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Griechenland 1941-1944: Okkupation durch die Achsenmächte und britische Intervention

Apl. Prof. Dr. Heinz A. Richter ist Historiker mit dem Schwerpunkt griechische Geschichte.

Von Heinz A. Richter

Nach der Eroberung Griechenlands überließ Hitler die Besetzung des Landes fast völlig den Italienern und Bulgaren, was Widerstand provozieren musste, schließlich hatten die Griechen die Italiener in Albanien geschlagen und die Bulgaren galten von jeher als Erbfeinde. Der Hungerwinter 1941 trug das seine zur Entwicklung des Widerstandes bei. Die Hauptgründe für den Hunger, waren 1.) die britische Blockade, die den Import von Brotgetreide verhinderte; Griechenland hatte immer Brotgetreide importieren müssen; 2.) die Unfähigkeit der italienischen Besatzungsmacht, Ersatz zu liefern; 3.) die Deutsche Gleichgültigkeit und 4.) schließlich innergriechische Probleme wie zerstörte Transportwege, eine Missernte, die Besetzung Ostmakedoniens und Westthrakiens durch Bulgarien usw. In Attika starben nach Angaben des Roten Kreuzes 30.000 Menschen an Hunger. Die bis heute immer wieder genannte Zahl von 300.000 ist  übertrieben und stammt aus einer BBC-Propagandasendung aus der Kriegszeit. Erst die internationalen Hilfsaktionen 1942 verhinderten eine weitere Hungersnot.

Während des Hungerwinters tauchte zum ersten Mal eine Organisation des Widerstandes auf, die EA (Ethniki Allilengi - Nationale Solidarität), die versuchte, mit Suppenküchen die Hungersnot einzudämmen. Die EA war eine Unterorganisation der EAM (Ethniko Apeleftherotki Metopo - Nationale Befreiungsfront). 

Im Winter 1941/42 entstanden die Organisationsstrukturen des Widerstandes. Es gab im wesentlichen drei Widerstandsbewegungen: Die EAM, die EDES und die EKKA. Alle waren anfangs republikanisch orientiert. Die EAM war eine breite Bewegung, die alle progressiven Kräfte Griechenlands von den Linksliberalen bis zu den Kommunisten umfasste. Ihr bewaffneter Arm war die ELAS, die Nationale Volksbefreiungsarmee. Die ursprünglich ebenfalls republikanisch gesinnte EDES unter der Führung von Napoleon Zervas mutierte unter britischem Einfluss zu einem royalistischen Verband, was zu Unstimmigkeiten mit der EAM und im Winter 1943 schließlich zum Bürgerkrieg führte. Um von der ELAS nicht zerschlagen und aufgelöst zu werden, schloss der Chef der EDES, Napoleon Zervas, mit Wissen der Briten mit dem Kommandeur des XXII. Gebirgsarmeekorps, General Hubert Lanz, ein Stillhalteabkommen, das bis Juni 1944 von beiden Seiten eingehalten wurde. Die ebenfalls links orientierte EKKA wurde schon früh von der ELAS zerschlagen und ihr Anführer Psarros ermordet. Die Royalisten kollaborierten oder zogen sich ins Privatleben zurück. Royalistischen Widerstand gab es nicht.

Die erste große Aktion des Widerstands war die Sprengung der Gorgopotamos-Eisenbahnbrücke durch eine gemeinsame Aktion der ELAS und der EDES zusammen mit einem britischen SOE-Kommando im November 1942. Es war die erste und letzte gemeinsame Aktion des Widerstandes.

Die EAM baute im Verlauf der Okkupation in den griechischen Bergen einen neuen Staat auf, der keinen Klientelismus kannte, da es nichts zu stehlen und zu verteilen gab. 1944 fanden freie Wahlen in den befreiten Gebieten für ein Parlament der Berge statt. Ein Komitee der Nationalen Befreiung (PEEA) wurde ins Leben gerufen, das die Funktion einer Regierung hatte. Das Parlament verabschiedete Gesetze. Kurzum, in den Bergen Griechenlands entstand ein neues Griechenland. Am Horizont zeichnete sich eine sozial gerechtere, europäisierte griechische Nachkriegsrepublik ab.

