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Damit es anders weitergeht – Gedenken und Erinnern im Deutsch-Israelischen Jugendaustausch

Tanja Berg, Dipl. Pol-Wiss., Trainerin für (historisch) politische Bildung zu den Themen Demokratie, multiperspektivisches Geschichtslernen, Arbeit gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Arbeitet im Spannungsfeld zwischen Bildungsarbeit und Forschung, lebt und arbeitet seit 20 Jahren in deutsch-israelischen Kontexten. Sie leitet seit 14 Jahren den Jugendaustausch Berlin/Pankow-Tel Aviv im Auftrag des Bezirksamts.

Von Tanja Berg

„nicht müde werden, / sondern dem Wunder / wie einem Vogel / die Hand hinhalten“ Hilde Domin 

Es ist unsere Aufgabe, in den Beziehungen zwischen Deutschland und Israel immer wieder neu zu beginnen, immer wieder die Hand hinzuhalten und dabei nicht müde zu werden. Mit jeder Gruppe von Jugendlichen, die einen deutsch-israelischen Jugendaustausch erlebt, entstehen neue Geschichten und neue Möglichkeiten, die uns helfen, in der Zukunft mit der Gegenwart und der Vergangenheit besser umzugehen und neue Wege zu beschreiten. Für mich ist jeder dieser jungen Menschen ein kleines Wunder, sie lassen sich ein auf das Abenteuer Jugendaustausch, ohne genau zu wissen was da auf sie zukommt und manches Mal verändert es ihr Leben für immer.

Ich fühle jedes Mal aufs Neue eine Neugierde, habe Erwartungen und bin voller  Vorfreude, wie der Austausch dieses Jahr sein wird: Was für Begegnungen, Erfahrungen, Probleme und Gedanken das Jahr mit seinen beiden Begegnungen in Deutschland und Israel wohl zaubern wird. In den letzten 14 Jahren, hat sich vieles in beiden Ländern verändert, aber manches ist auch stabil geblieben. So sind es auch weiterhin interessierte junge Menschen die den Kontakt zueinander suchen, manchmal miteinander streiten, lachen, lernen, weinen... Doch auch die Veränderungen in den beiden Gesellschaften sind für mich deutlich spürbar, insbesondere im Umgang mit der Shoa und ihren Folgen. Dabei besonders in der Art und Weise, wie junge Menschen die Shoa sehen, welche Konsequenzen sie aus dem Wissen für ihr eigenes Leben ziehen. 

Die Shoa als Narrativ

Ich erlebe in jedem Austausch, dass es insbesondere für junge Menschen aus Deutschland nicht einfach ist, sich persönlich auf das Thema Shoa und damit verbunden auf Formen des Gedenkens und Erinnerns einzulassen. Für viele deutsche Jugendliche ist die Shoa zu einem besonderen Symbol für den Schrecken, den Menschen anderen Menschen antun können, geworden. Ihr Wissensstand zur Shoa ist geprägt durch den Schulunterricht, Bücher, Filme, Fernsehen und Internet.

Gleichzeitig bleibt dieses Wissen abstrakt und fern von ihrem eigenen Leben. Es ist eine pädagogische Herausforderung, Verbindungen zum eigenen Leben und zur Familiengeschichte, sowie zur gesellschaftlichen Verantwortung jeder und jedes Einzelnen zu schaffen. Die Historisierung der Shoa und mit ihr auch der Umgang mit dem Gedenken und Erinnern hat zu einem entpersonalisierten Narrativ geführt, mit dem umzugehen in deutsch-israelischen Jugendbegegnungen zunehmend eine Herausforderung darstellt.

Die Entwicklung in der israelischen Gesellschaft ist ebenfalls durch Veränderungen und Verschiebungen in den Narrativen geprägt. Damit einher geht jedoch keine Loslösung von der eigenen Geschichte oder der eigenen Identität, sondern  eine solche Verbindung wird im Gegenteil dazu aktiv forciert. 

Nationale Selbst- und Fremdwahrnehmung

Das  Auseinanderdriften der kollektiven Erinnerungen geht einher mit einer weiteren Veränderung in den Bildern über das jeweils andere Land. Viele der Berliner Jugendlichen, mit denen ich es zu tun habe, verbinden Israel nicht in erster Linie mit der Shoa, sondern für sie ist es ein Land wie viele andere. Ihr Bild stammt vor allem aus den Medien und Israel klingt irgendwie exotisch, ungewöhnlich und weit weg. Wenn die Bilder konkreter sind, dann fällt ihnen vor allem der Israel –Palästina Konflikt, Terrorangriffe und Kriege ein, eine direkte Verbindung zur Shoa stellen nur wenige selbstständig her. Dies war vor einigen Jahren noch deutlich anders.

Das vorherrschende Bild junger Israelis in der Altersgruppe 15-17 Jahre  von Deutschland ist hingegen immer noch stark geprägt von dem Bezug auf die Shoa und das Land der Täterinnen und Täter, wenn es auch andere Bilder insbesondere zu Berlin gibt. Auch hier sind gerade mit dem Zuzug junger Israelis nach Deutschland neue Debatten entbrannt; Wie diese wirken wird jedoch die Zukunft zeigen müssen. 

