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Aufarbeitung der NS-Geschichte in DDR und BRD

Georg Weininger istHans-Böckler-Stipendiat und Student der Philosophie und Internationalen Literaturen an der Uni Tübingen.

Von Georg Weininger

Von unterschiedlichen Ausgangspunkten

Im Sommer 1932 eröffnet das Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) eine Zweigstelle im schweizerischen Genf. Der Direktor des Instituts, Max Horkheimer, ist, wie die meisten seiner engeren Mitarbeiter, ein linker Intellektueller jüdischer Abstammung. Horkheimer verfolgt mit der zweiten Niederlassung den Plan, „eine Art Not-und Ausweichquartier in dem rechtlich geordneten Nachbarland“ zu installieren.

Für Teile der Arbeiter/innenbewegung ist dies die Zeit der großen Kämpfe um die Macht auf der Straße und im Parlament. Noch auf der wenige Wochen nach dem oben genannten Ereignis stattfindenden Parteikonferenz der KPD schwört deren Vorsitzender, Ernst Thälmann, seine Genossen auf den Kampf gegen den vorgeblichen Hauptfeind ein: die Sozialdemokratie.

Wo sich im ersteren Fall die Analyse des Zeitgeschehens wenig später als erstaunlich klarsichtig erweist, müssen im zweiteren die Genoss/innen der KPD ihre schwerwiegende und folgenreiche Fehleinschätzung eingestehen. Die unmittelbaren Folgen der so unterschiedlichen Beurteilung der Situation aber könnten gravierender nicht sein. Dem Frankfurter Kreis um Horkheimer gelingt es, das Institut über die benachbarte Schweiz in die Vereinigten Staaten zu retten. Der ehemalige Reichstagsabgeordnete Thälmann wird noch im Frühjahr 1933 verhaftet und schließlich im KZ Buchenwald ermordet.

Sicher, die gegenübergestellten Beispiele lassen sich nur schwer vergleichen. Als der KPD-Politiker Thälmann am 03. März `33 verhaftet wird ist er ein politisches Schwergewicht der Opposition Hitlers und damit primäres Verfolgungsziel der ersten Jahre des nationalsozialistischen Regimes. Die Schließung des IfS zehn Tage später wird von Seiten der Gestapo ebenfalls mit „staatsfeindlichen Bestrebungen“ begründet, die Übersiedlung der Angehörigen des Instituts von Deutschland über die Schweiz in die USA verläuft jedoch ohne besondere Schwierigkeiten.

Ein Verstehen dieser beiden unterschiedlichen Positionen in der Beurteilung der politischen Veränderungen durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten kann ein Schlüssel sein zum Verständnis der unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in DDR und BRD. 

Eine Geschichte, zwei Perspektiven

In Bezug auf die NS-Vergangenheit, schreibt der Philosoph Hermann Lübbe 1983, sei „eine gewisse Stille sozialpsychologisch und politisch [das] nötige Medium der Verwandlung unserer Nachkriegsbevölkerung in die Bürgerschaft der Bundesrepublik Deutschland“ gewesen. In dieser Atmosphäre des Verschweigens der NS-Vergangenheit, die durchaus einem politischen Kalkül der Politik einer Regierung Adenauers entsprach, bemühten sich die nunmehr zurückgekehrten Mitglieder des IfS um Demokratisierung und Aufklärung. In den Jahren ihrer Forschung im amerikanischen Exil hatten sie den Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne und  ideologischen Kern des Nationalsozialismus herausgearbeitet. In ihrer Dialektik der Aufklärung schreiben Horkheimer und Adorno: „Der Antisemitismus heute gilt den einen als Schicksalsfrage der Menschheit, den anderen als bloßer Vorwand.“

Von einer Stille gegenüber gewesener schreiender Ungerechtigkeiten und Verbrechen undenkbaren Ausmaßes kann auf Seiten der sowjetischen Besatzungszone und späterer DDR keine Rede sein. Das 1949 fertiggestellte Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park ist das in Beton gegossene monumentale Symbol stalinistischer Erinnerungspolitik. Zunehmend zum Mythos stilisiert, wurde die Sowjetunion gleichermaßen als bedeutendstes Opfer des - und glorreicher Sieger über den deutschen Faschismus inszeniert. Jüdinnen und Juden ordnete die offizielle Gedenkpolitik der DDR unter die allgemeine Kategorie der „Opfer des Faschismus“. Indem sowohl der moderne Antisemitismus als Grundkonstante des NS, als auch die rassenideologischen Motive des „Unternehmen Barbarossa“ weitgehend ausgeblendet blieben, konservierte der realsozialistische Staat die Analyse des „imperialistischen Krieges“ NS-Deutschlands. Der Faschismusdefinition Georgi Dimitroffs folgend, deklarierte man den Nationalsozialismus als „offene Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Die Rassenideologie als Ganzes und der Antisemitismus im Speziellen waren damit auf ein funktionalistisches Moment reduziert, im Dienste der Verschleierung imperialistischer Bestrebungen des Finanzkapitals. Um die Tragweite dieser reduktionistischen Analyse zu erfassen, müsste in diesem Zusammenhang von einem historisch-materialistischen Fehlschluss gesprochen werden. Mittels einer Hierarchisierung der Opfer der NS-Vernichtungspolitik in einen aktiv antifaschistisch kämpfenden und einen passiven Teil, gelang es den Sieg der Alliierten über NS-Deutschland in einen historisch notwendigen einer kämpfenden Klasse über ihre Unterdrücker umzudeuten. 

