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Das Neunte Fort in Kaunas. Litauen zwischen Gulag- und Holocausterinnerung

Dr. Ekaterina Makhotina ist Lehrstuhlassistentin für die Geschichte Osteuropas an der Universität Bonn. Ihre Schwerpunkte sind Erinnerungskulturen in Russland und in Ostmitteleuropa, Stalinismus, Geschichte Litauens im 20.Jahrhundert sowie Strafpraxis im Russland des 18. Jahrhunderts. Zuletzt von ihr erschienen: Erinnerung an den Krieg – Krieg der Erinnerungen. Litauen und der Zweite Weltkrieg. Göttingen (2017).

Von Ekaterina Makhotina

An Sommertagen ist viel los im Neunten Fort der Kaunasser Festung: Schulgruppen besichtigen die Festungsanlage aus dem Ersten Weltkrieg und bekommen die sowjetischen Verhörpraktiken vermittelt, einige machen einen Picknick- und Badetag am See, Jugendliche aus dem Nachbarort nutzen den Park zum Inline-Skaten und die Bänke für Geselligkeit, Kinder und Hunde erfreuen sich an der Grünanlage, ab und zu fotografiert man den interessanten Schattenwurf auf dem monumentalen Denkmal, das von weit her zu sehen ist. Die 32 Meter hohe Skulpturengruppe, die drei von Trauer, Wut und Leid verzerrte Menschenfiguren darstellt, irritiert – zu deutlich ist der Kontrast zu dem friedlichen Geschehen auf dem Festungsgelände. Während das 1984 aufgestellte Mahnmal der Opfer der deutschen Besatzung gedenken soll, lernt der heutige Besucher des Museums vor allem den sowjetischen Terror und die Fortifikationskunst im Ersten Weltkrieg kennen.

Das Neunte Fort in Kaunas gehört zu den international bekannten Orten der Vernichtung des europäischen Judentums. Während des Zweiten Weltkrieges wurden in der Kaunasser Festung an die 50.000 Menschen ermordet, davon etwa 30.000 Jüdinnen und Juden, die hierher aus Frankreich, den Niederlanden, der Tschechoslowakei, Österreich und Deutschland zur Vernichtung verschleppt wurden. Ungefähr 1.000Münchener Jüdinnen und Juden gingen in Kaunas 1941 den letzten Weg, „den Weg des Todes“. So nimmt dieser Ort für die bayerische Hauptstadt, aber auch für Frankfurt am Main und für Berlin einen herausragenden Platz als „negativer Gedächtnisort“ (Reinhart Koselleck) ein, also ein „traumatischer Ort“, an dem „exemplarisch gelitten“ wurde.

Für Holocaustforscher und Erinnerungsgemeinschaften spielt Kaunas eine ähnlich wichtige Rolle wie Auschwitz, Majdanek und Buchenwald, nur – hier wurde früher gemordet. Noch vor der Wannsee-Konferenz und der Inbetriebnahme der Todeslager wurden hier Massenexekutionen durchgeführt, schon im Sommer 1941 und kurz vor dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion. Das Neunte Fort war eine von etwa 200 Erschießungsstätten, die es in Litauen während der NS-Besatzung gab.

Auf der europäischen Karte des Holocausts sticht die deutsche Besatzung in Litauen besonders hervor. Zum einen, weil sich die deutschen Machthaber in keinem anderen Land so schnell und so weitgehend entschlossen, die Juden zu ermorden; zum anderen, weil das Judentum Litauens vom deutschen Vernichtungsplan besonders getroffen wurde: bis zum Krieg lebten hier 220.000 Jüdinnen und Juden. Von ihnen wurden 96 Prozent vernichtet, der größte Teil, etwa 140.000, bereits in den ersten fünf Monaten der deutschen Besatzung, – und nicht ohne die Beteiligung lokaler Helfer_innen und Mittäter.

In der sowjetischen Zeit erzählte die 1959 eröffnete Gedenkstätte von den Gräueltaten der deutschen Besatzer und stellte Opferschicksale u.a. mit Hilfe von persönlichen Gegenständen – Relikten aus den Erschießungsgräbern – dar. Das Gelände und der Festungsbau wurden musealisiert. Sie mussten authentisch bleiben, um mit ihrer Aura des Schreckens die Evidenz der Gräueltaten der Nationalsozialisten zu vermitteln – eine Praxis, die auch bei den KZ-Gedenkstätten im westlichen Europa verbreitet war. Ein sowjetisches Element der Ausstellung waren die „Wege der Helden“, die Geschichten sowjetischer Partisan_innen oder sowjetischer Kriegsgefangener, denen die Flucht aus dem Lager gelang.

