Empfehlung Fachbuch

Zwischen Pflegen und Töten

Ulrike Gaida: Zwischen Pflegen und Töten. Krankenschwestern im Nationalsozialismus. Einführung und Quellen für Unterricht und Selbststudium. 3. Auflage, Frankfurt am Main 2011. 19,90 Euro.

Annemarie Hühne

Die Handlungen von Schwestern, Pfleger/innen und Ärzt/innen im Rahmen der „Euthanasie“-Verbrechen stehen konträr zum eigentlichen Berufsethos. Die moralischen Werte und Normen dieser Berufsgruppe sollten vom Motiv des Helfens geleitet sein. Doch die eugenischen und rassenideologischen Verbrechen im Nationalsozialismus widersprechen dieser Aussage. Die Autorin Ulrike Gaida betont in der Einleitung des vorliegenden Buches, dass sie keine Anklage erheben oder moralisch urteilen, sondern die Berufsgeschichte von Schwestern und Pfleger/innen kritisch beleuchten möchte: „Dennoch sollte das Sprechen und Handeln derer genau betrachtet werden, die in menschenverachtende Handlungen wie Zwangssterilisationen und Morde verstrickt waren.“ (S.8) Der vorliegende Band richtet sich vor allem an Lehrende und Lernende in der Pflegeausbildung, aber auch an ein interessiertes Fach- und Laienpublikum, da es umfangreiches Unterrichts- und Informationsmaterial enthält, das auch für den Unterricht und außerschulische Projekte interessant ist.

„Schwesterntypus“

Im ersten Hauptabschnitt des Buches beschäftigt sich Gaida mit der theoretischen und historischen Erfassung der Thematik. Dabei beschreibt sie die Entwicklung der Krankenpflege seit dem 19. Jahrhundert und legt den Fokus auf die Professionalisierungs- und Vereinheitlichungstendenzen seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Unter den Nationalsozialisten orientierte sich das Berufsbild an einem Schwesternideal, dass die eigene Arbeitsleistung an den Bedürfnissen der Institution ausrichtete, bei dem die Schwestern selbstlos handeln und immer dienstbereit für das Volk sein sollten. Dieser „Schwesterntypus“ baut auf den klassischen Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert auf, wird aber um ein erhöhtes ideologisches und politisches Bewusstsein sowie eine konfessionslose Motivation erweitert. Daneben betrachtet die Autorin auch die konkrete Ideologisierung des Berufes und die Gleichschaltung verschiedener krankenpflegerischer Verbände. In die theoretische Überblicksdarstellung wurden Zitate aus den im hinteren Teil des Buches abgedruckten Quellen ausgewählt und kontextualisiert. Die konkrete Quelle wird jeweils am Ende eines Absatzes genannt.

Ideologische Indoktrination

Die Verflechtung von nationalsozialistischer Ideologie und der Ausbildung/Ausübung des Pflegeberufs wird anhand von Zeitschriftenartikeln, der Beschreibung von ideologischen Schulungen und an den rassistischen Inhalten der Krankenpflegeausbildung untersucht. Ziel aller Indoktrinationen war die Vermittlung von eugenischen und rassentheoretischen Überzeugungen, die dann in der alltäglichen Arbeit Anwendung finden sollten. Daher beschreibt die Autorin in diesem Abschnitt des Buches auch die Verstrickung der Schwestern, Pfleger/innen und Ärzt/innen in die „Euthanasie“-Verbrechen. Die Rekrutierung des Personals verlief über zwei Wege. In der ersten Phase der organisierten „Euthanasie“-Verbrechen wurden die Schwestern in Berlin für die Tätigkeit in den Mordanstalten verpflichtet. Sie wurden über die geplanten Vorgänge informiert und „im Falle einer Zustimmung zum Stillschweigen und Mitmachen verpflichtet.“ (S.37) Nach der Einstellung der organisierten „Euthanasie“ Ende 1941 wurde das Personal nicht mehr zentral, sondern innerhalb der krankenpflegerischen Institutionen ausgewählt. Neben der Rekrutierungspraxis beschreibt die Autorin auch die Handlungsspielräume der Schwestern, ausgewählte Biografien der Täterinnen und die Strafverfolgung nach 1945.

Didaktische Überlegungen

Zweiter zentraler Bestandteil des vorliegenden Bandes sind methodische Überlegungen zum Thema „Krankenschwestern im Nationalsozialismus“. Ziel dieser Ausführungen ist es, die Ideologie der Krankenpflege und den Idealtypus der Krankenschwester in dieser Zeit kennenzulernen. Gleichzeitig sollen die Lernenden sich damit auseinandersetzten, wie Schwestern sich für politische und ideologische Ziele instrumentalisieren ließen. Dazu werden die Wahrnehmungen von Täterinnen betrachtet und eigene Wertvorstellungen formuliert. Ebenso sollen als Lernziel die Begriffe Eugenik und Rassismus beschrieben werden können.
Die Autorin Ulrike Gaida listet modellhaft Unterrichtseinheiten im Umfang von vier, sechs oder zwölf Unterrichtsstunden auf. Inhalt aller Lehreinheiten ist die Annäherung an die allgemeine Thematik, die Sichtung und Auswertung eines Films sowie die Betrachtung weiterer Fallbeispiele. Der kreative Umgang mit der Geschichte der „Euthanasie“-Verbrechen und eine damit verbundene Reflexion der eigenen Vorstellungen sind abhängig von der verfügbaren Zeit.
Die vorgeschlagenen Dokumentarfilme werden kurz vorgestellt und mögliche Diskussionspunkte benannt. Daneben gibt die Autorin Beispiele für einen Einstieg in die Thematik und Brainstorming-Fragen vor. Möglichkeiten der schöpferischen Auseinandersetzung mit „Euthanasie“ im Nationalsozialismus wären Wandzeitungen und Radiosendungen, aber auch Methoden wie eine Schreibwerkstatt, Rollenspiele und Bildanalysen. Alle Anleitungen für die kreative Arbeitsphase werden in ihrem Ablauf, grundlegenden Problemstellungen und notwendigen Arbeitsstunden beschrieben.

Material und Quellen

Dritter und umfangreichster Teil der Publikation ist eine Sammlung von Materialien und Quellen. Die zusammengestellten Materialien bestehen vor allem aus Erläuterungen von zentralen Begriffen. Die Dokumente sind sowohl Bild- als auch Textquellen. Allerdings beschränken sich die Bildquellen auf Deckblätter der Zeitschrift „Das Deutsche Rote Kreuz“. Die Reihenfolge der Textdokumente orientiert sich an den theoretischen Ausführungen im ersten Teil des Buches. Die vielfältige Auswahl an Textquellen beinhaltet unter anderem ideologische Schriften zum Berufsbild, Berichte von jüdischen Krankenschwestern, Aussagen von Täterinnen und Opfern sowie den Abdruck eines Aufnahmegesuchs in die NS-Schwesternschaft.

Fazit

Die Vielzahl an Quellen bietet die Möglichkeit, diese sowohl im Schulunterricht, als auch in der Ausbildung zu Pflegeberufen einzusetzen. Hilfreich dazu ist die knappe Kontextualisierung der Quellen in den theoretischen Passagen des Buches. Dieser Abschnitt beleuchtet eingehend die ideologischen Grundlagen und deren Übertragung in den Alltag der Täter/innen. Die Unterrichtsvorschläge können allen Lehrenden für den didaktisch-methodischen Einsatz der Quellen dienen und Anregungen für eine kreative Reflexion sein.

 

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