkurator_innen genau in den Blick genommen, befragt, beschrieben und gedeutet. In Seminaren mit Lehramtsstudierenden entstanden sodann aus den ausgesuchten Sammlungsgegenständen erste Prototypen objektbasierter Lernarrangements, die wiederum von Schüler_innen getestet wurden. Wieder andere Schülergruppen planten die beiden Austauschräume und produzierten für eine ganze Reihe von Themen Hörstationen. 

Die Ausstellung als Versuchsanordnung

Die Entwicklung der Ausstellung war so gesehen von Grund auf als gemeinsames Unterfangen angelegt. Ziel war dabei nicht der passive Wissenserwerb der daran teilnehmenden Schüler_innen, sondern der Versuch eigenständiges Denken, Experimentierfreude und eine möglichst gemeinsame Wissensproduktion anzuregen. Vermittlung wurde hier von Beginn an als wechselseitiger Prozess verstanden. Schon die ersten Prototypen und improvisierten Lernlabore waren als Denk- und Diskussionsangebote zwischen Schüler_innen, Lehrkräften und Kuratoren angelegt und somit weit mehr als eine schlichte Verlängerung der Schulbank. Hier sollten Ideen und Konzepte gemeinsam erarbeitet, kommentiert, in Frage gestellt und durchaus auch verworfen werden. Hier sollten Objekte untersucht und kritisch danach befragt werden, ob sie als Ausstellungsstücke überhaupt geeignet sind, hier wurden Objektarrangements und kleinere Ausstellungseinheiten geplant und probeweise aufgebaut. Die ersten Lernlabore wurden auf diese Weise zu Versuchsaufbauten und Testlandschaften, die beiden Seiten – Schüler_innen wie Kuratoren - erheblichen Kompetenzzuwachs bescherten. Die Idee zu solchen Lernstationen bzw. Lernlaboren entstand aus der überaus positiven Erfahrung mit historischen Schüler-Workshops und mathematisch-naturwissenschaftlichen Lernwerkstätten, die das Schulmuseum bereits seit einigen Jahren veranstaltet. 

Aber auch der Lernlaborbereich der fertigen Ausstellung war als Versuchsanordnung und offenes, möglichst dicht an den Objekten ausgelegtes Lernarrangement gedacht. Ein sozialer Raum, in dem die mitunter laut denkenden und diskutierenden Besucher_innen nicht wie so oft im Museum als störend betrachtet wurden, sondern als wesentlicher Teil der Ausstellung und des Ausstellungsgeschehens. Eine museumspädagogische Begleitung unterstützte die Schüler_innen bei ihren Gesprächen auf Anfrage, hielt sich aber sonst im Hintergrund. In einer moderierten Diskussion am Ende des Ausstellungsbesuches konnten die Schüler_innen schließlich noch einmal Fragen stellen, Eindrücke austauschen und nicht zuletzt das Gesehene auf ihre eigene Gegenwart beziehen.

Dabei zeigte sich zweierlei: Bei den meisten jugendlichen Besucher_innen wussten die historischen Objekte Neugierde und Nachfrage auszulösen und dadurch in besonderer Weise zu Recherche und Reflexion zu ermuntern. Das Thema Schule tat ein Übriges, um die Jugendlichen für die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Diktatur zu interessieren. Der Vergleich mit der eigenen Lebenswelt, dem eigenen Schulalltag, drängte sich förmlich auf. Im Unterschied zu anderen Ausstellungsbesuchen brachten die jugendlichen Besucher_innen hier bereits Kompetenz mit und müssen sie nicht erst erwerben. Über Schule, über Unterrichtsmethoden, über Klassengemeinschaft, über Lehrkräfte und Leistungsdruck können alle etwas sagen.

Die Ausstellung als Forschungsgegenstand

Den Kuratoren bot die Ausstellung die seltene Gelegenheit, der Frage nach den Bedingungen und Voraussetzungen, den Möglichkeiten und Grenzen des (historischen) Lernens im Museum und am Objekt einmal genauer nachzugehen. Welche Geschichte wird hier in Szene gesetzt? Welche Bedeutung kommt dabei den gezeigten Objekten zu und welchen Stellenwert haben Originale dabei? Welche Rolle spielen etwa Materialität oder die in museologischen und museumspädagogischen Diskussionen immer wieder verhandelten Begriffe Aura und Authentizität? Wie geht man mit dem Reizwert von Objekten und ihrer Mehrdeutigkeit als dingliche Zeichen um? Wie sehen die Aneignungsformen der Besucherinnen und Besucher eigentlich aus? Welche Rolle kommt ihnen im Zusammenspiel von Objekten, Texten und Raum zu? Welche Lernprozesse werden in Gang gesetzt? Gefragt wurde damit nach den Funktionsweisen der Ausstellung und ihrer einzelnen Elemente, aber auch nach den möglichen Ableitungen, die sich daraus für eine Didaktik des ästhetischen und gegenständlichen Lernens ergeben. Um derlei Fragen zu beantworten, wurde die Ausstellung von Beginn an wissenschaftlich begleitet. In einem gemeinsamen Projekt des Schulmuseums und des „Zentrums Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen Luzern“ wurden über 50 daran beteiligte Schulklassen beobachtet, gefilmt und ausführlich befragt. Rund 780 den Ausstellungsbesuch resümierende Texte sowie mehrstündige Filmaufnahmen sind auf diese Weise entstanden und wurden im Nachgang zur Ausstellung analysiert. Das Kunst- und Kulturpädagogische Zentrum der Stadt Nürnberg führte während der Laufzeit im Dokumentationszentrum weitere Befragungen bei nochmals fast 700 Schüler_innen und über 100 Lehrkräften durch und ein wissenschaftlicher Workshop versuchte sich insbesondere den Lernlaboren noch einmal aus Sicht der Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik, der Lernpsychologie, der Museologie und Museumspädagogik sowie der Holocaust Education zu nähern. Die Ausstellung wurde somit selbst zum Forschungsgegenstand. Erste Auswertungen und Ergebnisse der wissenschaftlichen Erhebungen belegen eine hohe Aufmerksamkeit und ein intensives Lernen der Schüler_innen. Beides lässt sich wesentlich auf das offene, zum konzentrierten Verweilen und gleichermaßen zum Dialog einladende Setting der Lernstationen sowie auf den Einsatz der Objekte „als Ankerpunkte des Lernszenarios“ (Peter Gautschi) zurückführen. Die beiden Studien unterstreichen damit einmal mehr die immensen Möglichkeiten des Lernortes Museum sowie das didaktische Potential der dort gezeigten Dinge.

 

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