Katrin Unger ist Kulturwissenschaftlerin und leitet die Abteilung ‚Bildung und Begegnung‘ der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Stephanie Billib ist Historikerin und koordiniert das Projekt ‚Digitale Strategien‘ an der Gedenkstätte Bergen-Belsen.

Von Stephanie Billib und Katrin Unger 

Die Artikelüberschrift verweist auf einen häufig geäußerten Eindruck von Besucher_innen bei ihrem ersten Gang auf das historische Lagergelände.

Im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Bergen-Belsen werden die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers (1940-1945), Konzentrationslagers (1943-1945) und des Displaced Persons Camps (1945-1950) dargestellt. Auf dem ehemaligen Lagergelände befindet sich heute ein Friedhof mit Massengräbern, Mahnmalen und Gedenkzeichen. Die historischen Bauten wurden nach der Befreiung nach und nach entfernt, so dass heute nur noch wenige bauliche Relikte vorhanden sind. Deshalb entwickelte ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftler_innen zunächst ein dreidimensionales Lagermodell zur besseren räumlichen Orientierung und Vergegenwärtigung der früheren Lagerstrukturen. 

Inzwischen ist daraus ein Geländeguide in Form einer Tablet-Application entstanden. Sie hilft in ihrer Form den Gruppenteilnehmer_innen im Rahmen einer Betreuung, sich unmittelbar und direkt mit dem historischen Ort auseinanderzusetzen und regt dazu an, die scheinbar ungebrochene Erzählung einer Führung zu hinterfragen und eigene Anknüpfungspunkte, Berührungspunkte zu entdecken. 

Aus einer Videoinstallation im Rahmen eines Projekts hervorgegangen, ist die Tablet-Application[1] seit 2014 im regelmäßigen Einsatz in der Bildungsarbeit der Gedenkstätte. Im Zentrum der Anwendung steht eine 3D-Rekonstruktion des Lagers, die für zwei Zeitpunkte in der Lagerzeit Darstellungen anbietet. Für die topografische Situation im September 1944 und Mitte April 1945 sind ausreichend Quellen vorhanden und ausgewertet, die eine gesicherte Rekonstruktion ermöglichen. Die Rekonstruktion stellt eine Balance zwischen der notwendigen Abstraktion und einer gleichermaßen hilfreichen Realitätsnähe dar. So werden Gebäude als graue ‚Klötze‘ präsentiert, ohne Fenster, Türen oder erkennbare Textur. Zäune sind semitransparente Flächen, der Untergrund eine graue Ebene. Es geht vorrangig um die erleichterte Verortung der eigenen Person in einer Umgebung, bei der mithilfe der Application auch räumliche Dimensionen wiedererkannt und eingeordnet werden. Von der Anmutung und Atmosphäre eines Videogames setzt sich die Gestaltung bewusst ab.

Für die gewohnte Orientierung der Nutzer_innen bietet die App sowohl für die historischen Zeitpunkte als auch für das Gelände der Gedenkstätte Kartenansichten bzw. eine Satellitenansicht an, die um eine Legende, eine Kompassfunktion und eine Trackingfunktion ergänzt sind. Darüber hinaus gibt es im Zusammenhang der Rekonstruktionsansicht die Funktion ‚Augmented Reality‘ (AR), bei der die Gebäude, Zäune etc. vor dem tatsächlichen Hintergrund der Kamera sichtbar sind. 

In den Kartenansichten als Punkte über die Fläche des Geländes verteilt, sind in der Rekonstruktion Dokumente an unterschiedlichen Orten zu finden. Diese sind zunächst am Horizont erkennbar und werden beim Näherkommen klickbar, sodass sich das Dokument als Vollbild ansehen lässt. Es werden Fotografien, Zeichnungen, Ausschnitte aus Zeitzeugenberichten oder –tagebüchern sowie Audiosequenzen aus Interviews präsentiert. Diese Dokumente sind mit dem Ort des Geländes verknüpft, an dem sie entstanden sind (z.B. Tagebucheintrag), den sie beschreiben (z.B. Textausschnitt) oder den sie zeigen (z.B. Foto). Jedes Dokument verfügt über Informationen zum Bild, die Angaben zu Quelle, Autor_in, zeitliche Zuordnung und Bildbeschreibung enthalten. Zu den historischen topografischen Bereichen des Geländes werden darüber hinaus Kontextinformationen angeboten, die die Dokumente in einen thematischen Zusammenhang stellen.

Insbesondere bei der unbegleiteten Nutzung durch Einzelbesucher_innen ist der Hinweis wichtig, dass die Tablet Application in Ergänzung des bestehenden Informationssystems der Gedenkstätte erarbeitet wurde. Sie ist kein Ersatz und bietet bewusst keine umfassenden Überblicksinformationen an, die etwa den Besuch der Ausstellung ersetzen würden.

Im Zusammenhang einer Gruppenbetreuung ist die eigenständige Geländeorientierung in das Konzept eines Studientages eingebettet, der im Umfang von sechs Stunden angeboten wird. Nach dem bewussten Wahrnehmen des heutigen Ortes mit seinen Gebäuden und dem Friedhof folgt eine kurze historische Einführung und danach eine selbständige Erkundung mit Tablets in Kleingruppen von zwei bis maximal vier Personen. Daran anschließend präsentieren und kommentieren die Kleingruppen ihre ausgewählten Dokumente und der betreuende Guide der Gedenkstätte kann notwendige Ergänzungen und Korrekturen einfügen, die die Kontextualisierung der gewählten Dokumente bewirkt. Außerdem weist er auf die Bereiche der Ausstellung hin, in denen angesprochene Themen vertieft dargestellt werden. Es folgt ein freier Besuch der Ausstellung und eine Abschlussrunde.

