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Flucht und Migration in den allgemeinen Angeboten des Anne Frank Zentrums und spezifische Angebote für Geflüchtete

Bianca Ely ist Sozialwissenschaftlerin und seit vielen Jahren in der historisch-politischen Bildung aktiv und beriet mehrere Jahre Haupt- und Ehrenamtliche in der Durchführung deutsch-israelischer Begegnungsprogramme. Seit 2015 leitet sie im Anne Frank Zentrum den Projektbereich zu Generationendialog, Flucht und Migration. E-Mail: ely [at] annefrank [dot] de Johannes Westphal ist Referent des Anne Frank Zentrums im Bereich Generationendialog, Flucht und Migration. Aktuell koordiniert er ein gemeinsames Projekt mit der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz zu Angeboten zu Flucht und für Geflüchtete an historischen Lernorten und in der historisch-politischen Bildung. E-Mail: westphal [at] annefrank [dot] de

Von Bianca Ely und Johannes Westphal

Das Anne Frank Zentrum zeigt in Berlin die ständige Ausstellung „Anne Frank. hier & heute“. Im Mittelpunkt stehen Anne Franks Lebensgeschichte und ihr Tagebuch. Die Ausstellung verbindet die Lebenswelt Anne Franks mit den Lebenswelten der heute in Berlin lebenden Jugendlichen. Wie Anne Frank beschäftigen auch sie sich mit Fragen von Identität und Diskriminierung, Werten und Engagement. Das biografische Lernen ist dabei einer unserer zentralen Ansätze. Darunter wird die Arbeit mit Lebensgeschichten und das Lernen über Geschichte anhand konkreter Biografien verstanden. Das Lernen von und mit Biografien bedeutet immer auch eine Beschäftigung mit sich selbst. Darin steckt auch die große Kraft, sich mit einer Biografie wie der von Anne Frank zu beschäftigen.

Für Schulklassen und Jugendgruppen werden Ausstellungsbegleitungen, Projekttage und Workshops angeboten, die von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gestaltet werden und den Dialog über Geschichte zum Ziel haben. Diese stehen grundsätzlich allen interessierten Besucher_innen offen und damit selbstverständlich auch sogenannten Willkommensklassen; Klassen also, in denen junge Geflüchtete mit spezifischen, vor allem sprachlichen Angeboten für den Übergang in eine Regelschule vorbereitet werden. Für junge Geflüchtete und Willkommensklassen bestehen zusätzlich spezifische Angebote der pädagogischen Begleitung von Ausstellungsbesuchen, die auf die Interessen und Bedarfe dieser Zielgruppen zugeschnitten sind. Dass diese explizit beworben werden, gründet nicht in erster Linie auf besonderen Bedarfen und Rahmenbedingungen, in denen Ausstellungsbegleitungen für und mit Geflüchteten stattfinden. Vielmehr reagiert das Anne Frank Zentrum damit auf eine erhöhte Nachfrage, die beispielsweise durch Lehrkräfte von Willkommensklassen an uns herangetragen werden. Vergleichbare Erfahrungen gibt es mit spezifischen Angeboten für Schulklassen mit besonderen Lernbedürfnissen. Lehrkräfte und Multiplikator_innen, die nach Angeboten für ihre Jugendgruppen recherchieren, fühlen sich den Rückmeldungen zufolge explizit angesprochen und ziehen eher in Erwägung, einen Ausstellungsbesuch mit pädagogischer Begleitung anzufragen. Das explizite Angebot sollte Lehrkräften in Willkommensklassen aber auch vermitteln, dass die Angebote des Anne Frank Zentrums als Lernort der außerschulischen Bildung durchaus auch für geflüchtete Jugendliche in Frage kommen können. Darüber hinaus erschien diese Außenkommunikation sinnvoll und notwendig, nachdem mehrfach Unsicherheiten geäußert wurden hinsichtlich der Fragen, ob die Themenbereiche Nationalsozialismus und Holocaust überhaupt für geflüchtete Jugendliche geeignet seien und ob eine angemessene und verständliche Vermittlung möglich sei. Seit Veröffentlichung des gezielten Angebots für Geflüchtete wird es kontinuierlich nachgefragt.

