Empfehlung Comic

Auf den Spuren Rogers: Französische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg

Florent Silloray: Auf den Spuren Rogers. Berlin (2013) Avant-Verlag, 24,95 €.

Von Ingolf Seidel

In gewisser Weise ist die Graphic Novel „Auf den Spuren Rogers“ ein Glücksfall für die historisch-politische Bildung. Der französische Illustrator Florent Silloray entdeckte im Jahr 2002 die Aufzeichnungen seines damals verstorbenen Großvaters Roger Brelet, die dessen Schicksal als französischer Soldat in deutscher Kriegsgefangenschaft dokumentieren. Das Tagebuch umfasst die Zeit von September 1939 bis zum letzten Eintrag vom Januar 1941. Das Fundstück an sich stellt eine besondere und rare Quelle dar. Silloray hat den Fund zum Anlass genommen der Geschichte seines Großvaters nachzuspüren. 

Die Graphic Novel ist durch zwei aufeinander bezogene Erzählstränge geprägt. Da ist zum einen die Erzählung des deutschen Überfalls auf seine westlichen Nachbarländer mit der Besetzung der Niederlande, Belgiens und Luxemburgs sowie, hier im Mittelpunkt stehend, die militärische Niederlage Frankreichs, die mit dem Waffenstillstand von Compiègne endete. Frankreich wurde bekanntlich in einen besetzten nördlichen Teil sowie einen unbesetzten südlichen Teil, dem kollaborativen Vichy-Regime aufgeteilt. Tausende französischer Soldaten gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurden nach Deutschland verschleppt, wo sie in sogenannten Stalags (Stammlagern) untergebracht wurden und Zwangsarbeit leisten mussten. Die Graphic Novel zeigt die Entbehrungen, die Repressalien der Deutschen und den Hunger, dem die Kriegsgefangenen ausgesetzt sind. Roger Brelet kommt in das Stalag IV B in Mühlberg (Elbe) und später zur Zwangsarbeit in die nahe Grube Louise. Das Stalag IV B war mit rund 300.000 Gefangenen eines der größten Kriegsgefangenenlager, in dem 3.000 Gefangene, vor allem sowjetische Soldaten, starben. Brelet überlebt die 40 Monate seiner Kriegsgefangenschaft und kann nach Frankreich zurückkehren. Insofern ist die persönliche Geschichte von Roger Brelet eine exemplarische »bande dessinée«, wie der Leiter des Dokumentations- und Informationszentrums Torgau, Wolfgang Olschewski in seinem Vorwort schreibt.

In einem zweiten Strang zeigt die Entdeckung der Aufzeichnungen und den Zeichner Silloray während seiner Spurensuche auf den Pfaden des Großvaters. Silloray recherchierte akribisch historische Hintergründe, fuhr bis Deutschland, besuchte dort den Gedenkort an das ehemalige Stalag in Mühlberg, machte Bauernhöfe ausfindig und traf sich mit dem Leiter des DIZ Torgau. Alle diese Wege dokumentiert die Graphic Novel und greift eine doppelte Tabuisierung auf. In Frankreich stehen die Schicksale der Kriegsgefangenen noch immer im Schatten des Narrativs über Resistance und alliierte Befreier, während andererseits die deutschen Verbrechen an Kriegsgefangenen bis heute kaum ins öffentliche Bewusstsein drangen.

Die beiden Erzählstränge sind durch unterschiedliche Farbgebung getrennt. Die Textpassagen sind kurz gehalten, die Erzählung erhält ihre Eindrücklichkeit vor allem über die Bildsprache. Die familienbiografische Erzählung Sillorays sieht sich, trotz des unterschiedlichen Zeichenstils, in einer Traditionslinie mit Art Spiegelman oder auch Jacques Tardi. Jenseits des, bei Bildgeschichten notwendigerweise hohen Anschaffungspreises bietet die Geschichte von Roger Brelet hervorragende Möglichkeiten zum Einsatz im Unterricht oder in der außerschulischen Bildungsarbeit. Daher würde man sich wünschen, sie fände Eingang in das Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung. 

 

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