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Unübersehbare Spuren – Gedenkstättenpädagogik in der Gedenkstätte Lager Sandbostel

Carola Pliska ist seit 2011 pädagogische Leiterin der Gedenkstätte Lager Sandbostel.
Von Carola Pliska 

Die Gedenkstätte Lager Sandbostel ist eine Gedenkstätte am Ort eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers.

Kriegsgefangenenlager und die in diesen Lagern begangenen Verbrechen an Kriegsgefangenen sind heute vielen unbekannt, sind z.B. denjenigen Jugendlichen völlig neu, die aus dem Fernsehen viel über den Holocaust und den Nationalsozialismus zu wissen meinen, aber Verbrechen der Nationalsozialisten in ihrer (norddeutschen) Heimat nicht vermuten und von Kriegsverbrechen der Wehrmacht (noch) nichts gehört haben.

Das Vorwissen der Besucherinnen und Besucher jeden Alters zu den Themen Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg ist eher rudimentär. Selbst der Hinweis auf ein nationalsozialistisch geprägtes Kriegsgefangenenlager ist im Vorverständnis von Besucherinnen und Besuchern eher ein scheinbar normaler Bestandteil der traurigen Realität eines Krieges, („ zu Kriegen gehören halt auch Kriegsgefangene, und für die gibt es immer Lager“), auch wenn jeder/jedem klar sein müsste, dass es diese sogenannte „Normalität“ unter den Bedingungen des Nationalsozialismus vermutlich nicht gegeben haben dürfte.

Für viele ältere Besucherinnen und Besucher steht eher die Bewältigung des noch in der eigenen Familie präsenten Schicksals der deutschen Kriegsgefangenen und Vermissten im Vordergrund als die Auseinandersetzung mit Rechtsverletzungen und Kriegsverbrechen der Wehrmacht an Kriegsgefangenen. 

Kriegsverbrechen der Wehrmacht an Kriegsgefangenen sind (noch nicht) Teil des kollektiven Gedächtnisses

Für die Gedenkstättenpädagogik in Sandbostel ergibt sich daraus die Frage, wie der noch vorhandene, inzwischen durch die Arbeit der Gedenkstätte erhaltene Ort den Besuchergruppen als Tat- und Gedenkort vermittelt werden kann, welche Bezüge Jugendliche und Erwachsene heute zu dem Geschehen vor mehr als 70 Jahren finden können, was Besucherinnen und Besucher bewegt, die heute die Gedenkstätte besuchen.

Das Stalag XB in Sandbostel war von 1939 – 1945 eines der größten Kriegsgefangenenlager Nordwestdeutschlands, zusätzlich grausamer Endpunkt von Todesmärschen aus dem KZ Neuengamme im April 1945, Internierungslager für die Waffen-SS, später Gefängnis, dann von 1952-1960 ein DDR-Notaufnahmelager für Jugendliche. Das ehemalige Lagergelände in Sandbostel wurde 1960 zum Bundeswehrdepot und als Gewerbegebiet 1974 unter anderem an einen Militariahändler verkauft, was - ironischerweise - ein in Europa einmaliges Barackenensemble eines Kriegsgefangenenlagers erhalten hat. 

Der historische Ort Sandbostel ist damit in mehrfacher Hinsicht ein besonderer Ort für den Aufbau einer Gedenkstätte:

  • Die Besucherinnen und Besucher treffen auf ein unübersehbares, noch erhaltenes Ensemble des ehemaligen Lagers, das sowohl Originalteile des damaligen Lagers zeigt, als auch wegen der sich überlagernden Schichten der vielfältigen Nachnutzung vom Betrachter dekonstruiert werden muss, also zu Fragen und Gesprächen auffordert und einen hohen Grad an glaubwürdiger Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus vermittelt
  • Als ehemaliges Kriegsgefangenenlager ergänzt es die Erinnerung an die Verbrechen im nationalsozialistischen Lagersystem um eine Variante, für die oft Vorkenntnisse fehlen, und das im Bewusstsein der Besucherinnen und Besucher immer noch geprägt ist vom Mythos der (im Vergleich mit der SS) angeblich sauberen Wehrmacht
  • Als Widerspiegelung deutscher Geschichte nimmt Sandbostel bis heute das kommunikative Gedächtnis der Region auf und trägt im besten Sinne zum Gedenken an das  Geschehen an einem „verunsichernden (Tat-)Ort“, zum Gedenken an Verletzungen elementarster Menschenrechte durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft bei.
Spurensuche in den erhaltenen Gebäuden auf dem ehemaligen Lagergelände

Besucherinnen und Besuchern sind bei ihrem ersten Besuch sofort beeindruckt von den noch vorhandenen, nun sanierten, lagerzeitlichen Unterkunftsbaracken und Funktionsgebäuden auf dem Gelände der Gedenkstätte Lager Sandbostel.  Das Gebäudeensemble vermittelt sofort den Eindruck von Lager.