Die immer wieder bis heute zu hörende Ansicht, dass die EAM eine kommunistische Frontorganisation gewesen sei, ist falsch. Die griechische KP (KKE) hatte bei der Gründung der EAM in der Tat eine wesentliche Rolle gespielt, aber die EAM wurde nie zu einer Kreatur der KKE, dazu waren die in ihr vereinten progressiven Kräfte viel zu heterogen. Im Gegenteil, die EAM beeinflusste die KKE, die sich aus einer orthodoxen Kaderpartei zu einer freiheitlichen Massenpartei mit über 200.000 Mitgliedern wandelte und Ansichten vertrat, wie 30 Jahre später die Eurokommunist_innen.

Aber dieser zukünftige neue Staat würde eine Republik sein, sich außenpolitisch aus dem seit den 1860er Jahren bestehenden Klientelverhältnis zu Großbritannien lösen und zu einem Bündnispartner auf Augenhöhe werden. Und genau hier begannen nun die Probleme. Premierminister Churchill konnte sich nicht vorstellen, dass eine griechische Nachkriegsrepublik weiterhin eine pro-britische Politik betreiben würde wie die Monarchie zuvor. Schon Anfang 1943 legte er fest, dass man die Monarchie in Griechenland restaurieren müsse, wenn nötig unter Gewaltanwendung. Im Sommer 1943 befahl er, Truppen zu diesem Zweck ständig in Bereitschaft zu halten.

Ratschläge britischer Verbindungsoffiziere bei den ELAS, die in eine andere Richtung wiesen, schlug er in den Wind. Für ihn waren die ELAS-Partisanen “miserable communist bandits”. Da der deutsche Abzug auf sich warten ließ, konnte er die britische bewaffnete Intervention sorgfältig vorbereiten.

Als es im Frühjahr zu republikanischen Unruhen in den griechischen Exilstreitkräften kam, stilisierte Churchill diese in eine kommunistische Meuterei um und schlug sie mit Waffengewalt nieder. Anschließend wurden die Exilstreitkräfte von allen Republikanern und Anhängern der EAM gesäubert. Von nun an war die griechische Armee ein royalistischer, stramm antikommunistischer Verband. Damit war ein erstes innergriechisches Hindernis für die Restauration der Monarchie aus dem Weg geräumt. Doch galt es, auch außenpolitische Hemmnisse zu beseitigen.

Im Juli 1944 schloss Churchill mit Stalin das sogenannte Drei-Monats-Abkommen, wonach Rumänien in die sowjetische und Griechenland in die britische Interessensphäre fallen sollte. Da sich die Deutschen immer noch Zeit ließen, konnte er noch im Oktober mit Stalin das berüchtigte Prozentabkommen schließen, das den Balkan dauerhaft in Interessensphären aufteilte. Griechenland würde in der britischen Interessensphäre liegen, Bulgarien und Rumänien in der sowjetischen. Jugoslawien (50:50) würde neutral werden.

Die EAM war kompromissbereit. Im Frühjahr 1944 trat sie durch das sogenannte Libanon-Abkommen in die Exilregierung ein und im Sommer unterstellte sie die ELAS dem britischen Oberkommando. Im Oktober zogen die letzten Deutschen ab und die Exilregierung kehrte, begleitet von britischen Truppen, zurück. Da die EAM/ELAS neunzig Prozent des griechischen Staatsgebietes kontrollierte, wäre es für sie ein Leichtes gewesen, die Rückkehr der Exilregierung zu verhindern. Doch sie wollte das nicht; sie war kooperativ und kompromissbereit.

Erst Ende November entwickelte sich ein Konflikt über die zukünftige Armee. Die Regierung wollte die bisherigen Exilstreitkräfte beibehalten und mit diesen als Ausgangspunkt die neue Armee aufbauen. Die EAM befürchtete zurecht, dass daraus ein rechtsorientiertes, royalistisches Machtinstrument zur Unterdrückung der Linken und Republikaner entstehen werde und forderte daher, dass alle bisher existierenden Kampfverbände, also sowohl die Exilstreitkräfte als auch die Verbände des Widerstandes aufgelöst werden sollten, und dass die neue Armee vollständig neu aufgebaut werden solle. Schließlich einigte man sich Anfang Dezember auf einen tragfähigen Kompromiss. Da intervenierte Churchill jedoch und verbot einen solchen. Aus Protest darüber traten die EAM-Minister geschlossen zurück.