Antisemitismus als Konstante

Mit dieser Doktrin verfolgten die Apologeten des real existierenden Sozialismus zwei Strategien. Zum einen konnte, mit dem Verweis auf offen gelegte personelle Kontinuitäten zwischen dem NS und der Bundesrepublik, die Gefahr eines wiedererstarkenden Faschismus beschworen werden. Wieder war der alte Hauptfeind in neuem Gewand verfügbar, mit Bezugnahme auf die unbestreitbar eingegliederten alten Nazieliten der Unterschied zwischen Faschismus und bürgerlicher Demokratie verwischt. Zum zweiten wurde mit der zentralen und maßgeblichen Opferrolle der Sowjetunion als der institutionalisierten Arbeiterklasse, der NS Vernichtungspolitik der Charakter eines imperialistischen Angriffs beigemessen. Die DDR konnte sich in ihrer Selbstdarstellung als Staat „von Null an“ präsentieren, ohne Kontinuität und Wurzeln im vergangenen Unheil.

Die Bundesrepublik hingegen, als offizielle Rechtsnachfolgerin des „Dritten Reichs“, verkörperte aus dieser Perspektive von Anbeginn das ewig gestrige Gesellschaftsmodell. Der Mantel des Schweigens funktionierte auch als Deckmantel zurückliegender Verbrechen und es ist das Verdienst diverser Remigranten, dass dieser bisweilen gelüftet wurde. Der ehemalige Generalstaatsanwalt Fritz Bauer sei in diesem Zusammenhang genannt, der wichtige Strafprozesse gegen Täter/innen ermöglichte. Dass dieser sich mit der Information des Aufenthaltsortes Adolf Eichmanns 1957 direkt an den israelischen Geheimdienst wandte und nicht an deutsche Ermittlungsbehörden, macht  das Misstrauen kenntlich, das er gegen letztere hegte – ex post finden sich Bauers Bedenken bestätigt, denn deutschen Behörden war der Aufenthaltsort bereits 1952 bekannt.

Dass die gestrigen Momente in beiden Gesellschaften Kontinuität besaßen, zeigen die Häufungen antisemitischer Ausfälle dieser Zeit. In den Ostblockstaaten verdeutlicht der Slánský-Prozess im Jahre '52, die sich anschließenden Schauprozesse und die daraufhin einsetzende Fluchtwelle von Jüdinnen und Juden aus der DDR ein eklatantes Maß an antisemitischen Ressentiments. In der jungen Bundesrepublik, wo Frankfurter Intellektuelle versuchten, mit dem Finger in der Wunde „eine gewisse Stille“ zu stören, lässt sich für die Jahre 1959/60 ein sprunghafter Anstieg antisemitischer Vorfälle konstatieren. Bis in die Gegenwart belegen Untersuchungen das Vorhandensein antisemitischer Ressentiments in der Gesellschaft. Ein Aufarbeiten der Geschichte würde ihr Begreifen voraussetzen – die Vergangenheit Deutschlands bleibt bis auf weiteres unbegreiflich. 

Verwendete Literatur

Werner Bergmann, Rainer Erb: Schwieriges Erbe : der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Campus Verlag, Frankfurt a.M./New York 1995.

Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung : die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Wiener Verlag, Himberg bei Wien, 1998.

Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M. 2013.

Paul Kluke: Das Institut für Sozialforschung. In: Wolf Lepenies (Hrsg.): Geschichte der Soziologie, Band 2. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981.

Hermann Lübbe: Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewußtsein. In: Historische Zeitschrift 236/1983, S. 597-599

Ulrike Offenberg, „Seid vorsichtig gegen die Machthaber“ Die jüdischen Gemeinden in der SBZ und der DDR 1945-1990, Aufbau-Verlag, Berlin 1998. 

Zum Weiterlesen

Clemens Albrecht: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik : eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Campus Verlag, Frankfurt a.M./New York 1999. 

Zur Kontinuität des Antisemitismus

Bericht des unabhänigen Expertenkreises: Antisemitismus in Deutschland. Erscheinungsformen - Bedingungen - Präventionsansätze:

http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/077/1707700.pdf

Barbara Schäuble, Alber Scherr: "Ich habe nichts gegen Juden, aber..." Ausgangsbedingungen und Perspektiven gesellschaftspolitischer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus:

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/ich_habe_nichts_2.pdf

 

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