Projekt

"It is normal to be different" – Jugendliche aus Europa mit und ohne Down-Syndrom im Angesicht der Menschenrechte

Die Autorin ist seit 1994 Englischlehrerin an den Berufsbildenen Schulen Syke Europaschule. Im November 2012 wurde sie für das Projekt "It is normal to be different" mit dem Europäischen Bürgerpreis ausgezeichnet. Natürlich fuhr sie mit einer großen Gruppe von Jugendlichen mit und ohne Down-Syndrom zur Preisverleihung nach Berlin.

Von Gisela Paterkiewicz

  • Jan-Tore aus Syke, Deutschland: still und bescheiden, aber mit viel Charme;
  • Jan aus Varna, Bulgarien: immer ernst, doch wenn er einmal lacht, geht die Sonne auf
  • Michael aus Torun, Polen: sehr selbstbewusst, will Polizist werden;
  • Samira aus Sarajewo, Bosnien-Herzegowina: hilfsbereit, kompetente Assistentin der Lehrer;
  • Sebastian aus Syke, Deutschland: Computer-Nerd, macht gute Fotos;
  • Lia aus Zaragoza, Spanien: liebt Parties, überrascht mit immer neuen Frisuren;
  • Kristina aus Varna, Bulgarien: tanzt wie der Teufel, spricht sehr gut Englisch;
  • Peter aus Warschau, Polen: ist Fernsehstar, spielt Klavier;
  • Carmen aus Zaragoza, Spanien: hat viel Humor, kann ausgezeichnet basteln; 
  • Nikolina aus Sarajewo, Bosnien-Herzegowina: gibt souveräne Presse-Interviews, kann Karate.

Das sind nur einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus fünf Ländern von "It is normal to be different", die Hälfte von ihnen mit Down-Syndrom. Der Unterschied, den ich rückblickend zu allen unseren anderen europäischen Schulprojekten seit 1996 feststelle, ist, dass die Symbiose von Jugendlichen mit und ohne Down-Syndrom eine perfekte Mischung war. Wenn ich nach zwei Jahren die vielen Videos und Fotos anschaue, lachen und strahlen die jungen Leute auf jedem Bild, egal, ob in Sarajewo, Syke oder Torun. Alles wirkt bunt und fröhlich!
Und so wird es allen in Erinnerung bleiben, obwohl es viele ernste Situationen gegeben hat. Denn ein wesentlicher Teil der Aufgaben für die Projektteilnehmenden war die Beschäftigung mit der traurigen Vergangenheit: Euthanasie und Zwangssterilisierung im Dritten Reich, die soziale Tabuisierung von ganzen Familien mit behinderten Kindern bis spät in die 1980er Jahre, die menschenunwürdigen Zustände in Heimen bis hin zu modernen Integrationsprogrammen – bis heute sehr unterschiedlich in unseren Ländern! Und immer noch beklemmend für alle war schließlich der Besuch in Auschwitz ...

Wie kamen wir auf die Projektidee?

Seit den 1990er Jahren, seit am Beruflichen Gymnasium der Berufsbildenden Schulen Syke Europaschule bosnische Flüchtlinge ihr Abitur machten, besteht eine enge Freundschaft zur High Economic School in Sarajewo. Doch da Bosnien-Herzegowina nicht in der EU ist, konnten wir keine EU-Gelder bekommen und mussten versuchen, bei anderen Institutionen wie dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk Mittel für Schülerprojekte "zusammenzukratzen". Europeans for Peace (EfP) lehnte unsere Anträge in den ersten Jahren ab.
Schließlich kamen wir mit "It is normal to be different" doch in die engere Auswahl von EfP und wurden im Mai 2011 zu einem Vorbereitungsseminar nach Berlin-Wannsee eingeladen. Durch die professionelle Beratung dort wurde uns klar, was vor uns lag: Wie sollten wir den Spagat schaffen zwischen den Erwartungen von EfP an uns, also ernsthafte Forschung zur Vergangenheit – und den Down-Syndrom-Elternorganisationen, also ernsthafte Auseinandersetzung mit den Konzepten von Integration bzw. Inklusion? Wie den jungen Teilnehmenden mit Down-Syndrom gerecht werden? Alle Kommunikation musste ja auf Englisch laufen und theorielastig war es auch noch. Wo blieben denn da Spaß und Motivation?
Schließlich teilten wir das Projekt in sechs Zeitfenster – drei Vorbereitungsphasen und drei einwöchige Begegnungen in Sarajewo, Syke und Torun.

Drei Vorbereitungsphasen

Wir führten mit den Jugendlichen Recherchen durch, die wir als Videos und Powerpointpräsentationen dokumentierten:

  • Was ist das Down-Syndrom?
  • Wie sieht der Alltag der jungen Leute mit Down-Syndrom aus?
  • Was sind ihre Träume, Hoffnungen und Ängste?
  • Wie ging man früher mit Behinderung um?
  • Welche außergewöhnlichen Leistungen erreichen Menschen mit Down-Syndrom?

