Kunst, in all ihren verschiedenen Ausformungen, ist immer auch Ausdruck politischer Positionen und individuellen Denkens. Während der Zeit des Nationalsozialismus, in der andere Meinungen verurteilt und deren Vertreter/innen staatlich diskreditiert und verfolgt wurden, entschieden sich zahlreiche Künstler/innen dazu, ihrer Heimat und den dortigen Entwicklungen den Rücken zu kehren. Etwa 10.000 künstlerisch Tätige verließen zwischen 1933 und 1945 freiwillig oder gezwungenermaßen Deutschland, die ehemalige Tschechoslowakei und das „abgeschlossene“ Österreich, um so der geistigen und physischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entkommen. Ein Großteil von ihnen war auch im Exil weiter künstlerisch tätig, viele nutzten ihre Kunst, um das Erlebte zu verarbeiten und sich mit der politischen Situation, in der sie lebten und die sie zu Exilanten gemacht hatte, auseinander zu setzen. Doch handelt es sich bei der Kunst, die die Emigranten an ihren neuen Aufenthaltsorten produzierten automatisch und ausschließlich um Exil-Kunst? Was macht die Kunst zur Exil-Kunst und was macht das Exil mit der künstlerischen Identität der Exilant/innen? Welchen Einfluss haben Exil und Migration auf die verschiedenen künstlerischen Prozesse? Wie lässt sich Exil-Kunst überhaupt als solche definieren und einordnen?

Eine virtuelle Ausstellung

Künste im Exil“, eine Ausstellung im virtuellen Raum, beschäftigt sich mit den Künsten, die unter den Bedingungen des Exils entstehen, bzw. entstanden sind. Ziel ist es dabei, die Vielschichtigkeit des Exils von Künstler/innen aufzuzeigen und das Thema im Kontext erinnerungskultureller Prozesse zu verankern. Dabei geht es zum einen darum, sich den allgemeinen und individuellen Aspekten des Exils zuzuwenden und zum anderen einen multiperspektivischen und differenzierten Blick auf die Künste im Exil zu eröffnen. Die Ausstellung widmet sich schwerpunktmäßig jenen Künstler/innen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft aus dem deutschsprachigen Raum geflohen waren und versuchten, sich mithilfe ihrer Kunst im Ausland eine neue Existenz aufzubauen. Die Ausstellung zeigt, welche Gründe dazu führten, dass sich die verschiedenen Künstler/innen zur Emigration entschieden, welche Aufnahmeländer sie für ihre Flucht wählten, wie sich ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen im Exil gestalteten und wie sich die individuellen Bedingungen ihrer Flucht und der Situation des Exils auf ihre Kunst auswirkten. Dabei bemüht sich die Ausstellung stets darum, allgemeine Informationen mit spezifischen Darstellungen und anschaulichen Beispielen zu kombinieren. Dadurch entsteht ein facettenreiches Bild von den Künstler/innen im Exil und ihren Künsten, die in der Ausstellung in die Kategorien Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film, Architektur, Musik, Literatur und Fotografie eingeteilt wurden. Neben der Darstellung des Exils und der Kunst im Exil enthält die Ausstellung allerdings auch vielfältige hilfreiche Zusatzinformationen, die der historischen, politischen und wissenschaftlichen Kontextualisierung dienen. So findet sich beispielsweise eine Beschreibung des deutschen PEN Clubs, der ab 1933 versuchte, seine Strukturen im Exil aufrecht zu erhalten. Des Weiteren gibt die Ausstellung Aufschluss über verschiedene Ansätze der Exilforschung in Deutschland und zeigt, weshalb ab den 1980er Jahren die Unterscheidung zwischen politischem Exil und „unpolitischer“, in erster Linie jüdischer Emigration sukzessive aufgehoben wurden. Außerdem finden sich einige Texte zur politischen Situation der vor den Nationalsozialisten geflohenen Künstler/innen, in denen unter anderem verschiedene Formen des Antisemitismus und die Entstehung und Bedeutung der Nürnberger Gesetze erklärt werden. Daneben widmet sich die Ausstellung verschiedenen spezifischen Aspekten der Kunst im Exil, so zum Beispiel der Auseinandersetzung mit Sprache und dem Verlust der Heimat im Rahmen der Kunst.
Wenngleich das Exil von Künstler/innen während der Zeit des Nationalsozialismus im Zentrum der Ausstellung steht, so geht es dennoch immer wieder darum, epochale Brücken zu schlagen und Anknüpfungspunkte an gegenwärtige Exilsituationen und das Exil im Allgemeinen zu finden. Ziel ist es dabei, das Phänomen des Exils auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu untersuchen, mögliche Verbindungslinien aufzuzeigen und neue Perspektiven auf die Kunst im Exil zu eröffnen.

Handhabung

Die multimediale Ausstellung bietet den Nutzer/innen durch eine Kombination aus Texten, Audio- und Bilddateien, Abbildungen und Dokumenten einen spannenden und vielseitigen Zugang zu dem Thema. Die Aufgliederung in einzelne Themenbereiche, die durch interne Verlinkungen miteinander verbunden sind, schafft immer wieder inhaltliche Anknüpfungspunkte und ermöglicht eine sehr individuelle, interessengeleitete Handhabung der Seite. Verschiedene kuratierte Galerien geben einen plastischen Einblick in die Kunst im Exil, der durch detaillierte Informationen und Erklärungen inhaltlich gefüllt wird. Ein umfangreiches Personenregister mit verschiedenen Filtern ermöglicht eine individuelle und differenzierte Recherche nach Künstler/innen, die zwischen 1933 und 1945 aus dem deutschsprachigen Raum emigrierten. Dort finden sich neben prominenten Persönlichkeiten wie den Schriftstellern Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin und Lion Feuchtwanger, dem Maler Felix Nussbaum und den Dichterinnen Mascha Kaléko und Else Lasker-Schüler auch weniger bekannte Künstler/innen wie die Tänzerin Jula Isenburger, die gemeinsam mit ihrem Mann, dem Maler Eric Isenburger, über Frankreich in die USA floh, oder die Schauspielerin Lotte Lenya, die in den 1920er Jahren als Seeräuber-Jenny in der Dreigroschenoper bekannt wurde und später in die USA emigrierte. Insbesondere die vielschichtige und multiperspektivische Aufarbeitung des Themas in der virtuellen Ausstellung ermöglicht eine sehr individuelle Nutzung gerade im schulischen Kontext. Dabei können die Inhalte auch für fächerübergreifende Projekte, beispielsweise im Deutsch-, Geschichts- und Kunstunterricht, nutzbar gemacht werden.

 

 

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