Von Christian Schmitt

Wie nicht zuletzt die Beiträge in dieser LaG-Ausgabe zum Geländeguide der Gedenkstätte Bergen-Belsen sowie zu den Tweetups in Neuengamme und Dachau zeigen, stellen sich auch Gedenkstätten zunehmend den Herausforderungen des digitalen Wandels und setzen dabei auf interaktive Social-Media-Projekte oder den Einsatz von Apps. Auch für Rundgänge auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg können Besucher_innen ihr Smartphone benutzen. Die kostenlose Neuengamme-App bietet Informationen, historische Fotos und Zitate zu 113 Stationen auf dem Gelände.

Das Hauptmenü der App ist in die vier Bereiche „Informationen“, „Außengelände“, „Ausstellungen“ und „Rundgänge“ gegliedert. Während der erste Menüpunkt relativ selbsterklärend die wichtigsten Informationen zur Gedenkstätte wie Anfahrt, Führungen und Öffnungszeiten der Ausstellungen liefert, öffnen sich bei Auswahl der anderen Optionen jeweils weitere Untermenüs. Unter dem Menüpunkt „Außengelände“, der den Kern der App bildet, gelangen die Nutzer_innen über eine auf Google Maps basierende Online-Karte, einen Geländeplan oder durch Eingabe der jeweiligen Nummer zu den 113 Stationen auf dem Gelände der Gedenkstätte. Über den Hauptmenüpunkt „Rundgänge“ können diese Punkte auch in einer vorgegebenen Reihenfolge abgerufen werden. Außerdem ist es möglich, bei bestehender Internetverbindung über Google Maps automatisch den Standort zu ermitteln und damit die Auswahl der Stationen zu automatisieren.

Zwangsprostitution im Lagerbordell

Wählen Nutzer_innen nun etwa den Standort Appellplatz, lässt sich dort zunächst ein Haupttext ausklappen, der über die Verwendung des Platzes in der NS-Zeit zum Zählen der Häftlinge und nach 1948 als Teil des Männergefängnisses Neuengamme informiert. Es findet sich darüber hinaus ein Zitat des kommunistischen Widerstandskämpfers Fritz Bringmann, der seit 1940 in dem Konzentrationslager inhaftiert war. Bringmann berichtet hier von den Schikanen der Rapportführer, denen die Häftlinge auf dem Appellplatz täglich ausgesetzt waren. Zeichnungen von beispielsweise einer Hinrichtung auf dem Platz visualisieren die gewonnenen Eindrücke. Ein weiterer Text zeichnet außerdem die Rekonstruktion des einst stark beschädigten Appellplatzes im Rahmen der Neugestaltung der Gedenkstätte nach.

Andere Stationen thematisieren etwa die harte Zwangsarbeit in der Tongrube, im Klinkerwerk oder beim Ausheben eines Kanals, aber auch die Unterkünfte und Arbeitsabläufe der in Neuengamme stationierten SS-Mitarbeiter. Der Standort Lagerbordell erzählt die Geschichte von inhaftierten Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück, die nach Neuengamme gebracht und dort gezwungen wurden, sich für privilegierte Häftlinge zu prostituieren. Viele der Stationen bemühen sich, den Erzählbogen auch über das Jahr 1945 hinaus zu spannen.

Wählen Nutzer_innen im Hauptmenü schließlich die Option „Ausstellungen“, gelangen sie zu einer Übersicht über die sechs Ausstellungen der Gedenkstätte. Diese werden in einführenden Texten kurz vorgestellt, Bildergalerien mit Fotos von den Räumlichkeiten und einzelnen Exponaten vermitteln außerdem jeweils einen ersten Eindruck. Dieser Menüpunkt ist jedoch (wohl mit Absicht) sehr knapp gehalten und ersetzt den Besuch der Ausstellungen in keiner Weise.

Zusammenfassung

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme bietet mit ihrer App eine inhaltlich ausgewogene Mischung aus objektiven Informationstexten und subjektiven Erfahrungen ehemaliger Gefangener. Sie stellt insbesondere außerhalb der Öffnungszeiten eine gute Ergänzung zum Geländerundgang dar, wenn keine Führungen stattfinden und die Ausstellungen geschlossen sind. Die App lässt sich darüber hinaus auch im Schulunterricht verwenden, um Schüler_innen mit Hilfe ihres Smartphones das Alltagsleben ehemaliger KZ-Häftlinge rekonstruieren zu lassen.

Die App „KZ-Gedenkstätte Neuengamme“ eignet sich für alle Apple- und Android-Geräte und ist sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache bei iTunes und im Google Play Store erhältlich.

 

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