Der Zerfall der Sowjetunion wurde begleitet von dem infragestellen der sowjetischen Geschichtsdeutung. In Litauen, wie auch in allen anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, ging die Forderung nach der staatlichen Unabhängigkeit einher mit dem Ablegen der alten und dem Schaffen einer neuen „historischen Wahrheit“. Für die materielle Erinnerung bedeutete dies den Abbau der „nicht-zeitgemäßen“ Denkmale für sowjetische und litauische Kommunist_innen und die Schließung sowjetischer Museen. Die Wende vom sowjetischen zum national-litauischen Gedächtnis haben zwei Museen „überstanden“: das Museum in Paneriai und das Neunte Fort in Kaunas. Während das Erstere als Filiale des Jüdischen Museums heute die Geschichte der Vernichtung der Vilniusser Juden dokumentiert, wurde das Neunte Fort in Kaunas zu einer „doppelten“ Gedenkstätte umgestaltet. Hier eröffnete man 1990 das „Museum der Okkupationen“, es soll den stalinistischen und den nationalsozialistischen Terror dokumentieren.

Die Verbindung des Stalinismus und des Nationalsozialismus auf engstem musealem Raum, die Präsentation der „doppelten“ Opfererfahrung macht das Neunte Fort zu einer für ausländische Besucher_innen ungewöhnlichen, ja einmaligen Gedenkstätte. Tatsächlich ist der historische Ort, der Festungsbau, mit der stalinistischen Gewalt und Verfolgungspraxis verbunden: 1940-41, im ersten Jahr der sowjetischen Herrschaft, wurde das Neunte Fort vom NKVD zur provisorischen Unterbringung von politischen Gefangenen auf dem Weg in den Gulag verwendet.

In der musealen Inszenierung der sowjetischen Zeit wird heute weniger das Gefängnis 1940/41 dargestellt, sondern das Leid der litauischen Bevölkerung während der gesamten sowjetischen Zeit bis 1990. Die Leitmotive werden visuell an die national-litauische Symbolik angebunden: Zusammen mit einem Deportationszug wird die damals verbotene nationale Trikolore gezeigt; die Relikte der Lagerhäftlinge tragen entweder nationale oder religiöse Zeichen; eine besonders wichtige Rolle spielen die litauischen Militärs, die Ende der 1940er Jahre nach Sibirien verbannt wurden. Die Opfer des Stalinismus und zugleich der Grund für die Verfolgung werden „ethnisiert“. Die Gulagschicksale bleiben eine rein litauische Geschichte: Der_die Besucher_in kann den Eindruck gewinnen, es wären lediglich Litauer_innen gewesen, die zur „Spezialansiedlung“ nach Sibirien verbannt wurden. Es sind universale und aus KZ-Gedenkstätten vertraute Objekte, die Empathie für die Opfer und Zorn auf die Täter hervorrufen sollen: Koffer, Gleise, Lageruniformen, Bilder von Wachtürmen und Stacheldraht. Nur geht es nicht um den Terror der deutschen Besatzung, sondern um den der „Sowjets“, die Ausstellung soll durch diese Präsentation genozidale Absichten der Sowjetmacht gegenüber den Litauer_innen vermitteln. Dass solch ein Narrativ nicht ohne Auslassungen und Leerstellen funktionieren kann, ist nur logisch: Verschwiegen werden die nicht-litauischen Opfer des Stalinismus, Litauer in der Sowjetarmee, sowjetische Kriegsgefangene (von denen 1941-44 auf dem litauischen Gebiet genauso viele vernichtet wurde wie Juden) oder die litauische Beteiligung an Verbrechen. Es ist kein Ort, an dem sowjetische Veteran_innen oder Ghetto-Untergrundkämpfer_innen einen Anschluss an ihre Kriegserinnerungen finden.

Der Teil der Ausstellung, der sich der jüdischen Vernichtung widmet, befindet sich im so genannten Festungsbau, in unbeheizten Räumlichkeiten, die einen längeren Aufenthalt unmöglich machen. Als Exponate dienen hier immer noch die Objekte der alten sowjetischen Ausstellung wie persönliche Gegenstände der Opfer. Die Ausstellung wurde kaum ergänzt, der Kontrast zur anderen, multimedial aufbereiteten Ausstellung sticht ins Auge. Heute stehen die Relikte aus den Gräbern als stumme Zeugen der NS-Gewalt. Zu Holocausttätern informiert lediglich eine Tafel mit den Namen der führenden deutschen NS-Funktionäre des Reichskommissariats Ostland und Antanas Impulevičius, dem Kommandeur des 2. Litauischen Polizeibataillons.