Die erhaltene Bausubstanz als unübersehbare Spur ist für die Gedenkstätte das wichtigste Exponat, das sie hat.  Der erste Eindruck der Besucherinnen und Besucher ist richtig, schon allein das Erscheinungsbild der Barracken zeigt Rechtsverletzungen der Nationalsozialisten gegenüber den Kriegsgefangenen: Die Bauweise der einfach konstruierten Holzbaracken mit nur einer Bretterlage als Außenwand und Boden schützte im Winter kaum vor Kälte, im Sommer kaum vor Hitze. Das Leben in ihnen war alles andere als einfach, war für große Teile der Gefangenen kein Leben „in einem ganz normalen Kriegsgefangenenlager“, sondern bedeutete eine erhebliche Gefährdung für die Gesundheit. Ein Blick auf die Bausubstanz zeigt die Mängel der Unterbringung - übrigens eine zeittypische Bauweise, den im Zweiten Weltkrieg reichsweit geltenden Bauvorschriften für Kriegsgefangenen- und Reichsarbeitsdienstbaracken entsprechend.

Gekoppelt mit der von uns vermittelten Information über eine phasenweise praktizierte Überbelegung, in Zeitzeugenaussagen oft erwähnt, kann vor allem für den Zeitraum gegen Kriegsende nicht von einer den Rechtsgrundsätzen der Genfer Konvention entsprechenden Unterbringung gesprochen werden: Es ist heute kaum vorstellbar, dass in einer der heute noch sichtbaren Baracken phasenweise zwischen 400 und 600 Menschen gelebt haben sollen.

Aber: Der historische Ort in seiner heutigen Gestalt vermittelt eben nicht eine  „authentische Atmosphäre“ eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers. Es waren neue Baracken zur Zeit des Massensterbens der sowjetischen Kriegsgefangenen 1941/1942. Die Gebäude wurden in der Nachkriegszeit mehrfach saniert. Der Verfall, den wir heute trotz Sanierung z.T. noch sehen, begann erst 1992 mit Denkmalschutzauflagen, denen der Besitzer nicht mehr nachkommen wollte.

In den Baurelikten manifestierte Zeitschichten überlagern sich in fast allen Gebäuden. Die Baracken, wie wir sie heute sehen, vermitteln eben nicht DIE eine Realität, „wie es damals war“, sie wurden schon im Verlauf des Zweiten Weltkrieges mehrfach umgenutzt. Der gegenwärtige Zustand der Gebäude, ihr Aussehen, sich überlagernde Zeitspuren aus verschiedenen Phasen der Lagergeschichte fordern zum Fragen, Forschen und Interpretieren auf.

Dokumente über die Einrichtung und Nutzung der noch vorhandenen einzelnen Baracken während des Zweiten Weltkrieges über Bauvorschriften hinaus gibt es kaum. Die noch vorhandenen Archivlücken, der für Besucherinnen und Besucher offengelegte quellenkritische Umgang mit den vorhandenen Dokumenten hat jedoch nicht zur Konsequenz, dass wir nicht mit den Besuchergruppen darüber sprechen könnten, „wie es war“.

Wir können zwar nicht genau dokumentieren, wie es in den jetzt noch vorhandenen Baracken aussah. Wir wissen aber, dass die Einrichtung verfeuert wurde, wenn das Brennholz knapp wurde, dass die sanitären Anlagen katastrophal waren, dass Ungeziefer nicht mehr erfolgreich bekämpft werden konnte. Wir haben Zeitzeugenaussagen, Zeichnungen, einzelne Dokumente und vor allem Fotos aus Unterkunftsbaracken, die von einem italienischen Gefangenen heimlich aufgenommen wurden, die den Alltag, die Unterbringung, das Leben der Gefangenen oft besser dokumentieren als scheinbar authentische Rekonstruktionen von heute.

Besonders die Fotos des italienischen Militärinternierten Vialli stoßen auf großes Interesse der Besucherinnen und Besucher: Neben dem noch vorhandenen Barackenensemble sind es vor allem Zeitzeugenaussagen und diese Bilddokumente, die den Wunsch der Besucherinnen und Besucher erfüllen, sich selbst ein Bild davon zu machen, „wie es wirklich war“. Das weist darauf hin, dass das Interesse an Informationen über den Nationalsozialismus nach wie vor hoch ist, kein erstarrtes Ritual als Ergebnis eines politisch korrekten, verordneten Gedenkens.