Dazu besuchten wir verschiedene Therapiezentren, Werkstätten, Theatergruppen usw., interviewten beteiligte junge Leute, Eltern, Erzieherinnen und Erzieher und auch ältere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Daneben machten wir Internet-Recherchen zu den medizinischen, historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Alle Arbeitsschritte wurden gemeinsam geplant und im regelmäßigen einstündigen Chat diskutiert. Hier auf der Webseite sind die zahlreichen Präsentationen und Videos aus der Vorbereitungsphase sowie Medienberichte etc. zu finden.

Drei Projektbegegnungen

Es reiste aus Bosnien-Herzegowina, Polen, Bulgarien und Deutschland jeweils eine Gruppe von ca. fünf Schülerinnen und Schülern, zwei Lehrkräften, ein oder zwei jungen Leuten mit Down-Syndrom und deren Begleitpersonen zu den Begegnungen.
Jede Begegnung folgte derselben Struktur:

  • Vorstellung der Teilnehmenden und Mini-Sprachkurs
  • Vorstellen der Arbeitsergebnisse aus der Vorbereitungsphase
  • Kreative Arbeit in multinationalen Workshops
  • Stadtführung durch die gastgebenden Schülerinnen und Schüler
  • ein ganztägiger Busausflug
  • eine öffentliche Performance im Beisein von Politik, Promis, Presse etc.
  • eine große Abschiedsparty

Die Begegnungen waren allesamt lebhaft und eindrucksvoll, aber ich möchte einige Begebenheiten schildern, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind.
In Sarajewo, wo es noch immer viele Spuren des Bürgerkrieges gibt, wurden wir wie VIPs empfangen. Berühmte Schauspieler, Modedesigner und Fußballstars kamen in die Schule, um die multinationalen Workshops zu leiten. Berührend war, wie die Leiterin der noch sehr jungen Elternorganisation DOWNSY uns sagte, dass es das erste Mal sei, dass Außenstehende auf sie zugegangen wären, um ein Projekt zu machen, sonst wäre es immer andersherum. Wir begriffen schnell, dass die Förderung von Menschen mit Einschränkungen in Ländern mit großen wirtschaftlichen Problemen ganz unten auf der Liste steht.
In Syke half uns das renommierte Bremer Blaumeier Atelier bei der künstlerischen Vorbereitung der öffentlichen Performance und bildete die Moderatorinnen in zwei Schauspiel-Workshops aus. Völlig gegen ihr bis dahin „cooles” Naturell geriet ein Mädchen mit Down-Syndrom bei ihrer Ansage vor großem Publikum (ca. 400 Menschen) stark ins Stocken, sodass ich mich fragte, was wir da eigentlich anrichteten. Gott sei Dank, ließ sie uns kurz danach wissen, dass sie sehr gerne wieder als Moderatorin arbeiten würde und es ihr viel Spaß gemacht hat.

It is normal to be different

In Torun, wo Kopernikus 1543 das Sonnensystem entdeckte, half uns die Warschauer Theatergruppe "Teatr 21" bei einem spektakulären Happening vor der Kopernikusstatue. In weißen Maleranzügen stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Sonnensystem nach und sprachen ihren zuvor entwickelten Text in allen Landessprachen:

"Der Jupiter, der Saturn, der Uranus, der Neptun,
Jeder Planet ist anders,
und unterscheidet sich in Form, Farbe und Größe
Das ist das Universum.
Jeder Mensch ist anders.
Jeder Mensch ist wie ein Planet.
Es ist normal, anders zu sein.
Es ist normal, anders zu sein.
Es ist normal, anders zu sein."

Fazit

Ich glaube, dass wir durch dieses Projekt wirklich aus der Geschichte gelernt haben, wenngleich die geschichtlichen Aspekte insgesamt einen geringeren Raum einnahmen als die kreativen und musischen Aktivitäten. Alle Teilnehmenden waren jetzt sensibilisiert und unglaublich betroffen durch die Präsentationen zum Umgang mit Behinderung in der Vergangenheit. Viele haben Berührungsängste durch das ständige Miteinander mit den Jugendlichen mit Down-Syndrom verloren. Es wurde gemeinsam gereist, gearbeitet, gefeiert, gesungen, getanzt, gelacht und geweint.
Es ist vielleicht naiv, aber nach fast 30 Jahren Unterrichtserfahrung bin ich mir sicher, dass europäische Schülerprojekte mit sehr ernsthaften Themen wie "Behinderung" bzw. historischem Schwerpunkt nur gelingen, wenn sie einen hohen Anteil an kreativen Aktivitäten ("Spaß") beinhalten und man die Jugendlichen auch ein Stück "machen lässt". Gerade in diesem Projekt war der logistische Aufwand riesig, aber das Leben, die Freude und den Spaß haben die Jugendlichen mit und ohne Down-Syndrom selbst hineingebracht.
Mein Dank gilt meinem wundervollen Sohn Jan mit Trisomie 21, durch den ich den Mut fand, dieses Projekt zu starten.

 

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