Spezifische Angebote für Willkommensklasse und Geflüchtete

Die Angebote für Willkommensklassen und Jugendgruppen Geflüchteter und junger Erwachsener bestehen im Wesentlichen aus zwei Formaten, die seit 2016 fortlaufend weiterentwickelt werden: Die Ausstellungsbegleitung „Ein Tagebuch für mich?“ sowie der Projekttag „Mit dem Gestern im Heute ankommen“. Vergleichbar mit anderen Angeboten des Anne Frank Zentrums stellen diese Formate das historisch-reflexive Lernen in den Mittelpunkt und leisten eine erste Annäherung an das Leben der Anne Frank, ihr Tagebuch und ihre Verfolgungsgeschichte.

Ein Tagebuch für mich?“ ist ein Workshop, der für Willkommensklassen (6. und 7. Klasse) und junge Geflüchtete von Zwölf bis 14 Jahren entwickelt wurde. Im Mittelpunkt des zweistündigen Programms steht Anne Frank und ihr Tagebuch, in dem sie ihre Gedanken, Gefühle, Ängste und Beobachtungen festhielt. Die Jugendlichen können ein eigenes Tagebuch basteln, das sie mit einem Selbstporträt und einem Zitat aus der Ausstellung befüllen und mit nach Hause nehmen dürfen. Dahinter verbirgt sich die Annahme, dass viele der Jugendlichen in Willkommensklassen Erfahrungen gemacht haben, für die sie möglicherweise Ausdrucksformen suchen und beispielsweise im Medium des Tagebuchs finden. Die didaktische Reduktion und Fokussierung auf Anne Frank als Verfasserin eines Tagebuchs geht einher mit einer einfachen Sprache, da viele der Jugendlichen in diesem Programm Deutsch als weitere Sprache erlernen und damit der Besuch der Ausstellung von den Lehrkräften nicht selten auch unter dem Aspekt des Deutschlernens außerhalb des Klassenzimmers motiviert ist. Um die Informationen zur Dauerausstellung und die weiteren Angebote des Anne Frank Zentrums Menschen zugänglich zu machen, die über keine oder nur wenige Deutschkenntnisse verfügen, werden aktuell Flyer und Infomaterialien ins Arabische und in weitere Sprachen übertragen.

Aber nicht nur die sprachlichen Voraussetzungen, sondern auch die finanziellen können für Willkommensklassen Barrieren darstellen. Deswegen bietet das Anne Frank Zentrum sämtliche Programme für Geflüchtete grundsätzlich kostenfrei an.

Der fünfstündige Projekttag „Mit dem Gestern im Heute ankommen“ richtet sich an Jugendliche ab 14 Jahre und junge Erwachsene. Er knüpft an einen unserer Erfahrung nach wesentlichen Bedarf Geflüchteter an: die Stadt kennenlernen, sich einen größeren Bewegungsradius in der Stadt erschließen, über den zeitgeschichtlichen Zugang verstehen, wie die Stadt und die Gesellschaft „ticken“ in der sie gerade einen Platz zu finden versuchen. Der Projekttag beinhaltet neben einer Begleitung durch die Ausstellung „Anne Frank. hier & heute“ einen Stadtrundgang durch die Spandauer Vorstadt, einem Berliner Viertel mit jüdischer Geschichte seit dem 17. Jahrhundert in unmittelbarer Nachbarschaft des Anne Frank Zentrums. Der Weg führt entlang zahlreicher Erinnerungsorte, Erinnerungszeichen, Spuren vergangenen und aktuellen jüdischen Lebens und des Gedenkens an Vertreibung und den Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden durch Nazideutschland. Durch den Stadtrundgang lernen Besucher_innen einen ihnen oftmals bis dahin unbekannten Ortsteil Berlins kennen. Sie lernen Spuren des Erinnerns und Gedenkens im öffentlichen Raum, die Aufschluss geben über die Geschichte, Gegenwart und Verfasstheit der deutschen Gesellschaft, kennen und einordnen.