Gedenkstättenpädagogische Arbeit in der Gedenkstätte Lager Sandbostel findet an einem Tatort statt

Daran zu erinnern ist für uns eine aktuelle Aufgabe, gerade weil der immer noch tradierte Mythos von der sauberen Wehrmacht sowohl das kollektive Gedächtnis als auch das kommunikative Gedächtnis prägt. Kriegsverbrechen an Kriegsgefangenen tauchen in der medialen Aufbereitung des Nationalsozialismus kaum auf. Die Väter und Großväter der Besucherinnen und Besucher haben in der Regel nicht von Kriegsverbrechen an der Ostfront oder an Kriegsgefangenen erzählt. Knipserfotos sind zwar in Alben der Familie genauso wie Objekte aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges noch vorhanden, werden aber oft erst durch den Besuch in der Gedenkstätte kontextualisierbar. Die Fragen der vierten Generation an die Kriegsteilnehmer in der Familie werden, ausgelöst durch den Besuch in der Gedenkstätte, überhaupt erst stell-  oder gar beantwortbar.

Wir erleben oft Besucherinnen und Besucher, die innerhalb der Familie nicht mehr fragen können, aber sich nach wie vor mit der Verstrickung von Angehörigen in die nationalsozialistischen Gewalttaten auseinandersetzen, nach unseren Gesprächserfahrungen auch eine Folge des Geschichtsbooms in den Medien. In diesen Sendungen wird aber bei aller Bilderflut nur illustriert, es wird keine Möglichkeit der eigenen Erkundung zugelassen. Viele unserer Besucher möchten sich selbst informieren, nicht vermeintlichen Dokumentationen oder Rekonstruktionen, die fertige, statische Wertungen vorgaukeln, folgen.

Für die gedenkstättenpädagogische Aufbereitung von Materialien bedeutet das heute, dass immer wieder von Besucherinnen und Besuchern die Frage nach den Verantwortlichen, nach Strukturen, nach Entscheidungsspielräumen, aber auch nach Möglichkeiten der Resistenz, nach Überlebensstrategien und Widerstand gestellt wird und für die Besucherinnen und Besucher multiperspektivisch mit Dokumenten aufbereitet werden muss. Der Informationsbedarf nimmt nicht ab, sondern wächst, gerade bei Jugendlichen.

Für die Besucherinnen und Besucher aus der Region des ehemaligen Wehrkreises X, der Region Bremen, Lüneburg, Hamburg und Cuxhaven, aus der die Mehrheit der Gruppen kommt, die heute unsere Gedenkstätte besuchen, ist die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers und der Todesmärsche im April 1945 darüber hinaus ein immer noch aktueller Teil ihrer Identität und Familiengeschichte. Die Regionalisierung der Einrichtung von Gedenkstätten, der Aufbau der Gedenkstätte Lager Sandbostel am historischen Ort durchbricht Verdrängungsmuster und berührt das kommunikative Gedächtnis der Region.

Gedenkstättenpädagogik in der Gedenkstätte Lager Sandbostel setzt (auch) am kommunikativen Gedächtnis der Region an

Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge sind in Erzählungen an den Orten der über 1100 Arbeitskommandos in der Region immer noch existent, oft ohne bewussten Bezug zum Stalag XB Sandbostel oder zur Arbeit der Gedenkstätte: Erzählt werden uns verklärende Geschichtsmythen von der guten Behandlung der Kriegsgefangenen, die von uns während der Rundgänge durch die Vorstellung des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers als Tatort aufgelöst werden, aber auch drastische Erzählungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über das erlebte oder das  in Erzählungen tradierte Wissen vom bewusst herbeigeführten Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, von den Todesmärschen und vom Massensterben der KZ-Häftlinge im April und Mai 1945.

Erzählt werden von Besucher/innen beispielsweise traumatische Erlebnisse aus der Zeit als Dienstverpflichtete für das Aufräumen des Lagers nach der Befreiung durch die britische Armee, die für die Beteiligten manchmal überraschend während eines Rundgangs in der Gedenkstätte zutage kommen:

Zivilgesellschaft und Konzentrationslager trafen 1945 unübersehbar für diejenigen Jugendlichen und Erwachsenen aufeinander, die im Mai 1945 als Dienstverpflichtete das KZ-Auffanglager Sandbostel aufräumen, Tausende von Toten bergen, beerdigen und die Überlebenden und Sterbenden pflegen mussten. Jeder Ort in der Region musste diese Dienstverpflichteten stellen, viele haben die Folgen nationalsozialistischer Gewaltherrschaft mit eigenen Augen gesehen und erzählen nun ein erstes Mal von ihren Erlebnissen und Eindrücken.

