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Paul Bernhard Braune und die Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal

Etwa 15 Kilometer nordöstlich von Berlin gründete der Leiter der bekannten Wohlfahrtsanstalt Bethel, Pastor Friedrich von Bodelschwingh, im Jahr 1905 den Verein “Hoffnungstal e.V.”. Ziel der Einrichtung sollte es sein, die überfüllten und sich zum größten Teil in einem erbärmlichen Zustand befindlichen Obdachlosenasyle Berlins zu entlasten und arbeits- und obdachlosen Menschen, sogenannten „Wanderern“, dauerhafte Zuflucht und Hilfe zu bieten.

Paul Bernhard Braune

Ab 1922 wurde die Einrichtung geleitet von dem Schwedter Dorfpfarrer Paul Bernhard Braune. In den folgenden Jahren gelang es, nicht zuletzt aufgrund des unermüdlichen Engagements Braunes, die Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal zum größten Verbund von Wandererfürsorgeeinrichtungen im Deutschen Reich mit etwa 1.400 Plätzen auszubauen. Neben seiner Arbeit in Lobetal wurde Braune außerdem auch auf überregionaler Ebene aktiv, unter anderem als Mitglied des Central-Ausschusses für Innere Mission.

Zwangssterilisationen

Im Rahmen seiner Tätigkeiten für den Central-Ausschuss befasste sich Braune schon bald mit verschiedenen Fragen der Eugenik. Als schließlich 1933, kurz nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, über das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ debattiert wurde, sprach sich Braune noch gegen dessen Verabschiedung sowie die darin behandelten Vorgehensweisen aus. Bereits kurze Zeit später revidierte er jedoch seine Einstellung und erklärte die Zwangssterilisation unter anderem von „berufsmäßigen Bettlern, krankhaften Wanderern und notorischen Trinkern“ als probates Mittel, um „diese Leute für das Volk unschädlich zu machen“.

„Euthanasie“

Während Braune und damit die Linie der Hoffnungstaler Anstalten also in den ersten Jahren des Dritten Reiches noch weitgehend den nationalsozialistischen Vorstellungen entsprach, änderte sich seine Haltung grundlegend, als sich in der ersten Jahreshälfte des Jahres 1940 die Tötungsabsichten des Regimes nicht länger leugnen ließen. Gemeinsam mit dem Gründer der Einrichtung, Friedrich von Bodelschwingh, aktivierte Braune nun seine vielzähligen Kontakte zu Mitarbeitern verschiedener Ministerien, unter anderem zu Hans Dohnanyi, Karl Bonhoeffer, Reichjustizminister Franz Gürtner und Reichskirchenminister Hanns Kerrl. Ziel der Interventionen der beiden Männer war es zum einen, konkret die Bewohner ihrer Anstalt vor der „Verlegung“ in eines der Zentren der T4-Aktion zu schützen, und zum anderen auf diplomatischem und stillem Wege die Einstellung der „Euthanasie“-Morde zu erwirken. Zu diesem Zwecke verfasste Braune im Laufe des Frühsommers 1940 außerdem eine 12-seitige Denkschrift mit dem Titel „Betrifft: Planwirtschaftliche Verlegung von Insassen der Heil- und Pflegeanstalten“, in der er sich offen und deutlich gegen die Ermordung kranker und behinderter Menschen aussprach.

In Gestapo-Haft

Aufgrund seiner vielfältigen Bemühungen und Tätigkeiten mit dem Ziel, die Tötungsaktion zu stoppen und seine Schutzbefohlenen zu retten, wurde Paul Bernhard Braune wenige Wochen nach der Herausgabe seiner Denkschrift am 12. August 1940 festgenommen und in die Berliner Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße verbracht. Dort blieb er bis er sich schließlich am 31. Oktober dazu bereiterklärte, eine Erklärung zu unterschreiben, nach der er fortan „nichts wieder gegen den Staat und die Partei unternehmen sollte“. Braune, der die Rechtsstaatlichkeit des Regimes nun aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen grundlegend infrage stellte, versuchte auch im Anschluss an seiner Haftzeit, sowohl die Bewohner/innen der Anstalt als auch mehrere Jüdinnen und Juden zu retten, die er unter falschem Namen in Lobetal vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten schützte. Trotz seiner Bemühungen gelang es ihm jedoch nicht, die Deportation von dreizehn Juden und Jüdinnen durch die Gestapo im April 1942 zu verhindern. Inzwischen findet sich im Zentrum Lobetals ein Gedenkstein, der an die Deportierten erinnert. Die Hoffnungstaler Stiftung, die sich heute in erster Linie der Betreuung alter und behinderter Menschen, sowie der Unterstützung von Abhängigkeitskranken widmet, hat sich in den vergangenen Jahren darum bemüht, die Geschichte des Ortes sowie seines wichtigsten Akteurs Paul Bernhard Braunes zu rekonstruieren. Heute können Schulklassen und andere Interessierte den Ort besuchen und sich ein Bild von der historischen Situation vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg machen.

Informationen und Kontakt

Hoffnungstaler Stiftung Lobetal
Bodelschwinghstraße 27
16321 Bernau OT Lobetal
Jan Cantow (Archivleiter)
Tel.:03338-66/790
Fax:03338-66/792
E-Mail: j [dot] cantow [at] lobetal [dot] de
Web: www.lobetal.de

Literatur

Cantow, Jan: Paul Gerhard Braune (1887 - 1954). Ein Mann der Kirche und Diakonie in schwieriger Zeit. Kohlhammer Verlag 2005, 352 Seiten

Cantow, Jan; Stockhecke, Kerstin (Hrsg.): Friedrich von Bodelschwingh und Paul Gerhard Braune: Briefwechsel 1933-1945. Wichern Verlag 2011, 288 Seiten.

 

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