Dies gab der anderen Seite freie Hand. Am 3. Dezember schoss die Polizei, die schon Metaxas und den Besatzungsmächten gedient hatte, eine nachgewiesenermaßen unbewaffnete Protestdemonstration auf dem Athener Syntagmaplatz zusammen. Peinlich war nur, dass dies vor den Augen der internationalen Presse geschah. Am nächsten Tag begann ein innergriechischer Bürgerkrieg, in den sich die Briten auf Churchills Befehl hin einmischten. Die britische Armee griff die Athener Reserve-ELAS an, die noch wenige Wochen zuvor gegen die Deutschen gekämpft hatte. Die aktiven Einheiten der ELAS befanden sich noch in den Bergen. Es entstand ein Krieg im Krieg, bei dem sogar die Royal Air Force zum Einsatz kam. Er dauerte über 30 Tage und fand gleichzeitig mit Hitlers Ardennenoffensive statt.

Es gab weltweit heftige Kritik; Intellektuelle und Schriftsteller protestierten lautstark. Präsident Roosevelt zeigte sich sehr ungehalten. Stalin aber schwieg.

Um die Kritiker_innen zum Schweigen zu bringen, flog Churchill an Weihnachten 1944 nach Athen. Er setzte durch, dass Erzbischof Damaskinos zum Regenten ernannt wurde. Der König würde erst nach einem Plebiszit zurückkehren. Die EAM/ELAS zeigte sich nach wie vor kompromissbereit, aber dennoch gingen die Kämpfe noch bis zum 11. Januar weiter, als man einen Waffenstillstand schloss. Am 12. Februar wurde schließlich der Friedensvertrag von Varkiza unterzeichnet. 

Der Vertrag von Varkiza war ein fairer Kompromiss, der den Weg für eine friedliche Nachkriegsentwicklung hätte öffnen können. Aber er wurde nicht eingehalten. Mit Billigung der Briten ging eine Woge des weißen Terrors über Griechenland, die die zum Zeitpunkt des deutschen Abzugs bestehenden Machtverhältnisse umkehrte. Angehörige des Widerstandes befanden sich Ende 1945 im Gefängnis oder waren in die Berge geflohen. Die Kollaborateure kontrollierten den Staat. Als der englische Botschafter Leeper diese Entwicklung stoppen wollte, rief ihn Churchill zurück: Kommunist zu sein sei ein größeres Verbrechen, als mit den Nazis kollaboriert zu haben. Um ihren Machtanspruch durchzusetzen, organisierte die griechische Rechte das sogenannte Parakratos, eine parallel zum Staat bestehende und von ihm kontrollierte Machtstruktur, die immer dann zum Einsatz kam, wenn die offiziellen staatlichen Sicherheitskräfte auf legalem Weg nichts mehr erreichen konnten. Das Parakratos beging dann die von der Rechten geforderten Morde. Daneben entstand eine rechte Untergrundarmee, die von Oberst Georgios Grivas, dem späteren Chef der zypriotischen Befreiungsarmee EOKA, aufgebaut und kontrolliert wurde. Ihr Ziel war die Restauration der Monarchie und die Vernichtung des Kommunismus, wobei ihre Definition von Kommunismus jeden betraf, der oder die kein_e extreme/r Roylist_in war. Ihr Emblem war der griechische Buchstabe “X” (Chi).

Auch als Churchill im Sommer 1945 die Unterhauswahlen verlor und die Labour Party die Regierungsmehrheit erlangte, änderte sich nichts. Außenminister Bevin führte Churchills Politik fort. Er war genauso antikommunistisch eingestellt wie dieser. Ende 1945 stellte ein englischer Unterhausabgeordneter, der Griechenland besuchte, fest, dass das Land auf dem besten Weg sei, ein faschistischer Staat zu werden.

Die rechte Gewalt führte im Frühjahr 1946 zur Gegengewalt der Linken, ein Prozess der bis Sommer 1946 immer weiter zunahm und schließlich den großen Bürgerkrieg von 1946-1949 auslöste.

In einem weiteren Aufsatz behandelt der Autor die Jahre zwischen 1936 und 1941, also die Vorgeschichte der deutschen Besatzung.

 

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