Ein Teil der gedenkstättenpädagogischen Arbeit in Sandbostel sind die Gespräche zwischen den Generationen in den Gruppen aus der Region in generationenübergreifenden Projekten. Konfirmanden- oder Jugendgruppen kommen mit ihren Familien zu uns in die Gedenkstätte.

Neugierig geworden durch die noch vorhandenen Baurelikte und den Aufbau der Gedenkstätte besuchen uns Familien, Vereine, Betriebe oder sogar Jugendgruppen mit Eltern und Großeltern und beginnen zu erzählen.

Anders als aus einem politisch verordneten Gedenken an Gedenktagen ergibt sich aus diesem kommunikativen Gedächtnis der Region häufig eine nach dem Besuch folgende Beteiligung einzelner Jugendlicher an unserer Arbeit und eine große Motivation während der Gruppenbesuche, sich mit den in der Gedenkstätte vermittelten Inhalten auseinanderzusetzen.

Gedenkstättenpädagogische Arbeit an einem GEDENKort beinhaltet auch die Erarbeitung von neuen Formen des Gedenkens

Der lange, im Gedächtnis der Region immer noch präsente, von Besucherinnen und Besuchern oft angesprochene Streit um den Aufbau einer Gedenkstätte am Ort des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Sandbostel ist dabei für die Jugendlichen kein Thema mehr.

Die Jugendlichen, die wir kennenlernen, fragen nach, weil sie wissen möchten, was hinter den Erzählungen in ihren Familien steckt, was in den Baracken wirklich war. Häufig ziehen sie den Vergleich zur Gegenwart, stellen in Frage, dass heute die damals verletzten Menschenrechte überall selbstverständlich sind.

Sie möchten nach der Auseinandersetzung mit dem historischen Ort etwas tun, weil sie erfahren haben, dass das Geschehen im ehemaligen Lager zu lange verdrängt wurde. Sie sind alles andere als übersättigt, gerade weil ihnen in der Gedenkstätte zum ersten Mal Informationen über Kriegsgefangenenlager begegnen, die sie aus den Medien nicht kennen, die aber zu  Erzählungen und Spuren aus ihrem persönlichen, regionalen Umfeld passen, Erzählungen, die sie in ihrem direkten Umfeld gehört haben. Sie hinterfragen, wollen sich informieren und die Erzählungen aus ihrem Heimatort mit Dokumenten und Informationen aus der Gedenkstätte abgleichen. Das von uns Vermittelte ist für sie wiedererkennbar.

Sie beteiligen sich an den Gedenkprojekten der Gedenkstätte, nehmen am Namensziegelprojekt teil, um den toten sowjetischen Soldaten zumindest symbolisch den Namen als Teil der Würde wiederzugeben und um zu visualisieren, dass das ehemalige Lager Sandbostel Tausende das Leben gekostet hat. Die verhältnismäßig große Beteiligung der Jugendlichen an der Gestaltung von Gedenkfeiern, Medien- und Visualisierungsprojekten und an ehrenamtlicher Arbeit in der Gedenkstätte sind ein Beleg dafür, dass die Jugendlichen, wenn sie Gestaltungsspielräume haben und sich ein eigenes Bild vom historischen Geschehen machen können, bereit sind, sich am Gedenken zu beteiligen. Gerade weil unübersehbare Spuren der Vergangenheit glaubwürdig und begleitet von Dokumenten zu sehen, erforsch- und erfahrbar sind, nehmen Jugendliche die Geschichte nationalsozialistischer Gewaltverbrechen als Teil ihrer eigenen Familien- und Regionalgeschichte wahr, nicht mehr nur distanziert als Medienbericht oder Schulstoff.

Internationale Begegnungen führen zu internationalem, gemeinsamen Gedenken

Von besonderer Bedeutung in der Arbeit mit Jugendgruppen ist die zunehmende Zahl von internationalen Begegnungen in der Gedenkstätte Lager Sandbostel. Als Menschenrechtsprojekte oder als Austauschbegegnungen der Gegenwart haben sie den Umgang mit der gemeinsamen Geschichte aber auch die Unterschiede in der Wahrnehmung dieser Geschichte zum Thema.

