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Polenweg - Internierte polnische Soldaten in der Schweiz

Arthur Osinski ist Historiker und Pädagogischer Mitarbeiter der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm, einer Einrichtung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Von Arthur Osinski

Der Begriff „Polenweg“ hat sich als ein fester Terminus bei den Schweizern etabliert. Dieser steht sinnbildlich für die Realisierung der vielen Infrastrukturprojekte, wie den Straßen- und Wegebau, die während der Internierung der ca. 13.000 polnischen Soldaten in der Schweiz in den Jahren 1940-1945 entstanden sind.

Die Komplizenschaft des NS-Regimes mit der Sowjetunion

Zwei unterschiedliche Diktaturen haben sich zeitweilig verbündet, um den polnischen Staat zum vierten Mal in der Geschichte zu teilen. Polen verschwand erneut von der Landkarte Europas. Spätestens am 17. September 1939 nach dem Angriff der Sowjetunion auf Polen war es für die polnische Regierung abzusehen, dass die Verteidigung auf zwei Fronten aussichtslos war. Zumal die beiden Alliierten Polens, Frankreich und England, nicht, wie zuvor beteuert, eine zweite Front gegen Deutschland im Westen eröffnet hatten. Infolgedessen verfügte Präsident Ignacy Mościcki, den Sitz der polnischen Regierung von Warschau nach Frankreich zu verlegen, um so der Gefangenschaft der Nazis zu entgehen. Polen unterschrieb somit nie eine Kapitulationserklärung mit Deutschland, wie dies die anderen Staaten taten, sondern setzte seinen Kampf zuerst von Paris und später von London aus fort. 

Gründung der polnischen Exilarmee in Frankreich 

Nach dem Septemberfeldzug (1939) begaben sich viele tausende polnische Soldaten statt in die Kriegsgefangenschaft auf einen langen Fluchtweg Richtung Frankreich, um dort an der Seite der französischen Armee den Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland  fortzusetzen. Die Flucht geschah auf Umwegen. Die meisten polnischen Soldaten versuchten Frankreich in Zivil und mit gefälschten Papieren über Rumänien, Ungarn und Jugoslawien direkt oder indirekt durch die französischen Kolonien zu erreichen. Dort begann man bereits Ende September 1939 eine polnische Armee aufzustellen, die mit dem Beginn des deutschen Überfalls auf Frankreich mehr als 84.000 polnische Soldaten zählte. Die Finanzierung des Aufbaus der polnischen Exilstreitkräfte in Frankreich wurde aus den Beständen der polnischen Goldreserven in London gesichert.

Westfeldzug und die Internierung in der Schweiz

Die Westoffensive der Wehrmacht gegen Frankreich dauerte ungefähr genauso lange wie der Polenfeldzug; mit dem Unterschied, dass der französischen Armee die polnische Exilarmee und die britischen Expeditionskorps zur Seite standen. Die polnische Armee kämpfte 1939 dagegen auf sich allein gestellt gegen die vielfache Übermacht der Wehrmacht und der Roten Armee.

Als die II. polnische Schützendivision, die dem Verband des 45. französischen Armeekorps angehörte, unter der Führung von Bronisław Prugar-Ketling mit anderen Verbänden eingekesselt wurde, überschritten diese die schweizerische Grenze. Der polnische Oberbefehlshaber General Sikorski zog somit die Internierung und Demobilisierung dieser Einheiten der deutschen Kriegsgefangenschaft vor. Die polnischen Soldaten waren folglich gezwungen, den weiteren Verlauf des Krieges in der Schweiz zu verbringen. Besser erging es den französischen Soldaten, die kurze Zeit später nach Frankreich zurückkehren konnten. Die polnischen Soldaten wieder in die Heimat zu schicken war jedoch nicht möglich, da Polen als Staat nicht mehr existierte.

Das erste und letzte „Conzentrationslager“ der Schweiz

Die Beherbergung der internierten Soldaten erfolgte anfangs in Privatquartieren, was mit hohen Kosten verbunden war. Somit beschlossen die Schweizer ein „Conzentrationslager“ für einen Teil der polnischen Soldaten in Heftli bei Büren zu errichten. Man versuchte so die Kosten für deren Unterbringung zu reduzieren. Die schweizerische Regierung wusste nicht, wie lange die Internierung andauern würde. Das „Conzentrationslager“ hatte nicht viel mit den deutschen Konzentrationslagern gemeinsam, obwohl es mit Wachtürmen versehen und ebenso mit Stacheldraht umzäunt war, um anfangs die Insassen von der hiesigen Bevölkerung zu isolieren. Schon kurze Zeit später wurden für das Lager andere Namen verwendet, wie „Polenlager“ oder „Interniertenlager“. Es bestand jedoch weiter Kontaktverbot mit den Einheimischen, darüber hinaus wurden Ehen zwischen Polen und Schweizerinnen verboten. Woran die meisten Internierten jedoch verzweifelten, war die Langeweile und die Sehnsucht nach ihrer Heimat. Die Isolation der polnischen Internierten führte mit der Zeit vermehrt zu Unruhen, die im Dezember 1940 in gewalttätige Proteste umschlugen. Dies bewirkte ein Umdenken bei den Schweizern, die sich nun mehr um das Wohlergehen und um mehr Integration der polnischen Soldaten bemühten.

Spuren der polnischen Internierung in der Schweiz

In Folge der Unruhen kam es 1941 zur allgemeinen Verbesserung der Lage der Internierten, die endlich einer Beschäftigung nachgehen konnten. Mehr als 500 Polen konnten an den schweizerischen Universitäten ein Studium aufnehmen. Viele Internierte wurden in alle Teile der Schweiz verlegt und haben dort an der Umsetzung von zahlreichen Infrastrukturprojekten mitgewirkt. Bis heute findet man überall in der Schweiz Gedenksteine, die an das Wirken der polnischen Internierten erinnern. Diese bauten mehr als 450 km an „Polenwegen“, Brücken oder Kanälen, arbeiteten in der schweizerischen Industrie, Wald- und Landwirtschaft. Mit der Zeit war es den internierten Soldaten gestattet, ihre Quartiere zu verlassen und nach der verrichteten Arbeit auszugehen. Sie konnten ihren Hobbys nachgehen, Kinos und Theater besuchen oder mal in ein Gasthaus gehen. Natürlich waren solche Freigänge reglementiert. Viele der jungen Polen fühlten sich einsam und suchten die Nähe zu schweizerischen Frauen. Obwohl die Heirat nicht gestattet war, gab es jedoch auch Ausnahmen.

Durch ihre Arbeit halfen die internierten Soldaten mehr als 400 schweizerischen Gemeinden durch die schwierige Zeit des Zweiten Weltkrieges. Aufgrund der unsicheren politischen Lage sind viele hundert Polen in der Schweiz geblieben, da nicht jeder sich ein Leben in einem von den Sowjets besetzten Nachkriegspolen vorstellen konnte.

 

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