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Bildungsarbeit in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein

Daniel Ziemer, Historiker, ist seit Ende 2011 als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Bildungsarbeit in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein verantwortlich.
Von Daniel Ziemer

Auf dem Sonnenstein, einer Erhebung direkt oberhalb der Altstadt von Pirna bei Dresden, befand sich 1940 und 1941 in einem Teilbereich der kurz zuvor geschlossenen, traditionsreichen Heil- und Pflegeanstalt eine Tötungsanstalt der nationalsozialistischen Aktion T4. 13.720 psychisch kranke oder geistig behinderte Menschen sowie über 1.000 Häftlinge aus Konzentrationslagern wurden in Pirna-Sonnenstein ermordet. Nach Kriegsende gab es in beiden deutschen Staaten nur ein geringes Interesse an einer Aufarbeitung der „Euthanasie“-Verbrechen angesichts gesellschaftlich tief verwurzelter Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen oder psychischen Krankheiten. In der Bundesrepublik blieben die ehemaligen Tötungsärzte von Pirna-Sonnenstein in Gerichtsprozessen straffrei. In Pirna wurde in den vierzig Jahren der DDR die Erinnerung an den Massenmord weitgehend verdrängt, das frühere Tötungsgebäude bis 1990 als Betriebsgebäude genutzt. 

Ausgehend vom Engagement einer Bürgerinitiative seit Beginn der 1990er Jahre wurde im Jahr 2000 die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein eingeweiht und erinnert am historischen Ort an die Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen. Im selben Gebäude befindet sich eine Werkstatt der Arbeiterwohlfahrt für Menschen mit Behinderung. Diese Nachbarschaft unterstreicht die Aufgabe der Bildungsarbeit in der Gedenkstätte, die allgemeine Bedeutung der Menschenrechte zu reflektieren und den Blick für Diskriminierungen im heutigen Alltag zu schärfen.

Statt eines Gesamtüberblicks über die Bildungsarbeit der Gedenkstätte möchte ich im Folgenden – aus der Perspektive des für mich ersten halben Jahres als Mitarbeiter der Gedenkstätte – drei Angebote der Bildungsarbeit in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein herausgreifen und didaktisch reflektieren. Zentrale gedenkstättenpädagogische Fragen müssen hier ausgeklammert bleiben, etwa zum Umgang mit der historischen Aura der Gedenkstätte, dessen Funktion als symbolisch aufgeladener Ort der Erinnerungskultur die Bildungsarbeit stets reflektieren muss. 

Die wichtigste Aufgabe der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein liegt im Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen. Für die Bildungsarbeit bedeutet dies eine Herausforderung mit der großen zeitlichen und lebensweltlichen Distanz der Besuchergruppen gegenüber dem historischen Geschehen umzugehen. Wie kann es gelingen, die in der Tötungsanstalt ermordeten Menschen nicht als eine der Vorstellungskraft enthobene Menge anonymer Opfer zu begreifen, sondern als eine Vielzahl individueller Menschen mit je eigenen Namen, eigenen Gesichtern, eigenen Biographien? Eine Annäherung hierfür ist in Pirna-Sonnenstein das Projekt „Augen sagen mehr“. Es verbindet die exemplarische Rekonstruktion einzelner Biographien mit Elementen von Kreativität und des unvoreingenommenen Entdeckens. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wählen in Kleingruppen aus verschiedenen Fotoausschnitten, die Augenpaare von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“ zeigen, eines aus, welches sie besonders anspricht. Sie begeben sich innerhalb der Gedenkstätte auf eine Spurensuche nach dem Gesicht und der Person, zu der das Augenpaar gehört. Anschließend setzen sich die Kleingruppen anhand eines Biografietextes sowie Quellenmaterials eingehender mit dem individuellen Lebenslauf und Schicksal des Mannes, der Frau oder des Kindes auseinander. Mit Bastelmaterialien entwerfen sie eine Gedenktafel, die an diesen Menschen erinnert und seine persönliche Lebensgeschichte hervorhebt. Zum Abschluss stellen die Kleingruppen ihre Person vor. Anhand ihrer kreativen Beiträge setzen sie sich auf diesem Wege mit dem Sinn von Erinnerungskultur auseinander und lernen in eigener praktischer Arbeit dessen Gestaltungs- und Auswahlperspektiven kennen. Die Gedenktafeln können von den Teilnehmenden nach dem Projekt mitgenommen und beispielsweise in der jeweiligen Schule ausgestellt werden. So gewinnen ihre Arbeitsergebnisse eine Aussagekraft über den Gedenkstättenbesuch hinaus. 