In den internationalen Jugendprojekten oder in Gruppen, in denen Jugendliche mit Migrationshintergrund teilnehmen, ist ein Austausch über die unterschiedlichen Traditionen des Gedenkens oft bereichernder Bestandteil. Diesen Ansatz neben der Regionalisierung weiterzuverfolgen, wird Teil zukünftiger Arbeit zum Thema Erinnerungskultur sein, in der wir Jugendgruppen an der Gestaltung der Gedenkorte beteiligen wollen.

Dabei fällt uns auf, dass aktuelle Diskussionen um rechtsextreme Gruppierungen und Symbole oder Diskussionen um die Notwendigkeit, als nächste Generation das Gedenken weiterzuführen, zwar positiv aufgenommen werden, aber in den Jugendgruppen aus Nationen, die die Opfer stellten, nicht immer konfliktfrei sind. Wir erleben außerdem zunehmend einen naiven Umgang mit nationalsozialistischen Symbolen in den internationalen Gruppen, die wir zu Gast haben, erleben, dass diese Jugendlichen häufig ohne Vorinformationen zu uns kommen.

Fazit

Die Beschäftigung mit dem erhaltenen Gebäuden im ehemaligen Lager Sandbostel, mit der Vor- und Nachgeschichte, mit dem Konstruktionscharakter von Geschichte, der sich im Umgang mit dem historischen Ort und in der Geschichte der Gedenkstätte Lager Sandbostel selbst widerspiegelt, die Begegnung mit der Gedenkkultur in anderen Nationen und der gemeinsamen Spurensuche in internationalen Begegnungen, das Einbeziehen von Jugendlichen in die Gestaltung des Gedenkortes ist gegenwartsbezogen und auch nach 70 Jahren noch aktuell für die Besucherinnen und Besucher. 

Die Antwort auf die Frage, ob man gegenwartsbezogene Gedenkstättenpädagogik betreibt, hat auch damit zu tun, ob die Besucherin oder der Besucher von einem erstarrten Gedenkstättenbesuchsritual zu einer Auseinandersetzung mit dem Ort und der Geschichte kommt/kommen kann.

Das setzt wiederum voraus, dass man die Besucherinnen und Besucher ernst nimmt und da abholt, wo sie stehen, an ihren Fragen, Interessen, ihrem Vorwissen - ohne dabei an Inhalten zu verlieren.

Ausstellungen, Informationsplattformen, interaktive Rundgänge sollten so konzeptioniert sein, dass die Besucherinnen und Besucher genügend Anregungen und Informationen für ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte finden können.

Eigentlich ein Anspruch, der für alle historisch-politische Museen gilt, sich aber an einem Tat- oder Gedenkort noch anders darstellt, da er als Anspruch einer Gedenkstätte und der Gedenkstättenpädagogik nicht vom Gedenken abgelöst wird und keinesfalls auf eine rein gegenwartsbezogene Eventpädagogik reduziert werden sollte, womöglich angepasst an vermeintliche Rezeptionsgewohnheiten und fehlendes Interesse von Jugendlichen.

Spätestens dann, wenn man ohne Geschichtsbetrachtung gar nicht mehr erklären kann, woher eine Entwicklung kommt, hören Jugendliche und übrigens auch Erwachsene auf, mitzudenken. 

Ein GeDENKort hat viel mit (mit-)denken (können/dürfen) und der Vermittlung der nach wie vor dafür notwendigen Information über die Geschichte eines Gedenkortes zu tun. Die These von der sogenannten Übersättigung heutiger Besucher, geprägt vom medialen Geschichtshype, greift zu kurz.  Diese These, die Jugendliche selbst so gar nicht für sich in Anspruch nehmen würden,  und die das ungebrochene  Interesse der Jugendlichen an Information und Fortführung des Gedenkens nicht ernst nimmt, ist eine praxisferne, rein akademische Diskussion, die unnötig viel Raum einnimmt.

Spurensuchekonzepte sind nicht überholt. Die nun notwendig werdende methodische Aufbereitung von medial vorhandenen Zeitzeugeninterviews ist die Aufgabe, vor der die Gedenkstättenpädagogik steht. Das bald nicht mehr mögliche direkte Gespräch mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen hat lange (und berechtigt) gedenkstättenpädagogische Konzepte bestimmt. Die Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur ermöglicht neue Wege der inhaltlichen Auseinandersetzung mündiger Besucherinnen und Besucher mit dem historischen Ort. Spurensuche und Auseinandersetzung mit Geschichte durch interaktive Rundgänge und aufbereitete Informationsplattformen sind weitere Konzepte, die eine Voraussetzung für gegenwartsbezogene Gedenkstättenarbeit sein können.

 

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