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Aufregend anders – Archivalien suchen zum Anderssein in der Geschichte

Markus Müller-Henning ist Archivpädagoge und arbeitet am Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden.

Von Markus Müller-Henning

Randgruppenprobleme sind nie Randprobleme, denn im Umgang mit Menschen, die zu Minderheiten gehören oder einfach anders sind, lässt sich die politische Kultur einer Gesellschaft erkennen, ihr Maß an Toleranz, Vernunft und Problemlösefähigkeit. Der Wandel im Umgang mit Anderen lässt sich an manchen Archivalien aufgrund ihrer aus heutiger Sicht unverblümten Sprache deutlich ersehen, aus anderen eher zwischen den Zeilen herauslesen.

Doch zunächst stellt sich die Frage: Wie finde ich diese Quellen im Archiv? Begriffe wie "Anderssein" oder "Außenseiter" werden in Findbüchern oder Online-Datenbanken der Archive kaum Ergebnisse bringen, "Minderheit" oder "Randgruppe" allenfalls in Beständen der jüngsten Vergangenheit. Es bietet sich also an, eine Suche nach benennbaren Merkmalen und Sammelbezeichnungen für Menschen, die als anders wahrgenommen wurden, zu strukturieren.

Allerdings dürften viele dieser Begriffe aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit heute in der Regel unbekannt sein. Wer weiß auf Anhieb, wer die "Gutleute" waren? Und wer würde das Adjektiv "unehrlich" als Suchbegriff für marginalisierte Gruppen und Personen benutzen? Bei der Projektarbeit mit Schülerinnen und Schülern mag sich diese semantische Fremdheit gar bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erstrecken. Die Suche nach den passenden Begriffen ist daher aller Mühe Anfang – archivisch gesehen.

Literatur als Stichwortgeber und Ausgangspunkt

Ein Besuch in der Stadt-, Landes- oder Universitätsbibliothek sollte immer Ausgangspunkt einer Projektrecherche sein. Neben dem Wissen um historische Kontexte liefern Sach- und Fachbücher auch Hinweise auf Expertinnen und Experten, gesellschaftliche Akteure, Vereine und Institute, die sich in das historische wie in das unmittelbare Zeitgeschehen einmisch(t)en und ihrerseits lohnenswerte Quellen, Datenbanken oder Gesprächspartner/in für eine Spurensuche bieten könnten. In regionalhistorischen Forschungen findet sich manchmal sogar der Hinweis auf konkrete Quellenbestände im nächsten Archiv.

Außerdem lassen sich über eine aufmerksame Lektüre oder – im Luxusfall – ein Stichwortverzeichnis oder Glossar, historische Begriffe und Stichworte finden, die für die Suche in den Onlinekatalogen und Findbüchern der Archive nützlich sind.
Und schließlich ist die Literatur selbst ein Spiegel der sozialen Ordnungen der Vergangenheit, ihrer Genese wie ihres Zerfalls: Deutungskämpfe, Strategien und Visionen werden in ihrer zeittypischen und höchst unterschiedlichen Ausprägung evident. In Fach- und Behördenbibliotheken und natürlich auch in Archiven findet sich Literatur, die ihrerseits schon wieder einen forschungsrelevanten Quellenwert hat. Aus ihr lassen sich Umgangsformen und Begrifflichkeiten der Mehrheitsgesellschaft für ethnische, politische oder soziökonomische Normabweichungen jeglicher Couleur ablesen und Erkenntnisse über die jeweils dominierende Kultur und das zugrundeliegende Menschenbild gewinnen. Wer das Buch Die Ausschaltung der polnischen Minderheit in der Stadt S. aus dem Jahre 1942, zur Hand nimmt, wird schnell die schockierende Antwort auf die Frage finden, wie der Nationalsozialismus "Volkstums- und völkische Minderheitenfragen" glaubte lösen zu können.

Bei der Begriffsrecherche anhand historischer Literatur werden zahlreiche Bezeichnungen - von den "Asozialen" über die "Neger" bis zu den "Zigeunern" – ins Auge fallen, die Lehrende und Lernende heutzutage mit gutem Grunde nicht mehr benutzen. Bei der Archivrecherche, ob durch digitale Suche oder bei der Nutzung selbst schon historischer Findbücher, können sie gleichwohl lohnenswerte Suchworte sein. Dies zu vermitteln und einzubetten, ist eine pädagogische wie historisch-politische Herausforderung bei Schulprojekten zum Wettbewerbsthema "Anders sein".

Überlieferungssituation: Der Blick "von oben"

Die Quellenbestände in den Staats- und Kommunalarchiven dokumentieren überwiegend staatliches Handeln. Sie stammen von Behörden, staatlichen und staatstragenden Organen und den sie stützenden Gesellschaftsgruppen. Aber selbst durch die Brille staatlicher Institutionen lässt sich erkennen, dass Anderssein keineswegs mit "Unterschicht" oder "minderwertigem Stand", mit der Geschichte von gebrochenen Existenzen oder der von Stigmatisierten identisch ist.
Es gibt genügend spannende Beispiele von kleinen Gruppen, von privaten und auch von staatlichen Initiativen, die erfolgreich Emanzipationsprozesse von Menschen, die am Rande der Gesellschaft lebten, einleiteten. Geschichten können rekonstruiert werden von Menschen, denen der rasante Aufstieg vom/n der Außenseiter/in zum/r Ehrenbürger/in gelang oder die aufgrund ihres vorbildlichen Lebensmodells gesellschaftliche Achtung gewannen. Lohnende Beispiele aus dem 19. Jahrhundert finden sich hier etwa bei den "1848ern". Oft genug verbrachten die ehemaligen Radikalen und Revolutionäre – selbst manch Ausgewiesener oder Inhaftierter – ihre zweite Lebenshälfte als angesehene Bürger und Unternehmer; einigen gelang im Kaiserreich die politische Anerkennung als erfolgreiches Mitglied einer gemäßigt liberalen Partei. Nebenbei sind die Quellen zu 1848 oft in gedruckter Form zugänglich – ein großes Plus angesichts der sonst oft mühsamen Handschriftenlektüren bei Recherchen zum 19. Jahrhundert.