Wie „Augen sagen mehr“ schließt auch das Projekt „Diskussionsstationen“ an eine Führung durch die Gedenkstätte an. Es greift von diesem Rundgang ausgehende ethische Fragestellungen wieder auf und verbindet diese mit einem verstärkten thematischen Gegenwartsbezug. Das Projekt ist modulartig in einzelne Themenstationen gegliedert und kann für jedes Alter und Interesse thematisch angepasst werden. Neben der Frage nach damaligen Motiven für die Akteure der Tötungsanstalt oder nach der Verantwortung der Einwohner Pirnas wird um eine Meinung gebeten, wie das Menschenbild in unserer heutigen Gesellschaft tatsächlich aussieht. Ganz konkret werden verschiedene Stufen der gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung anschaulich vorgestellt und diskutiert. Eine weitere Station vermittelt am Beispiel einer aktuellen Werbekampagne der Bundesregierung „Behindern ist heilbar“ das Konzept der Barrierefreiheit und fragt nach Umsetzungsmöglichkeiten. Auch das Thema Sterbehilfe oder Aspekte der Pränatal- bzw. Präimplantationsdiagnostik können zur Diskussion gestellt werden.

Zunächst durchlaufen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diesen Themenparcours jeweils für sich, um die Stationen schriftlich zu bearbeiten und zu kommentieren. Danach finden sich an jeder Station Kleingruppen zusammen, diskutieren kontrovers die dort entstandenen Ergebnisse und stellen diese in der abschließenden gemeinsamen Runde vor. Die Form der Diskussionsstationen ist bewusst offen gewählt und gibt keine „richtigen“ Antworten in Aufgabenstellung und Diskussion vor. Die Stationen bieten den Teilnehmenden die Möglichkeit, die in der Gedenkstättenführung gewonnenen Eindrücke und Informationen kritisch zu reflektieren. Vor allem sollen sie ermutigt werden, sich eine eigene Meinung zu bilden und zu äußern sowie ihr Bewusstsein für die eigenen Handlungsoptionen in der Gesellschaft zu stärken. 

Über die klassischen Adressaten der Bildungsarbeit – vor allem Schulen, Berufsschulen, Vereine sowie die interessierte Öffentlichkeit – hinaus muss sich die Gedenkstätte als Vermittler eines kollektiven Gedächtnisses der breiten Gesellschaft zuwenden. Diese Notwendigkeit zeigt sich gerade in Pirna, einer Kreisstadt mit knapp 40.000 Einwohnern, aus deren öffentlichen Bewusstsein der nationalsozialistische Täterort lange verdrängt worden war und die sich heute mit anhaltenden Wahlerfolgen der NPD in der Region auseinandersetzen muss.

Vor diesem Hintergrund führt seit dem Jahr 2002 eine Gedenkspur aus 14.751 bunten Kreuzen durch Pirna. Sie markiert einen Weg von der Elbe quer durch die Altstadt bis zur Gedenkstätte. Jedes Kreuz steht für einen einzelnen der auf dem Sonnenstein ermordeten Menschen. Die schier endlose Menge der Zeichen führt den aufmerksamen Passanten vor Augen, welche Dimension die Krankenmorde an diesem Ort hatten. Die Kreuze werden von Jugendlichen im Rahmen von Projekttagen in Kooperation mit dem Pirnaer Verein „Aktion Zivilcourage“ immer wieder neu auf den Boden gesprüht oder gemalt, da die Kreuze durch die Witterung mit der Zeit verblassen. In der Stadt erscheinen manche Abschnitte der Gedenkspur wie frisch gesprüht, andere sind dagegen kaum noch zu erkennen. Dies macht sowohl den an der Gedenkspur engagierten Jugendgruppen als auch den Passanten sichtbar, dass die bunten Kreuze kein einmaliges Projekt sind, mit der die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Pirna abgehakt werden kann. Stattdessen symbolisiert die Spur in ihrem Verblassen, dass das Engagement gegen das Vergessen eine dauernde Aufgabe der Gesellschaft bleibt. 

 

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