Die Erfahrung zeigt das große Interesse Geflüchteter an der Geschichte des Nationalsozialismus, die mithilfe der Geschichte der Familie Frank vermittelt wird. Der Lernprozess ist dabei unbedingt als wechselseitig zu sehen, denn auch die Begleiter_innen der Programme erfahren durch die Fragen, Eindrücke und Erzählungen von Geflüchteten den Stadtrundgang immer wieder neu. 

Flucht in der pädagogischen Arbeit des Anne Frank Zentrums

Vor dem Hintergrund der medialen und öffentlichen Präsenz Geflüchteter bzw. des Themas Flucht rücken diese auch in den allgemeinen Angeboten des Anne Frank Zentrums stärker in den Fokus. Zwar waren Themen wie Flucht, Migration, Ankommen und Dazugehören auch vorher schon Bestandteil der Arbeit des Anne Frank Zentrums und wurden vor allem in familienbiografischen Bezügen in der Ausstellung sowie durch den biografischen Ansatz des Geschichtslernen berücksichtigt. Dennoch zeigt sich, dass Jugendgruppen und individuelle Besuchergruppen im Anne Frank Zentrum sich aktuell verstärkt für die Flucht der Familie Frank interessieren. Sie setzen Fluchtschicksale, Fluchtmöglichkeiten und Umstände der Flucht der Familie Frank aus Deutschland in die Niederlande und das Leben der Familie in einem Versteck ins Verhältnis mit aktuellen Debatten und Fluchtbewegungen. Immer wieder zeigen sich in den Begleitprogrammen zur Ausstellung rechtpopulistische Zuschreibungen, Forderungen und Angstszenarien, die Jugendliche unreflektiert aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs übernehmen und die im Rahmen der pädagogischen Auseinandersetzung bearbeitet werden.

Aktuell entwickelt das Anne Frank Zentrum das Bildungsmaterial „Flucht im Lebenslauf“, das sich an Jugendliche ab 14 Jahren richtet. Ziel des Materials ist es, Lern- und Reflexionsräume über Fluchtursachen und Lebensrealitäten Geflüchteter zu eröffnen. Dabei soll vor allem die Komplexität von Flucht verdeutlicht werden, die radikal und auf vielen Ebenen auf Lebensentwürfe wirkt. In drei Filmclips mit begleitenden Kurztexten werden die Protagonistinnen mit ihren individuellen Lebens- und Fluchtgeschichten vorgestellt. Ein Portrait handelt von Anne Frank, deren Familie Anfang der 1930er Jahre aus Frankfurt am Main nach Amsterdam emigrierte. Ein weiteres Portrait stellt die Siebzehnjährige Hava Morina vor, die vor 2015 aus Gjilan im Kosovo mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Sie lebt heute allein in Berlin, nachdem ihre Familie abgeschoben wurde. Ein weiteres Portrait zeigt Marah Deis, die im Sommer 2015 gemeinsam mit ihrem Ehemann aus Syrien nach Berlin flüchtete. Das pädagogische Material sensibilisiert für historische Kontinuitäten von Rassismus, Diskriminierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Im Sinne eines Empowerment lernen die Jugendlichen, dass gesellschaftliche Verhältnisse gemacht und damit auch veränderbar sind und erkennen, wo ihre eigenen Handlungsspielräume liegen. Des Weiteren eröffnet das Material einen Lernraum für den (familien-)biografischen Austausch der Jugendlichen im Sinne einer Selbstreflexion. Das Material befindet sich derzeit in der Erprobungsphase und wird voraussichtlich im Sommer 2017 veröffentlicht. 

Unter Mitarbeit von: Veronika Nahm, Leiterin des Bereichs Berliner Ausstellung des Anne Frank Zentrums und Dr. Christina Herkommer, wissenschaftliche Mitarbeiterin.

 

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