Der Bataillonskommandeur Impulevičius ist sicherlich einer der skrupellosesten und bekanntesten Mörder der Jüdinnen und Juden im östlichen Europa, seine Einheit mordete sowohl in Litauen, als auch in Nachbarstaaten. Doch die litauische Beteiligung am Holocaust umfasste verschiedene Formen und Räume: pogromartige Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden in den ersten Tagen nach dem deutschem Einmarsch, Beteiligung am systematischen Morden nach der Etablierung der deutschen Zivilverwaltung im August 1941, Beteiligung an den sogenannten „Aktionen“, bei denen jeweils mehrere Tausend Jüdinnen und Juden erschossen wurden, aber auch Gleichgültigkeit der litauischen Nachbar_innen, ausgebliebene Hilfe oder Verrat, falls jemandem die Flucht aus einem Lager gelungen war. 

Der Ursprung der unterschiedlichen Gedächtnisse in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg ist bereits im ersten Tag der deutschen Besatzung zu finden. Während der 22. Juni 1941 für jüdische Litauer_innen den Beginn des Schreckens und der Massenvernichtung markiert, erlebten viele nicht-jüdische Litauer_innen diesen Tag als Chance zur Erlangung der nationalen Unabhängigkeit. Die Wehrmacht wurde von der lokalen (nicht-jüdischen) Bevölkerung freundlich begrüßt. Unmittelbar danach begannen Pogrome gegen lokale Kommunist_innen und vermeintliche Mitarbeiter_innen der sowjetischen Strukturen – und gerade als solche galten Jüdinnen und Juden Litauens. Sie wurden als „Profiteure“ und Verantwortliche für das litauische Leid während des ersten sowjetischen Jahres 1940-41 stigmatisiert, das als schreckliches Jahr der „Russenherrschaft“ in die Erinnerung eingegangen ist. Der Umstand, dass Litauen 1939 zur Einflusszone der Sowjetunion und nicht Deutschlands wurde, bedeutete für die jüdische Bevölkerung Schutz vor den Nationalsozialisten. Die daraus resultierende häufig positive Haltung gegenüber der Sowjetunion deuteten die Litauer_innen als Verrat. Für die nicht-jüdischen Litauer_innen bedeutete die Umwandlung zur sozialistischen Sowjetrepublik 1940 den Verlust der nationalen Unabhängigkeit, es verbreiteten sich extrem nationalistische und antisemitische Einstellungen, die Jüdinnen und Juden als Kommunist_innen und Kommunist_innen als Juden betrachteten. Als die sowjetische Staatssicherheit eine Woche vor dem Kriegsausbruch mit Deportationen von Litauer_innen nach Sibirien begann, deuteten viele Litauer_innen dies als gezielte Aktion der „jüdischen Kommunisten“ gegen das litauische Volk.

Die Theorie des „doppelten Genozids“ entstand zur Rechtfertigung der Verbrechen an den Jüdinnen und Juden, überdauerte die sowjetische Zeit im Exil und kam Ende der 1980er Jahre zurück in die litauische Diskussion über die Vergangenheit. Ihre museale Implementierung kann man heute im „Museum der Okkupationen“ in der Gedenkstätte Neuntes Fort in Kaunas sehen. Der Komplexität des historischen Ortes als Ort des NKVD-Gefängnisses und des NS-Lagers wird man jedoch nicht gerecht, wenn man mit dem Hinweis auf den sowjetischen „Genozid“ die Erinnerung an die deutsche Mordstätte überblendet.

Geht man auf dem Gelände der Gedenkstätte den „Weg des Todes“, so trifft man auf die erhalten gebliebene Anlage des Exekutionsplatzes. An der Schießwand wurde in den 1950er Jahren eine Tafel mit der Inschrift angebracht „Hier wurden von Faschisten und örtlichen Helfern Menschen erschossen und verbrannt“. In der nachsowjetischen Zeit wurde der Satz ausgetauscht, heute lautet er „Hier haben die Nazis Menschen erschossen und verbrannt“. Mit dem Weglassen der „örtlichen Helfer“ wird im Neunten Fort ein schwieriges Kapitel der deutsch-litauisch-jüdischen Geschichte verdeckt.

Literatur

Reinhart Koselleck: Formen und Traditionen des negativen Gedächtnisses. In: Volkhart Knigge; Norbert Frei (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. Bonn 2005, S. 21-33.

Christoph Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944. 2 Bde. Göttingen 2011.

Ekaterina Makhotina: Erinnerungen an den Krieg – Krieg der Erinnerungen. Litauen und der Zweite Weltkrieg. Göttingen 2017.

Wolfgang Scheffler: Massenmord in Kowno. In: Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden. Bd. 1. München 2003.

 

Webseite der Gedenkstätte: http://www.9fortomuziejus.lt

 

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