Bildungsträger

Auslöser Ausstellung

Besucher/innen erinnern sich und erzählen von ihren Erlebnissen mit dem Tränenpalast

Gundula Klein ist Museumspädagogin bei der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Berlin.
Von Gundula Klein

Wenn Sie heute den Tränenpalast betreten, die ehemalige Abfertigungshalle für die Ausreise am Grenzübergang Friedrichstraße, dann blicken Sie in eine lichtdurchflutete, moderne gläserne Halle. „Das habe ich aber ganz anders in Erinnerung, viel dunkler und enger“, kommentieren viele diesen Eindruck. Oder: „Ich bin hier zwar in den 1980er Jahren mehrfach ausgereist, aber ich kann mich überhaupt nicht mehr an den Ort erinnern“. Aber vielen geht es auch anders, bei ihnen löst bereits dieser erste Blick in das Gebäude Erinnerungen und Emotionen aus. Sie beginnen von selbst zu erzählen oder aber sind ganz in sich gekehrt.

„Tränenpalast“, „Tränenbunker“, „Tränenhalle“, „Tempel der Tränen“ oder auch einfach „Ausreisehalle“, die Abfertigungshalle für die Zoll- und Passkontrolle bei der Ausreise kannte im Volksmund viele verschiedene Namen, wobei am häufigsten der heute noch verwendete Begriff „Tränenpalast“ genannt wird. Ebenso vielfältig – und widersprüchlich – sind die Erinnerungen, die die Besucher heute an diesen Ort mitbringen. Seit September 2011 ist der Glaspavillon als Ausstellungs- und Erinnerungsort für Besucher geöffnet. Die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zeigt hier die ständige Ausstellung „GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung“. Mit zahlreichen biografischen Beispielen, Originalobjekten und Zeitzeugeninterviews veranschaulicht sie das Leben angesichts von Teilung und Grenze. Besonders die persönlichen Zeugnisse bieten sowohl für jüngere Besucher als auch für Besucher der Erlebnisgeneration einen leichten Zugang zur präsentierten Geschichte.

Aber die wichtigsten Objekte sind das historische Gebäude sowie und die  Ausstellungsstücke, die hiermit direkt in Verbindung stehen. So löst häufig die originale Passabfertigungskabine, in die der Besucher oder die Besucherin auch heute eintreten kann, ganz konkrete Erinnerungen oder Emotionen aus. Besucher, die eingangs noch sagten, sie würden sich nicht erinnern, haben auf einmal konkrete Bilder, eine konkrete Situation vor Augen oder sogar die Erinnerung an den speziellen früheren Geruch – Reinigungsmittel auf Sprelacart. 

„Am 23.5.1988 durfte ich endlich meinen Bruder in WB [West-Berlin A. d. R.] besuchen. Von meiner Mutter wusste ich, wie es an dem Übergang Friedrichstr. so abging. Nun hatte ich das selbst miterlebt. Es war furchtbar. Diese Kontrolle, ich bekam richtig Angst. Dann die Wut, die in mir aufkam. Wo wir kontrolliert wurden, was wir so mit nach WB nehmen, stand eine alte zerbrechliche Omi, die hatte einen Kuchen mitnehmen wollen. Was machen diese Sch...... stochern mit einem Gegenstand in den Kuchen! Die Omi fing an zu weinen und ging mit den zerbröckelten Kuchen durch die Sperre. Mir kamen die Tränen und ich musste mich so zusammen nehmen, denn ich wollte ja zum Geburtstag meines Bruders.“

So beschreibt eine Besucherin uns ihre ganz persönliche Erfahrung in einer E-Mail. Es sind viele, die hier auf unangenehme Weise mit dem Grenzregime der DDR in Kontakt kamen. Die Besucherbücher sind seit der Eröffnung gefüllt mit Beschreibungen vom stundenlangen Schlange stehen, der gefühlten Anspannung oder Angst, der demütigenden Erfahrung eines Verhörs oder einer Ganzkörperkontrolle. All diese Gefühle sind für sie auf einmal wieder präsent. Die konkretesten Beschreibungen stammen von Ost-Berlinern und Ostdeutschen, die in den 1970er und 1980er Jahren über den Bahnhof Friedrichstraße dauerhaft die DDR verlassen haben und sich hier vermeintlich endgültig von Freunden und Verwandten verabschiedeten. Sie erzählen detailgetreu, wie und an welchem Tag sie diesen entscheidenden Schritt unternahmen.

Ein anderes Beispiel für einen 'Auslöser' in der Ausstellung ist das Modell vom Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße. Es ist ein Auslöser für die Erinnerung, aber vor allem auch für den Austausch mit anderen Besuchern. Ungewöhnlich viel kommen in dieser Ausstellung Individualbesucher miteinander ins Gespräch – selbst mit Menschen, die sie gar nicht kennen. Sie diskutieren, welchen Weg sie damals gegangen sind, wo genau die Buchhandlung, das Restaurant oder der Intershop gewesen ist, wo sie ihre Freunde und Verwandten ungeduldig erwartet und begrüßt haben und ob sie nicht doch unterirdisch vom Tränenpalast in den Bahnhof gegangen sind. Sie erklären anderen Besuchern, die keine eigenen Erlebnisse mit diesem Ort verbinden, die labyrinthischen Wegeführungen im Bahnhof oder erzählen von ihrem persönlichen Erlebnis.  Nicht immer sind diese Erinnerungen deckungsgleich mit dem Modell oder den historischen Quellen: Die Erinnerungen können trügen, aber auch die historischen Quellen können nicht lückenlos die Abläufe und Wegeführungen beschreiben.

Eine erste Besuchererhebung hat ergeben, dass zurzeit fast 40 Prozent der Besucher persönliche Erlebnisse mit dem Tränenpalast verbinden. Die Herkunft ist so unterschiedlich wie die Geschichten, die sie erzählen: westdeutsche Studienreisende oder Schüler auf Klassenfahrt, West-Berliner mit Verwandtschaft im Osten der Stadt, europäische Reisende, privilegierte ostdeutsche Reisende, Diplomaten, am Bahnhof Arbeitende, dauerhaft Ausreisende, sich Verabschiedende, Protestierende und so weiter. Dieser historische Ort ist daher im wahrsten Sinne des Wortes ein gesamtdeutscher Erinnerungsort.

Für die Museumspädagogik und den Besucherdienst hat dies zur Folge, dass den Besuchergruppen der Erlebnisgeneration besondere Aufmerksamkeit zukommt. Es ist fester konzeptioneller Bestandteil der Begleitungen, die Besucher zum Gespräch über ihre Erfahrungen, aber auch zur Diskussion über die Bewertung der jüngsten deutschen Geschichte anzuregen. Erinnerungen können mit den historischen Quellen und Objekten verglichen werden und zu einer angeregten Auseinandersetzung führen. Um die wertvollen persönlichen Geschichten aber nicht nur für den Moment festzuhalten, sondern auch anderen Besuchern zugänglich zu machen, begann die Stiftung Haus der Geschichte vor Kurzem, diese Erinnerungen zu dokumentieren und zu sammeln – ein Projekt, das neue Erkenntnisse hervorbringt, aber vor allem den jüngeren und älteren Besuchern sehr konkret vor Augen führen kann, was historische Quellen und Überreste allein nicht schaffen: die emotionale Bedeutung dieses authentischen Ortes, der ein Symbol für die Teilung Berlins und Deutschlands ist.

 

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