Empfehlung Film

Stalin hat uns das Herz gebrochen

Von Gerit-Jan Stecker

Viele Kommunist_innen und Sozialist_innen überlebten den Nationalsozialismus nicht in der Sowjetunion, sondern in westlichen Ländern wie der Schweiz, Mexiko oder dem Vereinigten Königreich. Als nach 1945 nicht wenige nach Deutschland zurückkehrten, in die SBZ/DDR, schlug ihnen Misstrauen entgegen. Obwohl sie kamen, „um einen Traum zu verwirklichen: ein besseres, ein friedliches, ein demokratisches, ein sozialistisches Deutschland“, wie es im Dokumentarfilm „Stalin hat unser Herz gebrochen“ von Minka Pradelski und Eduard Erne heißt, wurden über 300 Genoss_innen überprüft, aus der Partei ausgeschlossen, manche verschwanden für Jahre im Gefängnis.
Sie waren überzeugte und opferbereite Mitglieder der Kommunistischen Partei. Warum waren sie diesen Repressionen ausgesetzt? Die Antwort der Dokumentation lautet: Zum einen wird Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg im entstehenden Ostblock von Stalin instrumentalisiert, um seine Macht zu demonstrieren und seinen Alleinherrschaftsanspruch in der heterogenen kommunistisch-sozialistischen Bewegung zu festigen. Zum anderen zeigt die NDR-Produktion, wie unter den neuen Vorzeichen des Antizionismus und Antiimperialismus Antisemitismus weiterbestand.

Auftakt in Ungarn

Im Zentrum der Erzählung stehen die Biographien vier jüdischer Kommunist_innen und ihrer Angehörigen:
Die gebürtige Ungarin Ibolya Steinberger erzählt, wie sie in der Schweiz überlebt. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs gehen sie und ihr Mann Bernd nach Leipzig. 1949 eskaliert der Kalte Krieg, Stalin bricht mit Titos Jugoslawien, und wie schon im Spanischen Bürgerkrieg unterstreicht er blutig: Es darf keinen anderen Weg zum Kommunismus geben außer dem unter der sowjetischen Führung. In Ungarn wird der Minister der Volksrepublik Laszlo Rajk als angeblicher titoistischer Spion mit dem Ziel, den Sozialismus zu stürzen, verurteilt. Die Schlüsselfigur avanciert der britische Marxist und ehemaliger Sowjetspion Noel Field. Dieser hatte mit einer christlichen Tarnorganisation so viele Menschen vor den Nazis gerettet, dass um ihn herum eine weitreichende westliche Verschwörung konstruiert werden konnte. Ibolya Steinberger verschwindet während eines Ungarnaufenthalts allein aufgrund ihrer Kontakte zu Exilant_innen, die wiederum mit Field in Berührung gekommen waren, für sechs Jahre im Gefängnis, ihr Mann wird aus Leipzig ins sowjetischen Arbeitslager verschleppt.
Auf dem Dritten Parteitag der SED erklärt Wilhelm Pieck, Präsident der DDR, Lehren aus den Rajk-Prozessen gezogen zu haben: „Die Aufgabe unserer Partei besteht darin, die trotzkistische und titoistische Agentur ins unseren Reihen auszumerzen.“ Alle, die aus dem westlichen Exil zurückgekehrt waren, werden erfasst, zu ihren Kontakten verhört; auch Bruno Goldhammer, ein investigativer Journalist aus Dresden, der aufgrund seiner Enthüllungen in der Weimarer Republik mehrfach inhaftiert und in der Schweizer Emigration zeitweise in einem „Lager für Linksextremisten“ interniert war. Seine bürgerliche jüdische Herkunft bedeutete ihm nichts und politisch war er kein Dogmatiker. Auch ihm wird Kontakt zu Noel Field unterstellt. Als nicht weniger als „Feind des deutschen Volkes“ wird er im August 1950 verurteilt.

Die Slańsky-Prozesse – eine neue Dimension

Mit den Slańsky-Prozessen erhalten die stalinistischen „Säuberungen“ der Kommunistischen Parteien eine neue Dimension. 1952 werden Rudolf Slańsky, Generalsekretär der tschechischen KP, und dreizehn weitere tschechische Regierungsmitglieder verhaftet. Elf von ihnen sind jüdischer Herkunft. Jetzt wird ein Antisemitismus nach Auschwitz deutlich. Die Rede ist nun von Zionisten, amerikanischen Imperialisten – und es gibt eine klare Abwehrhaltung gegen eine vermeintliche „Antisemitismus-Keule“. Chefankläger Josef Urvalek: „Als Stimmen aus dem Volk gegen die Zionisten zu vernehmen waren, haben sie ein Geschrei von der Gefahr des Antisemitismus erhoben, um zu verdecken, dass sie die Klasseninteressen der jüdischen Bourgeoisie durchzusetzen versuchen. Und sie haben sich mit dem Wildzionismus [sic!], dem amerikanischen Imperialismus verbündet.“
Zwei Monate nach den Slańsky-Prozessen wird eine angebliche Verschwörung jüdischer Ärzte gegen Stalin aufgedeckt. Spätestens jetzt spielt die jüdische Herkunft auch in der DDR wieder eine Rolle: Die SED zieht „Lehren aus den Slańsky-Prozessen“, es hagelt Artikel gegen die „jüdische Bourgeoisie“, jüdische Funktionäre im Staatsdienst werden überprüft und schließlich mehr als 300 Genoss_innen ausgeschlossen, degradiert oder in geheimen Prozessen verurteilt. So auch Helga Ehlerts Mann Hermann. Er steht nicht zuletzt als ehemaliger Spanienkämpfer unter Verdacht. Sie berichtet im Interview, wie ihr Kind ins Heim kommt und sie völlig verarmt zurückbleibt.

