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Politische Bildung und Protest in Jugendkulturen

Dr. Nicolle Pfaff ist Juniorprofessorin für empirische Schulforschung am Pädagogischen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen
Von Nicolle Pfaff

Arabischer Frühling, gewalttätige Ausschreitungen Benachteiligter in französischen Banlieues und englischen Vorstädten, Demonstrationen und Protestcamps gegen Bankenmacht und die Einschränkung von Bürgerrechten in Spanien, den USA und Deutschland: aktuelle Proteste unter Beteiligung oder getragen von Jugendlichen lenken den Blick auf die Bedeutung von Jugendkulturen als Instanzen der politischen Bildung und Sozialisation. Diese Wahrnehmung ist nicht neu. Bereits seit ihrer Entstehung Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts werden Jugendkulturen wahlweise als Hoffnungsträger oder als Risikofaktor der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet. Je nach politischem Standpunkt gelten sie als wegweisend und demokratiebereitend oder als gewalttätig und extremistisch. Das Verhältnis von Jugendkulturen zur Gesellschaft ist mit solchen Pauschalisierungen allerdings nur unzureichend bestimmt.

Dieses ist am ehesten vor dem Hintergrund der Entwicklungen der Jugendkulturlandschaft insgesamt zu verstehen. Dazu gehört erstens, dass Jugendkulturen nicht länger als moralische oder politische Gegenentwürfe zur Erwachsenengesellschaft zu verstehen sind. Die Identifikation mit Stilen wird als normaler Bestandteil der Jugendphase anerkannt. Zweitens hat eine Ausbreitung von Jugendkulturen in zweifacher Hinsicht stattgefunden. Die meisten aktuellen Jugendkulturen sind internationale Phänomene – auch wenn Unterschiede in der Interpretation der Stile zwischen regionalen Szenen bestehen. Zugleich bleiben Stile länger bestehen, in der Gesellschaft insgesamt wie auch im Leben Einzelner, die auch als Erwachsene noch einem Stil angehören. Drittens hat sich die Landschaft der Jugendkulturen massiv vervielfältigt: immer neue Stile und Szenen entstehen, ohne dass Alte an Bedeutung verlieren. Und schließlich steigt damit der Bedarf an Abgrenzung gegenüber ähnlichen Stilen, während die Distinktion gegenüber der Erwachsenengesellschaft an Bedeutung verliert. Jugendkulturen sind damit heute, so könnte man zusammenfassen, eine ganz normale, globale und zugleich vielfältige Sozialisationsinstanz.

Dies gilt auch für den Bereich der politischen Bildung. Aktuelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich Angehörige verschiedener jugendkultureller Stile in ihren politischen Einstellungen und ihren Erfahrungen mit politischen Protestformen deutlich unterscheiden. Eine Reihe von Szenen innerhalb bestimmter Stile, wie Punk, Hip-Hop oder auch Skinhead definieren sich explizit über politische Bezüge und bringen dies in Kleidung, Musik und durch Protestaktionen zum Ausdruck. Schließlich bilden jugendkulturelle Stile Kommunikationsräume, in denen Jugendliche Positionen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen entwickeln. Darin besteht auch ihre (politische) Sozialisationsleistung: Jugendliche entwickeln in der Interaktion miteinander politische Positionen – auch wenn diese in Distanzierungen von politischen Prozessen insgesamt bestehen. 

Massive Politisierungen in Jugendkulturen sind demgegenüber, das zeigt ein Blick in die Historie der deutschen Jugendkulturlandschaft, Wegbereiter von Modernisierungsprozessen. So sind Jugendkulturen in der Nachkriegszeit als Träger sozialer Bewegungen und kultureller sowie politischer Proteste in beiden deutschen Staaten mehrfach in Erscheinung getreten. Eine erste Protestwelle bildeten dabei die sogenannten Arbeiteraufstände Mitte der 1950er Jahre in beiden deutschen Staaten. Die Jugendlichen, die diese Proteste trugen, gehörten der sogenannten Flakhelfergeneration an. Ihre Jugendzeit war von direkten Kriegserfahrungen gekennzeichnet, die nur wenig Raum ließen für die Entfaltung von Jugendkulturen. Mit den Halbstarkenkrawallen in der Bundesrepublik und den Studierenden- und Arbeiteraufständen in der DDR positionierten sich Jugendliche gegen die kulturpolitische Reglementierung ihrer Generation in Form einer Jugend-Schutz-Kultur. Damit ist die kleinbürgerliche Kultur der 1950er Jahre gemeint, die dies- wie jenseits des Eisernen Vorhangs in autoritären Generationenverhältnissen, verbandlichen Beschränkungen Jugendlicher und staatlichen Kulturprogrammen zur Verdrängung US-amerikanischer Einflüsse im Rock’n’Roll und Beat bestand.

Dass der vermeintliche Schutz der Jugend in Deutschland vor einer grundlegenden Liberalisierung der Jugendkultur nicht funktionierte, zeigte spätestens die rege Beteiligung Jugendlicher an den globalen Jugendprotesten der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Im Beataufstand der ostdeutschen Jugend 1965 in Leipzig und im Sternmarsch auf Bonn im Jahr 1968, organisiert durch die Außerparlamentarische Opposition in der Bundesrepublik, entlud sich noch einmal die Wut der Heranwachsenden über mangelnde demokratische Strukturen und kulturelle Freiheiten nachwachsender Generationen in Deutschland. Auch wenn der politische Gegner für die Jugendlichen in beiden deutschen Staaten je ein anderer war ähnelten sich die Ziele ihrer Proteste. 

Durchgängig gilt bis zur Wiedervereinigung Deutschlands, dass Jugendkulturen ebenso wie politische Proteste der Jugendgenerationen in beiden deutschen Staaten eingebunden waren in internationale Zusammenhänge. Erscheinungsbild der Jugendlichen, musikalische Vorbilder innerhalb der Stile und Ausdrucksformen des Protests mögen sich im Einzelnen unterschieden haben. Dennoch hatten die Jugendgenerationen der Nachkriegszeit in DDR und BRD an den gleichen Jugendkulturen teil. Und so verwunderte es kaum, als Jugendstudien Anfang der 1990er Jahre große Ähnlichkeiten in den jugendkulturellen Einstellungen von Jugendlichen in Ost- und Westdeutschland feststellten.

Seither bestehen kaum noch Unterschiede zwischen den Jugendkulturen in den neuen und alten Bundesländern. Regionale Differenzen in der Bedeutung von Szenen und Stilen, in ihrer Politisierung und auch in ihrer Gewaltbereitschaft existieren in ganz Deutschland. So sind denn auch die von der rechten Jugendszene ausgehende Gewalt in den 1990er Jahren gegen Migrant/innen und die politischen Protestaktionen linker Gruppen im letzten Jahrzehnt als Ausdruck von Benachteiligungen und Unsicherheiten zu verstehen, die die Jugend als Generation betreffen.

 

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