Im Jugendaustausch führen diese unterschiedlichen Bezugssysteme zur Shoa und zum jeweiligen anderen Land manches Mal zu Verwirrungen, Missverständnissen und kulturellen Fehleinschätzungen. Hier kann ein zeitgemäßes, von den Jugendlichen in einer bi-nationalen Gruppe gestaltetes Gedenken einen wichtigen Beitrag zur Verständigung leisten. Auch der offensive Umgang mit der Shoa, jüdischen Lebens heute und Fragen nach politischen und sozialen Verantwortlichkeiten für die jeweils eigene Gesellschaft, erscheinen mir hilfreich, um mit diesen Themen konstruktiv umzugehen. 

Gemeinsamkeiten versus Unterschiede?

War es vor zehn Jahren noch besonders wichtig, die Gemeinsamkeiten zwischen jungen Menschen aus Israel und Deutschland in den Mittelpunkt zu stellen, so erlebe ich die aktuellen Anforderungen stärker dadurch geprägt, Unterschiede sichtbar, verständlich und erlebbar zu machen. Dabei kommt dem Gedenken und Erinnern im Rahmen des Jugendaustauschs eine besondere Bedeutung zu, da bei aller Ähnlichkeit im Lifestyle, den Interessen und Wünschen, die Bedeutung der Shoa für das individuelle und kollektive Gedächtnis in beiden Ländern so unterschiedlich gewertet wird. Dies hängt natürlich wiederum auch an Fragen der eigenen jüdischen oder nicht-jüdischen Identität, den Erfahrungen als Teil der Mehrheit oder Minderheit usw. Der Umgang mit Unterschieden, insbesondere im Geschichtsverständnis, kann jedoch auch ein emotionaler wie intellektueller Anknüpfungspunkt für die jungen Menschen sein, um leichter über andere schwierige Themen wie die Armee, Rechtsextremismus oder Leben in heterogenen Gesellschaften zu sprechen. 

Heterogenität als Chance

Ich denke, dass es wichtig ist, offensiv mit der Shoa und ihren Folgen, den Fragen der biografischen Auswirkungen und den gesellschaftlichen Narrativen umzugehen. Deshalb sollte auch dem Gedenken und Erinnern ein gesonderter Platz im Programm des Austauschs eingeräumt werden. Der pädagogische Ansatzpunkt, der auch familiäre und biografische Perspektiven einbezieht, erscheint mir nach wie vor richtig. Da dieser Jugendaustausch auch Möglichkeiten eröffnet, Geschichte als Bestandteil des eigenen Seins und Werdens, der Verortung in der Zeit und in den eigenen Familien zu erleben. Ein multiperspektivischer Umgang mit Geschichte kann helfen, da die Gruppen aus beiden Ländern zunehmend heterogener werden. Diese Vielfalt ist meiner Ansicht nach ein Gewinn, weil sich daran zeigen lässt, dass egal ob die eigenen familiären Wurzeln in Europa oder im Wirkungsfeld des Nationalsozialismus liegen oder nicht, die Shoa etwas ist, zu dem sich Menschen in Israel und Deutschland verhalten müssen und können. Egal ob es um die Verantwortung für den Umgang mit der Vergangenheit aber auch der Gegenwart und der Zukunft geht. Diese Fragen erwachsen aus dem Leben und der Sozialisation in einem Staat und einer Gesellschaft. 

Der Einfluss über die Begegnungen hinaus

In den vergangenen 14 Jahren haben Jugendliche mit ganz unterschiedlichen familiären Hintergründen am Jugendaustausch teilgenommen, dabei haben einige der Israelis und der Deutschen Erfahrungen gemacht, die ihr Leben veränderten. Einige haben einen Freiwilligendienst im anderen Land gemacht, haben die jeweils andere Sprache gelernt, sind Freundschaften eingegangen die mit Reisen und wechselseitiger Verbindung bis heute bestehen. Für einige ist der Austausch so prägend,  dass sie es bei der Wahl ihres Studiums zum Kriterium gemacht haben.

Für andere Jugendliche war der Austausch eine einmalige, auch wichtige Erfahrung, die sich aber nicht sichtbar niedergeschlagen hat.

Ich glaube, dass die Teilnahme an einem Jugendaustausch Türen öffnen kann, um die Welt, das jeweils andere Land, die Geschichte und sich selbst anders zu sehen. Es ist aber auch möglich, dass sich Vorurteile, Stereotype und Ressentiments dabei verfestigen. Ich denke, dabei kommt es stark auf das pädagogische Konzept, die Rahmenbedingungen und die Bereitschaft aller beteiligten Personen an, etwas lernen zu wollen, zu reflektieren und Schlüsse für das eigene Denken und Handeln zu ziehen.

Noch einmal mit Hilde Domin gesprochen: dem Wunder wie einem Vogel die Hand hinhalten.

 

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