Neuer Antisemitismus in der DDR

Zwar verfolgt und verurteilt die DDR antisemitische Vorfälle in der Bevölkerung. Doch auch die jüdischen Gemeinden werden überprüft. Diese waren kleine Gruppen von Überlebenden aus den KZs und „Displaced Persons“ – entwurzelte Flüchtlinge, die sich sammelten, um jüdisches Leben wieder entstehen zu lassen. Der „Joint“, das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee, verteilte z. B. in der Leipziger Gemeinde gespendete Lebensmittel und Lebensmittel an die Überlebenden. Und eine neue Legende entsteht: In Wahrheit würde der US-Geheimdienst Spione in der DDR anwerben. Die Vorstände der Gemeinden fliehen, um der drohenden Verhaftung zu entgehen – und in einem Klima der Angst ein großer Teil der Gemeindemitglieder.
Die DDR bereitet einen Schauprozess gegen West-Exilanten unter Moskauer Direktive vor. Protagonist wird Hans Schrecker, der ehemalige Chefredakteur der großen Illustrierten „Zeit im Bild“. Zwar war er mit den Alliierten schon 1945 zurückgekehrt, um den Sozialismus aufzubauen. Aber er war im Prager Exil und Jude, und auch Elfriede Wagner, seine Frau, erzählt im Interview von den antisemitischen Beschimpfungen, der sozialen Isolation und den Schikanen gegen die Familie.
Doch Stalins Tod 1953 kommt einem Schauprozess in der DDR zuvor. Zudem befindet sie sich zu sehr im internationalen Fokus, dient als Schaufenster zum nahen Westen. Dennoch bleiben viele noch lange in Haft, Goldhammer und Schrecker z. B. bis 1956. Vollständig rehabilitiert in der DDR werden sie nie. Doch sie emigrieren nicht in den Westen, bleiben weiter Kommunist_innen.

Im Unterricht

Mit historischen Film- und Fotoaufnahmen (etwa aus „Der Augenzeuge“), mit aktuellen Bildern damaliger Schauplätze und einem allwissenden Erzähler aus dem Off ist „Stalin hat uns das Herz gebrochen – Jüdische Genossen in der jungen DDR“ von Minka Pradelski und Eduard Erne ein klassischer, objektivierender Kompilationsfilm. Die Off-Stimme zitiert aus Dokumenten, erklärt Hintergründe und Zusammenhänge, während die „jüdischen Genossen“ in Interviews von ihren Schicksalen berichten. Diese sind sehr berührend, allen gemeinsam ist ein persönlicher Sinnverlust. Der Film kommt dabei ohne Reenactment aus.
Für die Auswertung im Geschichtsunterricht kann dieses Doku-Format allerdings etwas von Nachteil sein, insofern die Quellen einiger Zitate nicht eindeutig zugeordnet werden. Erst im Abspann ist zu lesen, dass die meisten Aussagen aus "Erich Mielke – Biographie" von Wilfriede Otto und aus Quellenbeständen u. a. der Archive der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung, des Bundesarchivs, der Jüdischen Gemeinde Leipzig sowie des Tschechischen und Ungarischen Filmarchivs stammen.
Dennoch ist der Film zu empfehlen, wenn es um eine differenzierte Thematisierung von modernem Antisemitismus geht. Die Klasse könnte etwa Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen nationalsozialistischem Antisemitismus und Verfolgung von Juden und Jüdinnen in der DDR diskutieren – bspw. in Bezug auf den konstitutiven Charakter der Judenvernichtung im NS und dem Umstand, dass die DDR nach 1956 einer der sichersten Staaten für Juden wurde, indem es anders als etwa in der Bundesrepublik keine Anschläge gab. Transformationen und Kontinuitäten von Antisemitismus in der Bevölkerung und in Institutionen nach Auschwitz stellen ein ebenso sinnvolles Anschlussthema dar wie das Problem des staatlich verordneten Antifaschismus in der DDR. Eine exakte Begriffsbestimmung von Faschismus und Nationalsozialismus kann daraus folgen. Dem Komplex „Rechtsextremismus und Antisemitismus im real existierenden Sozialismus“ widmet sich die LaG-Ausgabe vom Oktober 2014. Nicht zuletzt lässt sich die Frage kaum ausklammern, warum die Opfer der sogenannten Säuberungen bis zuletzt an der kommunistischen Idee festgehalten haben.
In einem weiteren Schritt kann eine Oberstufen-Klasse über Schwierigkeiten einer Gleichsetzung „zweier Diktaturen“ in einer „doppelten Vergangenheit“ gerade anhand von Judenverfolgung sprechen. Als Ausgangspunkt, um die totalitarismustheoretische Instrumentalisierung von stalinistischem Antisemitismus zu diskutieren, bietet sich die Frage an, warum das Gedenken an die jüdischen Opfer der stalinistischen Säuberungen in einem offiziellen Gedenken an die DDR keine Rolle spielt.

Film:

Stalin hat uns das Herz gebrochen – Jüdische Genossen in der jungen DDR. Dokumentarfilm, 52 Minuten, Deutschland 2000. Regie und Produktion: Minka Pradelski und Eduard Erne (Als Fernsehbeitrag gekürzt auf 45 Minuten 2003 vom NDR ausgestrahlt).
Stream: https://www.youtube.com/watch?v=R6jALfnbMmU 

 

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