Vielfältige Spuren marginalisierter Personen finden sich in solchen Akten, die das sozialpolitische Umdenken staatlicher Organe ab dem 17. Jahrhundert dokumentieren: die Entstehung früher Fürsorge- und Wohlfahrtseinrichtungen oder die historischen Beispiele für eine effektive staatliche Eingliederungspolitik, wie der Bau von Armeninstituten und Hospitälern. Jenseits der Institutionengeschichte lassen sich an solchen Beispielen die Grenzen zwischen Fürsorge und Bevormundung, Toleranz und Gleichgültigkeit gegenüber als anders wahrgenommen Personen diskutieren. Auch die Frage kann diskursiv geklärt werden, welche Perspektiven sich in klassischen Archivüberlieferungen angesichts der Konzentration auf Behörden und Eliten eben nicht finden, und welche politischen, sozialen und weltanschaulichen Konflikte nur zwischen den Zeilen erkennbar sind.

Die Quellen enthalten eben höchst Gegensätzliches: Fatale Kulturkonflikte stehen neben perspektivischen Kulturkonzepten. Spiegelbildlich zeigt dies oftmals noch bis in die Gegenwart hinein die Topographie, die Wettbewerbsteilnehmer/innen ebenfalls beachten sollten. Die Bezeichnungen für Stadtteile, für Plätze, für Straßen, für Häuser, Plätze weisen oftmals darauf hin, dass Menschen in zentrumsferne Wohngebiete verwiesen und im Wortsinn an den Rand gedrängt wurden, dass die soziale Distanz ihre Entsprechung in der topographischen fand. Aber es ging auch anders: der Staat förderte den Siedlungsbau z. B. für religiöse und nationale Minderheiten, für Hugenott/innen, Sorb/innen, Dän/innen und der Staat gewährte unterschiedlichen Menschengruppen besondere Rechte auf kulturelle Autonomie.

Die Quellen zum Sprechen bringen

So spannend die Suche nach den Quellen ist und so ergiebig Archivfunde sein können: Bei der Frage nach dem Warum schweigen die Akten meist – oder führen gar auf eine falsche Spur, und zwar nicht nur Schülerinnen und Schüler. Nach der Quellenarbeit geht es also zurück in die Bibliothek. Oder an eine andere Quelle. Oder zum bereits vorhandenen Wissen über die Zeitläufe: Welche Ereignisse waren ausschlaggebend für den Ab- oder Aufbau von Ängsten, Vorurteilen oder Ausgrenzungsmechanismen? Spielten Kriege eine Rolle? Hungersnöte? Seuchen? Welche religiösen und säkularen Vorstellungen prägten das Bild bestimmter Menschen- und Berufsgruppen? Bestand z. B. ein Zusammenhang zwischen der sozialen Deklassierung vieler Unterhaltungskünstler/innen, besonders der Musiker/innen, und der religiös begründeten Auffassung, wonach in der Musik sich die Verführungskünste des Teufels zeigten? Wurden Kranke diskriminiert, weil körperliche und geistige Behinderung und das damit verbundene Leiden als Strafe Gottes galten? Oder wurden Berufsgruppen sozial abgewertet und an den Rand der Gesellschaft verwiesen, weil sie sich beruflich mit Tabuthemen und Unreinem, mit Tod und Blut (Henker oder Totengräber), mit Urin und Kot und deren Entsorgung beschäftigten? Zur Frage nach dem Warum gehört ebenfalls ein Nachdenken über die Zusammenhänge zwischen weltlichem und religiösem Normensystem; zwischen staatlichem Handeln und dem Agieren der Gesellschaft, der Stadt- und Landbevölkerung etc. Welche Faktoren verursachten staatliches Versagen bzw. gesellschaftliches Versagen - oder gesellschaftliche Veränderungsprozesse? 

Anders werden – vom Forschungsprojekt zum Präventionsprojekt

Die Erkenntnis, dass unser historischer Blick auf die Vergangenheit gar nichts ändert, weil wir Geschichte nicht umkehren können, stellt für manche Kinder und Jugendliche bei ihrem ersten historischen Projekt eine massive Motivationsbremse dar! Warum soll man Energie für etwas nicht Veränderbares investieren? Welchen persönlichen Gewinn verspricht die Anstrengung? Werden die jungen Forscher/innen im Laufe ihrer Spurensuche überzeugende Antworten auf diese Fragen finden können? Gerade die Beschäftigung mit dem sich wandelnden Bild "vom Anderen" und dem daraus folgenden sozialen Umgang bietet großes Potenzial, diese Fragen mit "Ja" zu beantworten. Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden bei ihren Recherchen entdecken, dass Klischeevorstellungen nicht tragen und dass eine platte Erschütterungsprosa den individuellen Geschichten quer durch die Zeiten nicht gerecht wird.

Jedoch fördert das Nachdenken über die Wirkung gesellschaftlicher Maßstäbe und ihre Veränderbarkeit in einem menschlichen Sinne jene notwendige Einstellung, die das Handlungspotenzial einer freiheitlichen Kultur vergrößert und damit selbst präventiv wirkt.

Ein Forschungsprojekt als Präventionsprojekt?
Das ist möglich.

 

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