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Der Berliner Kongress 1878 und die Folgen für Albanien, Bosnien und Herzegowina

Dr. Savaş Taş ist Sozialwissenschaftler und arbeitet aktuell als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rahmen des IFAF-Praxisforschungsprojekts „Erinnerungsorte – vergessene und verwobene Geschichten“ an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ozan Keskinkılıç studiert Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin und ist Mitarbeiter im IFAF-Praxisforschungsprojekt „Erinnerungsorte – Vergessene und verwobene Geschichten“ an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Von Savaş Taş und Ozan Keskinkılıç

Der europäische Imperialismus fand in Berlin einen Schauplatz und Knotenpunkt globaler Machtkämpfe und erreichte mit dem Berliner Kongress 1878 zur Neuordnung Südosteuropas einen Höhepunkt. Die zunehmenden Aufstände in Südosteuropa sowie der russische Siegeszug gegen das Osmanische Reich gipfelten am 13. Juni 1878 in einen Wettkampf am Berliner Verhandlungstisch. Das Ereignis hatte, wie die Beispiele Albanien, Bosnien und Herzegowina zeigen, eine zentrale Bedeutung für die territoriale Neuordnung Südosteuropas, eine Region, die in der öffentlichen Wahrnehmung unter dem Begriff „Balkan“ mit Krise, Gewalt und Konflikt negativ besetzt ist. 

Ende des 14. Jahrhunderts drangen osmanische Truppen zum ersten Mal in die albanisch besiedelten Länder vor. Die osmanische Eroberung geschah etappenweise und war erst Jahrzehnte später abgeschlossen. Für die albanischen Kreise wurde die nationale Frage zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Friedensvertrag von San Stefano 1878 evident. Das russische Friedensdiktat hätte Teile des albanischen Siedlungsgebietes unter die Herrschaft der Staaten Bulgarien und Montenegro gestellt. Dagegen formierte sich albanischer Widerstand erstmals auf nationaler Basis. Im Frühjahr 1878 bildeten einflussreiche Albaner in Istanbul ein geheimes Komitee, um den Widerstand ihrer Landsleute zu organisieren. Auf Initiative dieses Komitees bildete sich die Organisation “Liga von Prizren”. Sie bemühte sich Truppenverbände zu bilden, die das albanische Siedlungsgebiet gegen Aufteilung und die Ansprüche fremder Mächte verteidigen sollten. Des Weiteren erstrebte die Liga die Bildung eines autonomen albanischen Verwaltungsbezirks innerhalb des Osmanischen Reiches. Die osmanische Regierung unterstützte die Liga gegen den Einfluss von Russland auf dem Balkan. 

Um eine neue Ordnung des Balkan zu etablieren, lud Bismarck Vertreter der Großmächte Österreich-Ungarn, Russland, Frankreich, Italien, Großbritannien und des Osmanischen Reiches in den Festsaal der alten Reichskanzlei in der Wilhelmstraße in Berlin ein. Die neuen territorialen Grenzziehungen hatten fatale Auswirkungen auf die Region und sprachen Souveränität und Selbstbestimmung ab. Bismarck behauptete im Einklang mit der osmanischen Negation der albanischen Identität, dass Albanien lediglich ein Begriff auf der Landkarte sei. Albanische Vertreter wurden nicht zum Berliner Kongress eingeladen. Aufgrund dessen sandte die albanische Organisation Liga von Prizren ein Memorandum an die Vertreter der Großmächte beim Berliner Kongress 1878, worin sie verlangte, dass das gesamte albanische Siedlungsgebiet als autonome Provinz unter osmanischer Herrschaft bleiben solle. Der Kongress ignorierte diese Forderung und Reichskanzler Otto von Bismarck behauptete, dass eine albanische Nation gar nicht existiere, weshalb eine derartige Forderung irrelevant sei. Die vom Berliner Kongress vorgeschlagenen Grenzen zu Montenegro und die Angst, dass das ganze Epirus (das Gebiet gehört heute teils zu Griechenland, teils zu Albanien) an Griechenland fallen könnte, löste blutige Aufstände der Albaner/innen aus, die mehr oder weniger von der Liga gesteuert und von ihren Truppen getragen wurden. Zum Teil wurden Albaner/innen von der Hohen Pforte mit Waffen ausgerüstet. Zeitweise kontrollierten die Verbände der Liga das umstrittene Gebiet. Hier und dort wurden die Grenzen auch aufgrund des Widerstands zu Gunsten des Osmanischen Reiches und damit der Albaner*innen verändert. Nachdem die Grenzfrage geklärt war, neigte die Liga von Prizren verstärkt ihrer innenpolitischen Forderung nach Autonomie. Die osmanische Regierung entsandte eine Armee nach Albanien, die die Truppen der Liga zerstreute. Nach der Zerschlagung der Liga von Prizren gab es für zwei Jahrzehnte keine politische Bewegung der Albaner/innen mehr. Die albanischen Aktivisten und Intellektuellen, die um die Rechte des albanischen Volkes kämpften, wurden durch das osmanische Regime unter Druck gesetzt.

