Empfehlung Fachbuch

Gemeinsam Erinnern, Engagement teilen, Vielfalt Erleben.

Vom 7. bis 9. November 2011 fand in Lutherstadt Wittenberg eine deutsch-israelische Fachtagung statt, die vom Koordinierungszentrum deutsch-israelischer Jugendaustausch ConAct veranstaltet wurde. Im Rahmen der Tagung setzten sich verschiedene Expert/innen und Aktive mit den aktuellen Herausforderungen und Perspektiven in der Arbeit im Kontext deutsch-israelischer Jugendaustauschprogramme auseinander und behandelten verschiedene Themen, die in der aktiven Umsetzung von Austauschprojekten von Bedeutung sind. In einer von ConAct herausgegebenen Tagungsdokumentation sind die einzelnen Beiträge der Referent/innen in verschiedenen Themenblöcken zusammengeführt. Die Dokumentation bietet daher einen hervorragenden Überblick über aktuelle Entwicklungen und Debatten in der deutsch-israelischen Zusammenarbeit und gibt einen Einblick in die vielfältige Arbeit von ConAct und seinen Kooperationspartner/innen.

In einem einführenden Beitrag gibt Grisha Alroi-Arloser, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, einen Einblick in historische und aktuelle Entwicklungen der deutsch-israelischen Beziehungen und stellt die Bedeutung von Jugendaustauschprogrammen für das Beziehungsgeflecht der beiden Länder heraus. 

„Gemeinsam Erinnern – Impulse setzen?“

Ein erster Themenblock befasst sich mit dem Thema Erinnern im Kontext deutsch-israelischer Austauschprogramme. Der Themenschwerpunkt wurde gewählt, um aktuelle Fragestellungen zu bearbeiten und eine Momentaufnahme gegenwärtiger Diskurse zu bieten. Die Leiterin der Gedenk- und Bildungsstätte Massuah, Aya Ben Naftali, gibt einen Einblick in den Umgang der zweiten und dritten Generation mit dem Holocaust in Israel. Sie geht dabei auf den damit verbundenen Stellenwert des Themas in der israelischen Gesellschaft ein und stellt Formen der künstlerischen Bearbeitung der Vergangenheit vor. Daniel Gaede, Leiter der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte Buchenwald, plädiert in seinem biographisch untermalten Beitrag für ein gemeinsames Gedenken trotz unterschiedlicher Zugänge und verweist auf die Bedeutung eines individuellen Zugangs zu Geschichte. Elke Gryglewski und Guy Band erläutern anhand ihrer eigenen Erfahrungen aus der pädagogischen Praxis, dass das Interesse an einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus und der Shoah unter Jugendlichen beider Länder größer ist, als oft angenommen wird. Dr. Constanze Jaiser geht auf die Wirksamkeit der pädagogischen Arbeit mit Zeitzeug/innen ein und stellt verschiedene digitale Dokumentationsprojekte vor. Simona Kronfeld gibt einen Überblick über das Ausstellungskonzept der Gedenk- und Bildungsstätte Massuah, welches intensiv mit digitalen Zeitzeugenberichten arbeitet. Der Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Dr. Habbo Knoch, stellt in seinem Beitrag den originären Auftrag von Gedenkstätten als historische Orte heraus, deren Instrumentalisierung für Zwecke gesellschaftspolitischer Themen kritisch betrachtet werden sollte. Im Gegensatz dazu regt die israelische Historikerin Dr. Nili Keren dazu an, das Gedenken an die Shoah auch zur Menschenrechtsbildung und Förderung von gesellschaftspolitischem Engagement zu nutzen. 

Engagement teilen

In dem zweiten Themenblock der Tagungsdokumentation widmen sich die Referent/innen dem Thema der sozialen Teilhabe und dem gesellschaftspolitischen Engagement in Deutschland und Israel. Dabei spielen die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Entwicklungen ebenso eine Rolle wie der Austausch über individuelle Partizipationsmöglichkeiten im Kontext der Jugendaustauschprogramme. Zunächst geben Dr. Yaron Sokolov und Prof. Roland Roth einen Einblick in die aktuelle Situation beider Länder und die daraus resultierenden Formen von gesellschaftspolitischem Engagement. Anschließend beschreiben Sibylle Picot und Liora Arnon die Strukturen und Schwerpunkte des sozialen Engagements von Jugendlichen in beiden Ländern. In einem resümierenden Beitrag fassen Barbara Kraemer, Keren Pardo und Kathrin Ziemens die Chancen und Möglichkeiten zusammen, die sich für Jugendliche im Anschluss an die Teilnahme an einem internationalen Austauschprogramm ergeben. 

Vielfalt leben

Der dritte und letzte Themenblock kontextualisiert die deutsch-israelische Austauscharbeit in Bezug auf die multikulturellen Gesellschaften beider Länder. Sowohl Deutschland als auch Israel haben als Einwanderungsländer eine lange Tradition. Die daraus resultierenden Herausforderungen und Möglichkeiten sollten auch in der Konzeption und Durchführung deutsch-israelischer Jugendaustauschprogramme berücksichtigt werden. In einem Einführenden Beitrag gehen Bianca Ely und Yochay Nadan auf die Bedeutung von kultureller Vielfalt und heterogenen Zielgruppen in der Jugendbildungsarbeit ein und plädieren für eine Unterordnung der eigenen nationalen Zugehörigkeit neben anderen identitären Bezugspunkten wie Religionszugehörigkeit, soziale Herkunft, Gender und sexuelle Orientierung. Yehuda Bar Shalom gibt einen Einblick in die multikulturelle Gesellschaft Israels und Uki Maroshek-Klarman stellt als Beispiel aus der pädagogischen Praxis in diesem Kontext den Arbeitsansatz des Adam Institutes for Peace and Democracy vor. An das Beispiel Israel anschließend zeichnet Andrea J. Vorrink ein Bild von der aktuellen und historischen Situation in Deutschland und stellt in einem ergänzenden Beitrag anhand des „Interkulturellen Frühstücks“ eine Möglichkeit einer modernen Migrationspädagogik vor. Als weiteres Praxisbeispiel gibt Sophia Oppermann einen Einblick in das Ausstellungskonzept der Ausstellung 7xjung, in der sich Jugendliche altersgerecht mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzen können. 

Der Dokumentationsband

Die von ConAct herausgegebene Tagungsdokumenation bietet eine eindrückliche Momentaufnahme und einen vielseitigen Überblick über die Arbeit im Bereich des deutsch-israelischen Jugendaustauschs. Anhand der zahlreichen theoretischen Beiträge und der vielfältigen Praxisbeispiele bekommen die Leser/innen einen guten Einblick in aktuelle Herausforderungen, Debatten, Kooperationen und die praktische Umsetzung in beiden Ländern. Die Publikation kann über ConAct (info [at] conact-org [dot] de) bezogen werden.

 

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