Die bisherige Erfahrung mit dem Einsatz der Tablets zeigt, dass der Umgang mit digitalen Geräten in allen Altersgruppen vertraut und unproblematisch ist. Unter den Einzelbesucher_innen nutzen Personen diese Möglichkeit oftmals zu zweit und haben so weniger Druck, das technische Gerät alleine beherrschen zu müssen. Kleineren Familiengruppen wiederum bieten die Tablets die Chance, sich selbständig und flexibel im Außengelände zu bewegen und dabei auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder besser eingehen zu können.

Ein Grund hierfür liegt in der Struktur der Application begründet. Anstelle einer linearen und damit weitgehend vorgegebenen Anleitung und Führung ist der Nutzende hier vor die Notwendigkeit gestellt, aus dem non-linearen Angebot des Inhalts selbst auszuwählen. Die neuropsychologischen Erkenntnisse der Kooperationspartner aufgreifend, wurde bei der Arbeit mit jugendlichen Nutzenden sehr schnell sichtbar, dass die Anforderung selbst zu entscheiden ein Angebot mit deutlich positiver Wirkung ist. Schon der Umstand, mit ein oder zwei Anderen ein Tablet zu teilen, erfordert die Artikulation der eigenen Wünsche und Interessen. Dasselbe gilt für die Auswahl von und Entscheidung für bestimmte Dokumente. Auch die Aufforderung, sich jenseits aller heutigen Wegevorgaben an der Topografie des Lagers zu orientieren und zu bewegen, wird von den Jugendlichen verstärkt aufgegriffen und genutzt. Dies führt dazu, dass sie räumliche Bereiche erkunden, die im Rahmen einer Führung seltener eingebunden werden. Außerdem entwickeln sie Fragestellungen zu thematischen Aspekten und Dokumenten, die normalerweise im Zusammenhang einer Überblicksführung wenig Platz finden.

Die somit angeregte, individuelle Beschäftigung mit selbst entdeckten Themen führt zu Diskussionen über den Inhalt, die Geschichte des Ortes. Die anfängliche Faszination der technischen Geräte spielt für junge Besucher_innen inzwischen eine deutlich nachgeordnete Rolle. Die Geräte werden von allen Besucher_innen zunehmend über ihre Funktion als Werkzeug bzw. Hilfsmittel wahrgenommen, die den Zugang zum Ort und die Vermittlung von Inhalten erleichtern. Die Application befördert das forschende Lernen. Die Möglichkeit und zugleich Notwendigkeit, sich gegenseitig über Erfahrungen und Erkenntnisse auszutauschen, verleiht den zumeist jugendlichen Nutzer_innen die Souveränität der Deutung und macht sie zu Zeugen des Ortes, denen eine Vermittlung ihrer Erfahrungen obliegt. Diesen Ansatz wollen wir perspektivisch ausbauen und um interaktive Elemente erweitern.

Der eigenständige und immer wieder selbst gewählte, explorative Zugang zum Gelände ist eine Annäherung, die insbesondere im Rahmen von betreuten Gruppenbesuchen sehr gut funktioniert. Um jedoch dem Bedürfnis nach einer gewissen Orientierungshilfe für Einzelbesucher_innen nachzukommen, wird derzeit eine Art Überblicksangebot innerhalb der Application erarbeitet. Hierbei geht es zum einen darum, einen ungefähren zeitlichen Rahmen für eine Erkundung des Außengeländes zu stecken, zum anderen soll eine Auswahl von Dokumenten präsentiert werden, die weiterhin selbständig angesteuert werden können, in ihrer Zusammenstellung aber die Geschichte des Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagers ausgewogen präsentieren.

Diese Funktion von Auswahl und Menge der angebotenen Dokumente soll zukünftig dazu dienen, spezifische Zusammenstellungen nach Sprache, Dokumentenart, Themenschwerpunkt, Häftlingsgruppe oder Ähnlichem für entsprechende Anlässe festlegen und nutzen zu können.

In einem nächsten Schritt ist die Erweiterung der Tablet Application um den Raum des nahegelegenen Kasernengeländes geplant, der inhaltlich über lange Zeit seiner Geschichte unmittelbar mit der Geschichte von Bergen-Belsen verknüpft ist. Mit der Möglichkeit, einen kleinen Bereich ab 2017 frei zugänglich zu nutzen, entsteht dort ein Ort der Vermittlung, dessen Herausforderung auch darin besteht, die nicht zugänglichen Bereiche der Kaserne für Besucher_innen erkennbar zu machen.


[1] Angeregt wurde die Application von Prof. Paul Verschure, dem Enkel eines Bergen-Belsen-Häftlings; die Umsetzung erfolgt in einer Kooperation zwischen der Gedenkstätte Bergen-Belsen und der von Verschure geleiteten SPECS Research Group der Pompeu Fabra University, Barcelona.

 

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