Die jahrhundertelange osmanische Vorherrschaft hat sich auch in das kollektive Gedächtnis Bosniens und Herzegowinas eingebrannt. Neben aktiven Einzelkämpfer/innen im Alltag entwickelten sich kollektive Widerstandsformen und Narrative über Freiheit und Patriotismus. Angetrieben von nationalen Befreiungsbewegungen und dem wachsenden Druck unter erhöhten Steuerabgaben brachen 1875 in Bosnien und Herzegowina Aufstände gegen die osmanische Herrschaft aus, der sich auch Serbien und Montenegro anschlossen. Russland, die selbsternannte Schutzmacht christlich-orthodoxer Bevölkerungsgruppen, unterstützte lokale Aufstände und weitete 1877 seine militärische Intervention, mit dem Ziel, das osmanische Herrschaftsterritorium zu verringern und den eigenen Einflussraum zu erweitern, aus. Österreich-Ungarn sah sich im zunehmenden Expansionsdrang der russischen Großmacht bedroht. Die politischen Abwehrinteressen (auch auf die Gefahr regionaler Machtausbreitung Serbiens, die die Einheit und Stabilität des Vielvölkerstaats herausforderte) und imperial-kolonialistischen Expansionsambitionen der Habsburgermonarchie fanden im Berliner Kongress 1878 das notwendige diplomatische Gerüst, den russischen Einfluss einzudämmen und an der sogenannten „Orientkrise“ im schwächelnden Osmanischen Reich zu profitieren. In Berlin wurden die Machtverhältnisse in Südosteuropa neu verhandelt. Mit dem Zuspruch der imperialen Großmächte, wurde Österreich-Ungarn der militärische Weg nach Bosnien und Herzegowina eröffnet. Im Artikel 25 des 1878 unterzeichneten Berliner Vertrages wird Österreich-Ungarn die Besetzung und Verwaltung Bosniens und Herzegowinas zugesprochen. Nichtsdestotrotz unterlag die Verwaltung des von der Habsburgermonarchie besetzten Sandschak von Novibazar weiterhin dem Osmanischen Reich. Das betroffene Gebiet trennt Serbien und Montenegro. Damit sollte eine prorussische Machtbildung in Südosteuropa durch die Vereinigung der Provinzen verhindert werden. Die Absegnung durch den Berliner Kongress führte keinesfalls zu einer friedlichen Besetzung. Mit der Okkupation Bosniens und Herzegowinas ging ein blutiger Widerstandskampf einher. 72.000 Soldaten der Doppelmonarchie marschierten im Auftrag Österreich-Ungarns in Bosnien und Herzegowina ein. In Sarajevo lieferten sich österreich-ungarische Streitkräfte und muslimische Guerillakämpfer/innen einen erbitterten Kampf um die Stellung der Stadt. Trotz des unermüdlichen Widerstandes unterlagen die Bewohner*innen Sarajevos der ihr zahlenmäßig wie militärisch überlegenen Besatzungsarmee. Die bosnische Hauptstadt wurde innerhalb weniger Stunden erobert.

Mit der Besetzung Bosniens und Herzegowinas gingen im Zuge der Balkanpolitik der Doppelmonarchie zur Eindämmung russischer Expansion vertiefte Beziehungen zu Rumänien einher. In den kommenden Jahren wuchsen hingegen die Spannungen zwischen Serbien und Österreich-Ungarn, auch Italien und Russland nahmen in ihrer Balkanpolitik neuen Aufschwung. Der Höhepunkt österreich-ungarischer Bestrebungen als Regionalmacht fand sich 1908, zum Ärgernis Serbiens und Russlands, in der Angliederung Bosniens und Herzegowinas an die Habsburgermonarchie. Die folgenden Jahre waren von machtpolitischen Auseinandersetzungen gegenüber dem stark geschwächten Osmanischen Reich gekennzeichnet und führten in Folge des Großangriffes von Seiten Serbiens, Montenegros, Bulgariens und Griechenlands gegen das Osmanische Reich 1912/13 zum Ersten Balkankrieg. Serbiens Expansionsinteressen zu einem südslawischen Großreich bekam weiteren Aufschwung und feuerte nationalistische Erzählungen an, denen Österreich-Ungarns Einfluss in Südosteuropa ein Dorn im Auge war. Die Habsburgermonarchie sah in der Unabhängigkeit Albaniens 1912/13 eine Chance, den serbischen Expansionsdrang entscheidend zu schwächen. Vorangetrieben durch den Berliner Kongress und die aufsteigenden Konflikte um die territoriale Neuordnung der Balkanhalbinsel eskalierte die Situation 1914 mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand, der von serbischen Nationalisten ermordet wurde. Der Erste Weltkrieg brach aus. 

Literaturempfehlungen

Adanir, Fikret (2006): Bevölkerungsverschiebungen, Siedlungspolitik und ethnisch-kulturelle Homogenisierung: Nationsbildung auf dem Balkan und in Kleinasien, 1878-1923. In: Hahn, Sylvia; Komlosy, Andrea; Reiter, Ilse (Hg.): Ausweisung – Abschiebung – Vertreibung in Europa 16. – 20. Jahrhundert. Studienverlag: Wien. S.172-192.

Hörsch, Edgar (2004): Geschichte des Balkans. Verlag C.H. Beck: München.

 

 

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